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„Dir ist klar, wie sehr ich dich mag, ja?“
Leos Stimme klingt seltsam schwermütig an diesem späten Julitag. Sie liegen seit Stunden auf dem Betondeckel des alten Brunnens im Feld, lesen und naschen, quatschen und sonnen sich. Langweilig wird ihnen hier nie, auch wenn sie nur in Zweisamkeit schweigen.
Leo hat irgendwann mal beim Sperrmüll einen Teppich ergattert, der seitdem ihren Platz ziert und den Beton etwas erträglicher macht. Ein Laubbaumstreifen mit einer großgewachsenen Buche macht fast den ganzen Nachmittag hier Schatten; nur dazwischen müssen sie manchmal ein Weilchen ins Gras umziehen, wenn die Sonne durch die Baumwipfel scheint. Eine willkommene Abwechslung, weil der Beton trotz des Teppichs hart ist. Sie falten gerne eine Seite des Teppichs ein, um sich eine Kopfstütze zu machen.
Adam dreht seinen Kopf zu Leo, forschend und unsicher. Im Gegenlicht leuchten die Spitzen von Leos dunklen Haaren. Leo hat die Augen geschlossen, als hätte er nicht soeben etwas Bedeutsames gesagt. Plötzlich dreht er sich und sieht Adam an, bohrend, tief, traurig. „Und ich werde dich noch genauso mögen, wenn du zurückkommst.“
Adam stockt der Atemzug, den er gerade macht, in der Brust. Er hat die letzten Wochen peinlich genau darauf geachtet, so zu tun wie immer. Leo kann nicht wissen, was Adam vorhat, aber er sieht ihn überzeugt und zuversichtlich an - liebevoll, trotz des schweren Tons.
„Leo…“, beginnt Adam, aber Leo blinzelt und damit ist auch die Traurigkeit aus seinen Augen verschwunden. Stattdessen lächelt er Adam jetzt unbedarft an.
„Eine Stunde noch, bis es dunkel wird. Wir sollten uns auf den Weg machen.“
Eine Woche später haut Adam endgültig ab.
Jahre später, im Winter, in einem Bett in Berlin zeichnet eine Barbekanntschaft das Kao-yot Tattoo auf seinem Rücken nach und er wird jäh in seine Jugend zurückversetzt, als Leo genau das Gleiche auch gemacht hat: die Pyramidenform rauf, mit leichten Fingerspitzen, bis zu seiner Wirbelsäule, und auf der anderen Seite wieder hinunter. Nur war da damals noch kein Tattoo; Leos Finger hatten trotzdem schon genau gespürt, wo die neun Spitzen irgendwann einmal sein würden.
Adam findet kurz darauf einen Grund zu gehen, sucht seine Klamotten zusammen, lässt sich selbst raus. Die Erinnerung ist gerade zu viel; Leo, der damals schon so viel wusste.
Adam hat den Film ‚Memento‘ gesehen und fragt sich in seinen philosophisch-irren Momenten, ob Leo vielleicht diese gleiche Krankheit hat, nur eben für die Zukunft. Kurzzeit-Vorherseh-Gedächtnis. Er versteht, dass es das nicht gibt, aber… Leo weiß manchmal Dinge. Es kommt auch nicht oft vor, nur manchmal, und dann wie in fiebrigen Schüben.
Als würde Leo über die Realität stolpern, wie über eine Falte in einem Teppich.
Die letzten zehn Tage haben sie nicht viel geschlafen. Über Leos überraschende Essenseinladung freuen sich alle, denn warmes Essen war genauso selten wie Schlaf während dieses Falls. Adam sieht Leos Peugeot von der gegenüberliegenden Straßenseite kommen und winkt. Leo blinkt, bremst, fährt quer über die Fahrbahn und parkt direkt da, wo Adam steht.
