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Nach Dir, da kommt Keine

Summary:

So lange, wie man sich kennt, man sich liebt, dauert es, bis man merkt, dass die Gefühle sich verändert haben.

Notes:

Titel und Songtext aus Für Äni von Lara Hulo.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Ich mag die starke Frau, die lacht, wenn sie unter Menschen ist

Und das Mädchen, das auch weint, weil sie unter einem zerbricht

Dass Du hier bist, trotz Vergangenheit, ist für mich ein Geschenk

 

Wo war der Anfang nochmal?

 

Es waren immer die beide gewesen, unzertrennlich; Outfits die zueinander passten und Getuschel in ihrer eigenen Geheimsprache. Sie waren die Prinzessinnen auf dem Schulhof und herrschten über den Rest ihrer Klasse. Ihr Thron war der während den Pausen am begehrtesten Picknicktisch, der halbwegs im Schatten stand und nur zwei Flecke hatte, wo Vogelkot vertrocknet war.

Auf diesem Tisch hatten mehrere Generationen Kinder ihre Namen verewigt; auch sie hatten an einem warmen Frühlingstag in der fünften Klasse mit einem Teppichmesser aus dem Kunstunterricht ihre Initialen J + M ins Holz geschnitzt.

 

Natürlich gab es auch einen Anfang, wo Jacky noch nicht Miri gekannt hatte. Sie waren zusammen in der zweiten Klasse gewesen. Am ersten Tag gab Frau Gelbers ihnen die Aufgabe gegeben, dass sie alle an die Tafel gehen und sich vorstellen sollten, wenn sie ihre Namen auf der Anwesenheitsliste hörten.

„Fritsche, Jacqueline“ war aber damals in dieselbe Klasse gekommen als Nika Langel von Nebenan und hörte nach dieser schon nicht mehr zu, als „Meier, Miriam“ aufgerufen wurde. Aber drei Wochen später bekam Jackys neues Lieblingskleid Dreck ab, ganz bestimmt aus Rache dafür, dass sie am Wochenende nicht mit Nika spielen wollte. Diese Pause war damit das Aus von der engen Beziehung mit Nika und der Anfang von etwas… einfach unbeschreibliches mit dem braunzopfigen Mädchen, das Jacky danach ansprach.

 

Natürlich gab es einen Anfang, aber wo war er nochmal?

War er schon damals in der sechsten Klasse, als Miri zum x-ten Mal bei ihr übernachtete und sie bis elf Uhr nachts über Jungs tuschelten, als Jacky sich laut wunderte, wie Küssen sich wohl anfühlte und Miri vorgeschlagen hatte: „Warum üben wir das nicht jetzt?“

Also übten sie es.

Auf Jackys pinke Steppdecke übten sie, wie man sich vorbeugte und nicht mit dem Kopf zusammenstieß. Stirn an Stirn gelehnt übten sie, wie man die Lippen gegen die eines anderen presste. Sie übten, wie man die Nase aus dem Weg behielt, während man sich wie Puzzleteile zusammenordnete. Sie übten, wie man nicht mit den Zähnen aneinander kam. Sie übten, wie es war, den Mund eines anderen zu entdecken.

War das der Anfang?

 

Oder war er an jenem verhängnisvollen Sommertag, wo eine unermessliche Gefahr in ihre Schule erschien, und sie und ihre Mitschüler, über denen sie zuvor herrschten, alle auf einmal Geiseln wurden?

War er da in den Stunden, wo sie Schulter und Schulter ihren schwarzbekleideten Entführern gegenüberblicken mussten? War er schon da, als Jacky den Kopf voll mit einem imaginären Helden hatte?

Oder war er da, als Jacky geflohen war, um Hilfe zu holen, während Miri die Hoffnung nicht aufgab? War er da, als die Rettung scheiterte und sie sich gegenseitig trösten mussten?

War er da, als sie endlich den Mut zusammennahmen, um sich selbst zu befreien?

 

War der Anfang an dem Oktobertag, wo Jacky zum ersten Mal das Herz gebrochen wurde?

