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Strandspaziergänge

Summary:

Während eines Strandspaziergangs hört Ivy einen Schrei. Als sie sich umsieht, um herauszufinden wer dort Hilfe benötigen könnte, ahnt sie noch nicht, wie die folgenden Erlebnisse ihr Leben verändern werden.

Notes:

Die Kurzgeschichte wurde zum Thema kreatives Schreiben im Deutschunterricht geschrieben. Ich bin mir selbst nach einem Jahr nicht sicher, was ich davon halten soll, aber da das hier wahrscheinich sowieso niemand sehen wird: enjoy!

Work Text:

Hand in Hand laufen wir den Strand entlang und die Wellen tanzen um unsere Fußknöchel, während die untergehende Sonne das Meer blutrot färbt. Der Sommerwind weht mir die Haare ins Gesicht und als wir uns fallen lassen, um unsere Füße im Sand zu vergraben, muss ich unweigerlich an das letzte Mal denken, dass ich an diesem Ort war. Damals war ich noch alleine hier. Damals. Das ist bevor ein Spaziergang mein Leben verändert hatte. Als ich noch dachte, dass ich in dieser Stadt niemals so etwas wie Liebe finden könnte. Und es ist auch vor den Ereignissen, von denen ich dachte, dass sie nur in den Krimis, die ich schreibe, passierten. Wieder einmal spiele ich in Gedanken meine Erinnerungen der letzten Wochen ab. Denn alles begann hier. An diesem Strand.
~

