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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2015-05-27
Completed:
2015-05-27
Words:
55,392
Chapters:
10/10
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2
Kudos:
31
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4
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876

We must be killers

Summary:

Mason Verger ist ein Schwein. Aber er hat nicht vor, auf Hannibal Lecters Tafel zu landen. Indem der Psychiater Margot zur Flucht verholfen hat, hat er Mason etwas sehr wichtiges genommen. Also beschließt der Erbe des Verger-Vermögens, Hannibal im Gegenzug ebenfalls etwas sehr wichtiges zu nehmen.

Chapter 1: Esa

Chapter Text

Esa (jap.) = "Köder"

 

 

 

Das Blut pochte durch seinen Kopf, als er die Augen öffnete. Sein ganzer Körper fühlte sich starr, kalt und verdreht an. Ein kribbeliger, knisternder Schmerz ging von dem Punkt an der rechten Seite seines Halses aus und durchzuckte seinen ganzen Körper. Will berührte die Stelle und fühlte, dass die Haut leicht aufgeschürft und sehr warm war. Er spürte den rauen, kreisförmigen Umriss unter den Fingern und zog seine Hand zurück, um sich aufzurichten.
Die Kälte, die seinen ganzen Körper einzuschließen schien, kam von unten. Der glatte, schwarze Marmorboden hatte Wills Körperwärme nicht einmal ansatzweise gespeichert, als er sich mühsam aufrichtete. Der Profiler hatte keinen Schimmer, wo er sich befand oder wie er dahin gekommen war. Hinter seiner Stirn pochte und dröhnte es und die Wunde an seinem Hals kriselte ebenfalls unangenehm. Offenbar hatte man sie ihm mit einem Elektroschocker zugefügt. Mühsam kämpfte Will sich auf die Beine und hörte das Klirren der Ketten, die an seinem rechten Fuß und seinen Handgelenken angebracht worden waren. Allmählich stieg eine leise Panik in ihm auf und er versuchte krampfhaft, sich zu erinnern.
Es gelang ihm nicht.
Also blinzelte er angestrengt, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen.
Seine Umgebung erinnerte ihn an Chiltons Anstalt. Vor ihm befanden sich lange, dunkle Gitterstäbe. Aber anders als in Wills ehemaliger Zelle waren diese Gitterstäbe glatt geschleift und die Basis war aufwändig verziert, sodass der Übergang in den Marmorboden fließender und geschmeidiger wirkte. So als wären die Gitterstäbe aus eben diesem emporgewachsen, wie glänzende, starre Pflanzen.
Der Anblick erinnerte an einen Vogelkäfig.
Will konnte trotz des schwachen Lichtes durch die Gitterstäbe hindurchblicken, sah aber lediglich die gegenüberliegende Wand. Offenbar war die andere Seite seines Gefängnisses von rechts zugänglich, aber der Gang oder die Tür lagen außerhalb von Wills Blickfeld.
Auf wackeligen Beinen drehte er sich um und nahm den Anblick seiner Zelle in sich auf.
Sie war wesentlich größer als die in Chiltons Anstalt und irgendwie luxuriöser. Rechts von Will stand ein schmales Bett an der Wand, allerdings ohne ein Kissen oder eine Decke. Lediglich ein schwarzes Laken war über die Matratze gespannt. Die Wände des Raumes schienen ebenfalls aus Marmor zu bestehen, denn sie waren genauso glatt und kalt wie der Boden. Trotz der gewissen Eleganz des Raumes fühlte Will sich an Katakomben oder eine Krypta erinnert. Zwar war die Luft weder modrig noch feucht, aber ebenso kalt.
Außer dem Bett gab es noch einen kleinen Tisch aus dunkel lackiertem Holz und einen dazugehörigen Stuhl. Neben der Stelle, aus der Wills Ketten aus der Wand ragten, befand sich eine Tür. Die Kette war recht lang und Will konnte dadurch jeden Punkt in seiner Zelle mühelos erreichen. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und fühlte sich, als hätte er soeben erst Laufen gelernt. Sein Arm zitterte, als er die Hand ausstreckte und die Tür öffnete. Sie führte zu einem kleinen Bad, mit einer Toilette, einem Waschbecken und einer Dusche. Das Porzellan war ebenso dunkel, wie der Rest der Zelle und wirkte im schwachen Licht beinahe schwarz.
Will schloss die Tür wieder und ging unbehaglich in der Zelle auf und ab. Die Ketten klimperten leise, als er sich schließlich auf dem Bett niederließ. Sein Herz klopfte wild und schmerzhaft in seiner Brust und eine dumpfe Übelkeit füllte seinen Magen aus. Dennoch versuchte er, sich zu beruhigen und einen kühlen Kopf zu bewahren. Er musste sich erinnern.
Aber genau das gelang ihm nicht.
Schon vor dieser seltsamen Situation hatte er Schwierigkeiten gehabt, seine Gedanken zu ordnen und auf die Erinnerungen in seinem Kopf zuzugreifen. Dank Dr. Lecter und seinen zweifelhaften Therapiemethoden. Und auch ein bisschen aufgrund der Enzephalitis, die im vergangenen Jahr seinen Geist in Flammen hatte aufgehen lassen.
Aber jetzt war Wills Gehirn so kalt und starr, wie der Marmor um ihn herum. Er konnte nicht einmal einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn sich erinnern. Also zog er die Beine auf das Bett, schlang die Arme um die Knie und wartete, den Blick auf die Gitterstäbe gerichtet.