Galant geht Adam zur Fahrerseite und öffnet Leo die Tür, während der sich noch abschnallt und Handy und Geldtasche in seine Jacke stopft. Leo bedankt sich affektiert höflich und steigt aus. Plötzlich sieht er Adam überrascht an und lacht. „Ihr Charme ist überwältigend“, fügt er noch hinzu, eine Leichtigkeit in seiner Stimme, die Adam jetzt beinahe zwei Wochen lang nicht gehört hat.
„Keine Rede, der Herr“, spottet er zurück und drückt die Autotür zu. „Gab es noch Stress beim Meeting?“
„Gar nicht. Den Bericht schreib ich spä-“ Leo unterbricht sich selbst und schüttelt zögerlich den Kopf. „Den Bericht muss ich erst schreiben.“
Adam geht vor, hält Leo die Tür zum Restaurant auch noch auf und winkt ihn mit einer Kopfbewegung hinein. Das Restaurant ist leer; schön und dunkel dekoriert. Es riecht nach chinesischem Essen und Adams Magen knurrt. Eine Kellnerin heißt sie gleich im Eingangsbereich willkommen und führt sie tiefer in den Speisesaal. Bei ihrem Tisch angelangt, beäugt Leo kurz das Aquarium, drückt Adam mit der Hand zu einem der Plätze davor und setzt sich ihm resolut gegenüber. Sie haben die Wahl, denn die anderen beiden sind noch nicht hier. Adam fragt nicht nach; er weiß, dass Leo Fische gern mag.
Später, beim Öffnen der Glückskekse, will Adam die Augen rollen als Leo sagt, er glaubt nicht ‚daran‘; will lachen, als Leo ihnen großspurig erklärt, dass er ganz genau sagen kann, was in seinem Glückskeks steht, als hätte er die Teppichfalte auch nur im Geringsten im Griff. „Bald werden sich all deine Träume erfüllen“, sagt er. Adam will die Augen verdrehen. Er ist sicher, dass Leo hier gar nichts voraussagt.
Als Pia nachsieht, was wirklich draufsteht, ist Adam trotzdem neugierig, vor allem weil Leo „Danke für nichts,“ murmelt. Pia ist verwirrt, hält das kleine Zettelchen hoch. Das Ding ist tatsächlich leer; eine Fehlmanufaktur. Ausgerechnet bei Leo versagt die Zukunftsmalerei. Als Leo auf den Zettel sieht, während Adam sein Glückskeks absichtlich lieblos aufpoppt, ziehen sich seine Augenbrauen kurz verwirrt zusammen. Vielleicht hat er erwartet, den Satz zu lesen, den er gerade laut ausgesprochen hat. Gönnen würde Adam es ihm, sich wenigstens einmal daran zu erinnern, was er vorhersagt; vor allem bei einem solchen Versprechen.
Als Adam sein eigenes Glückskeks liest, muss er lachen. „Ihr Charme ist überwältigend“, wiederholt er das, was Leo ihm vorhin am Auto im Spaß gesagt hat - weil er es schon wusste, weil irgendetwas ihm die Zukunft verraten hat. Erinnerung daran scheint Leo keine zu haben.
„Warte, das schreib ich mir auf“, blödelt er, greift nach seinem Handy und Adam muss unweigerlich hysterisch lachen. Wieso macht das Schicksal so etwas? Lässt Leo Dinge wissen, die passieren werden, aber nimmt ihm das Wissen wieder weg?
Adam versucht, immer genau zuzuhören, wenn Leo beiläufig etwas erwähnt, nur für den Fall, dass das Universum ihm durch Leo etwas mitteilen möchte, aber es klappt doch nie. Alles, was Leo in diesen Stolpermomenten erfährt, wird ihm erst dann bewusst, wenn es passiert oder schon passiert ist.