Auch an diesem Tag war ich den Strand entlanggelaufen. Ich lauschte den entfernten Gesprächen der Menschen, die an diesem Freitagabend beschlossen hatten, das Wochenende mit dem Besuch in einem der Restaurants der Promenade in Empfang zu nehmen und ich fühlte mich schrecklich einsam. An den Wochentagen schaffte ich es immer, mich so in meine Arbeit zu flüchten, dass ich das Elend, zu dem mein Leben geworden war ausblenden konnte, doch wenn ich wie jetzt allein mit meinen Gedanken war, konnte ich meine Gefühle nicht mehr herunterschlucken. Ich war aus München weggezogen, nachdem meine Freundin eine Affäre hatte. Denn alles, was mich noch dort gehalten hatte, war sie gewesen. Als Autorin konnte ich überall arbeiten und das stressige Großstadtleben hatte viel von mir abverlangt. Während ich versunken in meinen Gedanken den Strand entlang lief, vernahm ich einen lauten Schrei. Ich sah mich um, konnte jedoch nichts erkennen, was für einen solchen Schrei der Grund gewesen sein könnte. Trotzdem lief ich in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Hinter einer der Strandbars konnte ich nun hinter einigen Mülltonnen eine Frau erkennen, die über eine leblose Person gebeugt war. Den Körper blutüberströmt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, lag er da. Ich fürchtete, dass ich mich bei dem Anblick übergeben müsste, fasste mich jedoch in der letzten Sekunde wieder und ging auf die Frau zu. „Was ist passiert?“, fragte ich, wobei ich mir bereits während ich die Frage aussprach auf die Zunge hätte beißen können, da die Situation trotz ihrer Grausamkeit nicht besonders schwer zu erfassen war. Die Fremde starrte mich mit großen Augen an, lief auf mich zu, schlang die Arme um meinen Hals und begann zu weinen. „James…Tot...“, brachte sie zwischen ihren Schluchzern hervor und ich drückte sie noch etwas fester an mich. Obwohl ich sie nicht kannte, hatte ich das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Langsam löste sie sich von mir. Zum ersten Mal konnte ich ihr Gesicht mustern. Sie schien sehr jung zu sein. Fast noch ein Kind. Ihre Augen waren blutunterlaufen und sie hatte mehrere Platzwunden und blaue Flecken verteilt über Kopf und Gesicht. „Ich denke, ich sollte den Notruf anrufen“ sagte ich und sie nickte kaum merklich. Ich fischte mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer. Während wir auf das Eintreffen der Polizei warteten, erkundigte ich mich nach dem Namen der Fremden. „Augustine“, presste sie heraus. „Ich bin Ivy.“, stellte ich mich vor. „Wer ist James? „Er ist mein Ehemann.“, sagte sie. Ich musste schlucken. Sie schien zu jung zu sein, um nicht nur verheiratet, sondern auch bereits Witwe zu sein. Ich wollte gerade etwas antworten, da kamen bereits die Polizei und ein Rettungswagen auf uns zu gerollt. Von da an ging alles ganz schnell. Der Tatort wurde gesichert, Augustine wurde von den Sanitätern versorgt und dann von den Polizisten befragt und ich stand an der Seite und beobachtete das Geschehen.
Nach einiger Zeit gesellte sich einer der Polizisten zu mir. Er wollte wissen wie ich an den Tatort gelangt war und was nach meinem Eintreffen geschehen war. Ich gab ihm eine grobe Zusammenfassung. Als ich mit meiner Erzählung fertig war, schien er zufrieden mit meinen Antworten. Er bedankte sich und gesellte wieder zu seinen Kollegen. Ich jedoch lief zu Augustine. Sie saß etwas abseits von dem treiben der Polizei. Ich setzte mich zu ihr und nahm ihre Hand in meine. Ich gab ihr meine Handynummer. „Falls du Hilfe brauchst.“, sagte ich, „oder wenn du mit jemandem reden möchtest.“ Sie brachte den Ansatz eines Lächelns zustande und bedankte sich. Eine Polizistin kam zu uns und sagte mir, dass ich gehen könne. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg nach Hause.
