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you're pulling the trigger all wrong

Chapter 32

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Ohne Vorwarnung wurde sämtliche Luft aus Cottas Lungen gepresst. Blind versuchte er, sich zu befreien.

Endlich fanden seine Hände unter der Decke hervor und tasteten nach dem Gewicht auf seiner Brust; seine Finger gruben sich in weiches Fell. „Bubbles, runter“, schnaufte er, dann: „Uff!“, als Bubbles sein gesamtes Gewicht auf Cottas Magen verlagerte. Das nervöse Rumoren Cottas Bauch verdrängte Bubbles‘ Gewicht allerdings nicht.

Es hätte ein angenehmer, ruhiger Morgen werden können – oder besser, Mittag, korrigierte Cotta mit einem Blick auf den Wecker. Der ach so süße kleine Kater hatte noch nicht begriffen, dass er seit seinem verspäteten Wachstumsschub nicht nur größer, sondern auch um einiges schwerer war, und menschliche Schlafenszeiten waren ihm ohnehin egal.

Nun stupste er Cotta unnachgiebig mit der Pfote an, bis der sich die Bettdecke vollständig vom Gesicht zog. Offensichtlich war Bubbles der Meinung, dass Cotta aufzustehen hatte – und zwar sofort, machte der nächste Pfotenschlag mitten ins Gesicht klar.

„Danke. Genau das hab ich jetzt gebraucht“, knurrte Cotta. Es war nicht das erste Mal, dass Bubbles ihn auf diesem Weg vor einer Nachtschicht aus dem Bett scheuchte.

Mit beiden Händen griff er erneut nach dem Kater und hob ihn außer Schlagweite über sich in die Luft. Bubbles stützte sich mit einer Hinterpfote an Cottas Unterarm ab und blinzelte auf ihn hinunter.

„Was willst du denn?“

Ein klägliches Miau.

„Essen? Du hast doch bestimmt schon was von Caroline bekommen.“

Erneutes Miauen, noch herzzerreißender als das vorherige.

„Wirklich nicht? Na gut…“

Cotta setzte Bubbles neben sich, dann befreite er sich von der Bettdecke. Darauf bedacht, Bubbles nicht versehentlich von der Matratze zu schubsen, schwang er die Beine über die Bettkante. Der kühle Holzboden unter seinen Füßen ließ ihn frösteln. Vor dem Fenster eilten Wolken über den Himmel, getrieben von einem starken Westwind, einem Vorbote des nahenden Winters.

Mit großen Augen blickte Bubbles zu ihm hinauf, bevor er auf den Boden sprang und zur Tür hinaus lief. Im Flur drehte er sich um und miaute Cotta noch einmal an. Eine klare Aufforderung, der Cotta schließlich Folge leistete. Barfuß trottete er die Stufen hinab und Bubbles hinterher in die Küche.

Der Futternapf gab ein metallisches Schaben von sich, als Bubbles ihn mit der Nase über die Fliesen stupste.

„Ist ja gut, ich mach ja schon.“ Cotta holte die Packung Trockenfutter aus dem Küchenschrank, beugte sich mit einer Handvoll hinab und gab sie in die Mitte der Schale.

„Gut geschlafen?“, erklang es hinter ihm.

Abrupt richtete er sich auf und nur knapp verpasste sein Kopf den Griff der offenen Schranktür.

Als er sich umdrehte, sah Monique ihm vom Sofa aus belustigt entgegen.

„Äh. Ja… Hi.“

„Wir haben vor zehn Minuten frischen Kaffee gemacht, er ist sicher noch heiß.“

Bevor Cotta zu einer Antwort ansetzen konnte, stapfte Caroline ins Wohnzimmer.

„Was habe ich über dich in Boxershorts und meine Freundinnen gesagt?“ Nur der Wäschekorb in ihren Armen hielt sie davon ab, die Hände in die Hüften zu stemmen. Stattdessen funkelte sie ihn gespielt vorwurfsvoll an und stellte sich demonstrativ vor Monique, um ihr die Sicht auf Cotta zu verwehren.

