Chapter Text
Es war schon längst Herbst in Rocky Beach geworden und trotz der stürmischen See, den unzähmbaren Wellen, die das Meer übersäten, breitete Peter Shaw ein hellblaues Handtuch am Strand aus. Kelly hatte es ihm letztes Jahr zu seinem Geburtstag geschenkt und obwohl sie sich im letzten Monat heftig gestritten und daraufhin getrennt hatten, wollte Peter das Handtuch trotzdem benutzen.
Über Kelly würde er wohl nie ganz hinwegkommen, das war ihm bewusst. Doch das Meer spendete ihm – auch in den kalten Herbstmonaten – einen Trost, den er nicht einmal erfuhr, wenn er mit Justus und Bob seine Zeit verbrachte.
Peter war gerne alleine hier, um gegen die wilden Wellen und das eiskalte Wasser anzukämpfen. Beides half ihm seinen anhaltenden Kummer für wenige Stunden zu vergessen. Außerdem jammerten die anderen beiden Fragezeichen bereits, wenn Peter sie im Sommer des Öfteren zum Strand schleppte, da sie nur ungern mit ihm schwammen.
Langsam zog sich Peter sein Shirt über die Schultern und ließ es auf das blaue Handtuch fallen. Heute war es eigentlich viel zu kalt um den Wellen nachzujagen, doch Peter wollte nicht daran denken wie es ihm ergehen würde, wäre er jetzt mit seinen eigenen Gedanken alleine. Er würde an Kelly denken, an die zornige Falte, die sich zwischen ihren Augenbrauen gebildet hatte bevor sie ihm mit einem Zischen mitteilte, dass es zwischen ihnen nun endgültig vorbei war.
Peter wusste, dass er alles hätte verhindern können, hätte er nur zugehört. Als Nächstes streifte der Rotschopf seine Schuhe ab und platzierte sie neben dem Handtuch im Sand. Seine Socken legte er nebeneinander in einen der beiden Schuhe.
Hatte Kelly ihm nicht unzählige Male gesagt, dass sie mehr Zeit miteinander verbringen sollten? Hatte sie ihm nicht deutlich genug gezeigt, dass sie es leid war immer auf ihn zu warten?
Peter riss sich die Hose vom Leib. Er musste ins Wasser. Ohne das Handtuch eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sich Peter in Richtung des Meeres. Eine kalte, salzige Brise wehte ihm entgegen als er seine nackten Füße in den nassen Sand presste. Für eine kurze Sekunde schloss der zweite Detektiv die Augen. Hätte er weniger Zeit mit den letzten Fällen und dafür mehr mit Kelly verbracht, wäre sie vielleicht noch hier.
Doch er wollte sich jetzt nicht mit diesen lästigen Gedanken beschäftigen. Er konnte es einfach nicht. Nicht jetzt. Also stapfte er langsam zum Wasser, wie er es auch die letzten paar Wochen täglich getan hatte. Als er am Rand des Meeres angekommen war, schwappte eine kleine Welle kaltes Meerwasser über Peters Zehen.
Sachte stieg er tiefer hinab in den nassen Sand, ehe er bis zu den Knien tief im Wasser steckte. Es war bitterkalt, genauso wie es ihm am liebsten war. Bevor er es sich anders überlegen konnte, machte der zweite Detektiv einen weiten Satz nach vorne. Sofort umschlang die Kälte des Meerwassers seinen gesamten Körper.
Der erste Schwimmzug war immer der schlimmste, fand Peter. Vorsichtig holte er mit seinen langen Beinen aus und presste sie entgegen der Tiefe, sodass er an die Wasseroberfläche schwimmen konnte. Die Wellen waren heute hoch, definitiv höher als sonst, doch das hielt Peter nicht davon ab sie mit Leichtigkeit zu durchdringen.
