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Als Peter und Bob das überfüllte Schnellrestaurant verließen, war es draußen bereits dunkel und ungewöhnlich kühl geworden.
“Ich verstehe immer noch nicht, warum Justus nicht mitkommen wollte. Der muss doch einen Bärenhunger gehabt haben”, dachte Peter laut, und Bob zuckte nur mit den Schultern.
“Er sagte, er sei zu müde von den Ermittlungen”, fuhr Peter fort, während sie den Parkplatz überquerten. Am anderen Ende stand Bobs gelber Käfer.
“Aber normalerweise kommt er doch immer mit, wenn wir Burger essen gehen. Ob er knapp bei Kasse ist?”
“Ich weiß es nicht, Peter”, gab Bob zurück. Peter fragte sich, ob Bob genervt war, also sagte er lieber nichts mehr.
Bob schloss den Wagen auf und stieg ein.
Peter folgte ihm und ließ sich in den Beifahrersitz fallen.
“Fährst du mich jetzt nach Hause? Oder hast du noch andere Pläne?”, fragte er grinsend.
Bob zuckte erneut mit den Schultern.
“Ich weiß nicht. Willst du schon nach Hause?”
Peter schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte er das gar nicht. Nicht, dass ihn zu Hause etwas erwartete, was er nicht sehen wollte. Aber… er wollte mehr Zeit mit Bob verbringen.
“Dass habe ich jetzt wohl einen Plan”, kommentierte Bob, und drehte den Zündschlüssel.
Bei einer neulichen Verfolgungsjagd war Bob’s Antenne zu Bruch gegangen, und deshalb saßen die beiden in Stille, das alte Autoradio blieb verstummt.
Peter wollte eigentlich ein neues Gespräch anfangen, wusste aber nicht, was er sagen sollte.
Immer wieder sah er herüber zu Bob, doch der hatte nur Augen für die Straße.
Eigentlich wusste Peter, dass das auch besser so war, aber insgeheim wünschte er sich, Bob würde ihm mehr Beachtung schenken.
Er beobachtete, wie sich die Lichter entgegen kommender Autos in den runden Gläsern seiner Brille spiegelten, dass seufzte Bob auf.
“Wenn du noch länger starrst, brennst du mir wahrscheinlich ein Loch in die Schläfe. Was ist denn los?”
Bobs Stimme klang leicht angespannt, aber nicht wütend.
Peter spürte, wie er errötete.
“Tut mir leid”, gab er kleinlaut zurück und sank tiefer in den Sitz.
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Eigentlich wollte er gar nichts zu Bob sagen.
“Also?”, hakte Bob nach. Eigentlich klang er ruhig. Vielleicht bildete sich Peter auch ein, dass er genervt war.
“Ich… war in Gedanken verloren. Es ist alles okay. Wo… wo fahren wir denn hin?”
Bob zuckte mit den Schultern. “Ich wollte raus an die Klippen fahren. Hab keinen Lust auf Menschenrummel. Heute ist eine klare Nacht”
Peter nickte. Das klang nicht schlecht.
Bob stellte das Auto auf dem Parkplatz eines kleinen Aussichtspunktes ab. Sie waren nun einige Meilen außerhalb von Rocky Beach, und hier war sonst niemand.
Als sie ausstiegen, fiel Peter erneut auf, wie kalt es war.
Bob war ausgestiegen und zum Geländer gelaufen. Peter folgte ihm und stellte sich neben ihn.
Die Hände in den Taschen sah Bob zu den Sternen.
Peter versuchte das auch, aber immer wieder liefen seine Blicke zurück zu seinem Freund.
“Es ist echt schön hier”, sagte er vorsichtig. Bob nickte.
“Ich mag diese sternenklaren Nächte sehr. Und hier draußen sieht man auch mal ein paar mehr Sterne”, erwiderte Bob.
Er hatte die Hände in den Taschen seiner Jacke und den Kopf in den Nacken gelegt.
Peter schob seine Hände ebenfalls tiefer in seine eigenen Taschen. Für Kalifornien war dies ein ungewöhnlich kalter Winter.
Bob seufzte. “Danke, dass du mit mir gekommen bist. Die Nächte sind in letzter Zeit ein wenig einsam”
Peter legte den Kopf schief. “Ich verbringe gerne Zeit mit dir, das weißt du doch. Aber… wovon redest du überhaupt?”
Bob schüttelte den Kopf. “Vergiss, dass ich etwas gesagt habe”
Dann zog er seine Hand aus der Jackentasche. Peter konnte eine kleine Box und etwas metallisch schillerndes erkennen.
Er wusste, was es war, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ.
Bob zündete sich eine Zigarette an, dann ließ er Schachtel und Feuerzeug zurück in die Tasche gleiten.
Peter wusste seit einer Weile, dass Bob rauchte. Er hatte eine Packung in der Zentrale liegen lassen.
Und manchmal roch er nach Rauch, wenn er von draußen rein kam.
Angesprochen hatte er ihn noch nicht darauf. Aber es gefiel ihm nicht.
“Du hast mich gar nicht gefragt, ob ich auch eine will”, sagte er sarkastisch.
Bob lachte.
