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In (Un)Sicherheit

Summary:

Die Festnahme von Korvettenkapitän Hinz wegen Sodomie schickt Schockwellen durch La Rochelle. Manche spüren sie mehr als andere.

Chapter 1

Notes:

habe immer noch brainrot von den beiden. Bon appetit

Chapter Text

Konrad sitzt katernd in der Badewanne, bis zum Kinn im heißen Wasser, als Ulrich in seinem Badezimmer auftaucht.

"Hinz wurde festgenommen."

Konrad brummt. Die Nachricht hat in La Rochelle schon die Runde gemacht, dabei ist U-330 erst am Morgen eingelaufen. Er hat es heute bisher nur zur Pharmacie geschafft für ein Kopfschmerzmittel gegen seinen tobenden Kater vom Vortag und das auch erst um 17 Uhr. Und auf dem kurzen Weg und während der Wartezeit in der Apotheke hat er die Neuigkeiten mitbekommen. Irgendwas mit einem Lazarettschiff, das Hinz versenkt hat.

"Wolfram Hinz?", fragt er ohne die Augen zu öffnen. Es ist längst nicht mehr überraschend, wenn Ulrich und er unangekündigt in der Unterkunft des anderen auftauchen, der Weg durch den Innenhof ist schnell und diskret und Konrads Vermieterin zudem noch dement. "Wegen dem Lazarettschiff?"

"Wegen Sodomie."

Konrad öffnet ein Auge. Ulrich steht in der Tür zum Badezimmer, in voller Offiziersmontur, die Mütze unterm Arm und der Kiefer so angespannt, dass es schmerzhaft aussieht. 

Dann war das mit dem Lazarettschiff wohl nicht wahr. Wobei Konrad sich fragt, was bei Flüsterpost schief gehen muss, dass aus "Sodomie" "Lazarettschiff" wird.

"War ja klar", murmelt Konrad und schließt das Auge wieder. "Der konnte die Etablissements nicht meiden, obwohl da die Gestapo kreucht und fleucht wie der Tripper."

"Was?"

"Na, die Schwulen-Puffs." Konrad wedelt mit der Hand. "Hausieren nicht als solche, aber sind's halt."

"Konrad. Mach die verdammten Augen auf."

Etwas in Ulrichs Stimme lässt Konrad die Augen öffnen und er rutscht etwas aufrechter in der Wanne, fröstelt, wo die kühle Luft über seinen wasserwarmen Oberkörper streicht.

"Was?", fragt er.

"Sie haben Hinz festgenommen", sagt Ulrich noch einmal und da ist etwas, wie er seine Mütze mit weißen Knöcheln umklammert und Konrad anstarrt, ohne auch nur einmal auf seinen nackten Oberkörper zu schauen. "Wegen Sodomie."

Konrad runzelt die Stirn. "Ich hab' dich das erste Mal schon verstanden. Hinz hat's drauf angelegt, wie gesagt. Au Jeune Étalon war längst bei der Gestapo bekannt, sie schließen's nur nicht, weil da immer wieder ein dicker Fisch in die Falle tappt."

"Konrad", zischt Ulrich und die übliche Weiche seiner Stimme weicht einem Peitschenschlag. Konrad zuckt zusammen. "Das ist ernst, verdammt nochmal. Wenn sie Hinz festnehmen, was hält sie dann ab, uns festzunehmen?"

Konrad würde die Angst seines Partners ernst nehmen, wenn sie nicht so abstrus wäre. "Uli. Wir ficken nicht im berüchtigsten Schwulen-Puff der Stadt. Wir sind diskret, Mann. Außerdem, deine Tonnage–"

"Tonnage hat Hinz auch nicht davor bewahrt, als Schwuchtel abgeführt zu werden!", sagt Ulrich mit vor Wut bebender Stimme. "Das ist kein Witz!"

Er wird nicht laut, nur selten. Konrad hat ihn noch nie aus Zorn brüllen sehen, aber Ulrich ist furchteinflößend genug, wenn er wütend ist, mit seinem starren Blick und einer spürbaren Aura von Wut um ihn herum. 

Konrad wünschte, er könnte so die Fassung bewahren, aber er ist so nicht veranlagt und zudem hat er immer noch einen dumpf pochenden Schädel, trotz Schmerzmittel. Er erhebt sich aus dem Wasser zu seiner vollen Größe, sechs Zentimeter größer als Ulrich, genug, dass sein Partner den Kopf etwas in den Nacken legen muss. 