„Ich habe ohnehin nur Augen für dich“, ließ Monique hinter Caroline verlauten, das Lächeln in ihrer Stimme nicht zu überhören.

Gegen seinen Willen zuckte ein Grinsen um Cottas Mundwinkel. „Und ich bin sowieso gleich weg, hole mir nur noch einen Kaffee. Außerdem wusste ich nicht, dass wir Besuch haben“, versuchte er sich zu verteidigen.

Ich habe Besuch. Und du hast Bubbles schon wieder was zu essen gegeben?! Er hat vorhin erst alles leergefuttert!“ Nun war der Vorwurf in Carolines Stimme echt.

„Er hat …?“, fing Cotta an, seufzte dann jedoch nur und klaubte den protestierenden Bubbles vom Boden. War er also wieder einmal auf die verhungernder-Kater-Nummer reingefallen.

„Ich nehme ihn gern“, sagte Monique, was Cotta sich nicht zweimal sagen ließ.

Ohne auf Carolines Grummeln zu achten, ging er ins Wohnzimmer, umrundete sie und drückte das ebenso grummelige Fellknäul in Moniques Arme.

Zumindest Bubbles beruhigte sich, sobald Monique ihn zwischen den Ohren kraulte. Vielleicht sollte sie das auch mal mit Caroline versuchen, schoss es Cotta durch den Kopf, aber er hütete sich, es laut auszusprechen. Lieber trat er den Rückzug in die Küche an.

„Im Kühlschrank sind Wraps, die kannst du später mitnehmen. Schokomuffins aus dem Diner sind auch da, aber lass uns welche übrig – und jetzt zieh dir endlich was an!“ Caroline verlagerte das Gewicht des Wäschekorbs und bedachte ihn mit einem weiteren vorwurfsvollen Blick.

„Mach ich sofort. Und danke“, fügte er hinzu, während Caroline sich zur Terrassentür wandte.

Es war zumindest ein kleiner Lichtblick, dass er sich nicht selbst um sein Essen kümmern musste. Sicher würde es eine weitere lange, einsame Nacht werden. Noch immer fuhr Cotta allein auf Streife – und das nicht nur, weil sie seit den Festnahmen verdammt schlecht besetzt waren und Maxims ehemalige Schicht daher vorübergehend von Cinelly und Moore unterstützt wurde.

Immerhin hatten die Gespräche mit Reynolds einige Einblicke in die Interna während Cottas Suspendierung geliefert. Ob noch andere Kollegen etwas gewusst hatten oder Ehemalige involviert gewesen waren, die das Rocky Beach PD längst verlassen hatten, würde wohl nie endgültig geklärt, aber wenigstens sollten einige alte Fälle wieder aufgerollt und Protokolle gesichtet werden. Schließlich war es nicht unwahrscheinlich, dass Maxim und die anderen in zahlreichen weiteren Fällen Beweise gefälscht und Verdächtigen etwas untergejubelt hatten. Vielleicht wurden dadurch zumindest ein paar andere Fehlurteile behoben.

Mit einer blau-weiß gepunkteten Tasse in den Händen stieg Cotta die Treppe hinauf und nahm einen großen Schluck, ehe er den Kaffee auf die Fensterbank stellte. Draußen zerrte der Wind rote und gelbe Blätter von den Ästen der Eiche. Ein Gähnen unterdrückend griff Cotta nach seiner Trainingshose.

Obwohl es nicht annähernd die erste Nachtschicht in den drei Wochen war, seit er wieder arbeitete, würde ihm das Wachbleiben zweifellos schwerfallen. Die Albträume hatten zwar nachgelassen, aber er schlief weiterhin schlecht und schreckte immer wieder schweißgebadet hoch, egal, wann er ins Bett ging und für welche Schicht er aufstehen musste. Selbst das leise Schnurren von Bubbles, der immer öfter zusammengerollt neben ihm einschlief, half kaum.