An der Wasseroberfläche angekommen, schnappte er nach Luft. Die Kälte, die durch Peters Körper gefahren war, wandelte sich durch das Adrenalin, das ihn nun ebenfalls von Kopf bis Fuß durchströmte, langsam in eine angenehme Wärme um. Erneut holte Peter mit seinen Armen und Beinen aus. Seine Augen brannten ein wenig als er sie endlich öffnete. Erneut stieg ihm der salzige Geruch des Meeres in die Nase.
Heute würde er etwas weiter hinaus schwimmen als sonst, da er sich mit Justus und Bob erst gegen Nachmittag verabredet hatte. Ausnahmsweise hatten die drei Detektive dieses Wochenende keinen Fall zu bewältigen, was für Peter normalerweise ein Segen war, diesmal aber eher an einen Fluch grenzte.
Außer Peter befand sich keine Menschenseele im Wasser. Auch der Strand war wie leergefegt. Als sich der Rotschopf nochmals umsah, konnte er nur sein Handtuch erkennen, das mutterseelenallein im Sand lag. Und eine Person, die geradewegs auf den Strand spazierte.
Was hatte eine andere Person wohl so früh am Morgen direkt am Meer verloren? In den letzten Tagen, vielleicht auch da es in den Herbstmonaten etwas frischer und stürmischer geworden war, war Peter immer der einzige am Strand gewesen.
Schnell schüttelte Peter den Kopf und wandte sich wieder den Wellen zu. Wenn er jetzt nicht aufpasste, würden sie ihn gnadenlos mit sich reißen und wieder direkt in sein Gesicht schwappen. Er konnte definitiv auf eine Wiederholung von gestern verzichten. Seine Nase würde ihm dafür heute Abend danken.
Und außerdem – Was ging es ihn denn an, wenn eine weitere Person ihren Morgen gerne am Strand verbringen wollte? Es war ja nicht so als würden sie sich in diesem weiten Gewässer in die Quere kommen. Auch der Strand war groß genug für zwei Personen. Doch als Peter sich noch einmal kurz dem Ufer zuwandte, sah er wie die Person, welche wohl komplett in schwarz gekleidet war, direkt auf sein hellblaues Handtuch zusteuerte.
In einem kraftvollen Schwung machte Peter kehrt und schwamm wieder in Richtung des Strandes zurück. Es war nicht so, dass er grundsätzlich den Einwohnern von Rocky Beach misstraute, doch besonders als eines der drei Fragezeichen wusste er natürlich welche Gauner und Ganoven sich hier herumtrieben.
Peter wollte nur einen kurzen Blick auf die Person werfen, die sich seinem Handtuch näherte, um sicherzugehen, dass seine Wertgegenstände in guten Händen waren. Ausgerechnet heute hatte er keine Strandtasche mitgenommen und stattdessen sein Handy, sowie sein Portmonnaie achtlos auf seinen Platz geworfen. Er hatte doch nur ins Wasser gewollt. Und woher hätte er wissen sollen, dass er ausgerechnet heute den Strand mit einer fremden Person teilen musste?
Sonderlich weit war er in den wenigen Minuten, die er nun im Wasser verbracht hatte, nicht gekommen. Nichtsdestotrotz schien die Person am Ufer ihn nicht bemerkt zu haben. Vielleicht lag das an den hohen Wellen, die nahezu schienen, als würden sie Peter verschlucken wollen. Oder vielleicht lag es daran, dass die Person in Schwarz aus irgendeinem Grund nur Augen für das hellblaue Handtuch hatte.
Die Person bückte sich über das Handtuch und Peters Augen weiteten sich schlagartig als er erkannte, was sie aufgehoben hatte. Rechteckig, braun, ein kleiner blauer Anhänger aus Stoff baumelte herunter. Peters Portmonnaie.
„He!“, rief der zweite Detektiv mit aller Kraft, während er seine Beine und Arme dazu zwang, sich schneller zu bewegen. „Lass sofort mein Zeug in Ruhe!“ Doch die Person bewegte sich kein bisschen. Nein, stattdessen begann sie ein paar der Fächer aufzuklappen.