"Ich verstehe nicht, warum du dich so aufregst", sagt er hart. "Hinz war unvorsichtig. Wir sind's nicht. Problem gelöst."

Ulrichs Kiefer mahlt. "Es ist nicht gelöst und du bist ein engstirniger Idiot, wenn du das nicht einsiehst."

Konrads letzte Entspannung aus dem Bad verfliegt und er verzieht die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. "Ach. Dann müssen wir wohl aufhören, auf offener Straße zu vögeln, so wie wir es bisher gemacht haben. Oder uns zumindest gute Ausreden dafür einfallen lassen."

Er verstellt die Stimme, äfft Ulrichs Tonlage nach: "Ah, Herr Kriminalrat. Keine Sorge, ich lege nur viel Wert auf die gute Moral der Mannschaft, Obersteuermann Lenz' Schwanz in meinem Arsch ist also ein Dienst an Führer und Vaterland!"

Ulrichs Augen blitzen gefährlich. "Vorsicht."

"Sonst was?!", fährt Konrad ihn an, stößt ihn zurück, sodass er aus der Wanne klettern und sich abtrocknen kann. "Herrgott, die Gestapo prüft ja jetzt nicht jeden Marinemann in La Rochelle, ob der Schwanz auch nur zuckt beim Anblick von paar haarigen Eiern! Reg dich ab, Uli."

Ulrich kocht vor Wut, es ist ein Wunder, dass er Konrad keine gelangt hat, wie er es bei der Besatzung wenige Male schon getan hat. 

"Wie erleuchtend", sagt Ulrich leise, kalt, "zu sehen, wie wichtig dir unser Arrangement und unsere Sicherheit ist."

"Natürlich ist es mir wichtig!", schnappt Konrad und bindet sich sein Handtuch um die Hüfte. "Aber du übertreibst maßlos. Wer sollte vermuten, dass wir gern Männer ficken geschweige denn uns gegenseitig? Madame Lefevre etwa? Die vergisst jeden Monat, dass ich hier wohne, so sehr fault ihr Hirn weg!"

Ulrich hebt eine Augenbraue, blinzelt nicht. "Du hast mich gesund gepflegt, falls es dir entfallen ist. Auf der letzten Feindfahrt. Zu dem Punkt, dass die Männer gesagt haben, sie wünschten sich, ihre Frauen würden sich so um sie kümmern."

Natürlich ist es Konrad nicht entfallen. Wie auch? Ulrich hatte über Tage hinweg so hohes Fieber, dass sie dachten, ihm kochen die Organe weg. Konrad und der Smut haben im Schichtdienst darum gekämpft, das Fieber endlich zu senken. Und ja, vielleicht war Konrad dabei sanfter und freizügiger mit seinen Berührungen. Er ist nun mal auch krank vor Sorge gewesen. Dass Ulrich ihm das jetzt ankreidet!

"Verzeihung, dass ich dich am Leben gehalten habe", spuckt Konrad. "Die Mannschaft weiß, dass wir befreundet sind und sie respektiert dich zu sehr, als dass sie dich anzeigen würden!"

"Aber sie respektieren keine scheiß Schwuchtel!", schnappt Ulrich. "Hinz war einer der geschätztesten Kommandanten am Stützpunkt und sie haben sich trotzdem das Maul über ihn zerrissen, dass es einem schlecht wird, Konrad!"

Ah. Da liegt der Hase im Pfeffer.

Hinz ist für Ulrich ein Spiegel seiner selbst. Korvettenkapitän, hohe Tonnage, respektiert, und halt zufällig auch von der warmen Sorte. 

Dass Hinz festgenommen wurde macht ihm erst jetzt wirklich greifbar, dass es ihm genauso passieren könnte. Was die Implikationen wären, für ihn und seinen Ruf. Dass all seine Orden und Wimpel und seine Opfer für das Deutsche Reich nichts bringen, falls er erwischt wird. Eine Erkenntnis, mit der Konrad selbst sich früh abgefunden hat – aber Ulrich nicht, wie es scheint.

Konrad steigt aus der Wanne und öffnet die Arme. "Komm."

Ulrich wirft ihm einen vernichtenden Blick zu. "Nein."

"Komm. Jetzt."

Ulrich kommt nicht, aber er ergreift auch nicht die Flucht, als Konrad die Lücke zwischen ihnen schließt und ihn in seine Arme zieht. Nach einigen Momenten gibt Ulrich nach und schließt die Arme um seine Mitte. 

