Chapter Text
Die Sonne strahlte über Volantis und ihr Licht durchflutete und wärmte den höchsten Turm des Roten Tempels. Dennoch brannten in dem großen Gemach mehrere Feuer in Standleuchtern. Immer wieder blickte Benerro angespannt in die Feuer, während er unruhig durch das Gemach schritt. Er war ein großer, dünner Mann und auf den Wangen seines blassen, abgehärmten Gesichts waren Flammen tätowiert, denn selbst der Hohe Priester des Roten Tempels von Volantis und Erste Diener des Herrn des Lichts war in jungen Jahren ein Sklave des Tempels gewesen. Schließlich blieb er stehen und er sah in eines der Feuer.
Die Dothraki haben Daenerys Targaryen gefunden. Herr des Lichts, dein Erster Diener fleht dich an: Hilf ihr, auf dass sie bald nach Meereen zurückkehren kann!
Benerro dachte zurück an das, was er vor einigen Wochen in den Flammen gesehen hatte und mittlerweile auch von Reisenden aus Meereen berichtet worden war: Bei der Wiedereröffnung der Großen Arena von Daznak hatten die Söhne der Harpyie, eine Bande bösartiger und gewissenloser Götzendiener, einen Mordanschlag auf Daenerys verübt. Ihr neuer Gemahl Hizdahr zo Loraq war dabei getötet worden, doch Daenerys war unversehrt geblieben – zunächst dank des Ritters Jorah Mormont, der unter den Kämpfern in der Arena gewesen war, dann hatten sie ihre Offiziere Barristan der Kühne, Daario Naharis und Skahaz mo Kandaq gerettet. Dennoch war ihr Leben in höchster Gefahr gewesen, bis überraschend der lange verschwundene Drache Drogon zurückgekehrt und in der Arena gelandet war und mehrere Attentäter verbrannt hatte. Schließlich war er mit Daenerys auf dem Rücken nach Osten fortgeflogen. Nach ihrem Verschwinden war der durch Hizdahr zo Loraq vermittelte Waffenstillstand mit den Weisen Herren von Yunkai zerbrochen. Benerros Gedanken gingen zu seinem engsten Vertrauten, den er nach Meereen entsandt hatte.
Wenn die Drachenkönigin zurückkehrt, muss auch Moqorro die Stadt erreichen. Er wird sie darüber unterrichten, dass sie Azor Ahai ist, die aus dem Feuer wiedergeborene Prinzessin, die verheißen wurde, die Kriegerin des Lichts, die Tochter des Feuers, die die Welt erneuern und vor der Finsternis des Großen Anderen retten wird.
Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. Die Tür des Gemachs öffnete sich und eine schlanke, große Priesterin trat ein. Sie hatte dunkelrotes Haar, ein makellos schönes Gesicht und trug ein weites, rotes Kleid mit einem freizügigen Ausschnitt. Sie verneigte sich vor Benerro.
"Ihr wolltet mich sprechen, Flamme der Wahrheit?", fragte sie.
"Ja, in der Tat, Schwester Kinvara", antwortete Benerro. "Ich habe wichtige Aufgaben für Euch im kommenden Großen Krieg gegen den Feind allen Lebens. Doch berichtet mir zunächst, ob es etwas Neues aus der Stadt gibt!"
Kinvaras Gesicht wurde ernst. "Die Triarchen werden immer feindseliger. Ich vernahm Gerüchte, dass Malaquo Maegyr die Goldene Kompanie anheuern will, um unseren Tempel zu stürmen und Euch zu töten, Licht der Weisheit."
Benerro lächelte spöttisch. "Malaquo wagt nicht, seine eigenen Soldaten gegen die tausend Krieger der Flammenden Hand einzusetzen. Dieser alte Narr ist immer noch verbittert, weil seine Enkeltochter Talisa sich zum Herrn des Lichts bekannt hat und danach nach Westeros gefahren ist. Seine Pläne sind auch nicht überraschend, da wir deutlich vernehmbar für die Drachenkönigin und gegen die Irrwege dieser Dummköpfe predigen. Mir machen sie keine Angst, denn selbst Malaquos Soldaten verehren den wahren Gott!"
Der Hohe Priester sprach verächtlich über die drei Herrscher von Volantis, die sich in den Konflikten in der Sklavenbucht auf der falschen Seite eingemischt hatten und sich törichterweise am Krieg der Sklavenhalter gegen Daenerys Targaryen beteiligten. Malaquo Maegyr war trotz seines hohen Alters kriegslüstern, Nyessos Vhassar war von den Weisen Herren von Yunkai bestochen worden und der neu gewählte Belicho Staegone war gleich nach seiner Amtseinführung mit der Kriegsflotte nach Meereen aufgebrochen.
"Habt Ihr sonst noch Neuigkeiten zu berichten, Schwester?", fragte Benerro schließlich.
"Ja, in der Tat", antwortete Kinvara. "An der Langen Brücke wurde ein uns wohlbekannter Eunuch gesehen, der viele Jahre am Hof von Königsmund verbracht hat. Er ist auf dem Weg nach Volon Therys, wo die Goldene Kompanie lagert."