Cotta zog sich ein Shirt an, leerte die Tasse und sah auf die Uhr – gerade genug Zeit zum Zähneputzen. Beim ersten gemeinsamen Joggen mit Goodween nach dem ganzen Chaos wollte er sich wirklich nicht verspäten.

Tatsächlich läutete es an der Tür, als Cotta sich den Mund ausspülte; natürlich war Goodween wieder einmal überpünktlich.

Hastig nahm Cotta die dünne Sportjacke vom Haken und streifte sie über, während er ins Erdgeschoss eilte. Seine Laufschuhe hatte er in weiser Voraussicht – oder übereifriger, unruhiger Vorbereitung – bereits gestern Abend direkt an den Fuß der Treppe gestellt, sodass er nur noch hineinschlüpfen musste.

Ein zweites Klingeln hallte durch das Haus. Cotta atmete tief durch, unsicher, was ihn erwartete. Seit seiner Rückkehr in den Dienst hatten Goodween und er sich zwar immer wieder kurz unterhalten, doch die leichte Anspannung war weiterhin spürbar.

Vielleicht lag das nur daran, dass sie von Kollegen umgeben gewesen waren, sagte er sich. Außerdem war Goodween derjenige gewesen, der die gemeinsame Joggingrunde vorgeschlagen hatte – wie früher.

Er öffnete die Tür. „Hey.“

„Hi.“ Als wären die letzten Monate nie geschehen, grinste Goodween ihn an. „Bereit?“

Cotta nickte. „Bereit.“

Gemeinsam gingen sie die Stufen der Veranda hinab zur Straße. Um diese Zeit war die Wohngegend nahezu verwaist und wie von selbst fanden ihre Füße den gleichen Rhythmus auf dem Asphalt.

„Du solltest sie wirklich mal einladen.“ Goodweens Worte kamen völlig zusammenhanglos.

„Was? Wen?“

Ohne sich um Unauffälligkeit zu bemühen, deutete Goodween mit dem Daumen die Straße zurück. „Die Blondine von gegenüber. Wenn sie sich noch weiter vorlehnt, um dir hinterher zu schauen, fällt sie von ihrer Veranda.“

Mühsam widerstand Cotta dem Impuls, sich umzudrehen.

„Sie freut sich garantiert über ein Date“, fuhr Goodween verschmitzt fort und beschleunigte sein Tempo, „immerhin hat sie schon gefragt, ob du single bist.“

„Woher weißt du…?“

„Hat Monique letztens im Diner erzählt.“ Goodweens belustigter Ton war schmerzhaft vertraut, als sie in den schmalen Weg einbogen, der zwischen zwei kleinen Hügeln zur Piratenbucht hinunter führte. Mit jedem Meter wurde der Wind stärker, der Geruch nach Meer intensiver, das Kreischen der Möwen und Brechen der Wellen lauter.

„Übrigens, da fällt mir ein: Trevor hat’s geschafft, über seinen Schatten zu springen, und hat Monique einen Zettel mit seiner Nummer geben. Er wusste scheinbar nicht, dass – also…“

Schlagartig übertönte das Rauschen des Bluts in Cottas Ohren die Brandung. „Dass was?“

„Dass sie mit deiner Schwester zusammen ist. War ihm verdammt peinlich, er ist knallrot angelaufen und hat sich mehrfach bei ihr entschuldigt. Beziehungsweise bei beiden.“

Davon hörte Cotta zum ersten Mal. Unwillkürlich fragte er sich, was Caroline und Monique ihm in der letzten Zeit noch alles über seine Kollegen verschwiegen hatten, aber der Gedanke war lächerlich.

Vor ihnen tauchte der Strand auf. Funkelnd brach die Gischt das Licht der schwachen Herbstsonne und die Wellen warfen Lichtreflexe über die Neoprenanzüge der Surfer draußen in der Bucht.

