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Zwei Welten

Summary:

„Thomas, wir machen eine Pause", mahnte Kocoum ihn eindringlich.

Doch Thomas achtete nicht auf ihn und schoss den nächsten Pfeil ab. Wieder knapp daneben.
Als er erneut das Gewicht von Kocoums Hand auf seiner Schulter spürte, fuhr er wütend zu ihm herum.

„Ich schaffe das schon, Kocoum“, schnauzte er seinen Gefährten an. „Ich muss das schaffen.“

Kocoum stand eine Armlänge von ihm entfernt und sah ihn mit ausdrucksloser Miene an. Der strenge Zug in seinem Gesicht war verschwunden.

„Wieso?“

Es war nur ein Wort, doch das, was dahintersteckte, brachte Thomas aus der Fassung. Er gestikulierte wild mit dem Bogen in seiner linken Hand zu dem morschen Baum.

„Ein Mann ist kein Mann, wenn er nicht schießen kann“, erklärte er und spürte, wie ihm das Herz in der Brust hämmerte.

Ratcliffes Worte und die der anderen Männer der Schiffsbesatzung hallten in seinen Ohren wider, obwohl sie längst nicht mehr waren.

Du bist als Seemann untauglich. Und du bist ein sehr schlechter Soldat. Enttäusche mich nicht schon wieder.

Und nun hatte auch Kocoum begriffen, dass Thomas zu nichts zu gebrauchen war.

Chapter 1: Krieg

Chapter Text

Thomas hasste den Krieg.

Doch er war Schuld an seinem Ausbruch.

Als seine Familie ihn in die Neue Welt geschickt hatte, um ein Mann zu werden, der seine Familie ernährte, war er voller Tatendrang und Vorfreude gewesen.
Das Abenteuer einer nahezu unbekannten Welt voller Schönheit und Gefahren lockte den jungen Mann aus der Heimat, zusammen mit dem Versprechen von Reichtum. Doch noch auf dem Weg in die Neue Welt musste Thomas feststellen, dass unerwartete Gefahren drohten. Als er bei einem heftigen Sturm über Bord ging, hätte er an diesem Abend fast sein Leben verloren, wäre John Smith nicht in die eiskalten Fluten gesprungen, um ihn zu retten.

Ein Mann lässt sich nicht wie eine Jungfrau in Nöten von einem anderen Mann retten.

Das war bekannt.

Die Besatzung ließ ihn das auch nicht vergessen und zog ihn noch tagelang damit auf.
Doch dann, endlich, kamen sie in der Neuen Welt an und all seine Unsicherheiten waren fürs Erste vergessen. Die Natur war unbeschreiblich schön und so ganz anders als in seiner Heimat. Jahrhundertealte Wälder, reiche Flüsse und weiße Kiesbänke luden sie ein, zu verweilen.
Die Neue Welt brachte aber nicht nur Schönheit, sondern auch Probleme mit sich. Nach wochenlangem Graben, im Dreck schürfen und wunden Fingern, hatten sie keinen einzigen Klumpen Gold gefunden.
Hinzu kam, dass die Neue Welt von Indianern besiedelt war, die nicht lange auf sich warten ließen. Die Männer erlebten einen Hinterhalt der Indianer, doch dank ihrer schnellen Reaktion und ihrer Musketen gelang es ihnen, die Wilden schnell in die Flucht zu schlagen. Bei diesem Überfall gelang es Gouverneur Ratcliffe zwar einen ihrer Feinde zu besiegen, doch wurde der verwundete Indianer von einem beeindruckend kräftigen Krieger weggetragen. Der Krieger entkam einem Handgemenge mit Ben unbeschadet und es gelang ihm, seinen verletzten Kameraden fort zu bringen.
John Smith hatte davon nichts mitgekriegt, obwohl er die meiste Erfahrung mit den Wilden hatte. Er nach ihrer Ankunft in der Neuen Welt auffällig häufig im Wald verschwunden und eines Abends wurde Thomas von Gouverneur Ratcliffe geschickt, um ihn ins Camp zurückzuholen.

