Chapter Text
Mona hasste England. Es regnete nur die ganze Zeit, die Leute da schienen mit ihrem überheblichen Akzent die ganze Zeit auf sie herabzublicken und zu allem Überfluss kamen entfernte Verwandte von ihr aus England, die sie aber gar nicht leiden kann. Es war schon schlimm genug für Mona, dass sie dahin zumindest alle zwei Jahre mit ihrem Vater hinreisen musste. Freiwillig würde sie niemals dort hingehen.
Allerdings könnte sich diese Entscheidung jetzt ändern. Christian Alvenstein zuckte nämlich vor ihr mit den Achseln und sagte: „Es ist doch egal, ob Benno bei Rot über die Ampel geht. Er kann gut auf sich selbst aufpassen, stimmt’s, Kleiner?“ Herr Alvenstein lachte und verwuschelte das Haar seines Sohnes. Benno strahlte ihm entgegen.
Mona musste sich zusammenreißen, um nicht gleich loszuschreien. Es war nicht nur schlimm, dass Benno überhaupt über die rote Ampel gelaufen ist (Mona konnte ihn gerade so aus dem Verkehr ziehen), sein Vater hieß es auch noch gut!
Nicht schon einmal bat Mona, dass Luzie Alvenstein aus der hinteren Ecke hertanzen und das ganze regeln würde. Dann musste sie sich jetzt nicht mehr darum kümmern. Atme tief ein, und nehme den Mut zusammen. „Herr Alvenstein? Haben Sie das gerade ernsthaft gesagt? Soll ich die Polizei anrufen?“, und huch, das war viel aggressiver, als sie es eigentlich ausdrücken wollte—
Herr Alvenstein schien aber von ihrer Empörung regelrecht verwirrt zu sein. „Ich weiß nicht, ob die Polizei hierfür erforderlich ist … ich werde mit Benno natürlich reden, aber ich kann ja nicht kontrollieren, was er immer, zu jeder Uhrzeit, wo unternimmt.“
Okay, Mona. Du hast es gerade eben schon getan, du kannst auch jetzt das Gespräch weiterführen. „Herr Alvenstein. Es ist 20 Uhr abends. Es ist schon dunkel. Ich glaube nicht, dass Benno zu dieser Uhrzeit noch alleine draußen sein sollte.“
Herr Alvenstein blickte sich aber einfach nur geistesabwesend um. „Ja, ja, natürlich“, murmelte er und schloss dann vor Monas Augen die Haustür zum Haus des Lavendelwegs 4.
Mona konnte nur noch mit offenem Mund die Haustür anstarren. Da habe ich mir meinen Mut zusammengenommen und eine Diskussion mit einem Erwachsenen angefangen, dachte sie verbittert, und dann passiert das. Toll.
„Du bist Mona, nicht wahr?“, kam dann auf einmal eine Stimme von hinten. Mona wirbelte den Kopf um und erblickte eine ältere Dame. Sie wirkte freundlich. Ihre Hände waren von Narben bedeckt.
Mona kam ihr bekannt vor. „Ja, das bin ich. Ich wohne im Lavendelweg 2“, sie zeigte auf das Haus direkt daneben.
Die Dame hatte ein mysteriöses Funkeln in ihren Augen, aber ihre Miene leuchtete auf und sie lachte ein erleichtertes Lachen. „Zum Glück hast du Benno gefunden. Ich sollte eigentlich auf die Alvensteins aufpassen, aber er ist mir heute einfach so entwischt.“
„Achso“, sagte Mona verwundert. „Was ist denn mit denen los? Ich weiß, dass Herr Alvenstein eigentlich sehr nett und verständnisvoll ist, ich hatte ihn dieses Jahr in Musik in der Schule. Aber er scheint mir ja völlig verrückt geworden zu sein.“
Die Dame nickte. „Ich verspreche dir, normalerweise sind sie nicht so. Sie haben ein neues Medikament verabreicht bekommen. In ein paar Tagen sind sie so wie früher. Ich passe derzeit mit einer Freundin auf sie auf“, sie zeigte vage auf ein Häuschen neben der Villa, das sich einer Dienstbotenwohnung ähnelte, „und bin auch für die Alvensteins verantwortlich. Mein Name ist Hanne, falls du dich fragst.“
Hanne wirkte aufrichtig. Und tatsächlich, Mona konnte sich an sie erinnern. Früher, als sie im Garten gespielt hatte, hatte sie immer eine ältere Dame gesehen, die die Rosenbüsche der Villa Evie geschnitten hat. Das musste Hanne gewesen sein. Aber … „Wo waren sie heute, als Benno über die rote Ampel gelaufen ist?“
Hanne lachte leise. „Ich bin alt und nicht mehr so schnell wie früher. Ich weiß, das ist keine Entschuldigung und ich bin dir sehr dankbar, dass du Benno hierhergebracht hast. Meine Freundin war heute weg, da ist mir Benno entwischt.“ Hanne schaute traurig zu Mona auf. Und wieder merkte Mona, dass an ihrem Blick etwas nicht stimmt. Es lässt Hanne viel älter wirken, als sie auszusehen scheint. So, als hätte sie sehr viele, schlimme Dinge erlebt. „Das wird nicht nochmal passieren.“
Mona fühlte sich auf einmal sehr fehl am Platz. Da waren größere Probleme, wo sie am besten nicht reinschnüffeln sollte. Und Hanne schien tatsächlich sehr vertrauenswürdig – auch wenn ein bisschen verpeilt. „Okay, es beruhigt mich, das zu wissen. Vielen Dank für die Information.“ Mona versuchte es mit einem freundlichen Lächeln, aber sie wusste nicht, ob dies tatsächlich auch so herüberkam. Irgendetwas an dieser Sache war faul und sie würde trotzdem jeden Tag nach Benno schauen. Nur zur Sicherheit.
„Ah, vielen Dank, Liebes.“ Hanne schenkte ihr im Gegenzug auch ein Lächeln. Sie war nun sichtlich entspannter. „Ich verspreche dir, das mit heute wird nicht nochmal passieren. Und auch ab nach Hause mit dir! Schließlich ist es schon dunkel. Du solltest nicht mehr so lange draußen sein.“
Mona ging lachend von der Eingangstür. „Ich bin 14, ich glaube, ich darf um 20 Uhr in meiner eigenen Nachbarschaft noch draußen sein.“
Als Mona aber schließlich an ihrer eigenen Haustür stand, wehte ein frischer Wind, sodass ihr blondes Haar direkt ins Gesicht wehte. Sie schauderte.
Mona drehte sich um und erblickte das helle Licht aus der Küche der Alvensteins. Sie müssen gerade zu Abend essen, dachte sich Mona. Bestimmt wird Herr Alvenstein mit Benno gleich reden. Wenn nicht er, dann hoffentlich Luzie.
Oh. Luzie war ja nicht da. Sie war ja gerade in England (wie Benno es ihr fröhlich erklärt hatte, als die beiden von der Innenstadt zum Lavendelweg gelaufen waren).
Warum bereitete dieser Gedanke Mona so große Kopfschmerzen?
