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Forever

Summary:

Claire denkt wieder an ihren ersten Kuss, damals im Oktober, inmitten wirbelnder Blätter und Regenschauer. Auch da schon war es besonders, ein Geheimnis, das sie gut behütet durch den Winter getragen hat.
Im Frühling, denkt sie jetzt, ist Becky noch schöner.

Fünf Szenen aus Hohenweiler, in denen Claire ihre Beziehung zu Becky neu definiert.
Plus einmal, als sie in Saarbrücken mit Esther redet.

Notes:

Die Geschichte von Claire und Becky macht mich immer wieder so emotional, und ich hab so viele headcanons zu den beiden, dass ich die hier verarbeiten musste.

Work Text:

 

 

 

 

Im Frühling ist der Wald am schönsten.

Claire hat so lange gebetet, dass es endlich wärmer wird und sie sich wieder im Freien treffen können, nicht nur in der Schule. Becky geht in ihre Parallelklasse und deshalb sehen sie sich nur in den Pausen, was einfach nicht reicht.

Letzten Herbst haben sie diese Stelle am Fluss entdeckt, die jetzt ihr geheimer Treffpunkt ist.

Becky sitzt schon da, dort auf den Steinen, ihre Jacke als Kissen zusammengerollt. Heute hat sie sich Gänseblümchen ins Haar gesteckt, die endlich wieder wachsen. Wie winzige Sterne schauen sie zwischen den hellen Locken hervor. Schon von Weitem erkennt Claire das rosa Notizbuch, das Becky ständig mit sich herumschleppt. Konzentriert beugt sie sich darüber, hält es sanft in ihren Händen wie etwas ganz Kostbares. Das ist es auch.

Ihr Gesicht hellt sich auf, als sie Claire kommen hört, und – Gott, wie sie zu ihr aufblickt.

Claire denkt wieder an ihren ersten Kuss, damals im Oktober, inmitten wirbelnder Blätter und Regenschauer. Auch da schon war es besonders, ein Geheimnis, das sie gut behütet durch den Winter getragen hat.

Im Frühling, denkt sie jetzt, ist Becky noch schöner.

"Hey."

Mit einem Lächeln lässt sich Claire neben ihr nieder. "Sorry, ich musste noch meinem Onkel helfen."

Becky strahlt sie an. "Jetzt bist du ja da."

Um sie herum zwitschern die ersten Vögel, und Claire atmet langsam ein. Jetzt ist sie da. Sind sie beide da. Und der Frühling auch.

"Zeichnest du wieder?" Neugierig blickt sie über Beckys Schulter. "Kann ich mal gucken?"

Becky lächelt nur verlegen und klappt das Notizbuch zu. "Ist noch nicht fertig. Ich hab das in der Schule angefangen, Mathe war so langweilig. Das wird eine voll coole Geschichte. Erstmal als Comic, und vielleicht schreib ich später ein Buch. Das hat dann drei Teile."

"Und dann wirst du voll berühmt damit!" Claire streicht sich das Haar aus dem Gesicht. "Worum geht's denn da so?"

Beckys Blick senkt sich auf das Notizbuch. "Will ich noch nicht sagen, das ist ne Überraschung. Aber wenn es fertig ist, kannst du es als erstes lesen. Ich schreib dann auch eine Widmung für dich."

"Aber du kannst mir doch gleich sagen, worum es geht."

Becky schmunzelt. "Also... es kommt eine Hochzeit vor. In Japan. Das wird voll schön alles." Sie stützt das Kinn auf ihre Hand. "Aber ich will eigentlich vorher selber nach Japan, dann kann ich sehen, wie das da aussieht."

Ihre andere Hand liegt in ihrem Schoß, und Claire tastet danach. "Nimmst du mich dann mit?"

"Klar!" Freudig verschränken sich ihre Finger. "In den Sommerferien. Da geht das bestimmt."

Claire versucht, nicht daran zu denken, dass ihr Onkel doch gar nicht so viel Geld hat für Reisen.

"Bestimmt", murmelt sie zurück.

Becky drückt ihre Hand. "Wollen wir mal gucken, ob hier noch mehr Gänseblümchen sind? Dann kann ich dir einen Kranz für deine Haare machen."

Mit Becky durch den Wald zu rennen ist die beste Art, wie man seine Nachmittage verbringen kann. Auch wenn dann wieder Erde an ihren Schuhen klebt und manchmal Blätter in den Haaren hängenbleiben. Sie reizen es immer aus, bis es wirklich dunkel wird, und jetzt, wo die Tage länger werden, verschiebt sich das Ende immer weiter nach hinten. Im Dorf könnte genauso gut ständig Winter sein, so kalt ist es dort. Nur hier im Wald, da gibt es Farben, Gerüche, Leben. Und keine wachsamen Augen.