„Trevor kommt schon drüber weg“, meinte Goodween, der Cottas Schweigen falsch deutete, „und rumerzählen wird er’s bestimmt nicht. Höchstens das Diner für ein paar Wochen meiden.“

Cotta gab einen zustimmenden Laut von sich, von Devlin hatten Monique und Caroline sicher nichts zu befürchten. So ganz wollte sich die Erleichterung dennoch nicht einstellen.

Der Fußweg, der bis zum nahen Parkplatz führte, glänzte feucht von der Gischt. Unerwartet schlug Goodween die andere Richtung ein: einige Felsstufen hinunter zur Wasserkante, dorthin, wo die Wellen sich langsam vom Strand zurückzogen und Muscheln, Tang und Treibholz hinterließen, bevor sie wieder heran rollten. In gebührendem Abstand zum Wasser sammelte ein ausgelassener Haufen Grundschulkinder Muscheln – unter Aufsicht zweier Lehrerinnen und unzähliger Möwen.

Als Cotta ihm bloß stumm über die glitschigen Felsen folgte, sah Goodween über seine Schulter zu ihm zurück und fragte: „Okay, was ist los? An deinem Pokerface musst du echt noch arbeiten.“

„Was meinst du?“

Direkt hinter Goodween erreichte Cotta den Strand und sofort sanken seine Schuhe in den Sand ein. Nicht zum ersten Mal war er froh darüber, seine Joggingroute seit dem Sommer an den Fuß der nahen Berge verlegt zu haben, sonst könnte er bereits jetzt kaum noch mit Goodween Schritt halten, geschweige denn reden.

„Irgendwas hast du doch, den Gesichtsausdruck kenne ich inzwischen. Also, was ist’s?“

Nur allzu bewusst, was er mit einer direkten Frage und der mitschwingenden Unterstellung riskierte, nahm Cotta seinen Mut zusammen. Solange sie unter sich waren, standen die Chancen auf eine ehrliche Antwort immerhin am besten. „Dieses kleine Notizbuch, das du immer dabei hast. Was schreibst du da eigentlich rein?“

Verblüfft blieb Goodween stehen. „Mein Notizbuch? Wieso fragst du?“

„Es… hat nichts mit Kershaw und den anderen zu tun – oder?“, zwang Cotta hervor.

„Mit Kershaw?“ Goodween schnaubte ein Lachen, aber es klang nicht sehr fröhlich. „Ne. Glaubst du wirklich, dass ich auf der Arbeit vor allen anderen Notizen über korrupte Kollegen machen würde?“

Jetzt kam Cotta sich wirklich dumm vor. „Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was du machst, aber…“ Verlegen brach er ab.

„Aber du dachtest, es wäre möglich“, vervollständigte Goodween. „Nein, es hat absolut nichts mit denen zu tun. Und bevor du fragst: Klar, rückblickend waren manche Dinge komisch, aber später ist man immer klüger. Zu der Zeit dachte ich bloß, dass es hier einfach anders läuft als auf meiner letzten Wache – im positiven Sinne…“

Ohne herablassende Sticheleien, geschweige denn Korruption in diesem Ausmaß, hing unausgesprochen zwischen ihnen.

Ob Goodween nach dem ganzen Mist wohl wieder seine alte Psychotherapeutin sah? Diese Frage konnte Cotta nun aber wirklich nicht stellen. Erst einmal mussten sie wieder Vertrauen aufbauen, vielleicht sogar an die Freundschaft anknüpfen, die sich vor dem gesamten Mist entwickelt hatte.

„Worüber sonst machst du denn Notizen?“, fragte er stattdessen vorsichtig.

