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Friedrich konnte hinterher gar nicht mehr sagen, wie es passiert war, wie er den Kampf gewonnen hatte, wie und warum er selbst noch aufrecht stand. Aber plötzlich lag der Potsdamer vor ihm auf dem gepolsterten Boden des Ringes und von überall gleichzeitig drang ohrenbetäubender Jubel auf ihn ein, der ihn nicht erreichte. Friedrich fühlte sich vollkommen taub.
Vogler, der ihn in den Arm nahm, der Anstaltsleiter, der ihm die Hand schüttelte, der strahlende Gauleiter, alles verschwamm in seiner Erinnerung ineinander wie Wasserfarben im Regen und hinterließ nur eine große, gähnende Leere. Das eine Gesicht, dass er um jeden Preis der Welt sehen wollte, war nirgends in der Menge, würde es nie mehr sein, und so machte sich Friedrich nicht die Mühe, sich irgendwas von diesem Rummel einzuprägen. Er wollte nur noch schlafen.
Später hatte er keine Ahnung mehr, wie er in den Wagen gekommen war, er auf dem Rücksitz, der Fahrer vorn und der Gauleiter daneben, aber es kümmerte ihn auch nicht sonderlich. Ein dumpfer Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Als er das letzte Mal in diesem Auto gesessen hatte, war Albrecht bei ihm gewesen, neben ihm auf der Rückbank, so nah, dass Friedrich ihn hätte berühren können, wenn er nur den Mut gehabt hätte. Himmel, was war er nur für ein erbärmlicher Feigling gewesen. Jetzt war die Gelegenheit ein für alle Mal verschenkt.
Er hatte weder Augen für Frau Stein noch für das Essen und kein Ohr für den aufgeregten Monolog des Gauleiters, aber den Wein zum Essen trank er aus. Vielleicht half das ja ein bisschen, diesen scheußlichen dumpfen Schmerz zu vertreiben, der wie ein Felsbrocken in seiner Lunge steckte. Der Platz neben ihm war leer und starrte ihn blicklos an, saugte alles Licht und alle Farbe und alle Gespräche in sich hinein und wurde trotzdem nicht voller, ein unersättliches albrecht-förmiges schwarzes Loch. Friedrich konnte an nichts anderes denken.
Als er endlich vom Tisch aufstehen konnte, fühlte sich die Welt dumpfer an, wie in Watte gehüllt, und seine Beine waren irgendwie schwer. Er stibitze noch eine Flasche Wein vom Tisch, es war ihm egal, ob er damit jemanden wütend machte. Er wollte vergessen.
Aber als er auf dem Zimmer ankam, das man ihm zugewiesen hatte (dasselbe wie beim letzten Mal, du erinnerst dich bestimmt), war er einfach nur noch müde. Viel zu müde um sich auszuziehen oder überhaupt noch irgendwas zu tun, also legte er sich einfach aufs Bett, so wie er war, die Weinflasche stellte er irgendwo ab und hatte sie schon vergessen, bevor er sie losließ.
Das Bett war nur für eine Person gemacht und trotzdem war es riesig und leer und kalt. Die Leere war ihm aus dem Esszimmer gefolgt, leise, treu und anschmiegsam. Als er das letzte Mal hier geschlafen hatte, hatte er sich nur gewünscht, wieder aufzustehen, zu Albrecht zu gehen, ihn in den Arm zu nehmen, ihn um Verzeihung zu bitten und sich vielleicht auch einen Kuss von Albrechts hübschem Schmollmund zu stehlen. Er hatte sich nicht getraut. Er hatte sich einfach nicht getraut. Und jetzt lag er hier, umgeben von einer Million Dingen, die er Albrecht nie gesagt hatte, die er ihm auch niemals sagen würde.
Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür, nur einen Spalt breit.
Zuerst dachte Friedrich, er würde träumen. Er musste träumen, schließlich hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie… Er brachte Gedanken nicht zuende, weil es einfach zu weh tat. Er musste träumen. Das konnte nicht sein.
Vor ihm stand Albrecht, bleich, tropfnass und zitternd, mit blauen Lippen und nur mit seiner knielangen weißen Unterhose bekleidet, sie an seinen Beinen klebte und eine Tropfspur auf dem Teppich hinterließ.
