Actions

Work Header

It's a Rich Man's World

Summary:

Leo, Pia, Adam und Esther.

Jede*r von ihnen erlebt es anders; das Ende vom Ende der Nacht.

Notes:

Titel aus "Money, Money, Money" von ABBA

Danke an rekishi für die Unterstützung!

Chapter 1: Leo

Chapter Text

Leo

 

Die Luft ist heiß und stickig, aufgewirbelter Staub tanzt in den Lichtkegeln ihrer Taschenlampen, die die Szenerie vor ihm beleuchten. Er hat es versucht, redet Leo sich ein. Er hat es versucht, aber Carla Radek ist keine rationale Frau, die sich durch logische Argumente überzeugen lässt. Auch ihre Mutter versucht es weiter, redet nun in einer Mischung aus Französisch und Deutsch auf sie ein und will sie zur Aufgabe bewegen. So viel versteht Leo, auch wenn er nicht mehr als das Schulfranzösisch von vor 20 Jahren beherrscht. 

Doch statt aufzugeben, steigert sich Carla vor Leos Augen immer weiter in eine Panikattacke hinein. “Lieber in Freiheit sterben, als im Knast zu leben”, sagt sie und “Ich habe dich so lange gesucht”. Ihre Stimme wird brüchig und ihr Atem geht immer schneller, bis sie schließlich das tut, was vermutlich nie zu verhindern gewesen war. Sie drückt auf den verdammten Knopf, den sie fest umklammert hält und löst damit die Bombe aus. 

Das leise Klicken des Zünders hallt durch die bedrückende Stille des Bunkers, dringt mit der Intensität eines Schusses an Leos Ohren. Sein Herz setzt für einen Schlag aus und er traut sich kaum zu atmen, während sein Hirn noch zu verstehen versucht, was soeben passiert ist. Was in wenigen Augenblicken geschehen wird. Denn Leo weiß genau, was als nächstes passieren wird. Sobald Carla loslässt, geht die Bombe hoch. Und wenn das nicht das größtmögliche Desaster ist. Das grandiose Finale ihres von Vornherein zum Scheitern verurteilten Vorhabens.

Hätten sie doch nur auf das Bombenentschärfungskommando gewartet. Oder hätten sie sich vorher besser über Carla und ihre mentale Verfassung informiert. Hätte er Pia und Adam nicht alleine losziehen lassen; hätten Adam und er Moritz damals bloß nicht laufen lassen. Hätte, hätte, hätte. Es sind so viele vergangene Entscheidungen dafür verantwortlich, dass sie nun hier stehen, kurz davor, alle gemeinsam in die Luft zu fliegen. Kaboom.

Nicht auf die Verstärkung warten, dafür haben sie sich gemeinsam entschieden. Als Team, auch wenn Leo doch das letzte Wort gehabt hat. Es ist vermutlich die erste Entscheidung seit langem, bei der sie sich einig waren. Leo würde alles daran setzen, dass es nicht ihre letzte war. Und doch sind es vor allem seine Entscheidungen, wegen derer sie nun hier stehen. Wenn jemand die Schuld hierfür trägt, dann ist es Leo selbst. Pia zu finden und zu retten wäre ein Teamerfolg gewesen. Aber ihr Scheitern war einzig und alleine seine Schuld. Er trug die Verantwortung.

Schräg hinter sich spürt er Adam, eine feste Präsenz an seiner Seite. Doch in diesem Moment wünscht Leo sich, Adam wäre nicht hier. Nicht in seiner Nähe, nicht mal in diesem Bunker. Adam hat sich in den letzten Tagen genug Vorwürfe gemacht. Über Pias Entführung, über die Vergangenheit und am meisten über sich selbst. Das Letzte, was Leo für Adam will, ist, dass er sich auch noch für diese Katastrophe verantwortlich fühlt, auch wenn Adam sich das vermutlich bereits einredet. Ist er nämlich nicht und sobald sie hier raus sind, wird Leo ihm das ganz deutlich sagen müssen.

Leo beobachtet gebannt, wie Béatrice Radek die Hand um die ihrer Tochter legt. Und damit auch um den Zünder für die Bombe. Dennoch bleibt er reglos stehen, lauscht den leisen Worten, die die beiden Frauen im durch ihre Taschenlampen beleuchteten Halbdunkeln austauschen. Sein eigener Atem ist laut in seinen Ohren und übertönt das Rauschen, das seinen Kopf erfüllt. Sein Puls rast, das Pochen seines Herzschlags reiht sich in seiner Intensität in das Rauschen mit ein. Seine Hand, die die Taschenlampe hält, zittert leicht, doch er zwingt sich zur vollkommenen Konzentration. 