Mit einem übertriebenen Augenrollen setzte Goodween sich wieder in Bewegung. „Du lässt nicht locker, bevor du eine Antwort kriegst, oder?“

Schnell holte Cotta zu ihm auf und versuchte sich an einem scherzhaften Tonfall, während sie die Schulkinder umrundeten. „Ungern.“

„Na gut. Das hängst du aber nicht an die große Glocke, klar?“

„Absolut.“

Goodween seufzte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Schon bald lag die Klasse weiter hinter ihnen; der Wind trieb ihnen nur noch vereinzeltes Kinderlachen und das „Layla, nicht so nah ans Wasser!“ einer Lehrerin hinterher.

Endlich sagte Goodween: „Es gibt da diese... ‚Fälle‘, um die wir uns nicht kümmern. Meistens sind es Dinge, für die wir einfach grundsätzlich nicht verantwortlich sind – oder die Infos sind zu vage, sodass wir eine Ermittlung nicht rechtfertigen können. Das Übliche, du weißt schon: verschwundene Haustiere oder Puppen, angebliche Spukerscheinungen, Kleinkram halt. Und in solche Fälle mischen sich gerne mal diese drei Jungs ein.“

Ganz langsam fügten sich die ersten Puzzleteile zusammen.

„Manchmal stellt sich raus, dass tatsächlich mehr dahinter steckt“, fuhr Goodween fort, „nachdem die Jungs selbst ermittelt haben. Nur sagen diese Quälgeister oft erst Bescheid, wenn es fast zu spät ist, und Robert oder ich können nur im letzten Moment eingreifen – je nachdem, wer von uns gerade Dienst hat. Seit sie ein eigenes Handy haben, ist das zwar besser geworden, aber nicht viel.“

Mit fast allem hatte Cotta gerechnet, nur damit nicht. „Und du… führst Buch über diese ‚Fälle‘?“, fragte er ungläubig. Dass sich das Trio regelmäßig an Goodween wandte, war völlig an ihm vorbeigegangen.

„So ungefähr. In was die Drei so alles reinrutschen, kann man sich echt nicht ausdenken. Und weil sie sich absolut nicht abbringen lassen, muss leider irgendjemand ein Auge auf sie haben. Durch die Notizen behält man wenigstens den Überblick – auch über das, was später lieber nicht im Bericht auftauchen sollte“, murmelte Goodween und rieb sich über den verschwitzten Nacken. „Außerdem ist‘s im Nachhinein meistens ganz unterhaltsam – auch wenn ich regelmäßig Schlaf und Nerven verliere, sobald das Telefon klingelt…“

Der feuchte Sand knirschte unter ihren Schuhen und Cotta hatte allmählich Mühe, weiter mit Goodween Schritt zu halten.

„Und wieso die Heimlichtuerei?“

Goodween verzog das Gesicht. „Seit Kenny mitbekommen hat, dass die Jungs mich direkt anrufen, nennt er mich ihren ‚Babysitter‘. Muss also nicht auch noch jeder wissen, dass ich ihre ‚Fälle‘ aufschreibe, und… naja, wer weiß, ob es irgendwann nicht noch für irgendwas gut ist.“

„Von mir erfährt niemand was“, versprach Cotta. „Und solange du sie unter einem Pseudonym veröffentlichst, kommt bestimmt auch keiner drauf, dass du dahinter steckst.“

„Sehr lustig“, grummelte Goodween und wechselte abrupt das Thema. „Bestimmt gibt’s später von Reynolds ‘ne neue kurze Ansprache von wegen ‚nicht unterkriegen lassen‘.“

Sofort legte sich Unbehagen um Cottas Brust und ließ ihn noch schwerer atmen. Was war jetzt schon wieder passiert? „Wieso?“

„Prescott hat vorgestern Abend gekündigt – ich dachte, das wissen inzwischen all… Äh, es hat sich jedenfalls ziemlich schnell rumgesprochen…“

Kein Hinweis nötig, dass die meisten im Präsidium weiterhin nur das Nötigste zu Cotta sagten und der Flurfunk somit größtenteils an ihm vorbeiging; offensichtlich hatte Goodween seinen Fehler bemerkt.