Konrad schluckt und er will die Worte nicht aussprechen, aber wenn es das ist, worauf Ulrich hinaus will...

"Wir können damit aufhören."

"Nein", sagt Ulrich sofort und mit fester Stimme. Seine Nägel graben sich in Konrads nackten Rücken.

Konrad nickt und ignoriert, wie wacklig seine Knie sind. Allein die Möglichkeit, dass Ulrich das zwischen ihnen beenden wollen könnte, hat ihm flau im Magen werden lassen und Schuld sind nicht (nur) die letzten Reste des Katers.

Er möchte einen Witz machen, um die Situation aufzulockern. Einen schmutzigen Witz am besten, aber er zwingt sich stattdessen zur Ehrlichkeit, zur Verwundbarkeit.

"Gut. Ich will nämlich nicht aufhören", sagt er und Ulrichs Nägel drücken noch tiefer in sein Fleisch, genug, dass es brennt.

"Also?", fragt Ulrich mit rauer Stimme. 

"Also was?" Konrad streicht ihm über den Nacken, wo sich die ersten Härchen gegen die Pomade wehren. "Können uns ja schlecht ein Schild umhängen, auf dem steht 'Ich liebe Mösen und keine Schwänze'. Scheiße für Hinz, aber das hat ja keinen Einfluss auf uns."

Ulrich stößt ihn weg und Konrad grunzt überrascht, fällt fast hintenüber und kann sich gerade noch an der Badewanne festhalten.

"Was zur Hölle–?!", fängt er an und der abgeebbte Zorn von vorhin flammt wieder auf. "Spinnst du?!"

Ulrich stiert ihn aus kalten blauen Augen an, die Hände zu Fäusten an seinen Seiten geballt. 

"Natürlich hat das Einfluss auf uns. Und korrigiere mich, falls ich falsch liege", sagt Ulrich leise, aber jedes Wort ist beißend, "aber ich war in der Annahme, dass man sich in einer Liebesbeziehung bemüht, die Sicher- und Unversehrtheit seines Partners zu wahren."

Liebesbeziehung. Konrads Herz hätte sicher einen peinlichen, freudigen Hüpfer gemacht, wenn er nicht vor Wut schäumen würde.

"Scheiße, Ulrich, was willst du denn, dass ich mache?!", braust er auf. "Ich kann schlecht das Gesetz ändern!"

"Ich erwarte doch zumindest, dass du bereit bist, einen Plan zu machen!", beißt Ulrich zurück.

Konrad lacht auf. "Plan! Du bist der mit den Plänen, du bist der Kommandant, ich sag' nur 'jawohl'!"

Ulrichs Gesicht verschließt sich und er verschränkt die Hände hinterm Rücken. Vor Konrads Augen wird aus Uli wieder Korvettenkapitän Wrangel.

"Ich stand wohl unter der falschen Annahme, dass wir als Partner zumindest privat auf Augenhöhe sind", sagt er klar und kalt. 

Konrad verzieht das Gesicht und er kann den Hohn nicht aus seiner Stimme heraus halten: "Sieht so aus, als ob du einige falsche Annahmen gemacht hast."

Konrad zieht das Handtuch enger und nickt zur Tür. "Sie gehen jetzt besser, Herr Kap'tän. Man könnte ja noch auf falsche Gedanken kommen, wenn man Sie hier so sieht."

Ulrich schiebt den Unterkiefer vor, die Augen blitzen noch mit etwas, dass sich Konrad stählen lässt, aber Ulrich schluckt herunter, was auch immer er sagen wollte, und marschiert aus Konrads Badezimmer. Konrad hört die Hintertür zum Innenhof zweimal quietschen, als Ulrich sie öffnet und schließt.

Konrad presst die Zähne zusammen und zählt bis 10, dann bis zwanzig, als sein Puls immer noch nicht runter geht. Dass es nicht für immer Friede, Freude, Eierkuchen mit ihnen sein würde, das war ihm schon klar. Es hat ihn trotzdem nicht darauf vorbereitet, jemals so eine Wut auf Ulrich zu verspüren. 

Statt etwas Dummes zu tun, wie seine Faust gegen die Fliesen zu donnern, marschiert er zurück in sein Schlafzimmer und zieht sich an. Dieser Tag ruft wie kein anderer danach, sich volllaufen zu lassen. Schmerzmittel für den Kater hat er ja dankbarerweise jetzt wieder.