"Guck mal!", ruft Becky und zieht an ihrer Hand. "Ich hab was gefunden."

Gänseblümchen sind es nicht, und Claire wundert sich einen Augenblick. Dann sieht sie es auch.

In den Baumstamm vor ihnen ist etwas eingeritzt. Ein großes Herz mit Buchstaben darin.

"Forever", liest Becky vor. "Voll süß irgendwie."

Fasziniert streicht Claire die Buchstaben entlang. "Boah, das ist richtig gut, kriegt man das mit nem Taschenmesser hin? Das müssen wir auch mal probieren!"

"Darf man das eigentlich? Was in Bäume schnitzen?"

Claire zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung. Wenn es um Liebe geht, vielleicht schon. Das hält ja ewig."

Oder sogar für immer.

Genau das wünscht sie sich doch, denkt Claire auf einmal. Dass sie für immer hier bleiben können. Und irgendwann zusammen reisen. Wo es keine Erwachsenen gibt, die ihnen sagen, wen man mögen soll und wen nicht.

Nachdenklich drückt sie Beckys Hand. "Das könnte auch unser Ding werden, oder?"

Denn sie will es so sehr.

"Forever."

Beckys Augen strahlen sie an, und Gott, sie ist so schön. Wie kann sie so schön sein? Claire hat sich noch nie für die Jungs interessiert, die immer bei den Fahrradständern abhängen und ihr manchmal Blicke zuwerfen, aber Becky ist ganz anders. Sie ist stark. Sie zeichnet unglaublich schön. Und ist selbst wie ein Bild aus Wasserfarben, verwunschen und sanft.

Claire kann nicht glauben, dass sie Becky früher gehasst hat. Nur weil sie eine von denen war. Ihre Familie ist blöd, deshalb wissen die auch nichts von Claire, aber Becky doch nicht. Becky gehört nicht zu den Bösen.

"Forever", flüstert sie zurück.

Und Claire murmelt es wieder und wieder, küsst Becky so stürmisch wie noch nie, lehnt sich an den Baum, dessen Herz sie schlagen fühlt. Um sie herum entspringen Blätter, Gänseblümchen ragen aus der Erde hervor, Vögel singen und fliegen in den Himmel.

Irgendwann werden sie beide auch fliegen. Egal wohin.

 

 

• ♡ •

 

 

Ihr Onkel merkt sofort, dass etwas los ist.

Claire wollte das keinem erzählen, sie ist nur so schrecklich wütend und – egal, wenn er jetzt eh Bescheid weiß, kann sie ihren Rucksack auch so heftig in die Ecke schmeißen, wie sie will.

"Hey, hey", murmelt ihr Onkel und nimmt ihre zitternden Hände in seine. "Alles ist gut."

Nein. Nichts ist gut. Die Welt ist so fucking unfair.

Es dauert, bis Claire ihre Worte wiederfindet. Ihr Onkel schiebt sie aufs Sofa, legt die alte Decke von Mama um ihre Schultern und setzt sich dann neben sie, wartet einfach.

Claire zieht die Beine an, vergräbt den Kopf in ihren Armen. Die Welt ist gerade zu viel.

"Er hat uns gesehen."

Eine Hand legt sich auf ihre Schulter, streichelt sachte auf und ab. "Euch? Dich und... und Becky? Wer hat euch gesehen?"

Claire schnieft. Sie waren so dumm. "Ihr Vater."

"Der Emil? Ach, Claire... und der findet das nicht gut, eure Freundschaft? Was hat er denn gesagt?"

Sie schluckt. Wenigstens ist ihr Gesicht versteckt, er muss das nicht sehen. "Ich hab Becky noch nach Hause gebracht. Damit sie nicht alleine gehen muss. Dann wollten wir uns verabschieden, und... da hat er aus dem Fenster geschrien und geschimpft und – ich hatte Angst. Er war so wütend. Ich wollte doch nicht, dass Becky Ärger kriegt. Und er hat einfach weiter geschrien, dass er mich hier nie wieder sehen will, und... keine Ahnung, dann ist Beckys Bruder rausgekommen und hat sie mit rein genommen. Peter ist okay, hat Becky gesagt, der ist nett zu Ihr. Aber ihr Vater..."

Ihr Onkel seufzt. "Emil ist dumm, einfach nur dumm. Der versteht das nicht, dass ihr Freunde seid, der kennt doch nur den Hass."