Natürlich. Schick das Nesthäkchen. Entsende den Knaben. Soll er sich mal nützlich machen.

Doch als Thomas Captain Smith nach langem Suchen endlich gefunden hatte, war er nicht allein. Im einen Moment stand er eng umschlungen mit einer indianischen Frau und im nächsten Moment stürzte ein indianischer Krieger sich auf ihn um Leben und Tod zu ringen. Ein Blick auf den Krieger, den er von ihrer letzten Auseinandersetzung wiedererkannte reichte Thomas, um ihm klarzumachen, dass er ihm körperlich nicht gewachsen war. In diesem Moment erinnerte er sich an das, was John Smith ihm zum Umgang mit dem Gewehr gesagt hatte. Er hielt beim Zielen beide Augen geöffnet, atmete aus und schoss. Die Wucht, mit der die Kugel in seinen Körper einschlug, warf den Krieger völlig aus der Bahn. John Smith hatte er damit zwar gerettet, doch der Krieger, mit dem er noch vor einer Sekunde gerungen hatte, lag im seichten Wasser und rührte sich nicht mehr. Angelockt vom lauten Knall des Schusses, ertönten ganz in der Nähe plötzlich viele erregte Schreie. Als John sah, dass es Thomas war, der den Schuss ausgelöst hatte, kam er auf ihn zu.
„Ist er …?“ Thomas erhaschte nur einen kurzen Blick auf den angeschossenen Krieger, doch Pocahontas gab ihm seine Antwort. „Du hast ihn umgebracht“, stieß sie hervor und konnte nur von John davon abgebracht werden, sich auf Thomas zu stürzen.
„Komm ja nicht in seine Nähe!“
Auf Johns Drängen hin rannte Thomas von der Lichtung fort.

Von da an ging alles rasend schnell. Im Camp angekommen, berichtete Thomas vom Geschehenen und davon, dass John Smith aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gefangener der Indianer war. Die Besatzung war sich schnell einig, dass ein Gegenschlag gegen die Indianer der einzig richtige Weg war, um John zu befreien.
Die Männer bereiteten sich auf den Krieg vor, den Thomas mit einer einzigen unüberlegten Handlung ausgelöst hatte. Die Trommeln schlugen die ganze Nacht. Äxte und Messer wurden gewetzt. Munition aufgefüllt. Pläne geschmiedet.
Und all das taten die Männer dem Schein nach für Ehre, Gott und Gold und die Virginia Company.

Doch Thomas wusste warum wirklich Krieg war. Weil er als erstes Blut vergossen hatte. Darum musste Thomas nun wieder Blut vergießen. Er hatte es begonnen und musste auch dabei sein, wenn es beendet wurde. Das wurde von ihm erwartet.

Aufgeladen marschierte die Truppe in Richtung des Indianerdorfes. Auf halber Strecke begegneten sie einer Horde von indianischen Kriegern. John Smith war unter ihnen. Gefesselt lag er auf einem großen Felsblock, der Häuptling des Stammes stand über ihm, die Kriegskeule in den Händen.
Die Männer waren wie erstarrt von der Szene.
Im letzten Moment warf sich Pocahontas zwischen John und ihren Vater und flehte um sein Leben. Die genauen Wörter konnte Thomas nicht verstehen, doch es wurde klar, dass sie den Häuptling überzeugt hatte, als dieser John von seinen Fesseln befreien ließ.
Erleichtert atmete Thomas durch. Wenn John frei war, gab es schließlich keinen Grund zu kämpfen.
Doch da löste sich aus den Reihen der Indianer ein Pfeil, der John mitten im Herzen traf.
Einen Herzschlag war eine geisterhafte Stille zwischen den beiden Lagern zu vernehmen.