 

Hannibal Lecters Bentley schnurrte beinahe vollkommen lautlos über die verschneite Landstraße. Eigentlich war es Selbstmord, sich bei diesem Wetter auch nur in die Nähe eines Autos zu begeben, aber der Psychiater hatte lange genug gewartet. Selbst Hannibal Lecters Geduld war irgendwann erschöpft.
„Was denken Sie, was wir finden werden?“, fragte Alana Bloom.
Sie saß neben Hannibal auf dem Beifahrersitz und kaute nervös an ihrer Unterlippe herum. Hannibal mochte es, wenn sie ihre Maske der Perfektion und Beherrschung für ihn ablegte. Alana war eine gute Psychiaterin, nichts an ihr gab Aufschluss über ihre Gefühle, wenn sie es nicht wollte. Sie war stets zu Professionalität in der Lage gewesen, was Hannibal schon immer imponiert hatte. Aber mittlerweile waren sie sich nahe genug gekommen, dass Alana ihre leicht reservierte Art ablegen konnte. Tatsächlich konnte man das Verhältnis zwischen Hannibal und ihr durchaus als Freundschaft bezeichnen. Und es lag im Interesse des Psychiaters, diese Freundschaft zu erhalten.
„Ich weiß es nicht.“, beantwortete er schließlich Alanas Frage und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Ihre schlanke Gestalt war in einen knallroten Mantel gehüllt, der ihr ausgezeichnet stand und, wie Hannibal auf den ersten Blick erkannte, keinesfalls billig gewesen war. Trotz der Kälte trug sie einen schwarzen Rock und eine ebenfalls schwarze Strumpfhose. Ihre Füße steckten ihn Lederstiefeln, die ihre schlanken, momentan übereinandergeschlagenen Beine betonten.
„Drei Tage sind nicht viel…womöglich ist er wieder aus der Zeit gefallen…“, murmelte sie.
Aber sie wusste genauso gut wie Hannibal, dass sie sich damit lediglich beruhigen wollte. Drei Tage waren in der Tat eine lange Zeit, besonders unter diesen Umständen. Das nervöse Flattern und Kratzen, das sich in diesem Zeitraum in Hannibals Magen eingenistet hatte, hatte ihn schier wahnsinnig werden lassen. Er war nicht zur Ruhe gekommen und an den blassen Schatten unter Alanas Augen sah er, dass es ihr ähnlich ergangen sein musste.
„Die virale Enzephalitis ist unter Dr. Chiltons Behandlung abgeklungen.“, gab Hannibal zu bedenken. „Und kurz vor Wills Entlassung aus der Anstalt, wurde er erneut einem gesundheitlichen und psychologischen Test unterzogen.“
Alanas graublaue Augen waren auf die vor dem Fenster vorbeziehende Landschaft gerichtet.
„Aber welchen anderen Grund könnte er haben, sich nicht zu melden?“, fragte sie. Hannibal hätte gerne etwas gesagt, um ihr ihre Angst zu nehmen. Aber er war zutiefst beunruhigt, wie er zugeben musste. Seine Intuition sagte ihm, dass etwas passiert war. Und Hannibal hatte in den vergangenen Jahren gelernt, auf sein Gefühl zu hören.
„Das werden wir gleich herausfinden.“, erwiderte er lediglich. Immerhin schaffte er es, seiner Stimme einen ruhigen und beherrschten Klang zu geben. Nicht nur Alana war gut darin, eine Maskerade aufrechtzuerhalten. Hannibal war der Meister der Täuschung und der Illusion. Schließlich führte er seit Jahren ein Doppelleben. Normalerweise hatte er sich stets vollkommen unter Kontrolle. Es gab nur einen Menschen, der hinter seine Maske blicken konnte. Einen Menschen, in dessen Gegenwart Hannibal manchmal von etwas anderem als von seinem scharfen Verstand geleitet wurde.
Es schneite noch immer, als sie Wolf Trap erreichten.
Wills Wagen stand vor seinem Haus, was auf den ersten Blick wie ein gutes Zeichen wirkte. Aber Hannibal konnte spüren, dass dieser Eindruck täuschte. Er parkte so nahe am Grundstück des Profilers, wie der hohe Schnee es erlaubte und stieg zusammen mit Alana aus. In der Ferne ertönte ein Winseln.
Langsam gingen die beiden auf das Haus zu und Hannibal überraschte es nicht, dass die Haustür nicht abgeschlossen war. Er konnte hören, wie Alana neben ihm leise einatmete. So als wollte sie sich für den Anblick wappnen. Auch Hannibal war angespannt. Etwas stimmte nicht, das war deutlich zu spüren. Im Haus war es kaum wärmer als draußen. Das lag daran, dass die Hintertür, durch die Will stets die Hunde aus dem Haus ließ, weit geöffnet war. So als wäre der Profiler nur kurz auf das Feld hinter dem Haus gelaufen. Aber Will war nicht hier. Anders als seine Hunde.
Das Rudel kam den beiden Besuchern aufgeregt entgegen, zu aufgeregt, wie Hannibal feststellte.
Die Tiere winselten und kratzten an den Beinen der beiden Psychiater, Winston ließ sogar mehrmals ein Bellen vernehmen. Alana ging in die Hocke und streichelte die aufgebrachten Tiere, die nervös um sie herumwuselten und noch immer leise winselten.
„Sie hecheln stark.“, stellte sie fest und rieb sich den dünnen Speichelfaden vom Ärmel, den Winston hinterlassen hatte. Hannibal schloss kurz die Augen und konzentrierte sich voll und ganz auf den Geruch, der sie umgab. Er war Will in den vergangenen Monaten nahe genug gekommen, um seinen Geruch genau zu kennen. Auch ohne die feurig-süße Nuance der Enzephalitis. Aber er vernahm nichts. Nur den Geruch der Hunde und des Schnees. Will war nicht hier. Er befand sich nicht einmal in der Nähe, wie es schien.