Als ich dort eine halbe Stunde später ankam leuchtete mir die digitale Uhr meines Backofens entgegen. 03:27. Nun konnte ich auch die Müdigkeit spüren, die sich langsam in meinem Körper ausbreitete. Schnell duschte ich, zog mir meinen Schlafanzug an und ließ ich mich auf mein Bett fallen. Schlafen konnte ich jedoch nicht. Denn plötzlich war jegliche Müdigkeit aus meinem Körper gewichen. Immer wieder schlichen sich die Bilder des toten James in meinen Kopf. Dort spukten sie herum und ließen mich nicht los. Unruhig rollte ich hin und her, bis ich aufgab und in die Küche schlich, um mir einen Tee zu kochen. Da hörte ich wie mein Handy klingelte. Ich fragte mich, wer mich mitten in der Nacht anrufen würde und blickte auf das Display. Ich kannte die Nummer nicht. Als ich den grünen Hörer nach rechts wischte, tönte mir Augustines Stimme entgegen. „Ivy, Ich brauche deine Hilfe. Die denken, ich hätte James umgebracht“ sagte sie hektisch. „Ich war es aber nicht.“ Dann erzählte sie mir was geschehen war. Sie erzählte, dass sie kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag einen deutlich älteren Mann geheiratet hatte, da sie dachte, dass er die Liebe ihres Lebens sei. Ihre Eltern, die ihre Entscheidung nicht verstehen konnten, hatten sich kurz nach ihrer Heirat von ihr abgewandt. Einige Monate später begann die perfekte Fassade ihres Ehemannes jedoch zu bröckeln. Er fand immer einen Grund sie bestrafen zu müssen. Wenn sie drohte ihn zu verlassen wurden seine Gewalttaten schlimmer. Zwar wusste sie, dass sie finanziell von ihm abhängig war, fand aber doch einmal einen Weg von ihm wegzulaufen, jedoch fand er sie einige Zeit später und versprach Besserung. Dies glaubte sie ihm und für einige Zeit schien alles in Ordnung. Doch diese Illusion währte nur kurz. An einem Tag betrat sie ihr Haus und wurde von Chaos begrüßt. Auf einem Teppich konnte sie einen großen Blutfleck erkennen, ihr Mann jedoch war nirgendwo zu finden. Sie rannte aus dem Haus und suchte nach ihm, bis sie ihn schließlich bei den Mülltonnen hinter der Strandbar fand.
„Ich war es nicht.“, beendete sie ihre Erzählung. „Ich habe meinen Mann nicht getötet. Du glaubst mir doch, oder?“, fügte sie hinzu. Ich dachte für einige Sekunden nach. Ich kannte sie kaum. Sie war eine Fremde und trotzdem hatte mich das Gefühl, dass ich sie beschützen müsste „Ja.“, sagte ich schließlich, „Ich glaube dir. Was soll ich tun?“ Für einige Sekunden sagte sie nichts. „Das weiß ich selbst nicht so genau. Ich glaube für den Anfang wäre es ganz gut, wenn ich einen Anwalt oder eine Anwältin hätte.“ „Okay. Damit kann ich dir helfen. Wo bist du gerade?“ „Bei der Polizei.“, antwortete sie. Ich versprach ihr noch einmal ihr zu helfen und verabschiedete mich. Den Rest der Nacht war nicht an Schlaf zu denken. Unruhig lief ich in meiner Wohnung umher und versuchte einen Rechtsbeistand für Augustine zu finden.
Nach mehreren Stunden, als die Sonne bereits wieder hinter dem Horizont hervorkam fand ich eine Rechtsanwältin mit dem Namen Marjorie Holland. Ich telefonierte mit ihr und schilderte Augustines Lage. Sie sagte sie würde sofort zur Polizei fahren und bat mich ebenfalls dorthin zu kommen.
Dort angekommen wartete sie bereits auf mich. Ich konnte nicht anders, als sie genau zu mustern. Ihr Gesicht wurde von blonden Locken eingerahmt und ihr schmaler Mund war in einem auffälligen Rotton geschminkt. Sie trug einen dunkelgrauen Hosenanzug und hatte eine Aktentasche im Arm. Ich war sofort fasziniert von ihrer Erscheinung. Sie ging einige Schritte auf mich zu und streckte mir ihr Hand entgegen. „Marjorie Holland. Wir haben telefoniert?“ „ja“, antwortete ich, „Ivy Adams.“ „Dann wollen wir mal.“, sagte sie mit einem aufmunterndem lächeln, „woher kennen sie Augustine Ellis eigentlich, wenn ich fragen darf?“ So erzählte ich der Anwältin davon wie ich Augustine bei der Leiche ihres Mannes gefunden hatte. „Ich bin beeindruckt“ sagte sie, „nicht jeder würde einer Fremden Frau so viel Vertrauen und Hilfe bieten.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Sie hat ja sonst niemanden mehr.“ Die Anwältin schenkte mir ein warmes Lächeln und hielt mir die Tür auf. In der Polizeiwache sollte ich mich in einen Wartebereich setzen während Augustine im Beisein ihrer Anwältin einer Befragung unterzogen wurde. Nach einiger Zeit wurde ich ebenfalls in einen Raum gebracht, um mir einige Fragen zu stellen. Es waren die gleichen, die mir bereits am Tatort gestellt worden waren. Nach einigen Minuten ließen die Polizisten mich gehen. Auf dem Flur traf ich Marjorie Holland wieder. Sie sagte mir, dass die Polizei Augustine festnehmen wolle, sie jedoch ebenfalls von der Unschuld ihrer Mandantin überzeugt war. „Sie hat mir von einem Mann erzählt. Er war ihre Mitfahrgelegenheit auf der Flucht vor ihrem Mann. Sie sagt, dass er nachdem sie seine Annährungsversuche abwies ebenfalls gewalttätig wurde. Nachdem sie zu James zurückgekehrt ist begann er sie zu stalken und drohte ihr oder ihrem Ehemann etwas anzutun.