„Ein nettes Foto hast du da auf deinem Ausweis, Shaw. Ich wusste gar nicht, dass du Mal einen Topfschnitt hattest!“ Diese nasale, nervtötende Stimme setzte Peter zu wie ein Schlag in den Bauch es tun würde. Ausgerechnet Skinny Norris hatte sein Portmonnaie in die Finger bekommen. Falls das noch nicht schlimm genug war, hatte Skinny auch noch sein grässliches Passbild von vor drei Jahren gesehen.
„Das ist kein Topfschnitt“, entgegnete das Satzzeichen genervt. „Außerdem geht dich das eigentlich auch gar nichts an!“ Damit er nicht mehr so schreien musste, schwamm Peter noch näher an das Ufer heran, an die Stelle, an der die Monsterwellen brachen.
„Zu gerne hätte ich diese Frisur an dir in Person gesehen“, murmelte Skinny und wischte sich eine imaginäre Träne von der Wange. Peters Antwort darauf war ein grimmiges Augenrollen. „Zum Glück warst du zu dem Zeitpunkt in deiner bescheuerten Kadettenschule.“ Nun war Skinny an der Reihe mit den Augen zu rollen.
„Was willst du eigentlich hier?“, fragte Peter und kämpfte sich langsamen Schrittes aus dem Wasser. Der Wind, der auf seinen nassen Körper traf, war unglaublich kalt. „Ich könnte dich dasselbe fragen, Shaw. Meinst du nicht, dass es ein bisschen komisch ist, wenn du als einziger hier unten am Strand bist?“
„Nein, ist es nicht“, zischte der zweite Detektiv, während er mit böser Miene auf den Kleinkriminellen zustapfte. Dieser hob kurz die Augenbrauen, ehe er mit unveränderter Miene Peters Geldbeutel in seine hintere Hosentasche stopfte. „Wirklich nicht?“ Herausfordernd hob Skinny eine seiner Augenbrauen. „Normalerweise verstecken sich nur Leute hier unten, die was zu verbergen haben.“
„Gib mir sofort meinen Geldbeutel wieder“, schnaubte Peter. Doch Skinny stichelte nur frech zurück, „Und wenn ich es nicht tue?“ Im nächsten Moment ging er selbst einen Schritt auf den durchnässten Rotschopf zu. „Vielleicht verkaufe ich ihn auf dem Schrottplatz an den Meistbietenden.“
Eine letzte Welle schwemmte gegen Peters Knöchel. Dann sprang der zweite Detektiv plötzlich aus dem Wasser und auf Skinny zu. Mit einem überraschten Aufschrei segelte Skinny zu Boden. Sein Hinterkopf prallte auf dem nassen Sandboden auf, während seine Hände sich instinktiv in Peters nackte Schultern krallten. Alles drehte sich plötzlich und Skinny war es, als wäre er gegen eine Laterne gelaufen.
Peter thronte auf dem Oberkörper des Kleinkriminellen, seine Knie links und rechts neben Skinny in den Sand gepresst. Bevor dieser jedoch seinen Mund öffnen und sich beschweren konnte, griff Peter nach der Hosentasche, von welcher er glaubte, dass vorhin sein Geldbeutel in ihr verschwunden war.
„Kann es sein, dass du heute leichter zu provozieren bist als sonst?“, fragte Skinny mit rauer, leicht amüsierter Stimme. Er bewegte sich nicht, um Peter in irgendeiner Weise zu stoppen. „Normalerweise braucht es schon ein paar mehr dumme Sprüche bevor du mich anspringst.“
Erneut musste Peter mit den Augen rollen, diesmal, um das Verlangen zu unterdrücken dem älteren Jungen ins Gesicht zu schlagen. Doch irgendwo hatte Skinny ja recht. Wann war er so reizbar geworden? Trotz seiner Bemühungen, war es dem Detektiv aus irgendeinem Grund nicht möglich sein Portmonnaie aus Skinnys Hosentasche zu fischen.
Der Kleinkriminelle führte unbeirrt das einseitige Gespräch fort, „Oder wolltest du nur eine Ausrede, um mir an den Arsch zu fassen?“ Nun trafen sich die Blicke der beiden Jungen und Peter spürte wie ihm gegen seinen Willen eine Röte in die Wangen stieg. „Was?“, fragte er verdutzt, seine Aggressionen für einen kurzen Moment vergessen.