“Friedrich?” Albrechts ungläubige Stimme klang genau wie er sie in Erinnerung hatte, hell und leise, sanft und ein bisschen atemlos. Friedrich rasten so viele Dinge durch den Kopf, die er sagen könnte, sagen musste, aber er brachte kein Wort heraus. Das konnte nicht sein.
“Entschuldige, ich… ich wusste nicht, dass wir Gäste kriegen. Ich wollte dich nicht stören, ich…”
Albrecht machte eine vage Handbewegung in Richtung Tür. Und da kam auch wieder Leben in Friedrich. Jetzt, wo Albrecht auf einmal wieder vor ihm stand, wollte Friedrich auf keinen Fall, dass er ging. Alles, nur das nicht. Hastig rappelte er sich vom Bett hoch.
“Nein. Nein, bleib. Geh nicht weg. Bitte.”
Albrecht senkte den Blick und schüttelte traurig den Kopf.
“Ich… Ich kann nicht.”
“Doch. Doch du kannst. Warum denn auch nicht?”
“Friedrich, du verstehst nicht…”
“Das brauche ich auch nicht. Egal, was du jetzt sagst, egal, welche Ausrede dir jetzt durch den Kopf geht, es kümmert mich nicht.”
“Friedrich.”
“Nein.” Der Schmerz in seiner Brust war wieder da, drohte ihn zu ersticken.
“Ich dachte, ich hätte dich verloren.” Seine Stimme klang rau und brüchig wie trockenes Holz, zittrig und schwer von so vielen Dingen, die er nicht über die Lippen brachte. Ungeweinte Tränen brannten in seinen Augen.
Doch auf Albrechts Zügen breitete sich langsam ein kleines Lächeln aus, scheu und schmerzvoll, aber trotzdem da.
“Gut. Dann bleibe ich eben da.”
“Ich hole dir ein Handtuch.”
Kurz fragte sich Friedrich, wie es sein konnte, dass Albrecht noch lebte, geschweige denn hier war. Aber dann fiel ihm wieder ein, was sein Vater früher manchmal zu ihm gesagt hatte (Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul) und er beschloss, sich damit zufriedenzugeben. Er konnte gar nicht anders. Nicht, wenn er vor zwei Tagen noch seine Seele für nur eine einzige weitere Minute mit Albrecht verkauft hätte.
Als er mit einem Handtuch aus dem Bad zurückkam, stand Albrecht noch immer mitten im Zimmer. Weißes Mondlicht schimmerte auf seiner bloßen Haut, ließ sie noch bleicher erscheinen. Und trotzdem war er so schön, als wäre er einem der Renaissancegemälde am Treppenabsatz entstiegen. Unwillkürlich folgten Friedrichs Augen einem Wassertropfen, der sich aus Albrechts Haar löste und von der Schulter abwärts rann, über drahtige Sehnen unter zarter weicher Haut, auf der sich unter dem leichten Luftzug der offenen Tür eine Gänsehaut bildete. Ihm musste schrecklich kalt sein. Friedrich wickelte das vom Badeofen warme Handtuch fest um Albrechts Schultern und streichelte zärtlich mit den Fingern darüber, eine Geste, die gefährlich auf dem schmalen Grat zwischen freundschaftlich und liebevoll balancierte. Albrechts Wimpern flatterten wie Schmetterlingsflügel, er hielt den Atem an. Friedrichs Herz hämmerte wie verrückt.
Sobald Albrecht sich schweigend trockengelegt und in gleich zwei der warmen Wolldecken eingewickelt hatte, teilten sie sich auf dem Bett sitzend die Flasche Wein, der sie nach und nach in eine angenehme Schwere einhüllte. Irgendwo schlug eine Turmuhr Mitternacht.
Erst jetzt schien Albrecht sich wohl zu fühlen. Er lächelte glücklich und mit leuchtenden Augen. Der Wein färbte seine blassen Lippen rot. Gott, Albrecht war so schön im sanften Mondlicht. Und Friedrichs Magen schlug bei diesem Anblick Purzelbäume. Jetzt oder nie. Er hob Albrechts Kinn an, sachte, spürte Albrechts Verwirrung. Bevor Friedrich darüber nachdenken und es sich doch wieder anders überlegen konnte, beugte er sich vor und küsste seinen Freund auf die Lippen, kurz und zärtlich und trotzdem voller Gefühl.