„Scheinbar hat der gesamte dritte Stock gehört, wie der Police Chief ihn nach ‘nem Meeting mit Bürgermeister Hoover zusammengefaltet hat. Vermutlich ist Prescott unter dem Druck eingeknickt.“

Oder er hatte die Reißleine gezogen, bevor irgendjemand Wind von seinem Vertuschungsversuch bekam.

Nicht zum ersten Mal fragte Cotta sich, welchen Schmutz beharrliche Reporter wohl sonst noch in Prescotts Vergangenheit entdecken könnten. So oder so: Aus war Prescotts Traum, Commisioner zu werden, sich auf Empfängen ablichten zu lassen und Politikern die Hände zu schütteln. Die Erkenntnis verschaffte ihm grimmige Genugtuung – der Deputy hatte Cotta den Wölfen zum Fraß vorwerfen wollen, doch nun hatte seine Unterstützung gegenüber Maxim Prescott selbst zu Fall gebracht.

„Einen neuen Deputy Chief anzuheuern wird garantiert noch schwieriger, als neue Officer zu finden, falls wirklich ein consent decree kommt“, überlegte Goodween laut. „Meinst du, das geht durch – so unterbesetzt, wie wir sowieso schon sind?“

Cotta bog vom sandigen Untergrund auf den schmalen Pfad, der sich um die nächste Klippe wand. Das kurze Stück festen Bodens war eine kleine Wohltat; das Reden fiel ihm zunehmend schwerer. „Glaub nicht, dass das einen Unterschied macht – bei dem Druck von außen.“

Nach all den Forderungen von Medien und Politik dürfte der Skandal bald vor dem district court landen. Das Verfahren gegen die suspendierten Polizisten würde Monate, wenn nicht Jahre dauern, aber über die Zukunft des Departments musste schneller entschieden werden. Wenn der Bundesrichter seinen Job ernstnahm, folgte die gerichtliche Anordnung zu Reformierungen im Rocky Beach Police Department sicher rasch.

Allein beim Gedanken an die Millionen, die so eine Verfügung und ihre Umsetzung jährlich kosteten, stieg wieder Wut in Cotta auf. Diese Millionen würden besonders bei sozialen und präventiven Projekten bitter fehlen. Ohne das Geld gäbe es keine außerschulischen Programme, keine Unterstützung für Jugendliche und andere gefährdete Gruppen, zunehmende Kriminalität und Gewalt, mehr Vorwürfe und Vorgaben, immer weniger Polizisten, weiter steigende Kriminalität, … Eine wahre Abwärtsspirale, für die zumindest indirekt jeder einzelne Polizist im Revier verantwortlich war – und das ganze verdammte Polizeisystem.

„Wenn die wirklich alles umkrempeln und uns dauernd auf die Finger schauen, reicht Moore wahrscheinlich als nächster die Kündigung ein – so, wie der sich jetzt schon über mögliche neue Vorschriften beschwert. Fragt sich nur, ob er der einzige bleibt…“ Entgegen aller Erwartungen lag nicht der leiseste Vorwurf in Goodweens Stimme, nur Resignation.

Eine Weile liefen sie schweigend weiter, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Sie beide wussten, dass nach einer solchen Anordnung meist die Hälfte der Beamten kündigte, denn nur Beaufsichtigung war in ihren Augen schlimmer als Veränderung. Wer dann neu dazu kam, tat das in den meisten Fällen nicht freiwillig…

„Sag mal, hast du Parks in letzter Zeit wegen irgendwas hochgenommen?“

Verwundert warf Cotta Goodween einen Seitenblick zu; der nickte bloß hinaus aufs Meer. Tatsächlich trieben die Wellen ein neongelbes Surfbrett auf den Strand zu, und im farblich passenden Neoprenanzug war Dylan Parks beim besten Willen nicht zu übersehen.

