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Gedankenspirale

Summary:

Lui darf sein erstes Elite Halbfinale spiele, zum Glück gibt es eigentliche Teampartner mit denen man reden kann.

Work Text:

Es war nicht der erste Finaltag den er spielte, bei weitem nicht, er hatte schließlich schon dreimal in einem Halbfinale der deutschen Meisterschaften gewesen und hatte die ein oder andere internationale Medaille gesammelt, es war auch definitiv nicht der erste Finaltag an dem er am Vorabend nervös gewesen war.

Aber es fühlte sich anders an dieses Mal. Die Gewissheit, dass Nils morgen an seiner Seite stehen würde und nicht mit Clemens auf der anderen Seite. Da würde kein Jonas und Milan, keine Sagstetter Brüder, kein Sven und Lukas, kein Robin und ganz sicherlich kein Max warten. Auf ihn warteten Europameister, Elitegewinner, der vermutlich erfahrenste Spieler der Tour und danach? Weitere EM-Medaillengewinner und Elitesieger oder noch schlimmer, Olympiasieger und Weltmeister. Wenn er daran dachte wie nervös er 2022 vor seinem ersten Halbfinale mit Max gewesen war, kam ihm das fast schon lächerlich vor.

Beim Gedanken an Max zog sich sein Herz wieder einmal ein wenig schmerzhaft zusammen, wie so oft in den letzten Tagen, so gut er sich auch mit Nils verstand und so gut sie sich in der kurzen Zeit als Team gefunden hatten, so vermisste er seinen eigentlichen Teampartner doch hin und wieder. Mit Max war einfach alles irgendwie einfach gewesen, sie verstanden sich fantastisch auf und abseits vom Feld, kannten einander in und auswendig, wussten was der andere brauchte wenn das Spiel nicht lief.

 

Die Laute Musik eines vorbeifahrenden Autos brachte ihn aus seinen Gedanken zurück ins hier und jetzt. Die Fußgängerampel an der er gewartet und auf den dunklen Asphalt gestarrt hatte sprang wieder auf Rot. Zulange gewartet.

Eigentlich hatte Lui nur eine kleine Runde um den Block laufen wollen um ein wenig runter zu kommen nach dem späten und nervenaufreibenden Spiel gegen die Schweden, ein wenig frische Luft schnappen, aber seine Füße hatten ihn ein ganzes Stück von seiner Wohnung weg getragen. Er musste zu viel über Max nachgedacht haben wenn er sich so die Gegend anschaute in der er gelandet war. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm das es Viertel vor elf war, keine inhumane Uhrzeit, Max konnte durchaus noch wach sein.

Als die Fußgängerampel ein weiteres Mal auf grün sprang zögerte er kurz, aber setzte dann seinen Weg fort. Was soll's, dachte er sich, Zuhause würde er vermutlich eh nur verrückt werden beim Gedanken an morgen und normalerweise half es mit jemandem darüber zu sprechen, mit Max drüber zu sprechen.

 

Schnellen Schrittes legte er den Rest der Distanz zurück, zögerte nur einen kleinen Augenblick bevor er die Klingel drückte, still betend, dass er noch nicht schlafen gegangen war oder, fiel Lui ein, vielleicht auch noch gar nicht Zuhause war sondern am Venue geblieben war um noch ein wenig mit den anderen zu quatschen.

Beide seine Sorgen wurden vom mechanischen Knacken der Gegensprechanlage wieder legt, aus der ein sehr verwirrt klingendes "Hallo?" tönte.

"Hey- äh," er räusperte sich etwas überfordert, "Ich bin's. Lui. Ich wollte- Äh- Könnte ich hochkommen?"

"Klar." Die Tür gab ein Surren von sich, Lui drückte sie auf und betrat das Treppenhaus. Seine Beine protestierten beim Hinaufsteigen der Treppen ein wenig, müde von den beiden langen und anstrengenden Spielen, als er jedoch Max immer noch etwas verwirrtes Gesicht erblickte, war es ihm das wert.

 

Als Lui auf dem oberen Treppenabsatz ankam, schauten sie sich für einen Moment erst einmal schweigend an, neben der Verwirrtheit spiegelte sich auch ein wenig Besorgnis im Gesicht des anderen. Ohne weiter darüber nachzudenken schloss Lui die Distanz zwischen ihnen und schlang seine Arme um den größeren, vergrub sein Gesicht in seiner Schulter.

