Chapter Text
Die Dunkelheit des Verlieses war beinahe greifbar.
Feuchte Erdwände, karger Boden, ein flackerndes Licht, das durch eine einzige Fackel an der Decke geworfen wurde und lange, verzerrte Schatten über die Wände tanzen ließ. In der Mitte des Raumes kniete das Mädchen, ihr schmaler Körper bebte, ihre Hände lagen auf dem kalten Stein, als könnten sie ihr irgendeinen Halt geben. Ihre Wangen waren nass, ob von Tränen oder Schweiß, ließ sich kaum noch unterscheiden.
„Du hast so lange gekämpft.“ Die Stimme der alten Frau hallte durch den Raum. Sanft. Fast mitfühlend.
Ein Klacken begleitete ihre Schritte, als sie näherkam, der Stock in ihrer Hand stützte sie bei jedem gemessenen Tritt, und doch war da nichts Gebrechliches an ihr. Ihr Rücken war gerade, ihre Augen ruhig, ihr Lächeln wissend.
„Aber wofür, mein Kind?“ Das Mädchen zitterte. Sie hörte schreie, aber niemand schrie mehr.„Nein…“ Ihre Stimme war brüchig, schwach, als wäre jedes Wort eine Anstrengung. „Nein, das stimmt nicht…“ Die Alte neigte leicht den Kopf zur Seite, fast, als wäre sie amüsiert. „Du weißt es bereits. Tief in dir hast du es längst erkannt.“
Sie kam noch näher, ließ sich langsam vor dem Mädchen nieder, bis sie mit ihr auf Augenhöhe war. „Sag mir, warum weinst du?“ Die Stimme des Mädchens versagte. Sie keuchte, presste die Augen zusammen, ihre Finger krallten sich in den Stein. Sie hörte seine Stimme, wo keine mehr war.
„Es ist schwer, nicht wahr?“ Die Alte legte sanft eine knochige Hand auf ihre Schulter. „So viel Widerstand. So viel Schmerz. Und wofür? Was hast du gewonnen?“ Das Mädchen wollte sich losreißen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach. Sie sah sein Blut, doch war es längst verblasst.
Die Alte beugte sich näher. „Du weißt, dass ich recht habe.“ „Nein…“ Ein heiseres Flüstern. „Doch.“ Das Lächeln in der Stimme der Alten war sanft. Warm. „Er hat dich belogen, mein Kind. Er hat dich benutzt.“ Das Mädchen atmete schwer. Spürte den Schmerz, der seiner gewesen war.
„Erinnerst du dich?“ Die Alte sprach weiter, ruhig, unaufhaltsam, als wäre ihre Stimme ein beständiger Tropfen, der langsam, unaufhörlich einen Stein aushöhlt. „Wie er dir sagten, dass du wichtig bist. Dass du einen Platz hast. Dass er dich liebt.“ Die Worte schnitten tiefer als jede Klinge. „Aber wo ist er jetzt?“
Das Mädchen begann zu zittern. „Warum ist er nicht hier?“ Die Alte beugte sich noch näher. „Weil du für ihn nie mehr als ein Werkzeug warst.“
„Das… das ist nicht wahr…“ Doch ihre Stimme verlor den Kampf gegen das Zittern in ihrem Körper. Die Alte legte sanft eine Hand an ihre Wange, wischte eine Träne fort. „Natürlich ist es das.“ Das Mädchen rang nach Luft. Die Mauern, die sie so verzweifelt aufrechterhalten hatte, begannen zu bröckeln. „Er hat mich geschickt, weil es ihm egal war, ob du stirbst.“
Die Worte waren eine Klinge, die immer tiefer drang. „Er wusste, dass du scheitern würdest.“ „Nein…“
„Und doch hat er mich geschickt.“
Das Mädchen begann zu wimmern. „Warum?“ Die Alte ließ ihre Stimme noch sanfter klingen. „Warum sollte er das tun, wenn er dich liebt?“ Das Mädchen presste die Hände an ihre Ohren. „Schluss…“
„Weil er es nie getan hat.“ Ein Schluchzen entkam ihrer Kehle. Die Alte zog sich zurück, richtete sich langsam wieder auf. „Lass es los, mein Kind.“ Ihr Stock klackte auf den Boden, während sie ein paar Schritte zurücktrat. „Es wird so viel leichter sein, wenn du aufhörst zu kämpfen.“ Das Mädchen schnappte nach Luft, ihr Körper sackte nach vorne, bis ihre Stirn den kalten Stein berührte.
Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen. Und mit jeder einzelnen wich der Widerstand in ihr ein Stück mehr. Die Alte beobachtete sie, geduldig. Sie hatte Zeit. Die Stille war schwer.
„Er hatt mich belogen…“ Die Worte kamen erstickt, zerbrochen. Die Alte lächelte. „Ja, mein Kind.“ Das Mädchen schluchzte, ihre Schultern bebten, während sie sich zusammenkrümmte.
„Er… er habt mich belogen…“ Wiederholte es. Flüsterte es. "Er hat mich belogen."