Unter anderen Umständen hätte Cotta sich weggeduckt, aber dafür wäre es ohnehin zu spät. „Nein“, brachte er hervor.

„Der sieht selbst für seine Verhältnisse verdammt pissig aus“, stellte Goodween auch gleich fest. „Wobei, vielleicht schaut er immer so, wenn er einem von uns unerwartet begegnet.“

Bei einem von uns zuckte es unangenehm durch Cotta. „Hab ihn seit Wochen nicht gesehen.“ Wenigstens das war die volle Wahrheit.

Den ganzen September über war Dylan Parks wie vom Erdboden verschluckt gewesen – genau wie Skinny. Ob sie sich wohl getroffen hatten? Dass Skinny ohne ein Wort verschwunden war, stach noch immer, und wahrscheinlich würde Parks ihm bei der nächsten Gelegenheit erzählen, wie er Cotta zusammen mit Goodween gesehen hatte. Noch etwas, das Cotta in den Augen der beiden sicher nicht besser machte.

„Na dann, einfach ignorieren.“

Ohne einen weiteren Blick in Parks‘ Richtung joggte Goodween in stetem Rhythmus weiter den Strand entlang. Vor Erleichterung schnaufte Cotta noch etwas heftiger aus.

Solange Dylan Parks nicht auspackte, sollte Skinny aus dem Schneider sein – denn zumindest dieser Teil des Plans war offenbar aufgegangen: Niemand hatte auch nur den leisesten Verdacht geäußert, dass Cottas Auftauchen an der Lagerhalle nichts als ein dummer Zufall gewesen war, geschweige denn eine Verbindung zwischen Skinny und Calhoon oder Cotta hergestellt. Und wenn Skinny und Parks wirklich so gut befreundet waren, hielt der hoffentlich den Mund.

Da fiel ihm ein… „Was ist eigentlich aus der… Sache mit der Leiche im Sanatorium geworden?“

Bisher hatte sich noch keine Gelegenheit zum Fragen geboten und Cotta hütete sich, im Computersystem nach Informationen zu suchen, die nichts mit seinen Einsätzen zu tun hatten. Das hatte ihm bereits beim letzten Mal nur noch mehr Schwierigkeiten beschert.

Diesmal war Goodween derjenige, den der vermeintlich zusammenhanglose Themenwechsel überraschte.

„Welche Leiche im…? Ach so, der Typ mit der Kugel im Kopf, das wird momentan überprüft. Der Gerichtsmediziner hat eingestanden, dass Maxim seine Untersuchungsergebnisse so lange hinterfragt hat, bis er einräumen musste, dass es ganz vielleicht möglich wäre, sich auf diese Weise selbst zu erschießen, und das hat er auf Maxims Drängen hin schließlich in den Obduktionsbericht aufgenommen. Um allen einen Haufen Einsatzzeit und Papierkram zu ersparen, bloß, weil irgendein Junkie nicht mehr mit sich selbst klargekommen ist, waren wohl Maxims Worte.“

Dreckskerl, verbiss Cotta sich gerade so, stattdessen keuchte er: „Lass uns anhalten.“ Es war nicht weit bis zu einer alten Bank, das Holz verzogen von der Meeresluft.

„Tja, kann ja nicht jeder mit mir mithalten“, witzelte Goodween. „Aber mit mehr Training hast du vielleicht irgendwann ‘ne Chance.“

Anstelle einer Antwort trabte Cotta auf die Bank zu, um sich zu dehnen. Dass er außer Atem war, würde die Frotzelei definitiv nicht besser machen.

Er war bloß froh, dass Goodween nicht weiter über Watson reden wollte. Das würden die Kollegen von der Kripo vermutlich früh genug tun; immerhin hatte Cotta Reynolds und Internal Affairs gegenüber klargemacht, dass er nicht an Mike Watsons Selbstmord glaubte. Auch eine mögliche Verbindung zu Calhoons Tod sollte er ins Spiel bringen, falls bisher sonst niemand darauf gekommen war.

