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Die Tür zum Kopierraum schloss sich mit einem beruhigenden Klicken und Leo atmete auf, als er George Michael nur noch sehr gedämpft singen hörte.
Die betriebliche Weihnachtsfeier. Hatte die Welt noch nicht genug gelitten?
Er hatte ja nicht grundsätzlich was gegen das Konzept. Einmal mit den Kollegen ein wenig lockerlassen, Plätzchen knabbern, einen Becher Punsch oder zwei trinken. Das war ja alles in Ordnung, auch wenn Leo Punsch nicht sonderlich mochte und Plätzchen zu seinem Leidwesen viel zu oft einen eklatanten Mangel an Schokoglasur aufwiesen. Aber statt Punsch konnte man einfach irgendwas in die Tasse füllen, und die schokoglasurverknappten Plätzchen schob Leo schon seit Jahren einfach in Adams Richtung ab, wo sie verlässlich inhaliert wurden wie von einem Vorwerk-Kobold.
Punsch und Plätzchen und Plaudern waren schon in Ordnung. Es war die demonstrative, überdrehte Party-Fröhlichkeit, die Leo jedes Mal Kopfschmerzen bescherte. Nur Faasenacht war schlimmer, wenn man ihn fragte.
Taten die Leute aber selten. Also rettete Leo sich üblicherweise selbst, sobald es nicht mehr unbedingt auffiel, dass der Hölzer aus dem Weihnachtsfeier-Trubel verschwunden war.
Daher saß er jetzt im Kopierraum im dritten Stock hinter den Kunstverbrechen, wo sich niemand jemals freiwillig hinverirrte. Der Becher Tee dampfte fleißig, der kleine Plätzchenteller war sorgfältig auf angemessene Schokoglasurmengen kuratiert, und der Handyakku war frisch geladen. In zwei, drei Stunden konnte er dann eine Abschiedsrunde drehen und nachhause verschwinden, und bis dahin würde er sich einfach unauffällig verhalten.
Er hatte es sich gerade mit einem Krimi in der Ecke gemütlich gemacht, den süßen Geschmack eines Nougatkringels im Mund, als das elektrische Türschloss summte und sein selbstgewähltes Exil in Gefahr brachte.
Leo erstarrte.
Die Tür schwang auf.
“Du hättest auch einfach Bescheid sagen können, dass du dich hier versteckst.” Adam machte ein paar neugierige Schritte in den Kopierraum herein und sah sich um. “Dann hätte ich dich nicht orten müssen.”
Leo blinzelte ihn irritiert an.
“Standort-Teilung, schon vergessen?” Adam wedelte mit dem Handy, das er in seiner Hand hielt. “Du wolltest doch, dass wir das installieren.”
Hatte Leo auch gewollt, aber nicht, damit Adam ihn fand, sondern eigentlich aus dem genau umgekehrten Grund. Adam war da anfangs skeptisch gewesen und es würde diverse Datenschutzbeauftragte zum Weinen bringen, wenn sie es jemals rausfanden. Aber nachdem Adam für sieben Stunden halb bewusstlos in einer Baugrube festgesessen war, das Handy gerade so außer Reichweite nach seinem Sturz da hinunter, hatte er einigermaßen freudig zugestimmt.
“Das Zeug ist wirklich erstaunlich genau, nur das Stockwerk konnte es mir nicht sagen. Aber war eigentlich klar, dass du hier sein würdest und nicht im Heizungskeller. Oder auf dem Raucherdach.” Adam kam näher und schien Leos mangelnden Protest als Einladung zu nehmen, sich neben ihm auf dem Boden niederzulassen.
Ein Becher mit etwas, das verdächtig nach dem alkoholfreien Himbeer-Kinderpunsch roch, und ein Teller voller Zimtwaffeln wurden neben Leos Schokoplätzchenselektion und seinem Pfefferminztee abgestellt.
Adam rutschte ein paar Mal auf dem Boden hin und her und warf Leo dann einen prüfenden Blick zu.
“Alles in Ordnung?”
Da war nicht viel, was Leo sagen konnte, also zuckte er mit den Schultern. “Bisschen viel. Der Tag war lang.”
Das brachte ihm ein Brummen von Adam und einen vorsichtigen Stupser von Schulter zu Schulter ein.
“Hast nichts verpasst bisher. Christine hat einen der Punschkessel umgeworfen, weil sie Jakob hochwuchten wollte. Demonstrationszwecke, weil sie scheinbar jetzt ins Gym geht.”
Leo biss sich auf die Zunge und zog stattdessen eine skeptische Augenbraue hoch.
“Frag nicht.” Adam nahm sich eine Zimtwaffel und knusperte hörbar daran. “Ansonsten gibt’s nur gerade Aufregung, weil irgendwer die ganzen Mandelplätzchen versteckt hat. Okay, wenn ich hierbleibe?”
“So lange du nicht anfängst zu singen.”
“Keine Sorge.”