Claire hält inne. Freunde. Sie hat ihm noch nicht erzählt, was Becky und sie im Wald manchmal tun, dass sie verrückt sind und frei und so, so verliebt. Erst sollte es ein Geheimnis sein, nur für sie beide. Und dann... sie hat einfach nicht gewusst, wie sie das sagen soll. Und da war immer eine leise Panik, hinten in ihrem Kopf. Jetzt wird sie laut. Was, wenn er sie so anschreit wie Emil? Was soll sie denn dann machen?

"Ich kann den Emil morgen mal besuchen. So hat der nicht mit meinem Mädchen zu reden", sagt ihr Onkel und drückt aufmunternd ihre Schulter.

Claires Augen brennen. Er hat ja keine Ahnung. Und wie soll er sie beschützen, wenn er keine Ahnung hat?

Vorsichtig hebt sie den Kopf. Die Worte sind noch nicht mal draußen, nur vage Fetzen in ihrem Verstand, und trotzdem schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Ihre Stimme ist ganz trocken.

"Du, der Emil war nicht nur wütend, weil ich Becky nach Hause gebracht hab." Ihre Finger krallen sich in die Decke, ziehen sie fester um sich. Wenn nur ihre Mutter da gewesen wäre. Wenn sie das ihren Eltern sagen könnte.

Ihr Onkel schaut sie immer noch erwartungsvoll an.

"Er hat so geschrien, weil..."

Nein. Es geht nicht. Kann das nicht irgendjemand anderes für sie tun? Die Worte einfach aussprechen?

Aber Becky... Becky ist so stark. Trotz der Sache mit ihrem Vater. Wenn sie das schafft, muss Claire es auch hinbekommen.

"Weil er – er hat gesehen, dass wir uns geküsst haben."

Ihr Onkel ist ganz still. Claire blinzelt die Tränen weg.

"Ich liebe sie."

Es ist der einfachste Satz überhaupt, und jetzt, wo es draußen ist, geht das Atmen auf einmal viel leichter. Sie liebt Becky, und keiner kann das ändern. Es gehört ihr allein. Für immer.

Ihr Onkel schaut sie an, auch er weint plötzlich, Claire versteht nicht, warum, aber dann schließt er sie in die Arme und alles ist gut, jetzt ist alles gut.

"Der Emil will das nicht akzeptieren", schnieft sie und schließt die Augen. "Das ist so unfair."

Sanfte Händen streicheln ihr durchs Haar. Das hat er ewig nicht mehr gemacht.

"Ja, das ist nicht gerecht. Er weiß das einfach nicht. Aber ich..."

Seine Stimme ist so weich, hüllt sie in ein sanftes Netz.

"Ich will, dass ihr glücklich seid."

 

 

• ♡ •

 

 

Becky trägt einen Kranz aus Gänseblümchen im Haar. Sie ist beinahe überirdisch schön in diesem weißen Kleid, und dass am Saum Schlammspritzer kleben, weil sie damit durch den Wald gerannt ist, macht es nur noch schöner.

Das ist zu besonders, um nicht festgehalten zu werden. Deswegen hat Claire ihre Kamera mitgebracht, die sie letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hat.

Die Kirchentür ächzt, als Becky sie aufzieht, und Claire folgt ihr mit der Kamera. Die Kirche ist leer. Perfekt.

"Hier sitzt dann meine Familie... und da sitzt dann deine Familie, und dort sitzen unsere Freunde."

Sie hat alles geplant. Genau so muss es passieren. Sie kann es vor sich sehen, irgendwo in einer besseren Zukunft.

Claire hält die Kamera auf Becky gerichtet, wie sie hineinläuft, strahlend. Eigentlich brauchen sie richtige Musik, aber ihre gesummte Melodie tut es auch.

Becky greift nach der Kamera, lässt auch Claire laufen. Wie eine kleine Zeremonie.

"Möchten Sie, Claire Louis, die hier anwesende Becky... bla bla bla..." Claire grinst übers ganze Gesicht. "Ja, wir wollen."

Mit klopfendem Herzen greift sie in ihre Tasche und zieht die samtene Schatulle hervor. Das war der Verlobungsring ihrer Eltern. Er glänzt immer noch, und an Beckys Finger sieht er so richtig aus, dass es fast wehtut.

"Sie dürfen sich jetzt küssen."

Becky lächelt und lehnt sich vor, fängt ihre Lippen, und es fühlt sich endgültig an. Jetzt gehören sie wirklich zusammen.

"Und wenn wir achtzehn sind, dann heiraten wir halt for real." Hoffnungsvoll blickt Claire in ihre Augen. "Dann kann auch dein Vater nichts mehr gegen uns sagen, oder irgendwer."

Becky schluckt. Statt zu antworten, sieht sie sich in der Kirche um. Aber die ist doch leer, hier ist niemand außer ihnen beiden. Oder?