„Irgendetwas muss passiert sein.“, fuhr Alana beunruhigt fort und deutete auf die Futter- und Wassernäpfe der Hunde. Beide waren vollkommen leer. Die Psychiaterin trug die Wasserschale zur Spüle und füllte sie neu auf. Sofort stürzte sich das Rudel darauf, so als hätten die Tiere seit Tagen nichts mehr getrunken. Hannibal sah, wie Alana sich suchend umblickte und trat an den Küchenschrank heran, in dem Will das Hundefutter aufbewahrte. Im Blick seiner Begleiterin sah er Verwunderung und einen Anflug von Neugier. Zweifelsfrei fragte sie sich, wie es kam dass Hannibal sich in Wills Haus auskannte. Aber der Psychiater sah ihr an, dass sie die Frage in diesem Moment zurückstellte.
Die Hunde stürzten sich ebenso begierig auf das Futter, wie auf das Wasser. Hannibal betrachtete sie einen Moment lang, dann streifte er durch das Haus. Nichts deutete auf einen Einbruch oder einen Kampf hin. Alles war so wie immer. Und doch anders. Obwohl Will sich nicht im Haus befand, konnte Hannibal seine Präsenz spüren. Er sah den Profiler in jedem einzelnen Möbelstück. Aber das Bild war unvollständig, weil er Geruch fehlte.
„Hat Jack Ihnen von seiner Theorie erzählt?“, wollte Alana wissen, die Hannibal gefolgt war, nachdem sie die Hintertür geschlossen hatte.
„Er glaubt, dass Will abgetaucht ist, wenn ich mich nicht irre.“
„Ja, er geht davon aus, dass…der Druck für ihn zu groß wurde…gerade nach seiner Entlassung aus Chiltons Anstalt…“
Hannibal hielt nicht viel von dieser Theorie und an Alanas Tonfall erkannte er, dass es ihr ähnlich ging. Als sie in die Küche zurückkehrten, öffnete Hannibal den Kühlschrank und fand den Beweis, der Jacks Theorie wiederlegte. Will hatte offenbar kürzlich eingekauft. Hätte er seine Flucht, sofern man es so nennen konnte, geplant, hätte er wohl kaum vorher seine Vorräte aufgefüllt. Ganz abgesehen davon, dass der Profiler niemals seine Hunde unversorgt zurückgelassen hätte. Nein, Will hatte dieses Haus ganz sicher nicht aus freien Stücken verlassen.
Aber was war dann geschehen?
Die Hunde, die mittlerweile gefressen hatten, kehrten zu Hannibal und Alana zurück. Immer noch ruhelos und ausgesprochen nervös.
„Das gefällt mir nicht.“, sagte Alana und Hannibal nickte zustimmend.
„Was auch immer hier vorgefallen ist, Will hat es ganz sicher nicht geplant.“
„Glauben Sie, es war noch jemand hier?“, fragte Alana und ließ ihre Augen ein zweites Mal durch die Räumlichkeiten schweifen.
„Ich weiß es nicht. Aber wenn das der Fall sein sollte, hat der Schnee vermutlich jegliche Spuren vernichtet…“, überlegte Hannibal und sah zu, wie Alana nach ihrem Handy griff.
„Was haben Sie vor?“
„Ich rufe Jack an.“, sagte sie entschieden. „Er soll Beverly Katz und ihr Team herschicken. Vielleicht finden die etwas, wenn sie das Haus genauer unter die Lupe nehmen. Will kann sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben.“
Natürlich hatte sie damit recht und Hannibal verstand ihr Bedürfnis, etwas zu tun. Aber er ahnte bereits, dass Katz, Zeller und Price nichts in diesem Haus finden würden. Hannibal war sich fast sicher, dass niemand außer Will und den Hunden durch diese Räume gewandert war. Es lag kein fremder Geruch in der Luft. Andererseits war Will bereits seit drei Tagen verschwunden. Womöglich hatte der Wind zusammen mit dem Schnee tatsächlich alle Spuren davongetragen.
„Jack kann sagen was er will, Will hätte niemals die Hunde zurückgelassen.“, murmelte Alana, als sie die Nummer wählte und sprach somit den Gedanken aus, der Hannibal vor ein paar Sekunden durch den Kopf gegangen war.
Während sie telefonierte, öffnete Hannibal einen der Schränke in Wills Schlafzimmer. Es widerstrebte ihm ein wenig, in die Privatsphäre des Profilers einzudringen, aber in Anbetracht der Umstände schob er diese Bedenken beiseite. Wills Kleidung lag ordentlich zusammengefaltet in den Schubladen und hing an den Bügeln im Kleiderschrank. Wo immer er jetzt war, er hatte keinen Mantel mitgenommen. Vermutlich hatte er nichts bei sich außer dem, was er am Leib trug. Auch sein Handy lag ausgeschaltet auf dem Tisch neben dem Bett.
Wer verließ das Haus bei diesen Temperaturen ohne Mantel und dann auch noch ohne Schlüssel?
Jemand, der nur kurz etwas erledigen will, dachte Hannibal. Die geöffnete Hintertür deutete daraufhin, dass Will die Hunde aus dem Haus gelassen hatte, so wie er es immer zu tun pflegte. Offenbar hatte ihn irgendjemand dabei unterbrochen. Aber ohne gewaltsam in das Haus vorzudringen.