„Das ist die falsche Tasche, Shaw.“ Plötzlich fühlte Peter wie Skinnys Hände ihn etwas fester an den Schultern packten. Mit einem Ruck drückte Skinny ihn nach oben und rollte ihn seitwärts, in Richtung des Meeres. Der zweite Detektiv konnte sich gar nicht richtig wehren, da war er schon unter Skinny gelandet, der nun zwischen seinen Beinen kniete. Seine Hände waren noch immer auf Peters Schultern gelegt und pressten diese in den Sand.
Erneut war Peter dazu gezwungen in Skinnys stürmische Augen zu blicken. Ihr dunkles Grau glich dem wilden Meer, den unzähmbaren Wellen, die er nun schon wochenlang fast täglich aufsuchte, um seinen eigenen Problemen zu entkommen. „Hör auf mich zu ärgern“, presste er zwischen gefletschten Zähnen hervor. Doch auf Skinnys Lippen zeichnete sich nur ein süffisantes Grinsen ab, das Peter sofort klarmachte, dass er jetzt erst recht nicht mehr aufhören würde.
Peter fühlte sich fast wie damals, als er und Skinny noch viel jünger gewesen waren. Ständig hatte er es auf ihn und die anderen Fragezeichen abgesehen gehabt. Jetzt, wo sie älter waren, hatte Skinny sich wohl darauf spezialisiert nur noch Peter im Extremen zu provozieren. „Ärgern ist so ein hässliches Wort, findest du nicht?“, meinte Skinny und legte seinen Kopf ein wenig schief.
„Nein, ich finde es ganz passend“, feuerte Peter sofort zurück. Dann schlang er schlagartig seine Beine um Skinnys Hüfte und schwang sie so stark in Richtung des Wassers, dass Skinny über ihm ins Wanken geriet. Obwohl der Kleinkriminelle diesmal zuerst gegen die Bewegung seines eigenen Körpers ankämpfte, landete er wenige Sekunden später wieder unter Peter. Dann nutzte der ältere Junge jedoch den Schwung aus, den das Satzzeichen verursacht hatte und rollte sie beide weiter den nassen Strand entlang.
Die beiden jungen Männer bewegten sich immer schneller über den feinkörnigen Sandboden bis sie realisierten, dass sie aus eigener Kraft nicht mehr stoppen konnten. Erst am Rande des Wassers, als sie von einer Welle überschwappt wurden, fand ihre Rollerei endlich ein Ende. Sie beiden fuhren auseinander als hätte sie ein Blitz getroffen.
„Scheiße!“, fluchte Skinny, dessen Kleidung sich nun von Kopf bis Fuß mit Salzwasser vollgesogen hatte. Auch seine Haare, die aussahen als wären sie erst frisch blondiert worden, waren nun patschnass und hingen schlapp hinunter. Tatsächlich hatte Peter nie verstanden wieso Skinny seine dunklen, aschblonden Haare immerzu mit diesen chemischen Mitteln bleichte, die ihn seiner Meinung nach wie einen Möchtegern-Pop-Star aussehen ließen.
„Spinnst du?“, fuhr er Peter böse an. „Jetzt ist nicht nur dein scheußlicher Geldbeutel nass, sondern auch meine Zigaretten.“ Anstatt mit Worten auf Skinnys Stichelei zu reagieren, richtete sich der zweite Detektiv langsam auf. Sein Portmonnaie war anscheinend eh schon komplett nass. Was hatte er also noch zu verlieren?
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, das bei Skinny ohnehin nur auf taube Ohren stoßen würde, stürzte er sich erneut auf den Kleinkriminellen und drückte ihn in die nächste Welle. Nachdem er dem Salzwasser zum Opfer gefallen war und auch ein bisschen was davon geschluckt hatte, musste Skinny erst einmal husten. Böse funkelte er Peter an, ehe er seine Schultern packte und ihn nach unten rang.