Irgendwas fühlt sich falsch an. Becky ist nicht mehr hier, gefangen in ihrem Kopf. Claire kann nichts tun, außer sie flehend anzuschauen.

"Klar, machen wir", sagt Becky schließlich, aber es klingt wackelig.

Claire versucht zu lächeln, um ihr die Angst zu nehmen, greift nach ihren Händen. "Weil ich dich liebe. Forever."

Ganz vorsichtig gibt sie ihr einen Kuss, und endlich ist Becky wieder hier, ihre zarten Hände an Claires Schultern.

"Forever", flüstert sie zurück. Und Claire fällt ein Stein vom Herzen.

"Wir sind zwar noch nicht in Japan", murmelt sie, "Aber ist das trotzdem wie die Hochzeit in deinem Comic?"

Becky drückt ihre Hand. "Ja." Dann senkt sie den Blick. "Aber..."

Der Kranz auf ihrem Kopf beginnt sich zu lösen.

"Aber bei meiner Hochzeit ist alles gut."

 

 

• ♡ •

 

 

"Tut mir leid, es tut mir wirklich leid."

Becky weint.

Claire nicht. Ihr Brustkorb fühlt sich hohl an, seit Becky die Worte gesagt hat.

Hinter ihnen rauscht der Fluss, stetig wie immer. Unter ihren Füßen scheint der Boden zu zittern.

"Was? Was tut dir leid? Sag's mir doch einfach! Guck mich wenigstens an!"

"Ich..." Becky reibt sich über die Augen. "Ich kann das einfach nicht mehr. Ich darf nicht. Weißt du, was mein Vater gesagt hat?"

"Ist doch scheißegal, was dein Vater sagt!", schleudert Claire ihr entgegen.

"Wenn ich mich weiter mit dir treffe, redet er nie mehr mit mir!"

So laut hat Becky noch nie geschrien. Es würde Claire Angst machen, wäre sie nicht so wütend. Wütend, weil Becky das einfach nicht einsieht. Ihr Vater, der kann das doch gar nicht verstehen, der ist viel zu geblendet vom Hass, um zu sehen, dass das zwischen ihnen Liebe ist. Es zählt doch nur, dass sie zusammen sind, oder? Was Emil dazu sagt, ist gar nicht wichtig. Den nehmen sie nicht mit nach Japan, zu ihrer Hochzeit.

"Ich kann das nicht!", schreit Becky noch einmal.

"Aber-" Claire will nach ihr greifen. Becky schrickt zurück. "Aber ich liebe dich doch. Forever. Das kannst du nicht einfach kaputt machen, das kannst du nicht wegwerfen, das geht nicht!"

Tränen laufen über Beckys Gesicht, ihr Haar klebt an ihren Wangen. Das helle Sommerkleid weht traurig um sie herum.

"Ich darf nicht, okay?"

Nein.

Nein, so funktioniert das nicht. Wenn die Welt ihnen schon kein Glück schenken will, müssen sie es sich eben selbst holen. Claire ballt die Hände zu Fäusten, fühlt ihr Herz in ihrer Brust rasen, weiß nicht mehr wovon; Wut oder Trauer oder verzweifelte Liebe. Oder...

Irgendwas in ihr zerreißt.

Oder Hass.

"Ich kann nicht", bringt Becky unter Schluchzern hervor. Ihr zartes Gesicht ist ganz verzerrt und das ist falsch, so falsch. "Ich will das nicht. Lass mich los. Wir können nicht mehr zusammen sein."

Claire schnappt nach Luft. Nein, das kann nicht sein, kann es nicht, sie kann Becky nicht verlieren, nicht den einzigen Mensch, bei dem sie sich je frei gefühlt hat. "Hör auf." Ihre Stimme ist schrill, schmerzhaft. "Hör auf!"

Sie merkt erst, dass sie Beckys Arm umklammert, als Becky sich in ihrem Griff windet.

"Lass mich los!"

Claire lässt nicht. "Guck mich an und sag mir, dass du mich nicht liebst! Wenn du wirklich Schluss machen willst, dann sag mir das!"

"Ich – nein!" Becky zerrt und zerrt, ihre Haare fliegen wild umher. "Lass. Mich. Los!"

Claire hält inne. In ihrem Kopf rauscht es, wie der Fluss, nur lauter, viel lauter, ohrenbetäubend, sie muss etwas tun, muss sich wehren gegen das Böse. Und das ist Becky auch, oder? Im Grunde ist sie das. Eine von denen. Die keine Liebe sehen, nur Hass.