“ Alles in mir zog sich zusammen während sie Augustines Geschichte erzählte. Wie konnte einem so jungen Menschen bereits so viel Unrecht wiederfahren sein? „Wir können nur hoffen, dass man den Stalker finden kann. Sonst können wir gar nichts für sie tun. Sie kann sich leider nur noch an seinen Vornamen erinnern. John. Mehr weiß sie nicht über ihn.“ Nun erzählte sie mir auch wie es zu der Beschuldigung gekommen war. Man hatte in dem Haus von James und Augustine ein Messer in der Küche finden können, das sowohl James Blut an der Klinge, als auch Augustines Fingerabdrücke am Griff aufwies. Zwar war das Messer dutzende Male von Augustine benutzt worden, zwar wurden ebenfalls noch weitere, unbekannte Fingerabdrücke auf dem Messer gefunden, doch Polizei und Staatsanwaltschaft waren sich sicher, dass Augustine als eine junge Misshandelte Frau keinen weiteren Ausweg gefunden hatte, als ihren Mann umzubringen.
Bis zum Tag der Gerichtsverhandlung arbeiteten Marjorie und ich unermüdlich um den wie vom Erdboden verschluckten John zu finden. Trotz der Situation in der wir uns kennengelernt hatten wurden wir nach einigen Wochen tatsächlich sehr gute Freunde. Auch wenn wir nicht unser Ziel aus den Augen verloren kamen wir uns währen dieser Zeit immer näher. Doch von John war immer noch keine Spur aufgetaucht. Ich merkte wie sich langsam Zweifel in mir regten. Was wenn Augustine es doch war? Was wenn sie es tatsächlich selbst war die James getötet hatte? Doch dann kam der Durchbruch. Durch einen Motel Besitzer konnten wir herausfinden, dass es John tatsächlich gab. Er konnte sich noch sehr gut an ihn und Augustine erinnern, da er sich gewundert hatte was eine Frau wie Augustine mit einem Mann wollte, der beinahe dreimal so alt war wie sie. Als wir ihm eine grobe Auskunft darüber gaben, warum wir die Daten des Mannes brauchten war er mehr als glücklich uns zu Helfen. Wir alarmierten die Polizei, die sofort zu der genannten Anschrift fuhr. Als diese einige Zeit später Marjorie anrief, um ihr zu berichten, dass man nicht nur John dort gefunden habe, sondern auch einen Schrein mit Bildern, die er heimlich von Augustine gemacht haben musste und eine Datei mit einem genauen Mordplan auf seinem Laptop fiel mir ein Stein vom Herzen. Wir fuhren zum Gericht, wo wir bereits von dem Staatsanwalt und Augustine erwartet wurden. Er hob die Anklage auf und entschuldigte bei Augustine für sein vorschnelles Urteilen. Als wir aus dem Raum heraustraten stand vor uns ein älteres Ehepaar. Es waren Augustines Eltern schnell lief sie auf die Beiden zu und Umarmte sie weinend. Die beiden schienen sehr froh zu sein ihre Tochter wieder zurückzuhaben. Marjorie hatte sie, so erzählte sie mir, ausfindig gemacht und über die Situation ihrer Tochter informiert. Sie hatten sich sofort auf den Weg gemacht, um für ihr Kind da zu sein. Dann kamen die drei auf uns zu. Sie bedankten sich bei uns und Augustine umarmte mich fest. „Wie kann ich mich jemals bei dir revanchieren?“ fragte sie mich, den Tränen nahe. „Das musst du nicht“, sagte ich, lächelte sie an und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist ein wundervoller Mensch lass dir nichts Anderes sagen. Und bitte halt dich fern von Männern, die dich nicht wertschätzen können“ Sie lachte und murmelte: „Danke für die zweite Chance, Ivy.“ Ich drückte sie noch einmal an mich und dann lösten wir uns voneinander. Zum Abschied versprachen wir uns in Kontakt zu bleiben. Als die drei gegangen waren zog Marjorie mich an sich, nahm meine Hand und wisperte: „Weißt du Ivy, es gibt da etwas was ich tun wollte seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“ Dann küsste sie mich. Es war als ob tausende Schmetterlinge in meinem Bauch tanzten. Wir lösten uns voneinander und verließen Hand in Hand das Gericht.
~

„Woran denkst du?“ fragt Marjorie mich und reißt mich so aus meinen Gedanken. „Nichts“, erwidere ich und lehne mich zu ihr um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. In dem Moment kündigt mein Handy das Eintreffen einer Nachricht an. Ich öffne sie uns sehe ein Bild von Augustine und ihren Eltern, die gerade in den Alpen wandern gehen. Ich bemerke, dass ich noch nie in meinem Leben so Glücklich war wie jetzt und dass James Tod vielleicht nicht nur für Augustine ein Neuanfang war. Auch ich hatte durch ihn den Neuanfang bekommen den ich mir so sehr gewünscht hatte.