Nachdenklich schloss Hannibal die Schubladen und Schranktüren wieder und kehrte zu Alana zurück. Die junge Frau hatte sich auf einem der Sessel im Wohnzimmer niedergelassen und kämmte gedankenverloren mit den Fingern durch Winstons weiches Fell. Es würde noch einige Zeit dauern, bis das FBI eintreffen würde und so nahm Lecter ebenfalls Platz. Die Hunde, die sich mittlerweile ein klein wenig beruhigt hatten, schnupperten an seiner Kleidung und rollten sich dann zwischen ihm und Alana auf dem Boden zusammen. Sie kannten Hannibal, da er sie in Wills Abwesenheit schon des Öfteren gefüttert hatte. Allerdings nicht mit Hundefutter.
„Ich werde mich um sie kümmern.“, sagte Alana mit einem liebevollen Blick auf das Rudel.
Sie hatte die Hunde bereits während Wills Inhaftierung bei sich aufgenommen und kam gut mit den Tieren zurecht. Blieb nur zu hoffen, dass sie sich nicht für immer um sie kümmern musste.
Schluss jetzt, dachte Hannibal und verbot sich jeden weiteren Gedanken.
Noch wussten sie gar nichts, außer dass Will verschwunden war.
Alles Weitere würde sich erst regeln, wenn das FBI eintraf. Und bis dahin blieb Hannibal und Alana nichts anderes übrig, als abzuwarten. Eine deprimierende Erkenntnis. Hannibal war ein durchaus geduldiger Mensch, aber jetzt nagte die Situation an ihm. Es ging nicht darum, das Spiel des Chesapeake-Rippers zu spielen und darauf bedacht zu sein, nichts zu überstürzen und den Bogen nicht zu überspannen. Es ging um Will. Und dieser war, wie Hannibal schmerzlich zugeben musste, seine wohl einzige Schwachstelle.
Will war nicht nur eine Schachfigur auf seinem Spielfeld.
Will war sein Gegenstück.
Der einzige Mensch, der ihn verstand und seine Taten durchschauen konnte.
Will war mit persönlichen Gefühlen verbunden, die Lecter sich an manchen Tagen ganz und gar nicht gerne eingestehen wollte.
Hannibal spürte, wie Buster an seinem Bein entlangstrich, sich vor ihm auf den Boden setzte und ihn abwartend musterte. So als wollte er sagen: Bring mir mein Herrchen zurück. Hannibal empfand den Blick des Hundes in diesem Moment beinahe als anklagend. Dabei traf ihn keine Schuld. Und das wahrscheinlich zum ersten Mal, seit er Will kennengelernt hatte. Die ganzen vergangenen Monate über hatte Hannibal den Profiler nach Strich und Faden manipuliert und jede seiner Bewegungen gelenkt. Bis auf die Sache mit Matthew Brown. Diesbezüglich hatte Will es tatsächlich geschafft, Hannibal zu überraschen.
Aber mit der aktuellen Situation hatte Hannibal absolut nichts zu tun.
Es wurmte ihn, dass er nicht über die Dinge im Bilde war und Will sich seiner Kontrolle entzog.
Dieses Gefühl allein war schon ausgesprochen unangenehm. Aber dazu kam noch diese quälende Sorge um den Profiler, die sich bald in ehrliche Angst verwandeln würde. Hannibal hatte lange nicht mehr so empfunden.
„Schade, dass die Tiere nicht sprechen können.“, murmelte Alana.
Das wäre in der Tat durchaus praktisch gewesen. Die Hunde hatten gesehen, wo Will hingegangen war. Aber sie konnten sich den beiden Menschen nicht mitteilen, selbst wenn sie gewollt hätten. In diesem Moment verfluchte Hannibal den Umstand, dass Wills Haus so abgelegen lag und dass es keinerlei direkte Nachbarn gab. Es war wirklich geradezu perfekt für ein Verbrechen jeder Art.
Beunruhigt saßen Hannibal und Alana in Wills Wohnzimmer und warteten auf Beverly Katz und ihr Team. Buster hob seine kleine Pfote und legte sie bettelnd auf Hannibals Schuh.

 

Will hörte Schritte auf dem Marmorboden hallen und zuckte zusammen. Anscheinend war er wieder eingenickt. Seine Muskeln schmerzten und er bereute, dass er sich nicht auf dem Bett ausgestreckt, sondern sich in dieser verkrampften Haltung darauf niedergelassen hatte. Andererseits fühlte er sich bei weitem nicht sicher genug, um sich hinzulegen und sich dem möglichen Angreifer derart zu präsentieren.
Will hörte zwei männliche Stimmen miteinander sprechen, sie unterhielten sich auf Italienisch. Aber die hellere von ihnen war der Sprache nicht ganz so mächtig, die Worte klangen ein wenig gebrochen und gezwungen. Will verstand nicht einmal ansatzweise, worum es ging. Aber am Tonfall erkannte er deutlich, dass die hellere Stimme dem Muttersprachler offenbar Anweisungen gab. Sie klang dabei beinahe fröhlich, aber dennoch hatte sie etwas an sich, was Will einen Schauer über den Rücken jagte. Er war sich ziemlich sicher, keine der beiden Stimmen je zuvor gehört zu haben.
„Nein, gib ihm heute Abend etwas. Ich will, dass er bei Bewusstsein ist, wenn ich mit ihm spreche.“, sagte die hellere Stimme schließlich auf Englisch.
„Du kannst dich vorerst zurückziehen, Carlo.“
Die italienische Stimme brummte eine Zustimmung und Will hörte, wie der Mann sich mit schweren Schritten entfernte. Die Schritte seines Auftraggebers waren wesentlich leichtfüßiger, als dieser endlich in Wills Blickfeld auftauchte.