Schnell riss der Zweite die Augen auf als er realisierte, dass Skinny trotz seiner Statur nicht nur aus Haut und Knochen bestand. Mit einer Kraft, von der Peter nicht einmal geahnt hatte, dass sie existiert, wurde er unter den nächsten Schwall Salzwasser gedrückt. Als Peters Ohren aber wieder über die Wasseroberfläche tauchten, vernahm er ein lautes, amüsiertes Lachen. „Du hättest grade echt dein Gesicht sehen sollen!“, prustete Skinny.
„Ja. Ha-ha, Skinny“, erwiderte er trocken. „Ganz lustig.“ Peters Augen brannten vom Salzwasser und er war sich sicher, dass er auch etwas davon in die Nase bekommen hatte. Na toll. Mit einem Ruck löste er sich von Skinny, der sich nun mit seiner freien Hand durch die nassen Haare fuhr.
Doch Skinny wollte einfach nicht locker lassen. „Komm schon, Shaw. Hab dich nicht so.“ Wieder konnte Peter dieses süffisante Grinsen, das ihn einfach immer in den Wahnsinn trieb, auf seinen Lippen erkennen. „Willst du‘s nicht nochmal versuchen?“ Mit diesen Worten erhob sich Skinny langsam aus dem Wasser und tätschelte zwei Mal eine seiner beiden hinteren Hosentaschen.
Peters Blick verengte sich, als er das Klatschen der Hand auf den nassen Stoff hörte. „Gib mir einfach meinen Geldbeutel zurück“, knurrte er, während er sich ebenfalls aus dem Salzwasser erhob. Doch der Kleinkriminelle trat nur einen Schritt zurück und hob in einer einladenden Geste seine Hände. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, Shaw. Wenn du ihn wiederhaben willst, musst du schon schneller sein als ich. Oder vielleicht greifst du diesmal besser nach der richtigen Tasche.“
Peter wartete keine Sekunde länger. Das Salzwasser brannte immer noch in seinen Augen, aber die Wut trieb ihn voran. Mit einem wütenden Knurren stürzte er sich auf Skinny und griff nach den Schultern des älteren Jungen. Doch dieser dachte gar nicht daran, wegzulaufen. Mit einem hämischen Auflachen fing er Peters Schwung ab und beide taumelten zurück in die schäumende Gischt, während die Wellen ihnen gegen die Knie schlugen.
Kaum bekam Peter die Schultern des Älteren zu fassen, konterte Skinny und packte ihn im selben Moment an den Armen. Sofort umfasste der zweite Detektiv Skinnys Handgelenke, um dessen Halt zu lockern. Sie rungen miteinander, verloren das Gleichgewicht und stürzten schwer in den nassen Sand, genau dort, wo die Wellen brachen. Peter landete über Skinny, drückte dessen Handgelenke in den Sand und fixierte ihn mit seinem ganzen Körpergewicht.
„Du willst ihn also wirklich wiederhaben?“, keuchte Skinny außer Atem. Obwohl Skinny immer noch größer war als er, hatte Peter in den letzten Jahren einiges an Muskeln aufgebaut. Er war lange schon nicht mehr so schwach, wie er es einst als Kind gewesen war. Sie keuchten beide schwer, ihre Brustkörbe hoben und senkten sich im selben, schnellen Rhythmus.
„Gib mir verdammt nochmal meinen Geldbeutel, Norris“, erwiderte Peter gereizt. Er verstärkte den Druck auf Skinnys Handgelenke. „Das Spielchen ist vorbei.“ Trotz des kalten Meerwassers, das sowohl an ihm, als auch an Skinny hinunter tropfte, fühlte Peter wie sich eine Wärme in seinem Körper ausbreitete.