War er da, als Miri die Wahrheit nicht über die Lippen bringen konnte, weil es Jacky so wehtun wurde? War er da, als Jacky zusah, wie Miri sich mit jemand anderem fand, von dem sie sich nie hätte vorstellen können, dass sie sich jemals zusammenfinden würden?

 

Oder kam der Anfang noch später, nachdem sie den Schulabschluss hinter sich hatten und wie schon lange besprochen aus dem Haus ihrer Eltern zusammenzogen, als es schon am ersten Abend, wo ihre Kartonkisten durch die gesamte Wohnung verstreut waren, nach Zuhause fühlte?

Oder war der Anfang drei Monate später, als Jacky mit unglaublichen Schmerzen während des Abendessens zusammengebrochen war und Miri sie ins Krankenhaus gebracht hatte, ihre Hand gehalten hatte als sie stundenlange in der Notaufnahme gewartet hatte, nicht von ihrer Seite gewichen war als sie schließlich um drei Uhr nachts ein Bett bekam und sie dann nach der knappen Erklärung des Arztes und den Ratschlägen der Krankenschwestern über Eierstockzysten am nächsten Morgen nach Hause gefahren hatte?

War der Anfang da, als Miri die Arbeit ausfallen ließ, Jacky Ibuprofen, Warmwasserflasche und gezuckerten Kamillentee besorgte und einen Kuss auf die Wange gab, als ob es das Selbstverständlichste der Welt war? Oder war er später, als sie sich zusammen auf der Couch kuschelten, um eine Romcom zu gucken, aber Jacky den Blick von Miri nicht wenden konnte?

Oder war er ein paar Wochen später, als sie in den Berliner Nachtclubs Jackys Besserung feierten und ein Blitz voller Eifersucht Jacky jedes Mal durchzuckte, wenn ein anderer Typ mit Miri tanzte?

 

Jacky wusste nicht mehr, wo der Anfang war.

Sie wusste nur, dass Miri der Anfang war. Außerhalb ihrer Familie war Miri die erste Person, die sie so innig liebhatte, so tief liebte. Miri war die erste Person, den sie jemals ihre Zukunftsträume anvertraut hatte. Und wenn immer man sie fragte, mit wem sie diese Träume verwirklichen wollte, war Miri ihre erste Wahl.

 

Jedenfalls war der Anfang nicht dort an dem Sommertag, wo die sechsjährige Jacky ihren Eltern gefragt hatte, weshalb diese Leute so knapp und so bunt bekleidet waren (an der exakten Wortwahl konnte sie sich nicht mehr erinnern).

Ihre Mutter hatte nur diese wilden Leute verspottet und ihr Vater hatte ihr eine kurze Erklärung vermittelt, dass diese Menschen auf die Straßen gingen, weil sie es nicht überall dürften. Weshalb das genau war, war Jacky dennoch nicht klar gewesen (mehrere Jahre lang war sie empört gewesen, dass diese Leute auf die Straße gehen mussten, weil sie nicht regenbogenfarbige Kostüme tragen durften).

Das erste Mal, dass Jacky zwei Männer küssen sah, war sie als Neunjährige in einer fast-leeren U-Bahn mit ihren Eltern unterwegs, und der Ansicht hatte sie irgendwie mulmig gemacht. Als sie ihren Eltern darüber berichtete, wollte ihre Mutter sofort die Männer anschimpfen, aber ihr Vater hatte ihr dieses Mal zurechtgewiesen ‒ Jacky ekelte sich schon, wenn ihre Eltern sich küssten, aber es war ganz normal, demjenigen zu küssen, den man liebte.

Erst, als Jacky zehn war, begriff sie, dass Frauen nicht immer Hände hielten, weil sie eng befreundet waren und dass dies nicht überall angesehen wurde. Sie und Miri mussten danach darum lachen, wie blöd man wohl sein musste, um nicht zu kapieren, dass sie offensichtlich beste Freundinnen waren.

Erst, als sie und Miri versehentlich auf Tobi mit einem Jungen auf einer Party stießen, fiel Jacky ein, dass die Männer in der U-Bahn damals wahrscheinlich nicht einmal Männer gewesen waren, sondern so alt, wie sie jetzt war.