Und dann brüllte der Tod durch die Reihen der Menschen.

Thomas hatte keine klaren Bilder vom Kampf im Kopf. Nur rote schleierhafte Wolken. Durch die Wolken hörte er Schreie. Angstschreie. Schmerzensschreie. Todesschreie. Er hörte das Donnern der Gewehre, das Sirren von Pfeilen. Der Klang, der ertönt, wenn eine Kriegskeule einen Schädel zertrümmert. Das Splittern von Waffen und Knochen gleichermaßen.
Wie in einem Traum erlebte er den Kampf. Es war ein Traum, den er nicht sehen wollte. Ein Alptraum.
Nachdem der Kampf erstorben war, saß Thomas benommen da. Langsam kehrte seine klare Sicht zurück, auch wenn er sich das Gegenteil wünschte. Das Morgenlicht und die vielen kleinen Feuer, die entbrannt waren, warfen ein flackernd rotes Licht auf Dinge, die Thomas nicht sehen wollte. Der Hass beider Seiten hatte einen verheerenden Schaden angerichtet. Überall lagen Speere, Federschmuck und Gewehre herum. Verteilt zwischen den Toten und Verwundeten wie das Spielzeug eines achtlosen Kleinkinds. Gefangene wurden gefesselt, bespuckt, geschlagen. Dem Tode geweihte wurden mit dem Fuß getreten. Klagten die Verletzten zu laut, wurde ihnen mit der Axt oder dem Messer ein Ende bereitet. Viele schrien um Hilfe. Doch niemand half ihnen.

Und die Toten schrien überhaupt nicht mehr.

Die Gewinner torkelten wie von Sinnen über das Schlachtfeld. Zeigten einander stolz ihre Wunden, deuteten auf die Rothäute, die sie getötet hatten. Ein Flachmann machte die Runde. Als Thomas an der Reihe war, schüttelte er stumm den Kopf. Die Gewinner lachten roh, machten Scherze. Stolperten über Verwundete, verfluchten die Toten. Und bei jedem Schritt schmatzte die Erde, die das Blut aufgesaugt hatte an ihren Schuhsohlen.
Mittendrin saß Thomas. Ihn ekelte. Er schloss die Augen. Er wollte den Krieg nicht mehr sehen. Wollte die Toten nicht sehen. Die Verletzten. Die grausigen Wunden. Er hielt sich die Ohren zu, wollte ihn nicht mehr hören, diesen Krieg. Das Stöhnen der Sterbenden, das irre Gelächter der Sieger. Er wollte nichts mehr wissen von diesem Krieg, diesem Hass.
Die Gewinner raubten die Toten aus. Beute, Gefangene, Verletzte – alles wurde nach Jamestown geschleppt. Noch immer voller Blut besprachen die Siedler ihren nächsten Angriff. Im Dorf der Indianer würde man sicherlich das lange versprochene Gold finden. Thomas wusste, dass die Siedler völlig verblendet von ihrem Sieg waren. Er hatte selbst die Toten auf der eigenen Seite gezählt. Gesehen, wie wenige von ihnen nach Jamestown zurückgekehrt waren.
Und Thomas erinnerte sich daran, was Pocahontas John Smith gesagt hatte. Es gab in dieser Welt kein Gold. Weder für die Indianer noch für die Siedler.
Beim Gedanken an John Smith, zog sich dem jungen Mann der Magen zusammen. Nun war er doch tot.

Und alles war Thomas Schuld.

Und während die Männer ihre Pläne schmiedeten, schlich Thomas sich aus dem Lager. Er wollte kein Soldat sein. Wollte nicht noch einmal in den Krieg ziehen. Thomas lief und lief.
Doch er war nicht schnell genug. Bald hatten sie ihn eingeholt und zurück ins Camp verschleppt.
Nun war er nicht mehr nur der nutzlose Jungspund, der nicht schießen konnte, der auf dem Schiff eine Last war und der immer alles falsch machte.