Der Zorn pulsiert durch ihre Adern, bis in die Fingerspitzen, die noch immer Beckys Arm umklammern. Claire hat den Hass immer beiseitegeschoben, hat nicht mitgemacht, wenn die anderen hetzen, aber jetzt bricht er durch sie hindurch, tief aus ihrer Brust, er will raus, er muss.

Vor ihr steht der Feind. Und sie kann nur eines tun.

Sie schlägt zu.

Es ist nicht mal ihre ganze Kraft, aber es reicht. Mit beiden Händen stößt sie Becky von sich, nach hinten, wo der Fluss rauscht und ihr eigenes Rauschen übertönt. Weg. Einfach nur weg.

Ein panischer Schrei hallt durch den Wald.

Claire fühlt sich trunken. Ihre Hände kribbeln, da ist ein seltsames Feuer, das sie verschlingt.

Unten am Boden keucht etwas. Ein schmerzvolles Wimmern, nur ganz leise, wie von einem sterbenden Tier.

Claire senkt den Blick. Dort liegt Becky zwischen den Steinen, den Kopf zur Seite gedreht, sie rührt sich gar nicht, irgendwas liegt neben ihr, ein kleines weißes Ding – was ist das?

Ihre Knie zittern.

"Becky?"

Niemand antwortet ihr.

Stattdessen sieht sie den roten Fleck um Beckys Kopf herum.

Nein. Nein, nein, nein, nein.

"Becky." Ihre Sicht verschwimmt. "BECKY!"

In ihrer Brust wird es eiskalt. Was hab ich getan, was hab ich getan –

Das wollte sie doch nicht. Sie wollte doch nicht, dass Becky nichts mehr sagt, sie wollte nur – sie will doch nur, dass Becky sie liebt. Mehr hat sie doch nicht. Becky kann nicht einfach weg sein, aber ihre Hände sind so kalt, und das kleine Ding, was da neben ihr liegt, das ist ein Zahn – oh Gott, wieso fehlt ihr ein Zahn?

Claire presst einen Ärmel vor ihren Mund. Der Hass ist wieder da. Was hat sie getan? Was hat sie getan?

Ihr Schrei ist so laut, dass ringsum die Vögel verstummen.

Dass es jemand gehört hat, merkt sie erst, als plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter landet.

Er klingt außer Atem.

"Claire. Claire, was ist los? Was ist mit Becky passiert, ist sie-"

Claire hat keine Antwort.

Was mit Becky passiert ist?

Sie wollte doch nur glücklich sein. Wollte doch nur fliegen.

Aber das geht nicht. Nur die Vögel können das. Nur, wer keine Schuld trägt.

 

 

• ♡ •

 

 

Der Kranz aus Gänseblümchen hängt an ihrem Spiegel. Claire kann ihn kaum anschauen, ohne an all das denken zu müssen, was er mal bedeutet hat. Aber wegwerfen kann sie ihn nicht. Das ist sie Becky schuldig. Dass jemand sich erinnert, wie sie wirklich war.

"Und wenn wir achtzehn sind, dann heiraten wir halt for real."

Ihre eigene Stimme, blechern aus dem Lautsprecher ihres Laptops. Wie naiv sie gewesen ist. Damals war das ihr größter Traum, alles, was sie sich vorstellen konnte; mit Becky abzuhauen, eine richtige Hochzeit zu feiern.

Jetzt ist sie achtzehn. Allein in ihrem Zimmer.

Sie sollte das Video nicht angucken. Eigentlich macht sie das nur einmal im Jahr, an ihrem Hochzeitstag. Um es nicht zu vergessen. Aber jetzt – das alles, sie kann das nicht mehr. Seit Emil getötet wurde, seit diese Kommisssarin sie nach Becky gefragt hat, seit die Jungs sich in ihren Weg gestellt haben, da ist plötzlich alles wieder da.

Du bist doch stark, hat Clemens gesagt. All die Jahre über. Hat sie in den Arm genommen, bei den wenigen Malen, die sie ihn allein erwischt hat. Und ihr eingeschärft, niemandem was zu sagen. Auch nicht ihrem Onkel.

Oh, verdammt. Ihr Onkel, der immer das Beste für sie will, der sie ohne zu zögern in seinen Betrieb aufgenommen hat, als sie keine Ahnung hatte, was sie nach der Schule machen wollte.

Übermorgen ist ihre Gesellenprüfung. Und statt zu schlafen und sich vorzubereiten sitzt sie hier, hängt wieder an dem Video fest, an der Schuld, die keiner sieht.