“Du rauchst doch gar nicht”
“Du hast bis vor Kurzem auch nicht geraucht”, antwortete Peter leise.
Bob ging nicht darauf ein. Er bließ blaue Wolken in den Nachthimmel. Peters Augen hingen am glimmenden Ende von Bobs Zigarette.
Beide schwiegen. Peter wusste nicht, was er sagen sollte.
Der Geruch von Rauch hing zwischen ihnen.
“Was machst du eigentlich am Wochenende?”, fragte Peter beiläufig.
Er spielte mit dem Knäul aus Kopfhörerkabeln in seiner Tasche herum.
“Nichts, wahrscheinlich”, gab Bob kurz angebunden zurück.
“Wollen wir etwas machen?”, schlug Peter vorsichtig vor. “Meine Eltern binden mich sonst in irgendwas ein… aber ich könnte zu dir kommen und…”
“Nein”, unterbrach Bob ihn. Er ließ Asche über den Rand des Geländers rieseln.
“Das geht nicht. Also… treffen schon. Aber nicht bei mir”
Peter sah zu ihm.
Bob sah weg. Peter konnte nur schemenhaft sein Gesicht erkennen. Es war unmöglich, seine Gefühlslage zu ergründen.
“Bob?”, fragte er vorsichtig, und dieser drehte sich noch mehr weg.
“Ist alles okay?”
“Natürlich”, sagte Bob. Peter wusste, dass das eine Lüge war.
“Tut mir leid”, sagte Peter.
Er wusste nicht mal wofür er sich entschuldigte.
Tut mir leid, dass es dir nicht gut geht?
Tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann?
Tut mir leid, dass du dir nicht genug vertraust, um mir zu sagen, was überhaupt los ist?
Sie schwiegen. Bob lehne sich nun gegen das Geländer und zog ein paar letzte Male an seiner Zigarette. Dann ließ er sie zu Boden fallen und zertrat sie unter seinem Schuh.
“Ich war seit ein paar Tagen nicht mehr zu Hause”
“Was? Wieso das denn?”, fragte Peter nervös.
“Es ging nicht mehr… zu Hause”
Peter war sprachlos.
Das war nicht das erste Mal, dass Bob von zu Hause… weggelaufen war.
Er konnte sich erinnern, dass er ein paar Mal nachts bei ihm geklingelt hatte, und spontan übernachten wollte. Ohne Schlafzeug oder irgendwas gepackt zu haben.
Meistens schlief er dann einfach in einem T-Shirt und seiner Unterwäsche bei Peter im Bett.
“Wo hast du denn geschlafen?”, fragte Peter schließlich, nachdem Bob ja nicht bei ihm gewesen war.
“Im Auto”, erklärte er.
“Was? Wieso das denn? Du hättest doch zu mir kommen können”
Bob schüttelte den Kopf. “Ich will nicht zurück nach Hause. Und bei dir hätten sie mich gefunden”
“Sie kamen nicht, um dich zu suchen”, sagte Peter und war erschrocken, wie abgestumpft seine eigene Stimme klang.
Er erinnerte sich an eins der ersten Male, dass Bob mitten in der Nacht, im strömenden Regen, vor seiner Tür gestanden hatte.
Als die beiden auf Peters Zimmer waren, und Bob sich fürs Schlafen auszog… hatte Peter die blauen Flecken gesehen, die überall auf seinem Rücken waren.
“Ich riskiere nichts”, sagte Bob, und ließ die Hand zurück in die Tasche gleiten, in der er seine Zigaretten hatte.
Peter wollte eingreifen, aber er traute sich nicht. Er wusste, dass er etwas zu grabbelig war. Und bei Bob war er immer vorsichtig, nicht zu weit zu gehen. Auch wenn das hier vielleicht richtig gewesen wäre.
“Du kommst heute Nacht mit zu mir”, entschied Peter dann, damit er überhaupt das Gefühl hatte, zu helfen.
Bob seufzte. Das Feuerzeug klickte.
“Du hast doch grade erst eine geraucht”, kommentierte Peter, als Bob zumindest nicht widersprochen hatte.
“Mir doch egal”, antwortete Bob. Seine Stimme zitterte nun.
Und seine Finger taten das auch, denn er hatte es nicht geschafft, die Zigarette anzuzünden. Stattdessen ließ er beide Hände sinken, und fluchte leise.
“Ich hasse das alles so sehr”, sagte er. Er klang den Tränen nah.
“Ich weiß”, sagte Peter.
Vorsichtig nahm er Bob Zigarette, Schachtel und Feuerzeug ab, und ließ sie in seiner eigenen Tasche verschwinden.
“Danke”, sagte Bob leise. Peter hörte, dass er die Tränen nicht hatte zurück halten konnte.
“Darf ich dich drücken?”, fragte Peter vorsichtig.
“Bitte”
Als Peter seine Arme um Bob schloss, spürte er, wie er wie dieser sein ganzes Gewicht auf Peter sinken ließ. Wie er sich an ihn krallte.
“Ist das wirklich okay, wenn ich zu dir komme? Vielleicht… für ein paar Tage?”
“Solange du willst”, sagte Peter. Bob roch noch nach Rauch, aber das war ihm grade egal.