Nun war er ein Deserteur. Ein Verräter.

Sie schlugen und traten ihn. Schimpften ihn einen Feigling. Thomas wollte aufbegehren, sie fragen, ob leben zu wollen, denn wirklich feige war. Und ob nicht töten zu wollen, keine gute Sache war. Doch er sah ihn in ihren Augen, den Hass, der sich von den Wilden nun auch auf ihn übertragen hatte. Er sah ihn, als er sich am Boden krümmte und das Weiße in ihren irren Augen glänzte. Sah ihn, als sie ihn zu Boden drückten und kalte Wörter in seine Ohren flüsterten. Erst als Thomas aufhörte sich zu bewegen, ließen sie ihn allein. Doch der Hass hing immer noch in der Luft, wie Rauch auf dem Schlachtfeld nach einem Kanonenfeuer.

Thomas dachte, er wäre tot.

Doch als er zwischendurch aus seiner Ohnmacht erwachte, erinnerte der Schmerz an seinem ganzen Körper ihn daran, dass er sehr wohl noch am Leben war.

Es war mitten in der Nacht, als er eine Schwachstelle im Palisadenzaun, für die er selbst verantwortlich war, nutzte, um zu fliehen. Dieses Mal schützte ihn der Mantel der Nacht vor den Augen der Männer, die er einst als Brüder angesehen hatte, die er nun aber nicht wiedererkennen konnte.
Thomas konnte kaum etwas sehen und stürzte im Dunkeln immer wieder über Baumwurzeln und Steine. Er kam nur schleppend voran und wusste auch gar nicht, wohin er wollte. Nur eins war klar: weg von Jamestown, und zwar so schnell wie möglich. Irgendwann verließen seinen gefolterten Körper die Kräfte und er sank in eine Bewusstlosigkeit.
Als er wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Seine Verletzungen schmerzten heute noch schlimmer als gestern, doch er raffte sich auf und lief gebückt durch das Unterholz, stundenlang, bis er an einen Bach kam. Ungeschickt ließ Thomas sich zu Boden fallen und trank in gierigen Zügen das klare Wasser. Anschließend wurde er erneut ohnmächtig. So ging es die nächsten Tage weiter. Er lief solange er konnte, brach dann zusammen und schlief solange, bis sein knurrender Magen ihn wieder weckte.
Das nächste Mal als er erwachte, stieß jemand heftig gegen seinen Fuß. Noch halb von Sinnen öffnete Thomas die Augen. Langsam klärte sich das Bild vor ihm. Über ihm stand ein indianischer Krieger, der ihn grimmig anblickte. Doch es war nicht irgendein Krieger. Es war der Mann, den Thomas erschossen hatte, um John zu retten. Nur, dass er ihn wohl nicht erschossen hatte. Hilflos hob Thomas die Hände, um sein Gesicht zu schützen. Doch anstatt ihn zu schlagen oder zu töten, hob der Fremde ihn hoch, als wäre er Jagdbeute und war ihn über seine Schulter. Kopfüber hängend, verlor Thomas abermals das Bewusstsein.