 


 

"Lenz!", ruft ihm Strelitz, Obersteuermann auf U-751, entgegen, kaum, dass er das Offizierskasino betreten hat. "Na, heute ohne dein Attaché hier?"

Mit ihm an dem Stehtisch lungern Benno Schiller, der mit Strelitz auf U-751 dient, und ein anderer Kerl, den Konrad zwar schon gesehen hat, aber nicht kennt. Beide Männer grinsen und kichern bei Strelitz' "Attaché"-Kommentar und Konrad zuckt innerlich zusammen. Ulrich und er sind in eine bequeme Routine verfallen, deren Außenwahrnehmung ihm nicht klar war. 

"Soll vorkommen", sagt Konrad betont flapsig und winkt einen Kellner für einen Cognac heran. "Was gibt's Neues? Hab gehört, sie haben Hinz verknackt. Lazarettschiff versenkt?"

Strelitz und Schiller werfen sich einen undeutbaren Blick zu, der andere Mann in der Runde lehnt sich vor. 

"Die haben ihn in 'nem Schwulen-Puff aufgegabelt", raunt er. "Hat wohl noch mit dem Schwanz in der Schwuchtel drin gesteckt, die er dafür bezahlt hat, als die Gestapo ihn runtergezogen hat."

Konrads Magen dreht sich um. "Sagt wer? Doch nicht Laudrup, oder? Der labert viel, wenn der Tag lang ist."

"Laudrup haben sie zum Smut runtergestuft", sagt Schiller. "Hat eine Maschine in die Luft gejagt und drei Kameraden dabei umgebracht. Der taucht hier erstmal nicht mehr auf."

Konrad starrt ihn an. "Scheiße, echt?"

"Frag Hofmaier, wenn du's nicht glaubst", sagt Strelitz und nickt zum 1WO von U-192, dem Boot, auf dem Laudrup zuletzt gedient hat. 

"Ist einer von Hinz' Offizieren da?", hört Konrad sich fragen. Er bekommt die Namen nicht mehr ganz zusammen, an den jungen Obersteuermann kann er sich noch erinnern, der ist mit ihm als Steuermann gefahren, bevor er befördert wurde. "Richter?"

Schiller zieht eine Grimasse. "Richter? Würde mich nicht wundern, wenn der sich von Hinz hat ficken lassen. Kannst mir nicht sagen, dass niemand an Bord wusste, dass Hinz ein scheiß Schwanzlutscher ist. Und so schnell wie Richter Obersteuermann geworden ist, muss der den Hinz bestimmt rangelassen haben."

Strelitz verzieht das Gesicht. "Und mit denen haben die Kameraden am selben Tisch sitzen müssen. Könnt ihr euch das vorstellen? Ekelhaft."

Konrad macht ein brummendes Geräusch und entzieht sich einer verbalen Zustimmung durch seinen Cognac. Hinz hat sein Boot und seine Mannschaft die letzten drei Feindfahrten weitestgehend unbeschadet zurück gebracht und trotzdem seine versenkte Tonnage erhöht. Aber das juckt niemanden mehr. 

Emil Richter ist ein guter Kerl. Jung und zu früh befördert, sicher, aber das liegt daran, dass die erfahrenen Männer schneller absaufen, als sie den Nachwuchs ausbilden können. Und Richter wagt es jetzt also nicht mehr ins Kasino, weil allein die Tatsache, dass er jung ist und auf Hinz' Boot gedient hat, ausreicht, um ihn als rosa Winkler zu verdächtigen.

Strelitz, Schiller und der andere, den Konrad inzwischen als 2WO von U-96 erkannt hat, beschreiben lachend in explizitem Detail, wie Hinz wohl aufgefunden wurde, begleitet von Geräuschen des Ekels, die Konrad den Hals zuschnüren.

Es könnten genauso gut seine Lust, sein Begehren sein, die hier zerfleischt und entwürdigt werden.

"Den rosa Winkel und das Arbeitslager können sie sich bei diesen entarteten Schweinen sparen, meiner Meinung nach", sagt Schiller. "Eier ab und als Kanonenfutter an die Ostfront. Lieber die, als die guten deutschen Kameraden, die dort gerade in die Mangel genommen werden."

'Sie haben sich trotzdem das Maul über ihn zerrissen, dass es einem schlecht wird, Konrad!', hallt Ulis Stimme in seinem Kopf wider und plötzlich will Konrad hier weg, und zwar schnell.