Erst als er ein paar Stunden später nichts anderes tun kann, als in dieses Scheißterrarium zu starren, während ihm Speichel im Mund zusammenrinnt und sein Vater beim Verbluten noch die letzten gehässigen Salven rauspulvert, spürt er wieder Leos warme Hand in seinem Rücken. Leo hat sie genau an die Einstichstelle gelegt, als er Adam mit seltsam finsteren Augenbrauen so dirigiert hat, dass er keine Sicht in das Aquarium hatte. Neonbeleuchtet, so ähnlich wie das Terrarium hier, erinnert er sich. Die Schlange züngelt an der Glasscheibe entlang. Adam starrt trotzdem lieber auf sie als auf seinen Vater. Das Einzige, das ihm jetzt hilft ist Leos Glückskekstext.
Bald werden sich all deine Träume erfüllen.
Vielleicht sollte er einfach mal besser zuhören. Nicht verkrampft aufmerksam, sondern lockerer, nur mit etwas Hoffnung.
Sie treffen sich öfter, schauen zusammen Basketballspiele, helfen sich gegenseitig, unternehmen in ihrer Freizeit was. Sie reden viel, erzählen sich Geschichten aus ihrer Vergangenheit, holen auf. Nichts davon hat je besonders vorherbestimmend geklungen. Aber letzthin haben sie gemeinsam gekocht und Leo hat ihm dabei seine Küche erklärt. Er hat Adam auch schon die Macken seines Autos beigebracht und ihm gesagt, wo in seinem Bürotisch der Ersatzschlüssel zu seiner Wohnung liegt; wie er die Blumen zu gießen hat.
Leo sieht Adam also recht deutlich in seiner Zukunft. Sie haben nur noch nicht darüber gesprochen, was sie sich genau wünschen, voneinander, für einander, für sich selbst. Das Glückskeks lässt Adam hoffen. Er glaubt zu ahnen, was Leo sich wünscht - und er möchte das auch.
Also hofft er.
Leos Zuversicht gibt ihm Mut in den darauffolgenden Tagen. Er erinnert sich an die alte Hütte, weil Leo ihm vor ein paar Wochen mit seltsamer Bestimmtheit aufgetragen hat, sie zu durchsuchen, obwohl Pia das eigentlich machen wollte.
Es tut weh, da er ahnt, dass Leo nicht kommen wird, weil er sich nicht an diese Vehemenz und die Bedeutung dahinter erinnern kann. Er wird vergessen haben, dass er es war, der Adam den Weg zu dieser Hütte überhaupt erst gewiesen hat, so wie er alles vergisst, was er über die Zukunft weiß.
Bald werden sich all deine Träume erfüllen.
Als Adam am nächsten Morgen abgeführt wird, denkt er an Leos Vorhersage. Auch, als ihm sein Onkel die Kerze zwischen die Finger steckt, als er den Verrat wie einen Messerstich spürt; als Boris ihm am Krankenhausbett das Video zeigt.
Bald werden sich all deine Träume erfüllen.
Adam träumt nämlich auch.
Adam träumt von einem richtigen Zuhause mit Leo. Er träumt von einem Schlafzimmer mit einem breiten Bett, von einer Küche mit einem kleinen Tisch, von einem Vorzimmer mit einem Schlüsselbrett, einer Terrasse mit Liegen und Gartenstühlen, einem Leben ohne diese ständige Einsamkeit. Er träumt davon, nicht mehr allein schlafen zu müssen und davon, dass er Leo aus diesen Scheißnächten rausholen kann, die er manchmal immer noch hat und die er am nächsten Tag nie so gut verstecken kann, wie er denkt. Adam träumt davon, nicht mehr nach einem gemeinsamen Abend ‚nach Hause‘ in sein Hotel fahren zu müssen. Träumt davon, dass sie gemeinsam vor dem Fernseher wegdösen, gemeinsam die Rotweingläser wegräumen. Er will so viel, das aber erst beginnen kann, wenn sie endlich mal über die Zukunft reden.
Die Ironie ist ihm bewusst.
Wenn sich Leos Träume erfüllen sollen, müssen sie etwas dafür tun; muss Adam etwas dafür riskieren. Er kann und will sich nicht darauf verlassen, dass Leo über eine Teppichfalte stolpert, in der Adam ihm sagt, wie sehr er ihn liebt. Er will sich das auch nicht wegnehmen lassen. Er soll das zuerst sagen, nicht die Teppichfalte des Universums, die Leo Dinge verrät.