Als er das nächste Mal zu Bewusstsein kam, lag er auf einem Schlaflager aus Fellen. Über ihm war eine Decke zu sehen und Wände. Durch ein Loch in der Decke zog eine blaue Rauchfahne aus der Hütte in der er lag. Ihm war angenehm warm und die Schmerzen, die von seinem geschundenen Körper ausgingen, schienen ihm zum ersten Mal erträglich. Er wandte den Kopf nach rechts, nur um auf einmal in die intelligenten braunen Augen des Kriegers zu sehen, den er vor gar nicht so langer Zeit angeschossen hatte und der ihn hierhergebracht hatte.
Instinktiv spannte Thomas sich an, setzte sich auf und wich vor dem fremden Mann zurück. Er sah so aus, wie an dem Tag, an dem die Dinge viel zu schnell aus dem Ruder gelaufen waren. Der Ausdruck in dem sonnengebrannten Gesicht war streng und undurchdringlich. Dichte, schwarze Augenbrauen und hohe, kantige Wangenknochen rahmten das augenscheinlich schöne Gesicht des jungen Mannes ein. Das lange schwarze Haar trug er bis auf ein paar Zöpfe offen und eine Adlerfeder steckte darin. Der gesamte Körper war ausgeprägt muskulös und von geschmeidiger Natur, der Statur eines echten Kriegers. Auffällig war die verheilende Schusswunde an der rechten Schulter. Thomas Blick lag so lange darauf, bis der Krieger aufstand und die Hütte verließ.
Kurze Zeit später traten zwei Frauen herein, eine alte und eine junge. Auch vor ihnen wich Thomas zurück, auch wenn sie nicht halb so furchteinflößend wirkten wie der Krieger zuvor. Sie ließen sich von seinem Verhalten jedoch nicht irritieren und versorgten seine Wunden. Erst jetzt merkte Thomas, dass er unter den Fellen nackt war. Panik durchflutete ihn im ersten Moment. In all den Monaten hatte er sich die größte Mühe gegeben, der Besatzung der Susan Constance zu verheimlichen, dass sein Körper anders gebaut war, als der der anderen Männer. Und obwohl Thomas sonst viele Unzulänglichkeiten aufwies, hatte er sein Geheimnis in all der Zeit erfolgreich wahren können.
Die beiden Frauen schienen seine Furcht nicht zu bemerken. Sie boten ihm Wasser an, drückten ihm eine Schale mit Getreidebrei in die Hand. Aber sie waren es doch mit Sicherheit gewesen, die ihn ausgezogen hatten? Sie mussten seine Andersartigkeit doch gesehen haben?
Merkwürdig unbeeindruckt kümmerten sie sich um seine Wunden und Thomas entspannte unter den bestimmten und wissenden Händen der beiden ein wenig.
Die nächsten vier Tage folgten demselben Schema. Thomas schlief die meiste Zeit. Wenn er wach war, kamen die beiden Heilerinnen zu ihm, gaben ihm zu essen, kümmerten sich um seine Wunden und stützten ihn damit er sich in der Ecke der Hütte in einen Eimer erleichtern konnte. Auch in diesen besonders verletzlichen und intimen Momenten hatte Thomas nicht das Gefühl, dass sie ihn voller Scheu oder Ekel behandelten. Lediglich von Pflichtbewusstsein gesteuert, pflegten die beiden ihn gesund. Sie halfen ihm auch in seine neuen Kleider aus weichem Wildleder.
Am fünften Tag fühlte Thomas sich wieder halbwegs bei Kräften und gerade, als er begann darüber nachzudenken, was die Wilden mit ihm vorhatten, kamen zwei Krieger in die Hütte, nahmen den noch geschwächten jungen Mann zwischen sich und führten ihn nach draußen auf eine Art Dorfplatz. Es schien, als hätte das ganze Dorf sich dort versammelt. Männer, Frauen und Kinder jeden Alters starrten ihn an, als er vor eine Reihe Männer gebracht wurde und auf die Knie gestoßen wurde. Vor sich erkannte er den Häuptling, den er am Tag des Kampfes gesehen hatte. Damals hatte er John Smith begnadigt. Begnadigt für eine Tat, die Thomas begangen hatte.

Ob Pocahontas den Stamm je darüber aufgeklärt hatte, dass Thomas an der Verletzung des Kriegers Schuld war und nicht John?

