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Manfred zählt seit drei Jahren zu von Reinhartz’ Falken und hat bereits einen Jahreswechsel, zwei Weihnachten und zwei Osterfeste an Bord von U-822 verbracht – er weiß, dass der Kapitän ein gutes Fest an Bord ermöglicht, mit Musik und Dekoration, Bier für die Mannschaft und einem guten Festessen, nach Möglichkeiten der Kombüse. So ist es am 31. Dezember 1942 nicht anders. Sie sind irgendwo mitten im Atlantik, meilenweit das einzige menschengemachte Ding, eine der Platten des Funkers schallt durch das Boot, fast übertönt vom Gelächter und Gerede der Mannschaft. Selbst die drei SS-Fatzken, die man ihnen ins Boot gepackt hat, können Manfreds gute Stimmung nicht trüben, vor allem nicht, wenn Wilhelm bei ihm ist.
“Und, schon Vorsätze fürs neue Jahr?”, fragt Wilhelm mit einem frechen Grinsen, die halbleere Bierflasche in der Hand.
“Den scheiß Krieg hinter uns bringen”, sagt Manfred, “vielleicht Paris sehen, den Eiffelturm!”
Mit dir, denkt er und er weiß, dass Wilhelm ihn versteht, wenn das weiche Lächeln irgendetwas zu bedeuten hat. Und das hat es, das weiß er, dafür kennt er ihn gut genug, liebt er ihn lang genug.
Fast drei Jahre verstecken sie sich schon, achten an Bord darauf, dass keine Berührung als irgendetwas anderes als kameradschaftlich ausgelegt werden könnte, dass sie genauso viele Weibergeschichten zum Besten geben. Bei Landgang sieht das alles anders aus. Manfred hat eine kleine Bude in La Rochelle, in der Wilhelm seit einem Jahr als sein Untermieter gemeldet ist, raus aus den Mannschafts-Schlafsälen am Stützpunkt. In seiner Wohnung – ihrem Zuhause – können sie so frei mit ihren Berührungen, Küssen, Blicken sein, wie sie wollen.
“Paris klingt gut”, sagt Wilhelm und nimmt einen großen Schluck von seinem Bier. Er zwinkert ihm zu, die Augen glänzen mit Schalk. “Stadt der Liebe! Hast du etwa vor, dein Herz zu vergeben, Manni?”
Manfred grinst und hebt seine eigene Flasche zum Mund, trinkt. “Wäre schon langsam Zeit, sesshaft zu werden, für U-Boot-Fahrer bin ich ja schon ein alter Mann, ne?”
Wilhelm grinst. “Graue Haare kriegst du auch schon!”
Manfred streckt das Bein aus, um ihn zu treten. Wilhelm weicht aus und lacht, und muss direkt noch einmal lachen, als Jürgen aus dem Maschinenraum über Manfreds Bein stolpert.
“Samma, haste mir grad’n Bein gestellt?”, echauffiert der sich sofort und baut sich vor Manfred auf, breiter und größer als er.
Manfred hebt die Hände. “Nein, Mann, wollte nur Wilhelm treten, ich schwör’s dir.”
Jürgen schnaubt und zieht weiter, Wilhelm prustet sofort wieder los und Manfred tritt noch einmal, trifft dieses Mal.
“Jürgen ist gebaut wie’n Ochse, willst du, dass er mich vermöbelt?”, fragt Manfred anklagend, aber grinsend.
Wilhelm zuckt mit den Achseln. “Darf ja nicht langweilig an Bord werden.”
“Arschloch.”
“Selber.”
“Noch 10 Sekunden!”, brüllt der Kapitän von vorne und Manfred umklammert seine Flasche. Gleich ist 1942 vorbei, gleich. Vielleicht ist 1943 der Krieg zu Ende. Vielleicht kann er nach Hause nach Düsseldorf, mit Wilhelm, oder irgendwoanders hin, neu anfangen, vielleicht sogar in einem Land, in dem sie nicht dafür verknackt werden, dass sie statt ‘ner Frau lieber ‘nen Kerl im Bett haben. Diesen einen Kerl, um genau zu sein.
Wilhelm stellt seine Flasche beiseite und rollt die Schultern. Manfred runzelt die Stirn. Noch sechs Sekunden.
“Was hast du vor?”, fragt er.
Wilhelm grinst nur und zwinkert ihm verschwörerisch zu.