Adam lehnte sich neben Leo an die Wand, warf einen Blick auf Leos Handy und fischte dann seine Kopfhörer aus der Jackentasche, bevor er seine Podcast-App aufmachte. Ohne weitere Worte oder Gesprächsversuche, wofür Leo ihn dankbar mit der Schulter zurückstupste und eins dieser hübschen kleinen Lächeln bekam, die er so gern von Adam sah.
“Soll ich dir vorlesen?” bot er schließlich an, weil sie das in letzter Zeit ein paar Mal gemacht hatten und Leo es unerwartet genossen hatte. Da war etwas dran an einer mit Adam geteilten Geschichte, die ihn zur Ruhe kommen ließ, und es wurde immer ganz wohlig warm in seiner Brust, wenn sie gemeinsam in eine Erzählung abtauchen konnten. Leo las gerne, hatte er immer schon. Und während er damals vielleicht gedacht hatte, dass Adam nur geduldig mitgespielt hatte beim Zuhören, um Leo für seine Wettbewerbe üben zu lassen, so wusste er mittlerweile, dass da ehrliches Interesse und Freude dahintersteckten.
(Das, und die Tatsache, dass Adam möglicherweise über eine Lesebrille nachdenken sollte. War auch so ein Punkt auf Leos Liste der Dinge rund um Adam, um die er sich gerne kümmern würde, aber nicht so recht wusste, wie er es angehen sollte.)
“Klar, gerne.” Die Airpods verschwanden wieder in Adams Jackentasche.
Es wurde angenehm entspannt zwischen ihnen. Sie saßen nebeneinander; Leo las vor, Adam hörte zu. Sie naschten Plätzchen, tranken Tee und Punsch, und durchs Fenster konnte Leo sehen, dass es zu schneien begann. Zunächst feine kleine Staubfitzelchen, dann immer mehr, bis dicke, flauschige Flocken vom Himmel schwebten und im warm-gelben Licht der Außenbeleuchtung tanzten.
Irgendwie wurde das fast weihnachtlich.
Bis die Türe wieder surrte, Pia ihren Kopf hereinsteckte, und dann erschrocken innehielt.
“Sorry! Ich dachte, hier wäre niemand.”
Leo hob die Hand in ein kleines, beschwichtigendes Winken.
“Alles gut. Brauchst du etwas?”
“Einen Ort, wo Annemarie und die Schnaderbeck nicht Last Christmas singen.” Pia erschauderte sichtlich; nicht, dass Leo es ihr verübeln konnte. “Oder es versuchen, das stimmt eher. Aber wenn ihr hier seid, dann geh ich ins Archiv runter.”
Leo drehte den Kopf, um Adam anzusehen. Bekam von dort ein kaum sichtbares Nicken.
“Bleib, wenn du magst”, sagte er und war fast traurig, als Pia ihn sofort anstrahlte, weil es wohl nicht selbstverständlich war, dass sie willkommen war.
“Störe ich euch nicht?”
“Nein, wir drücken uns auch vor der Party.” Leo versuchte sich an einem Lächeln. “Komm rein und mach die Tür zu, bevor uns jemand entdeckt.”
Pias Glühwein wurde neben Leos Tee und Adams Kinderpunsch abgestellt. Ein Teller bunt zusammengewürfelte Plätzchen landete neben den Schokoplätzchen und Zimtwaffeln, als Pia sich vor ihnen auf den Boden legte, den Rücken mit einem erleichterten Seufzen durchstreckte und schließlich die Hände auf dem Bauch faltete.
Leo wartete, bis sie es sich bequem gemacht hatte, und ließ inzwischen Adam den Mord zusammenfassen, den sie schon gelesen hatten. Ein bisschen war es wie bei einer Ermittlung: Pia hörte zu, stellte Fragen, verdrehte die Augen sobald etwas unklar blieb.
“Los, mach weiter”, forderte sie Leo schließlich auf und schloss die Augen mit einer unbekümmerten Ruhe, um die Leo sie manchmal richtiggehend beneidete. “Wehe, da recherchiert niemand, ob es früher verdächtige Grundstücksbesitzer gegeben hat.”
“Wir werden es rausfinden.”
In den nächsten zwanzig Minuten geschah das allerdings nicht; da gab es nur eine zweite Leiche, die Pia ein anerkennendes Pfeifen entlockte, und ein wenig Hintergrundinformation zum Ermittlerteam, dazu eine hübsche Landschaftsbeschreibung und eine Erklärung zur Funkzellenauswertung, die sie alle drei kichern ließ. Aber darüber hinaus blieben Adam und Pia still und hörten in stummer Übereinkunft zu, und es war fast, als könnte Leo spüren, wie sie sich entspannten.
Adam rückte irgendwann ein Stück näher, als er sich nach seinen Zimtwaffeln streckte. Dann noch ein Stück. Und schließlich spürte Leo ein leichtes Gewicht an seiner Schulter, als Adam ganz behutsam seinen Kopf dagegen bettete. Sonderlich bequem war es nicht, aber um nichts in der Welt hätte Leo ihn aufgescheucht. Im Gegenteil; am liebsten hätte er den Kopf zur Seite geneigt und seine Wange an Adams Scheitel gelehnt. Sein Shampoo konnte er schon riechen, irgendwas mit Minze und Meersalz, und er hätte gerne seine Nase im blonden Haar vergraben und ihn für einen kleinen Moment noch genauer beschnuppert. Aber gleichzeitig war es genug, Adam so eng bei sich zu haben, also räusperte er sich, las weiter, als wäre nichts gewesen, und erlaubte sich, diese vertrauensvolle Nähe zu genießen.