Besagter Krieger trat nun vor den Stamm und begann mit klarer, ruhiger Stimme zu sprechen. Es dauerte nicht lange, da bekam er lauten Beifall vom Dorf. Alle wandten sich dem Häuptling zu und auch Thomas blickte bangend zu dem Mann. Man hatte ihn doch wohl nicht gesund gepflegt, um ihn nun hinzurichten? Und was, wenn an ihm sinnbildlich Rache genommen werden sollte, für alle Krieger des Stammes, die von den Siedlern getötet worden waren? Oder was, wenn sie Thomas als Spion für ihren nächsten Feldzug gegen Jamestown ausnutzen wollten?

Thomas hielt den Atem an, als der Häuptling langsam von seinem Platz aufstand und die Arme ausbreitete. Seine Worte, die nun folgten, verstand Thomas nicht, doch der Häuptling bekam als Antwort einige zustimmende Schreie und wildes Fußgestampfe. Der Krieger (insgeheim nannte Thomas ihn seinen Krieger) nickte zufrieden, packte Thomas am Oberarm und zog ihn von der Versammlung fort. Seine kräftige Hand umfasste beinahe Thomas ganzen Bizeps und dirigierte ihn mit einer stählernen Sicherheit durch das Dorf auf eine Hütte zu. Thomas hatte nicht die Kraft, sich zu wehren und ließ sich widerstandslos in die Hütte schubsen.

