Work Text:
Mit zusammengekniffenen Augen sah Pia nach draußen auf die dicken Flocken, die unermüdlich vom Himmel fielen. Von den grellen Bürolampen bekam sie immer so fürchterlich angestrengte Augen. Oder davon, dass sie mal wieder viel zu wenig geschlafen hatte, flüsterte eine Stimme in ihr, die sich verdächtig nach Esther anhörte. Pia konzentrierte sich lieber auf das Büro um sie herum statt auf diese Stimme, das war zwar ungemütlich mit dem gleißenden Licht, aber unverfänglicher als Esther in ihrem Kopf. Und ohne Licht anmachen ging es einfach nicht. Draußen war dichtes Schneetreiben, den ganzen Tag schon.
Und so war es tagsüber nie richtig hell gewesen und mittlerweile hatte sich das verwaschene Schneegrau in die wintertypische, nachtvorgaukelnde Dunkelheit verwandelt, die Pia noch müder machte, als eh schon und als sie zu Bürozeiten sein sollte. Dabei waren es sogar noch harmlose, normale Arbeitszeiten, keine ihrer heimlichen Nachtschichten. Es gab auch gar keinen Fall, der spannende Recherchearbeit mit sich brachte, die ihr eine Ausrede für eine solche geben konnte. Es war noch gar nicht so spät, wie Pia sich müde fühlte, die Tage im Winter waren nur einfach immer viel zu kurz, es wurde viel zu früh dunkel.
Doch heute machte ihr das kalt-düstere Wetter draußen gar nichts aus. Denn statt sich nach Feierabend alleine in ihrer ungemütlichen Wohnung rumplagen zu müssen, war sie mit Esther für einen entspannten Koch- und Netflix-Abend verabredet. Also würde sie pünktlich Feierabend machen, das kalte Bürolicht gegen warme Beleuchtung und Kerzenschein in Esthers Wohnung austauschen und sich weiter in das Hineinfallen lassen, was sich da zart zwischen ihnen anbahnte. Ein bisschen war das wie die Schneeflocken, die beständig weiterfielen und den dunklen Winter nach und nach mit fluffiger Sanftheit bedeckten. Mit einem Lächeln auf den Lippen schielte Pia auf die PC-Uhr. Es würde nicht mehr lange dauern.