„Guten Abend, Mr. Graham.“, sagte der Mann und klang beinahe freundlich dabei.
Er war etwa so groß wie Will und für einen Mann ziemlich schlank. Seine blonden Haare standen ihm auf eine interessante Art und Weise vom Kopf ab und wirkten toupiert. Große, grüne Augen funkelten Will hinter leicht getönten Brillengläsern an. Der Mann trug einen sichtlich kostspieligen schwarzen Mantel mit Pelzbesatz und ebenfalls schwarze Lederhandschuhe. Will beneidete ihn in diesem Moment darum, denn es war noch immer entsetzlich kalt in seiner Zelle.
Aus dem Mantel schauten der Kragen eines burgunderroten Hemdes und eine ebenfalls tiefrote Krawatte heraus. Der Stoff glänzte, als der Mann den Arm hob und die Lampe an der Wand neben den Gitterstäben anschaltete, die eher wie eine Laterne wirkte.
Will kannte diesen Mann, obwohl er ihm noch nie zuvor begegnet war. Aber es dauerte einen Moment, bis er sich erinnern konnte, woher. Er hatte sein Bild in der Zeitung gesehen, erst vor etwa einer Woche war er in den Schlagzeilen aufgetaucht.
„Mason Verger…“, murmelte Will und seine Stimme klang dünn und kratzig. Mason schenkte ihm ein sparsames Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.
„Ich sehe, Sie erkennen mich, Mr. Graham. Wie überaus erfreulich.“
„Wo bin ich?“, wollte der Profiler wissen.
„Nun, Sie befinden sich in meiner Obhut. Das muss vorerst als Information ausreichen.“
Er kicherte leise, als hätte er sich an etwas erinnerte, das ihm Vorfreude bereitete.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte Will und bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Er hatte ihm diesen Moment nicht unbedingt Angst, aber er war furchtbar irritiert. Und dazu ziemlich verfroren. Außerdem trug die Tatsache, dass er sich angekettet in einer Zelle befand und noch immer keine Ahnung hatte, wie er dorthin gelangt war, nicht unbedingt zu seinem Wohlbefinden bei.
„Was will ich?“, fragte Mason rhetorisch und mehr an sich selbst gerichtet. „Was will ich?“
Einen Moment lang schien er zu überlegen, aber seine Nachdenklichkeit war lediglich gespielt. Wills Empathiefähigkeit meldete sich für einen Moment und er spürte deutlich, dass er Mason auf keinen Fall unterschätzen durfte. In ihm ruhte etwas wahrlich Dunkles, das Will in diesem Moment nur allzu deutlich spüren konnte. Eine subtile Grausamkeit, die er perfekt zu verbergen verstand,
„Ich will vieles, Mr. Graham. Das Gute ist, dass ich fast alles habe.“
Er hob die Arme in einer überschwänglichen Geste, die den ganzen Raum einschloss.
„Geld, Macht und ein funktionierendes Firmenimperium als Basis dieser beiden weltlichen Freuden.“
Als er den Kopf schieflegte, erinnerte er Will für ein paar Sekunden an einen Raubvogel. Seine ungewöhnliche Frisur verstärkte diesen Eindruck noch.
„Aber dennoch hat man mir etwas sehr Wertvolles gestohlen. Etwas, was von Rechtswegen schon immer mir gehört hat.“, fuhr er fort und sein Tonfall wurde eine Spur dunkler und schärfer. Will hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte. In der Schlagzeile war es darum gegangen, dass Mason der zweitgrößte Fleischexporteur des Landes war, oder so ähnlich. Der Artikel hatte sich ausschließlich mit seiner Firma befasst.
„Papa hat stets gesagt, ich soll auf meine Sachen abgeben. Und ich habe ihn nie enttäuscht. Nein, Mr. Graham, ich habe keines meiner Schweine aus den Augen gelassen. Niemals. Und doch ist mir eines entwischt.“
„Hören Sie…“
„Jemand“, unterbrach Mason ihn schneidend, „hat seinen Strick durchgeschnitten, gewissermaßen die Kette durchtrennt.“
Ein amüsiertes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, als er seinen Blick über die Ketten schweifen ließ, die Will festhielten.
„Jemand“, fügte er dann hinzu, „Den Sie kennen.“
Der Profiler wurde absolut nicht schlau aus dem, was der Erbe des Verger Vermögens ihm erzählte. Er verstand lediglich, dass es sich um ein metaphorisches Schwein handelte. Aber dennoch ergaben Masons Worte für ihn keinen Sinn. Vor allem verstand Will absolut nicht, was er mit dem ganzen zu tun hatte.
„Wie lange befinden Sie sich schon in Therapie, Mr. Graham?“, fragte Verger und Will schloss kurz die Augen. Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können? Wie hatte er auch nur einen Moment lang glauben können, das ganze hätte ausnahmsweise einmal nichts mit Hannibal Lecter zu tun? Aber tief in seinem Inneren spürte Will deutlich, dass der Psychiater dieses Mal nicht sein Hauptproblem war.
„Wenn es um Dr. Lecter geht, dann…“
„Beantworten Sie die Frage.“, unterbrach Mason ihn scharf. Will verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass er theoretisch nie offiziell zu Lecters Patienten gehört hatte. Er und Hannibal hatten sich lediglich unterhalten. Erst seit Wills Entlassung aus Chiltons Anstalt war Lecter zu seinem Psychiater geworden.
„Seit etwa einem Jahr.“, antwortete er schließlich, um das ganze abzukürzen.