Angst bekam er erst, als er sah wie sein Krieger ebenfalls die Hütte betrat und den Eingang hinter sich verschloss. Er schenkte dem jungen Engländer allerdings keine Beachtung, sondern kramte in einem der Körbe, die an der Wand standen. Offensichtlich fündig geworden, setzte er sich im Schneidersitz hin und begann über seinen Schoß gebeugt konzentriert zu arbeiten.
Möglichst geräuschlos ließ Thomas die Luft aus seinen Lungen, von der er erst jetzt bemerkte, dass er sie angehalten hatte. Neugierig, aber vorsichtig trat er näher an seinen Krieger heran und sah ihm bei der Arbeit zu. Auf einem Stück Leder lagen verschiedene Pfeilspitzen aus Knochen und Geweih. Die passenden Pfeilschäfte und Federn lagen auf zwei weiteren Stücken Leder verteilt. Der Indianer schien völlig eingenommen von seiner Arbeit. Methodisch drehte er die Pfeilspitzen in seiner Hand, schnitzte die Federn zurecht und fügte alle Teile zu einem vollständigen Pfeil zusammen. Unschlüssig stand Thomas daneben. Nach dem zweiten Pfeil beschloss er, dass er seinem Krieger genauso gut im Sitzen bei der Arbeit zusehen konnte. Der Krieger ließ sich nicht anmerken, dass er Thomas sah, bis er zwei weitere Pfeile in konzentrierter Stille hergestellt hatte. Zum ersten Mal ruhten seine kräftigen Hände auf seinen noch viel kräftigeren Oberschenkeln. Seine Schultern hoben und senkten sich in einem beruhigenden, regelmäßigen Rhythmus, sodass Thomas kurz dachte, er wäre eingeschlafen.
Doch dann traf sein Blick auf den des Indianers. Intelligente, braune Augen trafen auf verunsicherte sturmgraue.
Der Indianer hob die rechte Hand und legte sie an seine Brust. „Kocoum“, sagte er mit ruhiger Stimme. Und dann wiederholte er die Silben. „Ko-co-um.“
„Kocoum“, wiederholte Thomas laut, was ihm ein zufriedenes Nicken bescherte.
Und weil es wie das Richtige schien, deutete er im Anschluss auf sich selbst. „Thomas“, sprach er Kocoum laut vor. Dieser stieß nur ein Brummen aus und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Entweder er war nicht sonderlich beeindruckt von Thomas Namen oder er hatte ihn nicht verstanden. Doch bevor der junge Engländer entmutigt wurde, hielt Kocoum ihm eine Feder und die kleine Steinklinge hin, mit der er die Federn für die Pfeile zugeschnitzt hatte. Thomas ergriff beides, setzte die Klinge am Kiel an und schnitt die Feder zurecht. Dafür erntete er ein zustimmendes Brummen. Kocoum nahm ihm die Feder aus der Hand hielt sie in die Höhe und überprüfte sie von allen Seiten. Seine Haut war warm und rau. Ein leichter Schauer durchfuhr Thomas bei dem Gedanken wie der Rest des indianischen Kriegers sich wohl anfühlte und er zwang seine Gedanken zu stoppen. Gerade als Kocoum ihm zeigen wollte, wie er die Federn in den Schaft kleben sollte, öffnete sich die Tür ihrer Hütte und die beiden wurden für einen Moment vom Sonnenlicht draußen geblendet, ehe die Tür wieder zufiel und es dunkler wurde.
Pocahontas stand am Eingang. Thomas hatte sie seit dem Tag der Schlacht nicht mehr gesehen und war sich nicht sicher gewesen, ob ihr die Flucht gelungen war oder ob auch sie eins der Todesopfer an dem Tag geworden war.
Kocoum und Pocahontas tauschten einige Worte aus, doch die Unterhaltung blieb kurz. Thomas war überrascht, als Kocoum aufstand und die Hütte verließ. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Pocahontas für ihn gekommen war.
Sie setzte sich gegenüber von Thomas hin und warf ihm einen langen Blick zu. „Du bist anders als die anderen Bleichgesichter“, bemerkte sie als erstes und warf ihm erneut einen forschenden Blick zu.
Thomas wusste nicht, was er antworten sollte, war aber dankbar dafür, endlich jemanden seine Sprache sprechen zu hören.
„John sagte mir an jenem Abend, dass du nur auf Kocoum geschossen hast, um ihm das Leben zu retten. Nicht, weil du Kocoum töten wolltest. Ist das wahr?“
Unruhig rutschte Thomas auf seinem Platz hin und her und nickte schließlich.
„Es tut mir leid“, sprach er leise und erschreckte sich über den rauen Klang seiner Stimme. „Ich wollte nur John beschützen. Aber jetzt ist er doch tot.“
Beide schwiegen in gemeinsamer Trauer um einen geliebten Menschen, der ihnen zu früh genommen wurde. Und in dieser gemeinsamen Stille, wuchs ein Band zwischen ihnen. Ganz zart bloß, doch Thomas meinte es spüren zu können, als er Pocahontas das nächste Mal in die Augen sah.
„Was mache ich hier, Pocahontas? Wieso habt ihr mich gerettet? Ich habe doch alles kaputt gemacht!“ Bei den letzten Worten brach seine Stimme und er bohrte seine Fingernägel der rechten Hand in seinen Oberschenkel und starrte zu Boden.
„Wieso habt ihr mich nicht sterben lassen?“
Die Frage schwebte zwischen ihnen. Pocahontas ließ sich Zeit mit einer Antwort. Suchte nach den richtigen Worten in seiner Sprache.
„Kocoum und du haben einen gemeinsamen Weg zu gehen. Erst hast du ihn beinahe getötet. Dann hat er dich im Wald gefunden und dir das Leben gerettet.“
Thomas sah auf. „Was meinst du mit einem gemeinsamen Weg? Was will er von mir?“
Doch sie schüttelte bestimmt den Kopf. „Kocoum hat dein Leben gerettet. Es gehört nun ihm.“
„Was heißt das?“
Sie hatte Schwierigkeiten den nächsten Satz zu formulieren. „Das heißt er ist nun für dich verantwortlich. Wie für … Familie.“
Verzweifelt ließ rieb Thomas mit seinen Händen über sein Gesicht, als könnte er die Sorgen damit vertreiben. „Das verstehe ich nicht.“
Er sah auf, als er eine federleichte Berührung an seinem Oberarm spürte. Tröstend strich Pocahontas ihm über den Arm, ehe sie sich wieder hinsetzte. In ihren Augen war eine tiefe Trauer zu sehen. „Irgendwann wirst du es.“
Abermals entstand eine Pause zwischen den beiden, in der Thomas versuchte, das Gesagte zu verdauen.
„Nicht jeder war einverstanden als Kocoum dich ins Dorf brachte“, deutete Pocahontas vorsichtig an und holte Thomas damit aus seiner Gedankenwelt zurück. „Er hat sehr unter seiner Verletzung gelitten. Er konnte nicht beim Krieg dabei sein und seinen Stamm verteidigen.“
Thomas dachte nach. Der junge Krieger hatte sich vor ihm nichts anmerken lassen, doch was Pocahontas ihm erzählte, ergab Sinn. Ein Krieger, der nicht kämpfen konnte und dann auch noch den Feind ins Lager brachte. Sein Ruf musste einen schlimmen Schaden davongetragen haben.
Pocahontas berührte seine Hand nachdrücklich und zwang Thomas so dazu, ihr erneut in die Augen zu sehen. „Es ist wichtig, dass du ihm hilfst. Ihr seid jetzt Familie.“
„Heißt das, ich bin kein Gefangener? Kann ich gehen, wenn ich das möchte?“
Pocahontas wich seinen Fragen aus.
„Thomas, wieso warst du verletzt im Wald? Die Männer sagten, es seien keine Kriegswunden an deinem Körper.“
Heiß überflutete die Scham Thomas Gesicht und er merkte, wie seine Haut rot anlief. Er setzte an zu sprechen, doch dann stockte er und bohrte erneut seine Fingernägel in sein Bein.
„Wieso haben deine Brüder dich geschlagen?“, drang Pocahontas Stimme sanft an sein Ohr und sie nahm seine Hand in ihre. Wieso nannte sie sie nur seine Brüder? Wieso tat das nur so weh?

