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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2016-08-14
Updated:
2024-03-20
Words:
31,435
Chapters:
12/?
Comments:
42
Kudos:
101
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3
Hits:
1,920

Gesichter im Schatten

Summary:

Dies ist eine Sammlung verschiedener Oneshots zum Thema Karl May. Gleich im ersten Kapitel tauchen wir etwas tiefer ein in einige Geschehnisse aus der Erzählung "Krüger Bei", als Winnetou, Old Shatterhand und der Englishman Emery Bothwell im Orient auf der Jagd nach dem Mörder Hunter sind. Im aktuellen Kapitel drehen wir uns gedanklich mal wieder im Kreis... ;-)

Chapter 1: Sonne des Lebens

Notes:

Das verwendete Zitat stammt aus "Krüger Bei", Gesammelte Werke 21 von Karl May.

Chapter Text

Old Shatterhands Perspektive:

 

»Ja. Es ist der Stein, der von oben herabgebrochen ist.«
»Himmel! So ist er zermalmt worden!«
»Zermalmt oder erstickt! Winnetou würde sein Leben geben, um seinen Bruder zu retten, aber kein Mensch kann durch diesen Stein! Die Sonne des Apatschen ist untergegangen im fernen Lande, und seine Sterne verlöschen in - -«
»Verlöschen in dem Lichte des Tages, welcher hier oben aufgehen will!« fuhr ich an seiner Stelle fort, indem ich mich niederbückte, um da unten gehört und verstanden zu werden.
»Scharlih!« rief, nein, schluchzte er förmlich.
»Winnetou!«
»Er lebt, er lebt, er ist da oben!«
»Ja, er lebt! Hinauf zu ihm!« stimmte Emery bei.

Im nächsten Augenblicke sah ich beim ersten Schimmer des Tages, welcher in die Spalte fiel, die beiden aus der Tiefe tauchen. Winnetou nahm mich von vorn, Emery von hinten; ich wurde hin und her gezogen und gedrückt, dass es mir fast noch banger wurde als vorhin, wo mir unter der Erde die Luft ausgehen wollte.
»Scharlih, mein Bruder!« die drei Worte nur sagte der Apatsche; aber der Ton, in welchem er sie aussprach, galt mir mehr als die allerlängste Rede. Emery machte mehr Worte, meinte es aber nicht weniger herzlich.

»Ach, gerade das, was dich scheinbar in Gefahr brachte, hat uns freigemacht. Wir sind gerettet!«

»Gerettet!« nickte der Apatsche, der mich noch immer bei der Hand hielt. »Meine Brüder mögen mit mir kommen und ihre Gewehre holen!« [Krüger Bei, GW 21]

So geschah es. Nachdem wir uns nur kurz Zeit genommen hatten, um das Wadi der Uled Ayun zu überblicken, entwendeten wir mit List drei für unser weiteres Vorhaben geeignete Pferde aus ihrem Pferch. Der morgendliche Aufruf der Beduinen zum Gebet zwang uns dann zum unvermittelten Aufbruch, im nächsten Augenblick saßen wir schon im Sattel und jagten das steile Ostufer des Wadi empor und dann über die sandige Steppe in Richtung Tunis. Man folgte uns, aber wir entkamen auf den edlen Rössern, preschten windgleich dem fernen, von erhitzten Luftschichten flirrenden Horizont entgegen.

Gegen Mittag hatten wir die Ebene hinter uns und kamen in die Ussalatberge, wo wir hinreichend Wasser und auch Futter für unsere Pferde fanden. [Krüger Bei, GW 21]
Dort war es auch, dass ich Zeit und Gelegenheit fand, die Erlebnisse des heutigen Morgens Revue passieren zu lassen. Emery hatte sich unter Bäumen auf seiner Decke zu einer kurzen Rast niedergelegt, Winnetou versorgte noch die Pferde. Und ich? Ich saß etwas abseits an dem kühlen Felsenquell, das Mensch und Tier Linderung brachte. Mein treuer Blutsbruder hatte mit mildem Auge auf mich geschaut und erkannt, dass ich einen Moment der Ruhe benötigte, um meine Selbstbeherrschung wieder zu erlangen, und hatte mich gehen lassen. Ich tauchte nun zum wiederholten Male meine Hände in das erquickende Wasser, das nicht nur meinem von der Mittagsglut erhitzten Körper, sondern auch meiner Seele Beruhigung verschaffen sollte.