"Klar, machen wir", sagt Becky und schaut zur Seite. Claire schließt die Augen. Warum hat sie das nicht bemerkt, damals in der Kirche. Warum musste sie Beckys Vater erwähnen? Und wie Becky sich umgesehen hat, als erwarte sie, bestraft zu werden für ihre Sünden. Dabei hat sie doch nichts getan, überhaupt nichts. Becky war so unschuldig, wie man sein konnte. Früher musste sie immer sonntags in die Kirche. Claire hat sich nichts dabei gedacht, es war nur nervig, dass sie sich nicht sehen konnten, aber was das mit Becky gemacht hat, das hat sie nie gesehen, was die ihr in den Kopf gesetzt haben –

Ihre Augen brennen. Es bringt doch nichts, keine Tränen können sie zurückholen, aber Claire kann trotzdem nicht anders.

Erschöpft sinkt sie auf den Teppich, presst hektisch eine Hand vor den Mund, damit ihr Onkel sie nicht hört. Der würde nur Fragen stellen, Fragen, die sie nicht beantworten darf.

Aber Scheiße, sie kann das nicht mehr. Es wird nur noch schlimmer, je länger sie schweigt.

Er hat gesagt, dass sie keinen Kontakt haben dürfen, aber das ist jetzt egal. Fahrig tippt Claire die Nummer an, schreibt mit zitternden Fingern eine Nachricht.

Ich halt das nicht mehr aus.

Clemens antwortet sofort. Doch. Du bist stark.

Aber das ist sie eben nicht. Wäre sie wirklich stark gewesen, dann hätte sie Becky gar nicht erst geschubst, dann wären sie beide mit gebrochenem Herzen, aber lebendig nach Hause gegangen und Claire hätte geweint und ihrem Onkel alles erzählt. Sie ist nicht stark genug gewesen. Dafür trägt sie jetzt die Schuld.

Clemens versteht das nicht, für ihn ist das doch nur ein blödes Geheimnis. Niemand versteht das, kein einziger Mensch auf der ganzen fucking Welt, und sie – sie kann das nicht alleine.

Wenn sie ihre Gesellenprüfung bestanden hat, was dann? Soll sie einfach weiterleben, die Feidts ignorieren, die Mörderin an ihr Tor schreiben und Recht damit haben? So kann man nicht leben. Nicht mit dieser Schuld.

Entschlossen klappt Claire den Laptop zu. Sie muss jetzt gehen. Zu Becky. Irgendwohin.

In ihrer Sporttasche steckt nur das Nötigste: Kleidung, Handy, Kopfhörer, die kleine Schatulle mit allem, was ihr von Becky bleibt. Leise zieht Claire die Tür hinter sich zu. Ihr Onkel schläft längst, der wird nichts bemerken.

Irgendwo entfernt in ihrem Inneren tut es ihr auch leid. Aber sie muss einfach weg.

Draußen empfängt sie die stockfinstere Nacht, und ein wenig packt sie jetzt doch die Angst. Mehrmals raschelt es im Dickicht und sie ist überzeugt, dass jeden Moment einer von den Feidts hervorspringen wird. Aber sie hat ja Pfefferspray in der Tasche. Und ein Ziel zu erreichen.

Der Wald ist noch unheimlicher in der Nacht, Bäume umringen sie wie Riesen, die sie gleich verschlingen. Trotzig stapft Claire weiter voran. Im kalten Licht ihres Handys findet sie den Weg. Der Akku wird nicht mehr lange durchhalten, wenn sie noch weiter leuchtet, aber das ist egal. Sie muss ja nur hin.

Nachts hört sich das Rauschen des Flusses irgendwie anders an. Wie tausend Stimmen, die ihr zuflüstern, Vergangenheit und Zukunft in einem. Als ihr Akkustand zu niedrig wird, schaltet Claire das Licht aus und lässt sich auf einem Stein nieder.

Becky ist hier.

Sie ist nicht hier, kann nirgendwo mehr sein. Aber wo soll Claire sie finden, wenn nicht an diesem Ort?

Sie wühlt in ihrer Sporttasche, macht sogar das Licht an, als sie nichts findet, aber die Schatulle ist nicht da. Fuck. Jetzt hat sie auch noch den letzten Teil von Becky verloren.

Eigentlich hat sie gedacht, alle Tränen wären längst vergossen. Aber irgendwie kommen sie trotzdem.

Ihr Gesicht brennt so sehr. Claire taucht die Hände ins Wasser, schöpft es sich über die Wangen und wünscht sich auf einmal, sie würde auch ertrinken.

Vielleicht sollte sie das ja.

Vielleicht muss sie wirklich dahin, wo Becky ist.

Claire hält inne, versucht, eine Entscheidung zu treffen. Kann sie das überhaupt?