"Gut, dass der Kriminalrat sich gerade die Kommandanten auf Landgang vorknüpft", plaudert der 2WO munter weiter. "Der nimmt Hinz' Festnahme zum Anlass, um die scheiß Schwuchteln, die sich Männer der Kriegsmarine schimpfen, auszusieben."

"Hat Wrangel dazu was verlauten lassen?", fragt Strelitz und Konrad schüttelt automatisch den Kopf. "Den hat der Kriminalrat heute schon befragt. Und Steinbach, von Reinhartz, Seifert, Janssen und... wen noch?"

"Bruckmann", sagt Schiller. 

"Ah, und Bruckmann." Der 2WO nickt. "Wenn Sie was von Wrangel hören, Lenz, sagen Sie Bescheid. Bin gespannt, wen er für Schwanzlutscher hält. Ich glaube ja, dass Strasser sich auch was von Hinz abgeschaut hat."

Konrad lacht automatisch mit und hebt sein Glas; das reicht den anderen wohl als Reaktion, die sich sogleich in weitere Vermutungen stürzen, eher auf dem Niveau der Maaten und Gasten. Alles mögliche ist plötzlich ein Indiz für sie. Rasiertes Gesicht. Höhere Stimme. Keine Wichsvorlage im Schapp.

Konrad hört längst nicht mehr hin.

Die Gestapo hat mit Ulrich gesprochen.

Die Gestapo wollte von Ulrich wissen, wer womöglich ebenfalls ein rosa Winkler ist. 

Konrad dreht es den Magen um.

Die Erlösung kommt in Form von Karl Tennstedt, 1WO auf U-511. Der Mann kommt nicht zu ihnen, spricht sie nicht an, marschiert direkt zur Bar, aber sein Auftauchen reicht aus, dass Strelitz, Schiller und der 2WO das Thema wechseln.

"Tennstedt hat Ehrenberg mal wieder aus der Ranzkneipe der Franzmänner gestern aufgelesen", zischelt der 2WO. "Kompletter Totalschaden, der Kerl, seitdem seine Frau und sein Kind vom Tommy zerbombt wurden. Nur noch 'ne Frage der Zeit, bis der offiziell dienstuntauglich gemustert wird."

"Entschuldigt mich", sagt Konrad und stößt sich vom Tisch ab, erfindet eine plausible Ausrede, dass Schlüters ihn hergewunken hätte, und verschwindet tiefer im Saal, quetscht sich an Schlüters mit einer kurzen Grußformel vorbei und gelangt auf die Toilette.

Ihm ist speiübel. 

Strelitz ist ein Freund, Konrad hat sich immer gut mit ihm verstanden. Schiller, den konnte er noch nie gut leiden, zu ambitioniert, zu politisch, aber man kann mit ihm gut einen heben.

Konrad ist nicht dumm, er weiß, dass die überwältigende Mehrheit Homophilie verurteilt und den Kurs der Regierung in Berlin zum Umgang mit schwulen Männern begrüßt. Ihm ist trotzdem zum Kotzen und mehr als alles andere will er gerade zu Ulrich. 

Wenn Uli von einem Gespräch mit dem verfickten Kriminalrat nach Hause gekommen ist, dann wundert ihn seine Angst – denn das war es ja, nicht? – gar nicht mehr. Konrad selbst, der vorhin große Töne gegenüber Uli gespuckt hat, kann sein Gedankenkarussell nicht anhalten. 

Scheiße. Ulrich kam zu ihm, weil er zu sonst niemandem konnte. Weil es sie beide betrifft, weil sie beide in Gefahr sind. Und Konrad? Konrad hatte einfach keinen Bock auf die Diskussion, hat die Bedrohung nicht gesehen.

Sie lassen sich vielleicht nicht im Au Jeune Étalon erwischen wie Hinz, aber ein genauerer Blick von Kriminalrat Forster und sie könnten auf seinem Radar auftauchen. Ein Kommentar, ein unüberlegter Witz, über Konrads Verhalten während Uli krank war, von irgendwem, und sie könnten auffliegen.

Er spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht, reibt sich die Augen und strafft die Schultern. 

 


 

Madame Dubois schläft bereits, als Konrad die Stufen ins obere Stockwerk hinauf schleicht. Das Versteck des Schlüssels zur Hintertür für das Haus, in dem Uli untergebracht ist, kennt er seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht.