Wie schon so oft, waren wir dem Tode überaus nahe gewesen. Das alleine konnte Old Shatterhand, in diesen Breitengraden vielmehr als Kara Ben Nemsi bekannt, nicht schrecken. Gevatter Tod war unser treuester Begleiter geworden, seit ich das Blut Winnetous und er das meinige getrunken hatte. Ich hatte Nscho-tschi, die schöne Schwester meines Blutsbruders, von Mörderhand sterben sehen, hatte unzählige Weiße und Rote, in einem ausweglosen, irrsinnigen Krieg, der nichts und niemanden verschonte, zu Tode kommen sehen. Angehörige zweier Rassen, von denen jede unerbitterlich “um die gerechte Sache“ focht. Soldaten, die vom Pferde stürzten, mit einem Pfeil in den Rücken getroffen, aus dem Hinterhalt. Die stolzen Söhne der Apachen, die niemals zu ihren Müttern, in die Zelte ihres Stammes, wiederkehrten, da ihre des Skalpes beraubten Leiber in der Prärie verrotteten, des lieben Geldes wegen. In Duellen und Kämpfen hatte ich selbst den Gegner niedergestreckt und auch da so manches Blut vergossen.

Der aufmerksame Leser mag sich fragen, ob man sich denn an den Tod gewöhnen kann. Meine Antwort muss lauten: nur scheinbar. Nur scheinbar nehmen die Empfindungen ab, die man verspürt, wenn ein Gegner, von der eigenen Waffe getroffen, zu Tode sinkt. Der Westmann, der von der Last der mit angesehenen Gräueltaten nicht unwiderruflich zu Boden gedrückt werden will, lernt schnell, die grausigen Erinnerungen zurückzudrängen, einen tieferen Schrecken gar nicht erst zu verspüren. Einzig das Überleben, das eigene Überleben und das der Verbündeten zählt, und dazu gehört mit Sicherheit, Herr seiner Sinne zu bleiben und den so unabdingbaren Verstand nicht zu verlieren. Letztlich war es ein kurzer Entscheidungsprozess: man überlebte und lernte schnell, oder man lag schon tot im Staub der Savannen und Felsenschluchten, mit zerschmetterten und zerschossenen Gliedern.

Doch es gab Gelegenheiten, in denen man aufgerüttelt, aufgeweckt wurde aus der Illusion, dass man der Gefahr immer wieder entkommen konnte, dass man letzten Endes stärker und geschickter war als der Feind. Vor dem geistigen Auge sah ich meine eigene Zukunft, die Zeit meines Greisenalters im beschaulichen Städtchen Radebeul, auf der Veranda im Garten sitzend und schreibend, vielleicht mit einem trauten Eheweib an meiner Seite.
Was war, wenn ich dieses Alter niemals erreichte, da ich schon vorher starb und den Meinen Kummer brachte? Denkbar war es nach den Ereignissen des heutigen Tages, denn ich war dem Erstickungstode unzweifelhaft nahe gewesen und hatte noch Stunden danach Schmerzen in der Lunge verspürt. Welche Pein, welch tiefen Schmerz hätte ich Winnetou bereitet, wenn mein scheinbarer Tod ein wahrhaftiger gewesen wäre? Er wäre derjenige, der mein vorzeitiges Verscheiden kaum jemals hätte verwinden können, da ich, durch die tiefe Liebe und Innigkeit unserer Blutsbrüderschaft, für ihn durch niemanden zu ersetzen war. Meine Haut war weiß, aber Winnetou sah mit klarem Blick auf die Farbe meines Herzens und die Wahrheit meiner Augen, die von unverbrüchlicher Liebe für ihn sprachen. Gewiss konnten meine Augen die Gefühle nicht mehr verschweigen, die ich für ihn hegte. Und auch ich wusste, wie tief seine Liebe für mich reichte.

Seine Worte hallten noch, einem fernen Echo gleich, durch meine Gedanken: „Die Sonne des Apatschen ist untergegangen im fernen Lande…“ Ich war die Sonne, die sein Leben erhellte, ihn in den Wirren des Krieges von Verzweiflung und Grauen fernhalten wollte. Das Geschenk seiner Liebe war mehr als Goldes wert, erhellte auch mein Leben zu einem glanzvollen Strahlen, über dem nur noch die Liebe des Höchsten stand. Die Erinnerung an Winnetous Schluchzen, an die drängende Zärtlichkeit, mit der er an meinem Hals gehangen und später meine Hand gehalten hatte, trieb mir fast das Wasser in die Augen, und so tauchte ich die Hände abermals in das kühle Wasser, um mein Gesicht damit zu benetzen.
Winnetous früher Tod hätte mich als gebrochenen Mann zurückgelassen, denn auch er war im Wadi kurze Zeit unter dem Stein, unter den wir uns graben wollten, gefangen gewesen, und ich hatte um sein kostbares Leben einen Schrecken empfunden, den ich nicht sogleich wieder erleben wollte.
Noch immer aufgewühlt, trachtete ich danach, die schweren Gedanken fahren zu lassen und den Sturm in meinem Inneren zu bewältigen, doch es fiel mir schwer, sehr schwer.