Eigentlich will sie nur schreien. So laut, dass alle es hören – ihr Onkel, Clemens, die Feidts, das ganze Dorf – und alle endlich wissen, was passiert ist. Dass sie Becky geliebt hat und es nicht ertragen konnte. Dass sie eine Mörderin ist, aber sie wollte das nicht, oh Gott, sie wollte es doch nicht, unter dem Wasser klebt Blut an ihren Händen und es geht nicht weg, es geht nicht weg.

Nein, denkt sie auf einmal. Es hilft nichts, wenn sie jetzt aufgibt. Die Schuld ist immer noch da.

Becky ist immer in die Kirche gegangen, um Buße zu tun. Claire kam das wie Bullshit vor, aber vielleicht ist es das Einzige, das ihr noch helfen kann. Nicht vor Gott. Aber vor den anderen.

Im Stillen trifft sie ihre Entscheidung.

Morgen wird sie alles gestehen, egal, wer über sie richtet. Und wenn der Hass noch einmal siegt und auch sie hinabzieht, dann soll es so sein. Morgen wird sie es wissen.

Bis dahin lauscht sie weiter dem Fluss, wartet ihre Strafe ab, mit Beckys Flüstern im Ohr. Becky, die sie nach Hause ruft.

 

 

• ♡ •

 

 

Am Ende kommt keine Strafe, zumindest nicht für sie.

Clemens ist es, der niedergestochen wird, vor Claires Augen in sich zusammensinkt. Sie selbst wird nur in ein Polizeiauto gesetzt.

Ihr Onkel macht sich furchtbare Sorgen, aber die haben ihm versichert, dass Claire nichts passieren wird, sie müssen nur ihr Geständnis zu Protokoll geben. Und sie war ja auch erst dreizehn, noch nicht mal strafmündig, und die Kommissarin hat ja alles gehört, was Clemens und sie gestanden haben.

Claire verbringt eine schlaflose Nacht im Präsidium, in Saarbrücken. Die Stadt ist kaum eine halbe Stunde entfernt und kommt ihr doch vor wie am anderen Ende der Welt. Irgendwo schläft jetzt ihr Onkel, mit dem sie noch nicht mal reden konnte. Irgendwo sitzen die Feidts, Peter und seine Mutter zumindest. Ob sie jetzt Reue empfinden oder Genugtuung oder ob es ihnen immer noch nicht reicht, kann Claire nicht sagen.

Am nächsten Morgen wird sie in einen Raum mit großen Fenstern gebracht. Sie soll nur warten, bis das Verhör beginnt.

Dumpf starrt sie durch die Glasscheibe. In dieser Stadt ist so viel Leben, so viel mehr als in Hohenweiler. Beinahe befremdlich. Und doch überkommt sie ein plötzlicher Drang. Was, wenn sie einfach durch diese Straßen laufen könnte, wo sie keiner kennt? Wo sie herumspazieren und beobachten kann und sein, wer immer sie sein will? Sie hat immer gewusst, dass es noch eine Welt da draußen gibt, aber ihr Onkel macht keine Ausflüge, und seit Beckys Tod hat sie etwas an das Dorf gebunden. Jetzt ist sie sich nicht mehr sicher. Bei gar nichts. Alles ist viel zu weit weg.

Hinter ihr schwingt eine Tür auf, und eine Frau mit schwarzem Haar kommt auf sie zu. Baumann, die Kommissarin.

"Mein Kollege braucht noch einen Moment", sagt sie entschuldigend und bleibt stehen, als wüsste sie nicht recht, was sie mit Claire anfangen soll.

Claire sagt nichts. Ist doch nicht ihr Problem.

Dann zieht Baumann auf einmal einen Stuhl heran, schiebt ihn neben Claires. Ihre Miene ist immer noch unsicher, als sie sich darauf sinken lässt.

Einen Augenblick lang schweigen sie. Claire kann nicht sagen, ob ihr die Gesellschaft lieb ist.

Da greift Baumann in ihre Tasche. Und Claire zieht scharf die Luft ein.

Die Schatulle. Die rote Schatulle, in der früher der Ring ihrer Eltern gelegen hat. Und jetzt der letzte Teil von Becky.

Claire streckt eine zittrige Hand aus, fürchtet, dass sie es gar nicht behalten darf, aber Baumann legt die Schatulle einfach in ihre Handfläche. Langsam schließt sie die Finger darum.

"Die lag neben deinem Bett", sagt Baumann, ganz leise.

Claire nickt und schließt die Augen gegen die Tränen. Sie dachte wirklich, sie hätte es irgendwo im Wald verloren.

Neben ihr räuspert sich Baumann, hält noch einmal inne. Dann ist ihre Stimme noch sanfter. "Ich hab auch das Video gesehen, auf deinem Laptop."