In dem Moment schlägt die Uhr Mitternacht und bevor Manfred in den Jubel mit einstimmen kann, umschließen warme, raue Hände sein Gesicht und Wilhelm zieht ihn an sich, abrupt genug, dass Manfred stolpert, aber der Laut der Überraschung, der ihm dabei entweicht, wird von Wilhelms Mund verschluckt, als der ihn vor versammelter Mannschaft küsst.
Manfred will erstarren vor Schreck, aber er kann Wilhelm nicht wegstoßen, nicht, wenn er seit Wochen nicht seine Lippen auf seinen eigenen gespürt hat, ihm seit Wochen nicht so nah war wie jetzt, Brust an Brust, verbunden von den Lippen bis zu den Zehenspitzen.
Die Männer um sie herum johlen, sie sind entweder abgelenkt von den Feierlichkeiten oder sehen den Kuss als das, worauf Wilhelm vermutlich gepokert hat – einen Neujahrskuss, eine Tradition, nichts, mit tieferer Bedeutung.
Was es wirklich bedeutet, wissen nur sie beide.
Manfred wäre dumm, wenn er sich diese Chance entgehen lässt. Er schiebt eine Hand in Wilhelms Nacken und die andere an seine Taille, und küsst ihn zurück, lässt sich von Wilhelm mitziehen und kann nicht glauben, dass er das gerade wirklich tun darf.
Wilhelm lacht gegen seinen Mund und Manfred muss glucksen, stiehlt noch einen Kuss, und dann noch einen, noch einen, und niemand brüllt sie an, zerrt sie auseinander. Ihm ist schwindelig vor Aufregung, vor Angst, vor Glück.
“Sucht euch ein Zimmer!”, johlt Grund und da lösen sie sich, auch wenn es schwerer ist als die scheiß Torpedos, die sie hier Tag für Tag stemmen.
Wilhelm strahlt, die Lippen rot und feucht-glänzend, und Manfred würde ihn am Liebsten nochmal küssen.
“Frohes Neues, Manni”, sagt Wilhelm und Manfred schlingt seinen Arm enger um seine Taille, zieht ihn an sich heran, Seite an Seite, wie es auch Kameraden tun würden. Wilhelm trägt nur ein Unterhemd, er spürt die Wärme seiner Haut durch die dünne Schicht Stoff, und wenn er die Augen kurz schließt kann er sich fast vorstellen, er hätte Wilhelm in seiner kleinen Bude in La Rochelle, schlafwarm auf der schmalen Matratze neben ihm.
“Frohes Neues”, sagt er und widersteht der Versuchung, Wilhelm auf die Schläfe zu küssen, ihn eng an sich zu ziehen und nie wieder loszulassen.
Wilhelm schlingt einen Arm um seine Schultern und brüllt etwas nach vorne, er bekommt zwei Bierflaschen gereicht, und niemand, nicht eine einzige Person, schaut sie beide schief an.
Manfred nimmt den Arm die nächste Stunde nicht von Wilhelms Taille. Es sieht aus, als würde er seinen Kameraden stützen oder einfach mit einem Kameraden das neue Jahr feiern. Gott, Manfred will nicht, dass es endet, dieser Neujahrszauber.
Manfred sollte schlafen. Ein Blick auf seine Uhr verrät ihm, dass es sechs Uhr in der Früh ist und er muss um acht Uhr rauf auf die Brücke für die Wachschicht.
Wilhelm hat ihn vor versammelter Mannschaft geküsst. Niemand hat etwas gesagt, alle zu besoffen und gut gelaunt, um einen Neujahrskuss ernsthaft zu kritisieren. Noch kein einziges Mal zuvor haben sie sich außerhalb seiner kleinen Wohnung gewagt überhaupt übermäßig zu berühren, geschweige denn zu küssen. Ein paar Mal sind sie im Sommer aus der Stadt raus gewandert, mit Picknick im Gepäck, und haben es meilenweit vom nächsten Ort entfernt, verborgen von Wald und Dickicht, gewagt, sich zu küssen, immer kurz und immer mit der Angst, jemand könne sie doch entdecken.
Manfred liebt seinen Mann. Wilhelm mit seinem schelmischen Grinsen und der spitzen Zunge, den glatten Wangen, an denen Manfred seinen Bart reibt, um ihn zu ärgern, den langen Fingern und dem federgleichen Haar. Aber er hatte nie den Wunsch, diese Liebe nach außen zu zeigen, nicht, wenn es sie den sicheren Tod oder das Arbeitslager bringen würde. Aber heute hat er Blut geleckt. Wie es sein könnte.