Als Leo ihn abholt und noch einmal ‚Der König ist tot‘ sagt, versteht Adam plötzlich, was sein Vater ihm damit sagen wollte. Er erinnert sich an den alten Baum, in den sein Vater damals die Krone eingeritzt hat, er der König, Adam der Prinz. Sein Vater hat immer größenwahnsinnige Vorstellungen davon gehabt, wie Adams Leben ablaufen sollte. Und jetzt? Jetzt ist er tot und hat mit seinem letzten Atemzug vielleicht doch noch so etwas wie Reue gespürt. Er weiß, Leo ist müde, sieht es an seinen roten Augen und daran, wie viel er blinzelt, aber trotzdem bittet er ihn, zum Baumarkt zu fahren. Er muss das jetzt wissen.
Sie leihen sich Geräte aus: einen Metalldetektor, einen Spaten. Er führt Leo zum Beifahrersitz, revanchiert sich mit der starken, dirigierenden Hand in Leos Rücken, und setzt sich dann hinters Steuer. Leo lehnt sich gegen die Tür, polstert seinen Kopf auf Adams hellgrauen Hoodie. Im Sonnenlicht, das durch das Seitenfenster hereinscheint, leuchten seine Haare richtig und Adam wird zurückversetzt zu all den Nachmittagen auf dem Brunnendeckel.
„Hey, Adam“, murmelt er schläfrig, reibt sich ein Auge, lässt sie aber beide geschlossen.
„Hm?“ Adam hält den Atem an.
„Ich dich auch.“
„Ja?“, krächzt er heiser und belegt.
Scheiße.
Adam wollte doch nicht, dass Leo das erfährt, wenn er in die Zukunft stolpert, aber in den letzten Tagen ist so viel nicht nach Adams Plan gelaufen, dass es jetzt auch schon egal ist. Leos Mundwinkel zuckt nach oben. Glücklich, denkt Adam nur; glücklich sieht gut aus auf Leos Gesicht. Leo nickt, sagt aber nichts weiter. Plötzlich zucken seine Augenbrauen kurz zusammen. „Ich will nicht die mit den Waschbetonplatten“, nuschelt er.
Der Moment geht so schnell wie er gekommen ist. Der Teppich liegt wieder gerade, die Falte ist wieder weg. Leo wird sich nicht daran erinnern, hofft Adam.
„Okay“, antwortet er gelassen. In ein paar Monaten wird das Sinn machen. Er freut sich schon darauf.
Denn Adam weiß auch manchmal Dinge.
Er weiß, dass er Leo liebt. Dass Leo gelegentlich über die Zukunft stolpert. Dass Adam nichts dagegen tun kann.
Dass diese Zukunft immer mit Adam zu tun hat.
Dass Adam der Einzige ist, dem das auffällt.
Dass Leo diese seltsamen Dinge immer nur zu Adam zu sagen scheint.
Sie stolpern über diese Teppichfalte immer gemeinsam.
Zusammen.
„Ich liebe dich“, sagt Adam ein paar Monate später in einer Wohnung, die ihnen gerade von einem Makler gezeigt wird. Einfach so, nur weil Leo gerade am Balkon steht und ihn die Sonne schön anleuchtet.
Leo lächelt ihn träumerisch aus zusammengekniffenen Augen an, verliebt, liebevoll, glücklich. „Ich dich auch.“ Er lacht, kommt auf ihn zu, schmatzt einen Kuss auf seine Wange. „Aber die Wohnung will ich trotzdem nicht. Diese Waschbetonplatten sind echt hässlich. Und die Küche ist zu klein.“
Adam hat sich das bereits gedacht, als er auf den Balkon gestiegen ist und den Belag gesehen hat.
Denn Adam weiß auch manchmal Dinge.