„Ich verstehe.“
Mason strich mit seinem behandschuhten Zeigefinger über einen der Gitterstäbe und betrachtete dann missbilligend die dünne Schmutzschicht auf seiner Fingerspitze.
„Und, hatten Sie das Gefühl, dass die Therapie Ihnen geholfen hat?“, fragte er beinahe beiläufig. Dieses Geplänkel strapazierte Wills Nerven. Es war schon anstrengend genug für ihn, sich mit Hannibal in Form von Metaphern, Verallgemeinerungen und Halbwahrheiten zu unterhalten. Dass Mason nun eine ähnliche Gesprächssituation schuf, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Sie hat mir in gewisser Hinsicht die Augen geöffnet.“, sagte Will schließlich wahrheitsgemäß und war fast ein wenig über sich selbst verwundert.
„Nun ja, Dr. Lecters Methoden sind umstritten. Ich persönlich habe den Eindruck, dass er sich allzu stark in das Privatleben seiner Patienten einmischt und seine Nase in Dinge steckt, die ihn absolut nichts angehen.“
In einer anderen Situation hätte Will bitter aufgelacht. Das traf es nicht einmal annährend. Hannibals Methoden als umstritten oder unorthodox zu bezeichnen, kam der Behauptung gleich, der Koreakrieg sei nur ein Ferienausflug gewesen.
„Ich persönlich bin der Ansicht, man sollte Familienangelegenheiten in der Familie belassen.“, fuhr Verger fort. „Was denken Sie?“
Will blickte nur irritiert zu ihm auf. Was hätte er auch antworten sollen? Trotz seiner Empathiefähigkeit fiel es ihm mit einem Mal schwer, Mason einzuschätzen. Der Mann entzog sich ihm und zeigte Will nur das, was er ihm zeigen wollte. Ähnlich wie Hannibal.
Aber er konnte doch nicht ernsthaft eine Antwort auf diese Frage erwarten.
Hatte er Will etwa hier festgekettet, um mit ihm über Hannibals Methoden zu diskutieren?
„Nun, Mr. Graham, mir scheint, als hätte Dr. Lecter seine Kompetenzen ein klein wenig überschritten.“, sagte Verger, als Will ihm nicht antwortete.
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“
„Im Grunde ist das auch nicht von Belang. Alles was Sie wissen müssen ist, dass Sie aufgrund eines schwerwiegenden Fehlers von Dr. Lecter hier sind.“
„Was hat er getan?“, fragte Will tonlos. Vergers Tonfall und sein Auftreten irritierten ihn immer mehr und nahmen ihm die Sicherheit. Er spürte, wie es im Inneren seines Gegenübers brodelte. Und er fühlte Masons tiefes Verlangen nach Gewalt. Beides erschreckte ihn ein wenig, weil nichts an seinem äußeren Auftreten darauf hindeutete.
„Meine liebe Schwester war ebenfalls Dr. Lecters Patientin. Ich habe ihr die Therapie bezahlt, damit die kleine Margot endlich mal wieder ein bisschen lächelt und aufhört, all diese schrecklichen Dinge über mich zu erzählen.“
Margot Verger. Der Name sagte Will tatsächlich etwas, er hatte ihn einmal in Hannibals Kalender gelesen, aber sofort wieder vergessen. Obwohl Will der Frau nie begegnet war, konnte er sich vorstellen, was sie Hannibal zu erzählen hatte. Masons helles Lachen unterstrich diesen Gedanken auf groteske Art und Weise. Was auch immer sie Hannibal anvertraut hatte, war wohl nicht einmal ansatzweise zu Masons Gunsten ausgefallen. Will konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann seine Schwester gut behandelt hatte, auch wenn er nichts über die familiäre Situation der Vergers wusste.
„Aber leider hat Dr. Lecter sie in ihren kleinen Wahnvorstellungen nur noch bestärkt und ihr sogar dazu geraten, mich umzubringen. Können Sie sich das vorstellen?“
Und ob. Seine Patienten zu manipulieren war schließlich Hannibals Spezialität. Will hatte sich schon oft gefragt, was Lecter seinen anderen Patienten riet und ob er ihnen tatsächlich vollkommen uneigennützig half. Wenn er mit allen so spielte wie mit Will, dann war es durchaus berechtigt, seine Kompetenz in Frage zu stellen.
„Wie Sie sicher sehen, war Margot nicht erfolgreich. Ich musste sie für ihren lächerlichen Plan bestrafen und glauben Sie mir, es hat mir keine Freude bereitet.“
Seine Mundwinkel zuckten und sein Gesichtsausdruck und sein Tonfall deuteten auf das Gegenteil hin. Will wollte sich gar nicht vorstellen, wie die Strafe ausgesehen hatte. Obwohl das Verlangen nach Brutalität an Mason klebte, wie ein schlechter Geruch, glaubte Will, dass Verger subtil vorging. Was auch immer er seiner Schwester angetan hatte, war wohl sicher nicht auf den ersten Blick sichtbar gewesen.
„Dennoch ließ ich sie weiter zu Dr. Lecter, ein Fehler meinerseits, wie ich zugeben muss.“, fuhr Mason fort und seufzte theatralisch. Obwohl er den Blick schweifen ließ und scheinbar vollkommen entspannt vor den Gitterstäben stand, spürte Will ganz deutlich, dass Mason ihn genau im Auge behielt.