"Woah," gab Max etwas überrascht von sich, "so schlimm alles?" Legte aber nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte seinerseits die Arme um Lui. Lui zuckte nur mit den Schultern, eigentlich sollte doch alles fantastisch sein, oder nicht? Er stand in seinem ersten Elite Halbfinale, er würde morgen um die Medaillen mitkämpfen und doch… und doch fühlte er sich ein wenig falsch am Platz. Wer war er schon im Gegensatz zu einem Martins Plavins? Selbst Fokerots der drei Jahre jünger war, hatte schon so viel mehr erreicht. Von Mol/Sørum fing er am besten gar nicht erst an, auf die würde er ja aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht erst treffen.

"Was soll ich morgen schon gegen die alle ausrichten? Die haben doch alle schon so viel mehr erreicht als ich." Nuschelte er schließlich in Max Schulter.

"Hey, hey, nein. So fangen wir gar nicht erst an, ja?" Max löste seine Umarmung und nahm stattdessen Lui's Gesicht zwischen seine Hände, "Natürlich hat ein Plavins mehr erreicht aber der ist ja auch doppelt so alt wie wir. Das heißt nicht dass du schlechter bist."

"Na ja, aber der Fokerots-" versuchte Lui anzusetzen, aber Max unterbrach ihn.

"Kristāns Fokerots ist eine Ausnahme die nicht zählt. Außerdem denk mal an die anderen Ausnahmen. Die Baby Schweden habt ihr doch heute vom Feld geräumt. Und die sind Vize-Weltmeister und was nicht alles. Es gibt einen guten Grund warum Nils mit dir spielt."

"Also eigentlich wollte er ja Lukas…" erwiderte Lui kleinlaut.

"Und Lukas und Paul wurden von den Franzosen vom Platz gewischt, während ihr im Halbfinale steht, also scheinst du ja doch irgendwo die bessere Wahl gewesen zu sein. Ich meine was ist schon das schlimmste was passieren kann?"

Ja was war denn das schlimmste was passieren konnte? Er sich in zwei spielen bis auf die Knochen blamieren, alle Heimmedaillen Hoffnungen enttäuschen.

"Wir können katastrophal spielen."

Max ließ sein Gesicht los und legte ihm stattdessen die Hände auf die Schultern.

"Und dann? Dann seit ihr vierter nach einem immer noch fantastisch gespielten Turnier. Dann gehen wir halt entspannt essen anstatt zur Siegerehrung. Dann geht's trotzdem nächste Woche zu EM, dann kommen trotzdem die nächsten Turniere und die nächsten Chancen. Das wird nicht das Ende der Welt sein." Lui senkte den Blick und ließ Max Worte einen Augenblick einwirken. Ja es wäre unfassbar bitter wenn sie ihre Chancen morgen nicht nutzen würden, aber wie Max schon meinte wäre es nicht das Ende der Welt. Er hatte sich ein wenig in eine negative Gedankenspirale ziehen lassen anstatt die Dinge nüchtern anzugehen wie er es eigentlich sollte. Der Fakt, dass sie im Halbfinale standen war schon besser als das auf was er vor Beginn des Turniers gehofft hatte, egal was morgen war.

 

Lui rang sich ein müdes Lächeln ab, "Kann ich dich morgen einfach auf die Bank setzen falls ich anfange im Spiel nachzudenken und zu zweifeln?"

"Ich fürchte, dass ist leider nicht erlaubt." Erwiderte Max mit weichem Blick, "Aber ich werde dich ganz laut von der Tribüne aus anfeuern."

"Versprochen?"

"Versprochen." Max zog ihn wieder in seine Arme und Lui lehnte seinen Kopf gegen seine Schulter. Genoss ein wenig das Gefühl von Ruhe und Sicherheit.

 

"Bleibst du hier oder soll ich dich nach Hause fahren?" Flüsterte Max nach einer Weile.

"Ich glaube Zuhause fang ich nur wieder an zu viel nachzudenken."

"Okay, dann brauchst du morgen nur länger zum Venue als drei Minuten." Das brachte Lui ehrlich zum Lachen.

"Ich glaube damit kann ich leben."