Ulrich ist noch wach, obwohl es bereits spät ist. Fast Hundewachenzeit. Er sitzt im Bett, die Haare noch feucht, und liest. Der Einband ist verschlissen, Konrad kann den Titel nicht mehr erkennen.

"Uli", sagt er leise.

Ulrich sieht nicht auf. "Was machen Sie hier, Obersteuermann? Man könnte ja noch auf falsche Gedanken kommen, wenn man Sie hier so sieht."

Konrad zuckt zusammen, als Uli ihm seine eigenen Worte vor den Latz knallt. 

"Ich war im Kasino", sagt er stattdessen. Nach seinem Ausflug auf die Toilette hat er noch mit Schlüters getrunken, gegen den kleinen Hoffmann beim Billard gewonnen (er wird besser) und eine halbe Schachtel Zigaretten geraucht. 

Ulrich klappt das Buch zu und sieht ihn an. Sein Blick ist starr, wie immer, aber verschlossener als Konrad es von ihm kennt, vor allem wenn sie allein sind. 

"Es tut mir leid", bringt Konrad hervor und zu seinem Schreck brennen seine Augen und er weiß, dass seine Stimme rau ist. "Wir brauchen einen Plan."

Ulrich mustert ihn wortlos und Konrads Herz klopft ihm bis zum Hals. Ulrich schweigt und starrt und Konrad ist kurz davor loszuheulen, da schlägt er die Decke zurück.

Konrad sinkt fast zusammen wie eine Marionette ohne Fäden, so sehr fährt ihm die Erleichterung in die Knochen. Er schlüpft aus Jacke und Schuhen und kriecht ins Bett zu seinem Partner.

"Warum hast du mir nicht gesagt, dass Forster dich gesprochen hat?", flüstert Konrad.

Ulrich rutscht im Bett hinunter, sodass sie beide auf den Seiten liegen, Gesichter einander zugewandt. 

"Ich wollte dir keine Angst machen", sagt Ulrich. "Und dann war ich zu wütend."

Das ist legitim. Konrad atmet aus.

"Wir sollten im Kasino weniger aneinander kleben", sagt er leise. "Mehr mit anderen sprechen, trinken, rauchen. Schlüters, Wiegand und Winkelmann wieder mehr einbeziehen. Zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause gehen."

Auch wenn Konrad wenig mehr liebt, als ihre angetrunkenen Nachtspaziergänge unter dem klaren Sternenhimmel von La Rochelle.

Ulrich nickt. "Und wir sollten öfter im Mannschaftspuff auftauchen. Dass wir nicht in dieselben Löcher stechen wie die Maaten sollte klar sein. Aber ein, zwei Bier mit der Mannschaft."

Konrad mag das Cheval Blanc nicht sonderlich, zu laut, zu eng, zu ungestüm, aber es ist eine naheliegende Maßnahme. "Und Bettgeschichten zum Besten geben."

Ulrich schnaubt. "Und wie sollen diese Bettgeschichten aussehen? Hast du in letzter Zeit 'ne Frau gebumst?"

Hat er nicht. Und Uli auch nicht.

Konrad zuckt mit den Schultern und wagt es näher an Ulrich zu rücken. "Müssen nur Pronomen tauschen. Ich könnte erzählen, dass ich mal eine Liebschaft hatte, die drauf stand beim Blasen beleidigt zu werden. Du könntest erzählen, dass du mal eine Liebschaft hattest, die davon kommen konnte, dass man ihr die Nippel abklemmt. Geschichten haben wir ja genug."

Es ist eine rohe Zusammenfassung zweier der einprägsamsten Nächte, die sie miteinander verbracht haben. Die zwei Sätze werden nicht dem Hoch gerecht, was Konrad gefühlt hat, als Uli ergeben gestöhnt hat, als er ihn als Schwanzschlampe bezeichnet hat. Wie hart er selbst gekommen ist, als Ulrich ihm das erste Mal die Nippel abgeklemmt hat.

Ulrich atmet gegen seine Halsbeuge aus und sein Bart kitzelt Konrad am Schlüsselbein.

"Gut", murmelt er. "So machen wir es."

Er hebt den Arm und Konrad erkennt eine Einladung, wenn er sie sieht. Er robbt augenblicklich an Uli heran, schmiegt sich an seinen warmen Körper, atmet den Geruch seiner Seife ein. 

Nirgendwo fühlt er sich so sicher wie in Ulrich Wrangels Armen und gleichzeitig ist er nirgendwo so unsicher.