Neben ihm rollte Goodween die Schultern und schüttelte ein Bein nach dem anderen aus, dann beugte er sich vornüber. Mit beiden Händen auf dem Boden konnte er zumindest nicht sehen, wie rot Cotta vor Anstrengung sicherlich angelaufen war.

Cotta musste wirklich wieder regelmäßig am Strand joggen, sonst würden ihm die gut gemeinten Sticheleien in Zukunft nicht erspart bleiben. Der Sand war eine ganz eigene Herausforderung.

„Wie geht’s dem Kater eigentlich?“

Erst als Goodween ergänzte, „Hab ihn vorhin gar nicht gesehen“, verstand Cotta.

„Gut. Der findet es ganz toll, bei jeder Gelegenheit auf mir rumzutrampeln.“ Er wischte sich Schweiß von der Stirn. „An mir hochklettern reicht ihm schon lange nicht mehr – vorhin war er aber ausnahmsweise mit seinem Kratzbaum beschäftigt, glaube ich.“

Goodween drehte den Kopf und sah überrascht auf. „Der kleine Kerl? Wie soll der denn auf irgendwem rumtrampeln?“

„Klein ist er wirklich nicht mehr. Caroline hat maßlos untertrieben, als sie ihn angeschleppt und behauptet hat, er wäre eine ganz normale Hauskatze – inzwischen würde es mich nicht wundern, wenn Bubbles von einem Puma abstammt.“

Mit einem amüsierten Schnauben wechselte Goodween in eine andere Position. „Und trotzdem würdest du ihn nicht mehr hergeben.“

„Wenn er sich noch ein Mal über das Fensterbrett von hinten anschleicht, während ich lese, und auf mein Buch springt, fliegt er raus“, brummelte Cotta.

Goodween lachte. „Hat er sich über deine Gedichtesammlung hergemacht?“

„Ich sammle keine…“, setzte Cotta an, aber Goodweens Stups mit dem Ellenbogen und sein entwaffnendes Grinsen ließen ihn verstummen.

„Ist gut.“ Eine letzte Dehnübung, dann sagte Goodween: „Lass uns zurück laufen, ich will noch in Ruhe duschen gehen.“

Natürlich wurde ihm keine längere Pause gegönnt. Cotta unterdrückte ein Seufzen.

Wie befürchtet war der Rückweg über den Strand noch beschwerlicher, daher überließ er Goodween nur allzu gern das Reden. Der erzählte von Mrs Kretschmers letzter Beschwerde, wegen der wieder einmal Goodween losgeschickt worden war. Wortreich machte Goodween seinem Frust Luft – und der Vermutung, dass sich Tracy und Madeline gegen ihn verschworen hatten. 

„Oder Mrs Kretschmer hat die beiden bestochen“, warf Cotta ein. „Weil sie nur dich haben will. Sie hat Ford doch mal vorgeworfen, dass du sie als einziger ernstnimmst und anständig ermittelst.“ 

Goodweens vollkommen entgeisterter Ausdruck brachte Cotta zum Lachen – allerdings nicht ganz unbefangen.

Es fühlte sich wirklich fast an wie früher – und genau deswegen wollte das mulmige Gefühl in seinem Bauch nicht einfach verschwinden. Zu viel hatte sich während Cottas Abwesenheit nicht verändert.

Notes:

Wir haben die 100k Wörter geknackt!
Inzwischen kann ich auch verraten, dass das nächste Kapitel das letzte wird, aber danach könnte sich noch die eine oder andere Überraschung in diesem AU anschließen ^^ Deswegen würde ich mich umso mehr über eure Gedanken zu den Entwicklungen freuen - und vielleicht bekomme ich durch Kommentare noch weitere Inspiration ;)

Notes:

Eine Playlist zur Fic mit Songs für Cotta und Skinny findet ihr hier

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