Skinny stieß nur ein raues, leises Lachen aus, das eher wie ein raunendes Keuchen klang. Er machte keinen Versuch, sich aus Peters Griff zu winden, obwohl er es eigentlich könnte. „Immer so verdammt ernst, Shaw“, stichelte er in einem amüsierten Tonfall. „Hast du keinen Sinn für Humor? Oder hat der Rollmops dir verboten, am Strand etwas Spaß zu haben?“
Der zweite Detektiv spürte, wie ihm bei der Erwähnung von Justus kurz die Schläfen pochten, doch die Wut verrauchte seltsam schnell. Stattdessen machte sie Platz für ein ganz neues, irritierendes Gefühl, das ebenso seinen Herzschlag beschleunigte. „Du nennst das Spaß?“, zischte Peter. Er beugte sich ein Stück tiefer, um Skinnys spöttischem Blick standzuhalten. Dabei tropfte Salzwasser aus Peters nassen Haaren direkt auf die Wange des älteren Jungen.
Skinny zuckte nicht einmal zusammen. Er blinzelte nur kurz das Wasser weg, während seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde zu Peters Lippen wanderten, bevor sie wieder seinen brennenden Blick fixierten. Das süffisante Grinsen auf seinen Lippen bröckelte jetzt endgültig. Es machte Platz für einen Ausdruck, den Peter noch nie bei ihm gesehen hatte – etwas Konzentriertes, fast schon Suchendes.
„Du bist der Letzte mit dem ich Spaß haben will, Skinny“, entgegnete Peter, doch seine Stimme klang bei weitem nicht so fest und abweisend, wie er es beabsichtigt hatte. Sie war leise, fast ein raues Flüstern, das im Tosen der Brandung unterging.
„Ach ja?“, flüsterte Skinny zurück. Jede Spur von Spott war aus seiner Stimme verschwunden. Er rührte sich nicht, keinen Millimeter, aber die Spannung zwischen ihnen war plötzlich so greifbar wie das Salzwasser, das langsam auf ihrer Haut begann zu trocknen. „Warum lässt du mich dann nicht los?“
Peter wollte antworten. Er wollte diesem schreckensbleichen Nervenbündel klarmachen, dass er nur hier war, um sich seinen Geldbeutel zurückzuholen. Doch seine Finger lockerten sich ganz automatisch um Skinnys Handgelenke, ohne dass er die Verbindung ganz abriss. Er realisierte erst jetzt, wie nah sie sich eigentlich waren. Plötzlich schien es, als würde sein Verstand komplett aussetzen. Er spürte das wilde Hämmern seines Herzens und war sicher, dass Skinny es spüren musste, so eng wie ihre Körper aneinander gepresst waren.
Das Rauschen des Meeres schien wie in die Ferne zu rücken und für Peter existierte in diesem Moment nur noch die seltsame Hitze, dieses Feuer, das in seinem Körper loderte. Skinny, der sonst nie den Mund halten konnte, schwieg. Er wartete. Anstatt zurückzuweichen, gab der Rotschopf dem unaufhaltsamen Sog nach.
Langsam senkte er den Kopf und schloss die winzige Lücke, die sie noch voneinander trennte. Als ihre Lippen aufeinander trafen, war es zuerst kein sanfter Kuss, sondern vielmehr die Fortsetzung ihres Kampfes – intensiv, fordernd und voller angestauter Frustration der letzten Jahre. Doch in dem Moment, in dem Skinny ein leises Seufzen gegen Peters Mund ausstieß, wandelte sich die Härte.
Die Hände des älteren Jungen, die bis eben noch in den nassen Sand gepresst waren, lösten sich aus Peters lockerem Griff. Einen kurzen Moment später spürte der zweite Detektiv wie Skinnys lange Finger sanft durch seine Haare fuhren und ihn noch ein Stück näher heranzogen. Der Kuss wurde tiefer, berauschender, und für ein paar Sekunden vergaß der Detektiv das Atmen.
Ein plötzlicher, ohrenbetäubender Lärm schnitt durch die Idylle, als sich das Grollen des Ozeans in Sekundenschnelle aufbaute. Noch bevor einer von beiden reagieren konnten, brach eine massive Monsterwelle direkt über ihnen zusammen und rollte mit mörderischer Wucht über sie hinweg. Die schiere Masse an eiskaltem Pazifikwasser verschluckte sie mitten im Kuss.