Aber Albrecht drehte den Kopf weg. Er sah aus, als wollte es ihm das Herz brechen.
“Friedrich, nicht.”
Es war nicht so als wäre Friedrich nicht theoretisch klar gewesen, dass Albrecht ihn zurückweisen könnte. Trotzdem traf es ihn wie ein Schlag in den Magen.
“Warum nicht?”
Albrecht schüttelte nur den Kopf.
“Das geht nicht.”, flüsterte er nur. “Das geht nicht.”
“Warum nicht?”
Normalerweise hätte Friedrich Albrecht nie zu etwas gedrängt, nie. Aber was Albrecht gesagt hatte, oder besser, was er nicht gesagt hatte, ließ ihm keine Ruhe.
“Das geht nicht.”, hatte er gesagt, nicht “Ich will nicht.”
Zärtlich nahm Friedrich Albrechts Hände in seine.
“Warum nicht?”, flüsterte er.
Da schaute Albrecht hoch, schaute Friedrich an mit seinen großen, blaugrünen Augen, in denen Freude und Verzweiflung schimmernd um die Oberhand kämpften.
“Begreifst du denn nicht, Friedrich?”
Er löste seine Hände aus Friedrichs, führte dessen Finger zu seinem Hals. Obwohl er in zwei Decken gewickelt auf dem Bett saß, war seine Haut noch immer eiskalt. So eiskalt wie das Wasser des zugefrorenen Sees.
Friedrich drückte seine Finger etwas fester in Albrechts weiche, weiße Haut, aber da war nichts. Unter seinen Fingern schlug kein Herz.
“Begreifst du denn nicht?”
Doch, Friedrich begriff, und einen Moment lang strömte kaltes Entsetzen durch seine Adern.
Aber dann musste er lachen. Was änderte das schon? Er liebte Albrecht, würde ihn immer lieben, und er hatte ihn zurück. Er hatte Albrecht verloren geglaubt und hatte ihn zurück. Nichts anderes zählte.
“Ich krieg’ dich schon warm.”, flüsterte er, es klang fieberhaft, verrückt und erleichtert zugleich, aber das kümmerte ihn nicht, als er Albrecht mit den Armen umfing und an sich zog.
“Keine Angst, ich krieg’ dich schon warm.”, flüsterte er gegen Albrechts bleiche Wange und drückte seinen Mund in einem unerschrockenen Kuss auf Albrechts kalte, blaue Lippen.
Sie schmeckten nach Seewasser.
Aber sie waren auch süß und weich und nachgiebig, und Albrecht seufzte sehnsuchtsvoll in den Kuss, öffnete die Lippen und gab sich Friedrich hin.
Friedrich zog hastig sein Hemd aus, ohne ihren Kuss zu unterbrechen, bevor er die Arme enger um Albrecht schloss, entschlossen, ihm so viel wie möglich von der Hitze abzugeben, die durch seine Adern rauschte.
Albrechts Hände, die zaghaft seine Brust, seine Arme, seinen Rücken erkundeten, bescherten ihm eine Gänsehaut, ob vor Kälte oder vor Lust, konnte Friedrich nicht sagen.
Er konnte ein Aufstöhnen nicht unterdrücken, als sich Albrechts Fingerspitzen in seine verspannten Muskeln gruben. Albrecht trank den Wonnelaut von seinen Lippen, gierig nach allem, was Friedrich ihm geben konnte.
Er begann an Friedrichs Hosenbund zu nesteln während sie sich wieder und wieder küssten, streichelten, sich gegenseitig in Brand steckten.
Friedrich drückte die Nase an Albrechts Hals, begann daran zu saugen. Er spürte die Kälte kaum noch. Es schien, als hätte die Erregung Albrechts erstarrtes Blut tatsächlich wieder in Bewegung gebracht. Einzig der Geruch nach Seewasser, nach Wasserpflanzen und Uferschlamm erinnerte ihn noch daran, aber Friedrich war es egal. Er war sich sicher, dass, wenn er sich nur genug anstrengte, Albrechts Herz auch wieder zu schlagen beginnen würde, und dann wäre alles gut.
Albrecht schauderte unter ihm und drückte sich gegen ihn, rieb sich an Friedrichs Schenkel, nackt und bloß und wunderschön, und Friedrich wusste nicht, womit er das verdient hatte.