„Und nun hat Ihr werter Psychiater dafür gesorgt, dass mir mein Schwesterchen weggelaufen ist.“
Das überraschte Will ein wenig. Dass Hannibal Margot offenbar zur Flucht verholfen hatte, suggerierte eine gewisse Menschlichkeit, die Will nicht mit ihm in Verbindung bringen wollte. Hannibal war nicht unsensibel, wie man dem Profil des Chesapeake-Rippers entnehmen konnte, aber dennoch fiel es Will schwer sich vorzustellen, dass er Mitgefühl für einen seiner Patienten entwickeln konnte. Für einen Moment fragte sich der Profiler, was Margot für eine Frau war und ob sie Lecter womöglich auf mehreren Ebenen angesprochen hatte. Aber im selben Moment verwarf er den Gedanken wieder. Hannibal hatte sich stets unter Kontrolle und er war derjenige, der die anderen mit seinem Charme blendete und einwickelte. Selbst wenn Margot Verger die schönste Frau auf dieser Erde gewesen wäre, hätte sie Lecter nicht verführen können.
„Und nun wollen Sie sich rächen?“, fragte Will, obwohl er immer noch nicht ganz verstand, was Mason ausgerechnet von ihm wollte. Sollte er ihm etwa dabei helfen? Glaubte Mason, dass Will genug über Hannibal wusste, um ihn zu überlisten?
In der Tat stand Will dem Psychiater näher, als irgendjemand sonst. Und es war nicht unwahrscheinlich, dass Mason die Ereignisse der vergangenen Monate verfolgt hatte. Zudem verfügte Verger über genug Einfluss und die nötigen finanziellen Mittel, um auch an die inoffiziellen Informationen heranzukommen. Bei diesem Gedanken fühlte Will sich mit einem Mal noch angreifbarer. Seine Beziehung zu Hannibal ging nur ihn und den Psychiater etwas an, der Gedanke, dass ein Außenstehender darüber genau im Bilde war, war mehr als nur unangenehm.
„Sie sind ein intelligenter Mann, Mr. Graham.“, sagte Mason, als lobte er einen Hund.
„Was hat das alles mit mir zu tun?“
Will gab sich wesentlich selbstsicherer, als er in Wahrheit war. Er wollte Mason keine allzu große Angriffsfläche bieten, besonders da er das Gefühl hatte, dass die großen grünen Augen sich bereits in seinen Kopf bohrten und seine geheimsten Gedanken betrachteten.
Mason schnalzte missbilligend mit der Zunge und schüttelte den Kopf.
„Mir scheint, ich habe mich zu früh zu einem Lob hinreißen lassen.“, seufzte er. Als Will nichts erwiderte und ihn nur abwartend musterte, stieß er ein leises Lachen aus. Ein böses Lachen.
„Ich bitte Sie, Mr. Graham. Gerade Sie mit Ihren hochgelobten Fähigkeiten sollten doch allmählich durchschauen, worum es hier geht. Es ist im Grunde ganz einfach. Dr. Lecter hat mir etwas genommen, was mir gehört hat. Etwas sehr, sehr wertvolles. Nun erwidere ich den Gefallen, wenn Sie es so wollen.“
„Und Sie glauben, dass ich…“
Will brach ab und runzelte die Stirn. Er wusste nicht, welche Vorstellung ihm mehr widerstrebte. Dass Mason ernsthaft glaubte, Will sei Hannibals Eigentum, oder dass er der Meinung war, dass der Profiler ihm so viel bedeutete. Natürlich hatte Mason durchaus recht mit der Vermutung, dass die Beziehung zwischen Hannibal und Will besonders war. Aber Will hatte schon Probleme, sich diese Tatsache selbst einzugestehen und war nicht daran interessiert, sie auch noch vor Verger zu offenbaren.
„Auch ich habe meinen Geist von Dr. Lecters kundigen Händen auseinanderpflücken lassen.“, erwiderte Mason mit einem Grinsen. „Ich wollte mir ein Bild von dem Mann machen, der meine kleine Margot gegen mich aufgehetzt hat. Und da die Therapie für sie ohnehin bezahlt war, dachte ich mir, wieso den Termin ungenutzt verstreichen lassen? Dr. Lecter hat wohl einiges über mich in Erfahrung gebracht, auch wenn er für einen Psychiater sehr schweigsam ist. Aber er war nicht der einzige, der sein Gegenüber durchschaut hat. Auch ich habe viel über ihn erfahren. Pikante, kleine Details, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Beispielsweise das Funkeln in seinen Augen, wenn man Ihren Namen erwähnt. Es waren höchst interessante Sitzungen, wie Sie sich sicher vorstellen können, Mr. Graham.“
Seine Stimme war bei den letzten Worten härter geworden und Will hatte das Gefühl, als würde es mit einem Mal noch kälter und dunkler im Raum werden.
„Hannibal Lecter interessiert sich nur für sich selbst.“, widersprach der Profiler. Mason schüttelte den Kopf und begann, vor den Gitterstäben auf und ab zu gehen, als diktierte er seiner Sekretärin einen Text.
„Falsch, Mr. Graham. Vollkommen falsch.“
Sein Blick war nun nicht mehr auf Will gerichtete, sondern in die Richtung, aus der Mason gekommen war. Vermutlich befand sich dort, außerhalb von Wills Blickfeld, am Ende des Ganges eine Treppe oder zumindest eine Tür. Da es in Wills Zelle keine Fenster gab, vermutete er, dass man ihm im Keller untergebracht hatte. Oder sogar noch weiter unter der Erde? Er schluckte bei diesem Gedanken und glaubte einen Moment lang, die Wände würden sich auf ihn zubewegen. Ruhig, befahl er sich immer wieder. Nur nicht in Panik geraten. Schon gar nicht in Vergers Anwesenheit.