Natürlich gewahrte ich die leisen Schritte, die sich mir ruhig näherten; ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, welche mir unendlich liebe Person da kam, um mir beizustehen. Eine wunderbare Wärme ob dieses Wissens erhellte meine gedrückte Stimmung, derer ich mich nicht erwehren konnte und wollte.
Winnetou ließ sich kniend an meiner Seite nieder und sein Arm legte sich sachte, aber eng, um meine Schultern. Ich schaute zur Seite in sein ernstes, schönes Gesicht, das mir soviel bedeutete. Er war noch in den arabischen Kaftan gewandet, der ihm vorzüglich stand, ihm aber einen exotischen Einschlag verlieh, den ich von meinem unwandelbaren Blutsbruder so gar nicht gewohnt war. Jedoch war sein prachtvolles schwarzes Haar dasselbe wie in den Prärien Nordamerikas, seine feinen Brauen, die Nase, der bronzene Ton seiner Haut, die geschwungenen Lippen waren die gleichen geblieben. Der Ausdruck seiner samtigen, wunderbaren Augen, die mir voller Liebe entgegen leuchteten, erfüllte mich mit tiefer Freude und Dankbarkeit. Winnetou wusste genau, wie es um mich stand.

Langsam hob er die Linke und legte sie mit einem zärtlichen Lächeln an meine Wange, gegen die ich mich zutraulich schmiegte. Einen kurzen Moment schwiegen wir, dann erhob Winnetou leise das Wort: „Scharlih spreche kein Wort, Winnetou weiß, was er empfindet. Auch sein Herz ist dankbar, dass ihm das Leben seines Blutsbruders erneut geschenkt wurde. Es ist von allen das kostbarste Geschenk.“
Nun war ich wieder beinahe zu Tränen gerührt ob dieses erneuten Liebesbeweises, den Winnetou mir mit seinen Worten machte. Hätte ich auch sprechen wollen, es wäre mir in diesem Moment nicht möglich gewesen, da mir die Stimme weggebrochen wäre. So aber schaute ich in Winnetous eherne Züge, legte die Arme fest um ihn und drängte mich gegen seinen Brustkorb, um diesen teuren Menschen am liebsten nie wieder von mir zu lassen. Er verstärkte den Griff um meine Schultern, ruhig, beruhigend fühlte ich seine starken Hände auf meinem Rücken.

Es drängte jedoch die Zeit, wir waren auf der Flucht und wollten noch heute zu den Selassbeduinen bei den Ruinen von Nabhanah gelangen, von denen ich wusste, dass sie uns freundlich aufnehmen würden. Widerstrebend löste ich mich ein Stück von meinem Blutsbruder, um nun im Gegenzug meine Hand an seine Schläfe zu legen. Winnetou schaute mich immer noch innig an, und dieser Umstand ließ mich nun etwas tun, was ich in den weiten Prärien des Apachenlandes vielleicht niemals vermocht hätte.

Ungesehen von den Pfeilen der Comanchen, den prügelnden und saufenden Cowboys, den umherziehenden Predigern des Wilden Westens brachte ich mein Gesicht ganz nah an das seinige, um meine zögernden Lippen zart auf seinen Mund zu legen. Eines kurzen Momentes bedurfte es nur, dann spürte ich die weichen Bewegungen seiner Lippen, mit denen er mir begegnete und den Kuss sanft erwiderte. Der Sturm in mir beruhigte sich zu einem leisen Säuseln, als dem tiefen Band unserer Blutsbrüderschaft ein weiteres hinzugefügt wurde. Es war mir dies ein heiliger Augenblick, den ich nie wieder vergessen sollte, außerdem die erste von unzählbaren derartigen Berührungen.

Wenige Minuten später beschloss ich, Emerys wissendes Lächeln, als Winnetou und ich von dem Felsenquell zurückkehrten, vorsätzlich zu übersehen.