"Die Spinne!", rief Benerro. "Nun gut, der Eunuch verfolgt seine eigenen Pläne und er ist ganz und gar nicht unser Freund. Aber nach dem, was ich in den Flammen gesehen habe, könnte auch er sich letztlich als Werkzeug des Herren erweisen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es wird diesem schwachsinnigen Greis Malaquo Maegyr nicht gelingen, die Goldene Kompanie für seine üblen Zwecke anzuheuern. Varys wird wahrscheinlich versuchen, sie zu überzeugen, für Daenerys Targaryen zu kämpfen."
"Doch wie soll die Kompanie zu ihr gelangen?", wandte Kinvara ein. "Die Drachenkönigin ist noch fern im Osten, weit entfernt selbst von Meereen ..."
"Sie wird bald nach Meereen zurückkehren!", sagte Benerro entschieden. "Und dort wird Moqorro sie im wahren Glauben unterweisen."
"Aber Moqorro droht Gefahr!", rief Kinvara, während sie in einen der Standleuchter blickte. "In den Flammen sehe ich eine große Flotte von Piraten aus Westeros – lange Schiffe mit schwarzen Segeln mit dem Zeichen eines goldenen Kraken."
"Ich sehe sie auch", bestätigte Benerro. "Es sind Eisenmänner, die dem Ertrunkenen Götzen huldigen. Aber auch diese Ungläubigen, ihr Eiserner Kapitän und vor allem ihre Schiffe können noch nützlich werden."
Er richtete seinen Blick auf Kinvara. "Doch nun zum eigentlichen Grund, warum ich Euch zu mir rief, Schwester. Ich sagte ja bereits, dass ich wichtige Aufgaben für Euch habe. Zunächst müsst Ihr der Spinne folgen und Euch zur Goldenen Kompanie begeben, um zu erkunden, ob sie sich Daenerys Targaryen anschließen wird. Wenn das geregelt ist, müsst Ihr über das Meer nach Westeros fahren. Für diese Aufgabe seid Ihr prädestiniert, Schwester, und das nicht nur, weil Ihr die Gemeine Zunge von Westeros fließend sprecht."
Kinvara war überrascht. "Ich werde tun, was mir der Erste Diener des Herrn des Lichts befiehlt. Mit welchem Auftrag sendet Ihr mich über das Meer?"
"Westeros muss auf die Ankunft der Drachenkönigin vorbereitet werden. Sorgt dafür, dass Daenerys Targaryen echte Verbündete hat, wenn sie zurückkehrt!"
"Wie Ihr wünscht, Licht der Weisheit. Hat sie auch falsche Verbündete?"
"Fürwahr, und einige von ihnen sind aus Meereen. Aber auch bei den Dornischen ist Misstrauen angebracht. Der Prinz aus Dorne, der zu ihr gereist ist und um ihre Hand angehalten hat, hat nach ihrem Verschwinden versucht, einen Drachen zu stehlen. Dieser junge Narr hat dafür mit seinem Leben bezahlt! Und dabei sind auch noch die beiden verbliebenen Drachen entkommen."
"Dennoch sollten wir versuchen, die Dornischen für die Drachenkönigin zu gewinnen", schlug Kinvara vor. "Unter den Lords der Sieben Königslande sollten sie den Targaryens am freundlichsten gesonnen sein."
"Es geht nicht nur um die Lords von Westeros", erklärte Benerro. "Entscheidend sind möglicherweise jene Krieger des Lichts, die der Herr aus einer anderen Welt geholt hat, wo sie wahrlich Großes im Kampf gegen die Finsternis vollbracht haben. König Elessar hat in seiner Welt den mächtigsten Leibeigenen des Großen Anderen besiegt. Aber leider hat er sich mit einem falschen Azor Ahai verbündet – und das hat ausgerechnet eine in die Irre gegangene Rote Priesterin aus Asshai verschuldet!"
"Auch aufrichtige Dienerinnen des Herrn begehen Fehler", seufzte Kinvara.
"Schwester Melisandre hat mehr als einen Fehler gemacht", schimpfte Benerro. "Nicht nur, dass sie Stannis Baratheon fälschlicherweise zum Azor Ahai erklärt hat, sie hat ihm auch noch ein gewöhnliches Schwert gegeben und behauptet, es sei Lichtbringer, das Schwert des Helden. Aber Stannis' Waffe ist nichts weiter als leeres Blendwerk! Es ist nutzlos im Kampf gegen die kalten Kinder des Großen Anderen. Ihr Anführer, der in Westeros Nachtkönig genannt wird, kann nur mit dem echten Schwert besiegt werden. Ihr müsst es finden, Schwester, denn davon wird abhängen, ob das Licht oder die Finsternis siegt. Der Große Krieg, der Krieg um das Leben selbst, hat bereits begonnen!"
"Sehr wohl, Flamme der Wahrheit!"
"Und noch eines, Schwester", fuhr Benerro fort. "Wenn Melisandre sich Euch widersetzt, müsst Ihr sie maßregeln. Bis Moqorro mit der Drachenkönigin eintrifft, werdet Ihr die ranghöchste Priesterin in Westeros sein."