 

Nicht weinen.

Nur nicht weinen.

 

„Ich wollte nicht kämpfen. Ich wollte keinen Krieg mehr.“ Thomas presste die Kiefer zusammen und kämpfte mit den Tränen.
„Also hast du niemanden aus meinem Stamm getötet oder verletzt?“
Thomas schluckte einen großen Kloß in seinem Hals runter und schüttelte vehement den Kopf.
„Nur Kocoum.“
Thomas griff Pocahontas Hand und sah in ihre traurigen braunen Augen. „Es tut mir unglaublich leid. Kannst du das Kocoum bitte sagen? Ich wollte das alles nicht.“
Sie drückte seine Hand kurz, entzog sie ihm und stand auf. „Du musst jetzt deinen eigenen Weg gehen, Thomas.“ Mit diesen Worten verließ sie die Hütte und ließ Thomas allein mit seinen Gedanken zurück.
Stunden vergingen. Thomas traute sich nicht aus der Hütte heraus. Irgendwann wurde es dunkel. Müde legte Thomas sich auf die Schlafstatt und entglitt in das Reich der Träume.
Er erwachte als sich etwas neben ihm in den Fellen bewegte. Noch halb im Schlaf, begriff Thomas erst nicht wo er war, wann er war. Ein Bein streifte ihn und er erstarrte. War das … Kocoum neben ihm im Bett?
Sein Herz begann auf einmal schneller zu klopfen. Das war nicht richtig. Zwei Männer hatten nichts zusammen in einem Bett zu suchen. Wenn Kocoum ihn ins Dorf gebracht hatte und die Heilerinnen Thomas Körper gesehen hatten … wusste Kocoum dann nicht über Thomas Bescheid? Wieso würde der Indianer mit diesem Wissen ein Bett mit Thomas teilen? Nichts an seinem Verhalten ergab Sinn.
Vorsichtig, um den anderen Mann nicht zu wecken, glitt er an der Seite aus dem Bett. Ohne den Schutz der Felle, war die Nacht sehr viel kühler. Fröstelnd hockte Thomas sich neben das Bett und umschlang seine Beine mit seinen Armen. In dieser Position schlief er wieder ein.