Vielleicht hatte er das auch gar nicht.
Er küsste Albrechts Hals, seine schmalen Schultern und genoss das Keuchen, dass er Albrecht damit entlockte.
“Friedrich.”
Sein Name auf Albrechts Lippen, heiser, rau, halb stöhnend in sein Ohr gemurmelt, ließ ihn erschauern, fachte die heiße Glut in seinen Lenden weiter an. Gott, er wollte Albrecht so sehr.
“Im Nachttischschränkchen… da ist…”
Blind tastete Friedrich nach dem Schubkästchen, seine Finger stießen auf ein kleines, kühles Glasfläschchen, noch halb voll, und er begriff.
Die Vorstellung traf ihn wie ein elektrischer Schlag, er musste sich heftig auf die Lippe beißen, damit sein Aufstöhnen nicht verriet, wie sehr ihm der Gedanke gefiel. Nie in seinen kühnsten Träumen hätte er sich ausgemalt, dass Albrecht…
“Willst du… Hast du schon mal…”
Er musste es wissen, jetzt, musste wissen, ob es stimmte, was er sich ausmalte, ob Albrecht sich jemals auf diese Art selbst…
“Ich habe jedes Mal an dich gedacht.”
Es war nur ein Flüstern, das er mehr auf seiner Haut spürte als dass er es hörte, aber es brachte Friedrichs ganze Welt ins Wanken.
Sie hatten so unendlich viel Zeit vergeudet. Friedrich küsste Albrecht mit der Verzweiflung eines Verdurstenden, bevor er von ihm abließ und das Fläschchen entkorkte, mit den Zähnen, weil seine Hände vor Aufregung zitterten.
Der beruhigende Duft nach Lavendel war ein scharfer, wunderschöner Kontrast zur Aufregung in Friedrich Innerem, und weckte eine Erinnerung, die er zwar verdrängt, aber nicht vergessen hatte.
Als Albrecht einmal von der Anstalt Urlaub beantragt hatte, hatte Friedrich auf seine Rückkehr gewartet und seinen Freund zur Begrüßung umarmt. Damals war er sich sicher gewesen, dass Albrecht, ganz schwach, kaum wahrnehmbar, nach Lavendel duftete.
Stille Wasser sind tief, dachte er.
“Schaffen wir das heute noch?”, fragte Albrecht neckend, ahmte spielerisch den Ton des Rekrutierungsbeamten nach, der die Napola regelmäßig nach Kriegsfreiwilligen durchkämmte.
Du freches kleines Ding, dachte Friedrich und erstickte Albrechts Lachen mit einem Kuss, bevor er mit ölbedeckten Fingern auf die Suche nach Albrechts intimster Stelle ging.
Er küsste seinen Freund, bevor er vorsichtig in ihn eindrang. Er wollte Albrecht keinen Schmerz zufügen, wollte sich Zeit nehmen. Sein Herz hämmerte wie wild als Albrecht aufkeuchte und sich der Berührung entgegendrängte, er wiederholte die Bewegung und nutzte die Tatsache, dass das, was er hier tat, Albrecht so offensichtlich gefiel, um einen weiteren Finger hinzuzunehmen.
Er würde sich beeilen müssen, dachte Friedrich, als Albrecht mit einem heiseren Stöhnen den Kopf zurückwarf. Der Laut ging Friedrich durch Mark und Bein. Sein Kopf schwamm, sein Herz hänmerte wie wild, er zwang sich, tief durchzuatmen. Sonst wäre das hier wirklich sehr, sehr schnell vorbei.
Albrecht schien sich darüber durchaus im Klaren zu sein, wenn es ihm nicht sogar ähnlich erging.
“Friedrich, mach schon.”, keuchte er, aber das sanfte Leuchten in seinen Augen nahm dem Befehl die Schärfe.
Trotzdem war es ganz eindeutig ein Befehl.
Friedrich blieb das Lachen im Halse stecken, als Albrecht ihn sanft aber bestimmt in die Kissen drückte und nun seinerseits buchstäblich die Oberhand nahm.
Friedrich konnte das Stöhnen tief in der Kehle nicht unterdrücken, als Albrecht sich auf seinen Schoß sinken ließ. Es fühlte sich so wunderbar an, eng und seidig, vielleicht etwas kühler als normal, aber Friedrich hatte nichts, womit er es vergleichen könnte. Es fiel ihm inzwischen ohnehin herzlich schwer, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen.