Plötzlich passiert alles gleichzeitig und obwohl sich das ganze vermutlich in nur wenigen Sekunden abspielt, kommt es Leo doch wie eine Ewigkeit vor. Eine Zeitlupe, die auf ein unausweichliches Ende zusteuert, das er zwar nicht verhindern, aber immerhin beeinflussen kann. So sehr Leo es sich auch wünscht, er kann nicht so wie sonst einfach aufwachen und der Alptraum ist vorbei.

Leo registriert, dass Esther sich umdreht und den Gang zurück sprintet, dorthin, wo sie hergekommen ist. Wo der sichere Ausweg liegt, der sie vor dem Kommenden schützen würde. Zeitgleich gibt Pia der Tasche zwischen ihren Beinen einen Tritt und befördert sie ein paar wenige Meter von sich weg. Das wird niemals reichen, der Rucksack liegt noch immer viel zu nah. 

Als Carla zu Boden geht und ihre Mutter mit sich zieht, schaltet Leo in einer Millisekunde in Handeln um, ungeachtet der Konsequenzen, die das für ihn bedeutet. Daran darf er erst gar nicht denken. 

In der Hoffnung, dass Adam sich selbst in Sicherheit bringt, stößt Leo ihn mit einem Schubser zurück in Richtung Wand, bevor seine Füße sich in Bewegung setzen. Sein Fokus liegt komplett auf Pia. Pia, die verletzt und gefesselt neben dem Sprengstoff am Boden sitzt und sich nicht selbst schützen kann. Die sich nur wegen seiner Entscheidung, sie und Adam zum Schreibtischdienst einzuteilen, überhaupt in dieser Situation befindet.

Leo hechtet den Gang entlang, vorbei an den Radeks und direkt auf den roten Rucksack zu, aus dessen Öffnung ihm ein rotes Licht schwach entgegen leuchtet. Es fühlt sich an, als würde er ewig rennen, als würde sein Ziel immer weiter in die Ferne rücken, während seine Füße keinen Meter voran kommen. Seine Taschenlampe zeichnet wilde Schatten auf die kahlen Betonwände, als er die Bombe endlich erreicht und mit einem festen Tritt dorthin katapultiert, wo vor wenigen Sekunden noch Esther gestanden hat. 

Kaum wirft Leo sich daraufhin in Pias Richtung, erschüttert eine ohrenbetäubende Detonation den engen Raum. Die Druckwelle reißt an ihm, Hitze und Feuer umgeben ihn in einem Ball, schließen ihn vollständig ein und dringen durch seine Kleidung an seine Haut. Er kann nicht atmen, kann sich nicht bewegen. Mit fest zusammengekniffenen Augen bleibt er in seiner Position und klammert sich krampfhaft an den Stahlträger, an den Pia gefesselt ist. Sein einziger Gedanke gilt dem Schutz seiner Kollegin, die ohne ihn keine Chance hat, diese Katastrophe zu überleben. 

Zeitgleich mit dem Sprengstoff explodieren auch die Schmerzen in seinem Körper. Metallsplitter schneiden durch den Stoff seiner Jacke in seinen Arm, schlitzen seine Haut auf und hinterlassen brennende Wunden. Etwas trifft ihn an der Wange, zieht eine heiße Spur über sein Gesicht. Er hört einen Schrei über die Kakophonie in seinem Kopf, ist sich nicht sicher, ob es sein eigener ist. Instinktiv reißt Leo eine Hand hoch, um sich wenigstens ein wenig vor den umherfliegenden Trümmern zu schützen, doch viel bringt es nicht. Er kann spüren, wie seine Haut in der Hitze verbrennt, während der Geruch von angesengten Haaren und verbranntem Fleisch in seine Nase dringt. 

Bevor das Feuer sich in seiner Kleidung einnisten kann, ist es auch schon wieder vorbei. Die Flammen erlöschen so schnell, wie sie sich ausgebreitet haben, und hinterlassen ein Meer aus Funken und Rauch, das ihn umhüllt und über ihm nieder rieselt. Ein schrilles Pfeifen erfüllt Leos Kopf, das Badam Badam seines donnernden Herzschlags das Einzige, das er hört. Kurz schießt ihm der Gedanke durch den Kopf, dass sich so wohl Sterben anfühlen muss, bevor sein Bewusstsein ihm vollends entgleitet, in dem Wissen, wenigstens seine Freunde vor dem sicheren Tod bewahrt zu haben.