Die Strömung riss Peter mit brutaler Gewalt von Skinny weg. Augenblicklich verlor er jegliche Orientierung, wurde unter Wasser herumgewirbelt und spürte, wie der sandige Meeresboden an seinen Armen und Beinen vorbei schrammte. Seine Lungen brannten, als er reflexartig nach Luft schnappen wollte und stattdessen nur bitteres Salzwasser schluckte.
Als sich die Welle endlich zurückzog, wurde Peter keuchend und nach Luft ringend im seichten Wasser zurückgelassen. Er hustete heftig, stemmte sich auf die Knie und wischte sich mit hastigen Bewegungen den Sand aus dem Gesicht. Sofort huschte sein Blick die Küstenlinie entlang, um auch nach Skinny Ausschau zu halten.
Der Kleinkriminelle hatte sich bereits auf alle viere retten können und spuckte einen Schwall Wasser in den schäumenden Sandboden unter ihm. Mühsam strich er sich ein paar nasse Haarsträhnen von der Stirn. Als er aufsah und Peters Blick traf, lag kein Spott mehr in seinen Augen, nur noch das pure, ungläubige Adrenalin des Fast-Ertrinkens und die Nachwirkungen dessen, was Sekunden vor der Welle zwischen ihnen passiert war.
Eine ganze Weile war zwischen ihnen nur das schwere Keuchen und rhythmische Grollen der zurückweichenden Brandung zu hören. Skinny brach das Schweigen zuerst. Er stieß ein raues, ungläubiges Lachen aus, das in ein kurzes Husten überging. „Verdammt, Shaw“, krächzte er und schüttelte den Kopf, sodass Wassertropfen von seinen blondierten Spitzen flogen. „Du bist echt komplett irre geworden. Aber wenn du mich das nächste Mal taufen willst, lad mich vorher wenigstens auf einen Drink ein.“
Peter saß noch immer im nassen Sand, die Hände tief in den Boden gegraben, um Halt zu finden. „Als ob ich das jetzt mit Absicht getan hätte“, brachte er schließlich heiser heraus. „Die Welle hat mich genau so erwischt wie dich.“
„Klar, deswegen hast du mich natürlich auch mit diesem Kuss abgelenkt“, murmelte Skinny, ehe er sich mühsam auf die Knie hochdrückte. Für einen Moment blitzte etwas Unlesbares in seinen Augen auf – ein Zögern, das überhaupt nicht zu ihm passte. Doch so schnell es gekommen war, war es auch wieder verschwunden, weggewischt von der gewohnten, harten Maske. Er wischte sich mit dem nassen Ärmel grob über den Mund, fast so, als wollte er den Geschmack des Kusses und des Salzwassers gleichermaßen loswerden.
„Und überhaupt“, stieß er nun etwas lauter hervor, während er sich auf die Beine kämpfte und demonstrativ anfing, seine klitschnasse, schwarze Jacke auszuwringen, „war das der jämmerlichste Versuch eines Ablenkungsmanövers, den ich je erlebt habe. Wenn du mich unbedingt anfassen willst, Shaw, frag das nächste Mal einfach nett.“
Peter, der noch immer wie ein nasser Hund im Sand saß, schnaubte fassungslos auf. „Erzähl keinen Mist, Norris. Erstens will ich dich gar nicht anfassen.“ Skinnys unverschämtes Mundwerk trieb ihn schon wieder zur Weißglut. „Und an meinem Kuss gab es überhaupt nichts auszusetzen und das weißt du ganz genau. Also tu verdammt nochmal nicht so, als hättest du jetzt plötzlich eine Beschwerde beim Kundenservice einzureichen!“ Nachdem er diese hitzigen Worte geäußert hatte, rappelte er sich ebenfalls etwas im Sand auf. Die Kälte des Pazifiks war mit einem Schlag vergessen, weggespült von einer Welle puren Trotzes.