Albrecht schien es ähnlich zu gehen, er hauchte Friedrichs Namen, als glaubte er, daran ersticken zu müssen, und als Friedrich dann begann, sich vorsichtig zu bewegen, entfuhr ihm ein unterdrückter Aufschrei. Friedrich wiederholte die Bewegung, spürte, wie Albrechts Muskeln sich um ihn zusammenzogen, offensichtlich hatte er die richtige Stelle gefunden.
Lange dauerte es wirklich nicht, Friedrich konnte das Feuer in seinen Adern einfach nicht beherrschen. Dafür hatte er Albrecht einfach schon viel zu lange gewollt.
Beinahe gegen seinen Willen verkrampfte sich sein ganzer Körper unter heißen Schaudern, während ihn schier ein Tsunami überrollte, und obwohl er sich mit aller Kraft auf die Lippe biss, konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken.
Bevor er sich aber schämen konnte, raubte ihm Albrecht mit einem weiteren Kuss die Worte, und Friedrich schloss die Hand um ihn und brachte es zuende.
“Komm mit mir nach Berlin.”, flüsterte er, bevor er zärtlich Albrechts bebende Schenkel streichelte und einen weiteren Aufschrei von seinen Lippen küsste. Er schmeckte Blut, vermutlich sein Eigenes, in Albrechts Mund.
Albrecht rutschte von ihm herunter, schlang die Arme um ihn und gab keine Antwort.
Friedrich hätte sich die Frage auch schenken können. Denn in diesem Moment öffnete sich mit einem Knarren die Tür, langsam und unaufhaltsam.
Im dunklen Türrahmen stand Heinrich Stein, mit offener Krawatte und Uniformjacke, schreckensbleich und sprachlos.
Friedrich erstarrte. Sein erster Instinkt war, die Bettdecke über Albrecht zu ziehen und alles abzustreiten, allein um seines Freundes Willen.
Aber was hätte er abstreiten können? Da lagen sie beide, nackt wie am Tag ihrer Geburt und eng umschlungen, zwischen zerwühlten Laken, in der Luft der unverwechselbare schwere Geruch von Lavendel und geteiltem Vergnügen.
Es war nicht zu übersehen, was zwischen ihnen passiert war. Und was zwischen ihnen passiert war, war ein todeswürdiges Verbrechen.
Heinrich Steins Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam dabei heraus. Die Hand in den Türrahmen gekrallt starrte er Albrecht an.
Friedrich fühlte sich seltsam zittrig, schwach und ausgelaugt. Plötzlich war ihm eiskalt.
Albrechts Gesicht hingegen war hart geworden.
“Ist es denn immer noch nicht genug, Vater?”
Seine Stimme klang eigenartig hohl und tonlos, weit weg.
“Reicht es dir denn nicht, dass du mich in den Tod getrieben hast? Warum zwingst du mich bloß dazu, wieder dahin zurückzukehren? Warum musst du mir Friedrich auch noch nehmen.”
“Du bist nicht mein Sohn.” Es war nicht mehr als ein krächzendes Flüstern, das nur noch am Rande in Friedrichs Bewusstsein drang.
“Mag sein. Aber du wirst mich trotzdem ordentlich begraben. Uns beide. Wenn du es nicht tust, wirst du nie wieder Gäste hier im Hause empfangen können.
Mir wird jede Nacht ein anderer zum Opfer fallen, solange, bis du mich entweder beerdigst oder wegen Mordes nach Berlin zitiert wirst. Aber wenn du mir Friedrich lässt, dann bist du mich endlich los.”
“Du begreifst nicht.”, hatte Albrecht zu ihm gesagt, und er hatte Recht gehabt. Aber jetzt begriff er. In Wahrheit hatte nicht seine Wärme auf Albrecht abgefärbt, sondern Albrecht hatte sie aus ihm herausgesogen. Das Zittern wurde stärker. Aber Friedrich würde trotzdem nichts daran ändern, was er getan hatte. Er hatte Albrecht wiedergehabt, wenn auch nur für eine Nacht. Dafür war kein Preis zu hoch.
Das Entsetzen verflog so schnell, wie es gekommen war, und Frieden stellte sich stattdessen ein.