„Hannibal Lecter ist in der Tat eine außerordentlich interessante Persönlichkeit.“, fuhr Mason unbeirrt fort, noch immer ohne Will anzusehen. Er untermalte seine Worte mit einer beinahe spielerischen Geste, bevor er sich wieder zu dem Profiler umdrehte. Jetzt fixierten die grünen Augen ihn wieder und Will hätte am liebsten den Blick abgewandt. Aber diesen Triumph wollte er Mason nicht gönnen.
„Kultiviert, eloquent, charmant und stets darauf bedacht, seine Fassade aufrechtzuerhalten. Scheinbar nicht im geringsten an der Meinung anderer interessiert und mit sich selbst vollkommen im Reinen. Aber sobald man auch nur Ihren Namen erwähnt, Mr. Graham, verändert sich die Maske, die Dr. Lecter zu tragen pflegt.“
„Das sagten Sie bereits.“, erwiderte Will und Masons Blick verdüsterte sich. Zweifelos mochte er es nicht, unterbrochen oder zurechtgewiesen zu werden.
„Ich verfüge nicht über Ihre Empathiefähigkeit.“, sagte Mason kühl. „Aber dennoch kann auch ich gewisse Dinge durchaus wahrnehmen. Man müsste blind sein, um nicht zu sehen, was zwischen Ihnen und Dr. Lecter vorgeht.“
„Er ist mein Psychiater, mehr nicht.“, widersprach Will. Je mehr er redete, desto sicherer fühlte er sich. Aber Mason würde nicht zulassen, dass er das Gespräch lenkte.
„Ich bitte Sie.“, sagte er abfällig und sein Blick wurde kalt. Doch dann überlegte er es sich offenbar und setzte eine entspannte Miene auf, die Will einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Masons Ruhe und seine gespielte Beherrschung waren das, was ihn gefährlich machte. Und auch in gewisser Weise unheimlich, wie Will zugeben musste.
„Sie wollten ihn töten. Und beinahe hätte Ihr kleiner Handlanger…wie war doch gleich sein Name?“
Verger gab vor, darüber nachzudenken und seine gespielte Ahnungslosigkeit hatte den gewünschten Effekt. Irgendwann verlor Will die Geduld und antwortete ihm schließlich.
„Matthew Brown.“, sagte er.
„Ah ja, Mr. Brown. Jedenfalls hätte er beinahe Erfolg gehabt, wie ich hörte. Und dennoch hat Dr. Lecter zugestimmt, Sie weiterhin zu therapieren. Dennoch suchen Sie ihn zu den ungewöhnlichsten Zeiten auf. Der gute Doc scheint immer ein offenes Ohr für Sie zu haben, wie mir scheint.“
„Sie haben uns beobachtet.“, stellte Will fest und fragte sich, wieso weder ihm noch Hannibal etwas aufgefallen war. Aber womöglich hatte Hannibal es gemerkt und wieder mal aus dubiosen Gründen nichts gesagt.
„Natürlich.“, erwiderte Mason leichthin. „Aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Man muss Dr. Lecter nur zuhören, wenn er über Sie spricht. Er beschrieb Sie als besonders, wenn ich mich recht erinnere. Als ein Unikat.“
„Hat er das Ihnen gegenüber so formuliert?“
Mason lachte leise und ließ seinen Blick dann beinahe liebevoll über Wills Körper schweifen.
„Mehr oder weniger.“, sagte er dann. Das war keine Antwort, aber der Profiler wusste, dass Verger nicht mehr dazu sagen würde.
„Und nun wollen Sie mich hier festhalten?“, fragte er.
„Festhalten ist ein sehr hartes Wort, meinen Sie nicht?“
Will hob mit einem kühlen Blick seine Handgelenke und ließ die Ketten dabei rascheln. Das entlockte Verger erneut ein Kichern, aber seine Augen blieben dunkel und kalt.
„Manche Tiere muss man bändigen, sonst läuft man Gefahr, dass sie zubeißen.“
„Ich bin kein Tier.“, widersprach Will.
„Man muss sie zähmen, damit sie sich an einen gewöhnen und erkennen, wo ihr Platz ist.“, fuhr Mason unbeirrt fort. „Und es ist wichtig, dass man ihre Fettschicht prüft. Die meisten Tiere sind nun einmal Nutztiere.“
Sein Tonfall gefiel Will ganz und gar nicht. Aber bevor er etwas erwidern konnte, sprach Verger bereits weiter.
„Sie müssen nun gewissermaßen Margots Platz einnehmen, Mr. Graham. Ich bin seit Ihrem Verschwinden ausgesprochen einsam, müssen Sie wissen.“
„Es bricht mir das Herz.“, zischte Will sarkastisch und Mason hob eine Augenbraue.
„Aber Mr. Graham. Ich bin enttäuscht. Angst lässt Sie sehr unhöflich werden. Zwingen Sie mich nicht, Sie zu bestrafen. Der Abend ist noch jung und wenn ich einmal anfange, kann ich meist nicht mehr aufhören. Allerdings würde ich gerne im Zeitplan bleiben, wenn es Ihnen recht ist.“
Er war verrückt. Mason Verger war ohne Zweifel verrückt. Nichts von dem was Will sagte, würde zu ihm durchdringen. Und als die grünen Augen vollkommen emotionslos über Wills Körper wanderten, bekam der Profiler zum ersten Mal Angst. Für Mason war er nicht mehr als ein Tier. Und er würde ebenso mit ihm verfahren, wie er mit seinen Schweinen verfuhr.
„Sie sind heute erst angekommen.“, sagte Verger sanft. „Ruhen Sie sich aus. Das Spiel beginnt in zwei Stunden. Ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht noch einmal, Mr. Graham.“