Claires Blick schnellt hoch. Aber dann seufzt sie nur. Eigentlich sollte sie das wütend machen, oder? Dass jemand ihre Hochzeit gesehen hat, die nur für sie beide bestimmt war. Nur irgendwie fehlt ihr die Kraft dazu. Und in der Kneipe hat sie sich eh schon gedacht, dass die Kommissarin irgendwas weiß.

Vielleicht hilft das auch.

Claire schluckt.

"Dann wissen Sie auch, dass ich sie geliebt hab."

Dass ich ihr nie wehtun wollte.

Baumann sieht sie an, und da ist irgendwas in ihrem Gesicht, das Claire innehalten lässt. Irgendwie sieht sie genauso aus, wie Claire sich fühlt. Da ist Reue und Schmerz und auch Resignation, aber auch... auch eine Art Verständnis.

"Ich weiß." Sie klingt aufrichtig. "Glaub mir, ich weiß."

Wieso, möchte Claire fragen. Aber die Worte wollen nicht heraus.

Baumann scheint es trotzdem zu spüren. Und seufzt.

"Ich... bin auch dort aufgewachsen. Es ist lange her. Aber ich weiß, wie es da zugeht. Das war vor dreißig Jahren auch schon so."

Claire nickt bloß. Unwillkürlich fragt sie sich, zu welcher Familie Baumann gehört hat. Sind sie vielleicht sogar verwandt? Sie erinnert sich an eine Cousine ihrer Mutter, die sie nie kennengelernt hat, nur durch Geschichten. Irgendjemand hat immer behauptet, sie wäre es gewesen, die damals einen Schuppen abgefackelt hat. Eine von den unzähligen Racheaktionen, die nie so richtig nachgewiesen wurden, aber es hat auch keiner die Polizei verständigt, weil man das eben unter sich ausmacht.

Claire mustert die Kommissarin. In ihr regt sich widerwillige Neugier. "Und dann sind Sie nach Saarbrücken gezogen?"

Baumann schüttelt den Kopf. "Erst nach Frankreich. Ich bin abgehauen."

Dann hat sie geschafft, wofür Claire zu feige war. "Einfach so?", fragt sie. "Alleine?"

Baumann presst die Lippen aufeinander. Es sieht fast aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und Claire blinzelt überrascht. Vielleicht sind sie sich noch ähnlicher, als sie gedacht hat.

Baumann schaut weg. "Allein", sagt sie dann.

Claire schließt die Augen. Sie wollte doch auch mit Becky abhauen. Aber ohne ihre Freundin hat sie sich einfach nicht getraut.

Bevor sie etwas sagen kann, geht die Tür wieder auf. Diesmal ist es der Polizist, der Claire gestern zum Auto gebracht hat. Der mit den traurigen Augen.

Baumann steht auf, sie wechseln ein paar Worte. Dann dreht sie sich noch einmal zu Claire.

Und plötzlich bricht es aus Claire heraus.

"Ich wollte das nicht", murmelt sie, so leise, dass nur Baumann es hören kann. "Das war nicht ich, das war irgendwas in mir, ich hab sie doch geliebt."

Baumann sieht sie an, und zum ersten Mal seit fünf langen Jahren fühlt Claire sich verstanden.

Vielleicht bildet sie sich das ein, aber es klingt, als hätte Baumann leise "Ich auch" gesagt. Ihre Hand streift Claires Schulter, drückt sie ganz kurz, bevor sie zurücktritt und mit einem Blick zu ihrem Kollegen den Raum verlässt.

Für einen Moment überkommt sie die Unsicherheit. Mit Baumann konnte sie reden, aber den Mann, der jetzt vor ihr sitzt, kann sie nicht einschätzen. Was, wenn er sie doch für schuldig befindet?

Aber dann fängt er an zu reden, und etwas in ihr wird plötzlich ruhig.

Sie erzählt die ganze Geschichte, beginnt beim ersten Frühling im Wald und endet in der Kneipe, wo Clemens' Blut am Boden klebt. Es ist leichter, als sie je gedacht hätte. Nur eine Beichte. Jetzt, wo es raus ist, bleibt Leere zurück.

Draußen vor der Tür wartet ihr Onkel auf sie. Neben ihm steht Baumann. Die Frau, die es geschafft hat, das Dorf hinter sich zu lassen. Claire hat immer gezweifelt, ob das überhaupt möglich ist. Aber vielleicht kann sie auch fliegen. Nach Japan, oder irgendwo ganz weit weg.

Zuerst fällt sie in die Arme ihres Onkels. Und was danach kommt, muss keiner mehr erfahren.