Im Laufe der Zeit waren sie und ihre Klassenkameraden da rausgewachsen, sich homo- oder transphobe Beleidigungen gegenseitig an den Kopf zu knallen und homophobe Witze von sich zu geben. Desto älter sie wurden, desto bunter wurde der Freundeskreis ‒ Freunde, die ihre eigene Identität entdeckt hatten und es auch den anderen anvertrauten, und Freunde, die noch dazukamen. Nach mehreren Jahren stellte Leo irgendwann Jacky die Frage: „Und was ist mit euch?“

 

In der siebten, als man noch darüber witzelte, hatten Jacky und Miri nichts als Sprüche für Mädchen übrig, die sich küssten. Dass sie es auch mal untereinander gemacht hatten, das zählte nicht, denn das war nur zur Probe.

Als der Begriff „Homo-Ehe“ mehr und mehr durch die Medien kursierte, besann sich Jacky immer wieder an dieser Zeit. Sie musste sich fragen, da die Jahre ihre Erinnerungen verschwommen hatte, was die Probe gewesen war: wie es war, mit jemand anderem zu sein, oder wie es war, mit Miri zu sein?

 

Wenn sie sich so lange und so tief kannten, wie konnte man überhaupt von einem Anfang sprechen?

Wenn sie so nahe aneinander aufgewachsen waren, wie konnte Jacky überhaupt beurteilen, wo sie endete und Miri begann? Und umgekehrt?

Sie würden alles für einander tun, ohne zu fragen; alles für einander geben, weil alles, was Jacky hatte, auch Miris war.

Wie konnte man sagen, dass die Liebe mit dem Romantischen anfing? Wie konnte man sagen, dass die Freundschaft von damals in den Schulpausen dieselbe Liebe war, die Jacky für Miri heute spürte?

 

Jacky wusste nicht, wo der Anfang war; sie waren einfach mittendrin.

Sie waren schon mittendrin, als sie der beschwipsten Miri die Haare vom Gesicht hielt, während diese sich über ein Klobecken in einer von Graffiti beschmierten Kabine übergab, und als Jacky ihr sanft über den Rücken strich, murmelte sie „Ich liebe dich“ vor sich hin.

Sie waren schon am verkaterten Morgen danach mittendrin, als sie ihr ein Glas Wasser in die Hand mit den Worten „Ich dich auch“ drückte.

Sie waren schon mittendrin, als sie im Bett miteinander waren wie sie es nie gewesen waren; sie waren mittendrin, als sie vom Radio abgelenkt das Kochen vergaßen und durch die kaum 50 quadratmeterflächige Wohnung tanzten, bis der Feuermelder Alarm schlug. Sie waren schon mittendrin, als sie Hände haltend durch die Stadt schlenderten, durch die Welt reisten, den Heimweg zueinander einschlugen.

 

Ich hab keine Angst vor der Zukunft mit Dir

Ich habe nur Angst, Dich als Mensch zu verlieren

Ich will Dich, ich will Dich, ich will Dich

Trotz all Dein Gepäck, und ich hilf Dir beim Tragen

Wenn Du manchmal fällst

Notes:

Danke fürs Lesen!
Die zwei geben mir halt volle Queer-Vibes, aber genau auf dieser Weise, wo man das häufig als 'die sind doch nur befreundet' abtut. Und wenn man sich so ähnlich ist, wenn man sich so lange kennt, kann es lange dauern, bis man es sich selbst bewusst ist.
Ich muss gestehen, ich bin nicht ganz mit den Anspielungen auf den Momenten von der Serie zufrieden... vielleicht überarbeite ich das mal irgendwann.
Und das Lied wollte ich auch irgendwie einbauen, und diese Idee von, es gibt keine andere... man muss das aber für sich selbst begreifen und wie das vielleicht aussieht, das war was ich herausfinden wollte... Und dieses Lied ist eins für alle Zeiten. Queere Freude, immer. :) Besonders, wenn's schwierig wird.