Wilhelm hat das neue Jahr mit einem Kuss eingeläutet, genau dort, wo sie sich das erste Mal getroffen haben, an Bord von U-822, und es war ein stummes Versprechen, ein stillschweigendes Liebesgeständnis, dass Manfred ihm das Risiko wert ist, dass sie auch 1943 gemeinsam bestreiten werden.
Aber er hat damit eine Grenze überschritten, die Grenze zwischen Wilhelm und Manfred, dem Paar in der kleinen Bude in La Rochelle, und Stein und Kuhn, den Torpedomechanikern von U-822. Die öffentlichen Zuneigungen haben sie immer zuhause gelassen, reiner Selbsterhalt; diese strikte Trennung hat bisher gut funktioniert, aber heute Nacht hat Wilhelm sie aufgebrochen, mit einem lauten Ratsch, wie eine alte, nachgiebige Naht.
Manfred könnte die Naht wieder zusammenflicken. Sicher.
Aber er will nicht.
Manfred seufzt und wälzt sich auf die andere Seite, erhascht einen Blick auf Wilhelm in der Koje gegenüber. Er runzelt die Stirn, wenn er schläft, so auch jetzt und Manfreds Finger zucken mit dem Bedürfnis, die Falten zu glätten, so wie er es immer zuhause tut, wenn er vor Wilhelm aufwacht. Er weiß genau, wie warm Wilhelms Haut im Schlaf ist, wie er zuckt, bevor er aufwacht, wie er immer erst einmal die Fingerknöchel knackst, noch bevor er die Augen aufschlägt.
Manfreds Brust zieht sich eng zusammen. Er will das. Wilhelm in seinen Armen, jeden Morgen. Er will endlich runter von diesem Scheißkahn und seinen Partner länger als zwei Wochen Landgang für sich haben, und nicht drei Viertel des Jahres darum fürchten, in diesem Stahlsarg zu ertrinken.
Denn dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen wird, das spüren die meisten von ihnen. Immer mehr ihrer Kameraden saufen ab, der Eintritt der Amis hat das Gleichgewicht zwischen Achse und Alliierten gestürzt, zu ihren Ungunsten. Warum ackern sie sich also hier ab? Versenken vielleicht ein Schiff von hunderten, was bringt das schon?
Diese Gedanken sind Volksverrat, Manfred weiß das, und er würde sich hüten, sie jemals laut auszusprechen. Vor allem hier, an Bord, insbesondere mit den SS-Wichsern. Er weiß, dass Wilhelm ähnlich denkt. Wie auch nicht, nach drei Jahren U-Bootkrieg. Es ist ja ein schieres Wunder, dass sie überhaupt noch leben, um solche Gedanken fassen zu können.
Und wo sollten sie schon hin, wenn sie denn die Eier hätten, zu desertieren? Es ist nicht mal ihre Loyalität zur Kriegsmarine. Es geht um ihren Kommandanten. Von Reinhartz ist ein guter Kerl, ein fähiger Kommandant, er ist beliebt bei der Besatzung und in den drei Jahren, die Manfred und Wilhelm schon Teil seiner Mannschaft sind, genießt der Mann ihr unerschütterliches Vertrauen und Treue. Von Reinhartz hat das Beste für seine Mannschaft im Sinn und das lässt sich heute nicht mehr über viele U-Boot-Kommandanten sagen. Sie könnten es sehr viel schlechter haben, wenn man zum Beispiel den Gerüchten über U-612 trauen darf.
Aber trotzdem, wenn sich die Chance ergeben sollte…
Manfred wälzt sich in seiner Koje.
Wenn sich auch nur eine kleine Chance ergibt, dass sie diesen beschissenen Krieg hinter sich lassen und wirklich zusammen sein können, Wilhelm und er, dann würde er sie sofort ergreifen.
Von Reinhartz will das Boot den Amis übergeben und überlaufen. Seinen Teil zum Ende des Kriegs beitragen, dadurch einen Waffenstillstand erzwingen.
Manfred starrt Wilhelm an, während die Stimmen von von Reinhartz und dem SS-Wichser blechern durch die Lautsprecher hallen.
Amerika. Manfred weiß so gut nichts über das Land, aber könnte die Lösung wirklich so nahe liegen?
Wilhelm sieht ihn an und nickt, so zaghaft, dass es auch ein Zucken hätte sein können, aber Manfred weiß es besser. Er nickt zurück.
“Weißt du”, murmelt Wilhelm. “Ich würde den Eiffelturm schon gern sehen, aber die Freiheitsstatue tut’s auch.”
Manfred drückt mit der Schulter an seine und verbirgt sein Lächeln durch seinen gesenkten Kopf.
“Wär’ ich dabei.”