Langsam stapfte Skinny auf das hellblaue Handtuch zu, das noch trocken auf dem Sandboden verweilte. „Ein absolut miserabler Ablenkungsversuch. Du wolltest doch nur Zeit schinden, weil dir die Beleidigungen ausgegangen sind. Gib es zu. Reine Verzweiflung.“
„Mir sollen die Beleidigungen ausgehen, was?“, feuerte Peter energisch zurück, obwohl sein Hals noch immer leicht kratzte. „Du suchst doch nur nach einer Ausrede, weil du das erste Mal in deinem Leben sprachlos warst. Sag doch einfach, dass es dir die Sprache verschlagen hat, anstatt hier so ein billiges Schauturnen abzuziehen!“
Skinny griff mit einer flinken Bewegung in seine triefende Tasche, zog den braunen Geldbeutel heraus und ließ ihn mit einer beiläufigen, fast gelangweilten Handbewegung auf das Handtuch fallen. „Hör auf dich zu beschweren und steh auf, bevor du hier noch Wurzeln schlägst. Ich hab da ein logistisches Problem mit meinen nassen Klamotten und ich habe absolut keine Lust, wegen dir eine Erkältung zu riskieren.“
Fast schon verwirrt starrte Peter den blonden Jungen an, der bereits einen Schritt vom Handtuch zurückgewichen war. Bitte? Warum sollte ausgerechnet er sich jetzt um Skinnys Klamotten kümmern? Er war es doch gewesen, der unbedingt seinen Geldbeutel hatte nehmen müssen. „Du gibst mir meine Sachen zurück? Warum?“, fragte er misstrauisch, und kämpfte sich langsam auf die Beine. Doch Skinny schnaubte nur verächtlich und wandte den Kopf ab, um Peters bohrendem Blick zu entgehen.
Er tat so, als würde er sich extrem für den bewölkten Horizont interessieren, während er fröstelnd die Arme enger um den Oberkörper schlang. „Betrachte es als Aufwandsentschädigung für die unfreiwillige Dusche, Shaw. Und jetzt nimm dein verdammtes Spielgeld, bevor die nächste Welle es sich holt.“
„Tsk“, machte Peter genervt. „Du hast vorhin selbst gesehen, dass es kein Spielgeld ist, Skinny.“ Der Kleinkriminelle warf ihm über die Schulter einen Blick zu, der irgendwo zwischen genervt und ertappt schwankte. „Als ob ich mir deine mickrigen Kröten genauer angesehen hätte“, entgegnete er bisschen zu schnell. „Sei lieber froh, dass ich heute meinen großzügigen Tag habe. Normalerweise verlange ich für meine bloße Anwesenheit am Strand schon eine Gebühr.“
„Also mehr als einen Cent wäre mir deine Anwesenheit nicht wert.“ Peter bückte sich, hob sein trockenes Shirt auf und streifte es sich über den Kopf. Obwohl es ihn nur ein klein wenig vor dem kalten Wind schützte, war ihm nun viel wärmer als zuvor. „Ich würde eher dafür zahlen, dass du wieder gehst. Außerdem hab ich vorhin genau gesehen wie du meine Sachen durchsucht hast, sonst hättest du ja wohl kaum meinen Ausweis in der Hand gehabt.“
Skinny stieß ein kurzes, theatralisches Seufzen aus und rollte mit den Augen, doch seine Schultern blieben merkwürdig angespannt. „Shaw, deine Paranoia ist echt anstrengend. Ich bin ein Dieb, kein Buchhalter. Ich klaue Sachen, ich analysiere sie nicht.“ Er drehte sich abrupt um und ging die ersten Schritte den Strand hinauf, weg von der donnernden Brandung.
„Wenn du hier den Stranddetektiv spielen willst, bitteschön. Ich verziehe mich ins Trockene. Mein Auto steht nämlich oben an der Straße.“ Wieder fuhr er sich mit den Fingern durch die nassen, blonden Haare. „Wenn du dich beeilst, nehme ich dich vielleicht mit – als Entschädigung für den nassen Abschiedskuss. Aber nur, wenn du deine Klappe hältst.“