Sie waren gerade beim ersten verhafteten Verdächtigen angekommen, als es an der Tür klopfte und einen Moment später das Schloss surrte.
Esther kam herein, eine Tasse in einer Hand und eine Schüssel in der anderen, mit einem Lächeln im Gesicht, das sichtlich einfror, als sie den Rest des Teams entdeckte.
“Hey”, murmelte Pia vom Boden aus. “Party vorbei?”
Esther wirkte, als würde sie sich schütteln. “Nein, die kommt gerade so richtig in Schwung, da wollte ich dir kurz Bescheid geben, dass es noch etwas dauern wird. Der Müllreither hat Konfettikanonen mitgebracht und jetzt ballern sie glitzernde Weihnachtsmänner durch die Gegend.”
Da war es wohl besser, den großen Konferenzsaal im zweiten Stock so schnell nicht mehr zu betreten. Leo wollte ganz sicher nicht die nächsten Monate Konfettifussel im Büro haben.
“Rein oder raus, aber mach die Tür zu, bevor uns hier wer findet.” Adam machte sich nicht die Mühe, seinen Kopf von Leos Schulter zu heben. “Sind das Plätzchen?”
Esther runzelte die Stirn, kam dann aber in den Kopierraum herein und schloss die Tür hinter sich.
“Was macht ihr alle hier?”, wollte sie wissen.
“Wir verstecken uns.” Auch Pia bewegte sich kein Stück von ihrem Lagerplatz auf dem Teppichboden. Sie hatte sich vor einer Weile eine Packung Papier und dann als Polsterung ihre Jacke unter den Kopf geschoben und es sich bequem gemacht, als würde sie hier länger planen zu bleiben.
(Leo hegte ein wenig den Verdacht, dass das schon öfters passiert war. Das hatte alles zu geübt gewirkt für einen ersten Versuch, ein Kopfkissen zu improvisieren. Da musste er mal drauf achten.)
“Verstecken? Vor wem?” Da klangen genug ehrliche Entrüstung und Enttäuschung in Esthers Stimme durch, dass es Leo schlagartig klar wurde, wie das hier für sie aussehen musste.
Drei Mitglieder ihres Viererteams, die sich gemeinsam einen schönen Abend machten. Und niemand hatte Esther Bescheid gesagt.
Scheiße war das. Egal, ob beabsichtigt oder nicht.
“Vor der Party”, sagte er und überlegte schon, wie er das alles irgendwie abfangen konnte. Es war ja reiner Zufall, dass sie hier gelandet waren.
“Und da habt ihr beschlossen, euch zusammen im Kopierraum zu verschanzen?”
Finger direkt in die Wunde. Darauf konnte man bei Esther immer zählen.
“Im Büro ging nicht, da wäre es aufgefallen.” Das hatte Leo vor zwei Jahren versucht und war innerhalb von fünfzehn Minuten gefunden und wieder zur Party zurückgetrieben worden wie ein verirrtes Schaf. Noch einmal riskierte er das nicht.
“Baumann.” Adam hob jetzt doch seinen Kopf von Leos Schulter. “Setz dich hin, rück deine Plätzchen raus und lass Leo weiterlesen. Wir waren gerade bei der ersten Verhaftung. Von jemandem, der es garantiert nicht war.”
“Sagst du.” Pia streckte die Hand aus, um Adam in den Knöchel zu zwicken, der gerade so in Reichweite war. “Motiv. Gelegenheit. Alles da.”
“So funktionieren Krimis nicht.”
“Werden wir ja sehen.”
“Ach, werden wir?” Adam klang lauernd.
“Werden wir. Wetten?”
“Sofort. Freie Wahl aus der jeweiligen Snackschublade.”
“Deal.” Pia richtete sich weit genug auf, um Adams entgegengestreckte Faust mit einem Fist Bump abzufangen. “Ich freu mich schon auf deine Pistazien.”
“Da kannst du lang drauf warten. Und weinen, wenn deine Toffifee zu mir wandern.” Adam rutschte wieder zurück an seinen Platz. Ein wenig Hin- und Hergewetze, dann machte er es sich wieder an Leos Schulter gemütlich. Ein Arm wurde vorsichtig zwischen Leos Rücken und der Wand durchgeschoben, und Leo musste kurz den Atem anhalten, damit er hier nicht wohlig seufzte, als er Adams Hand an seiner Hüfte spürte.
Esther betrachtete die Situation mit eindeutiger Skepsis. Schaute dann Leo direkt in die Augen, eine Frage in ihrem Blick. Er war sich nicht so ganz sicher, wieso er es war, von dem sie eine Antwort darauf wollte.
“Der neue Saarlandkrimi”, erklärte er in einem Versuch, sich über dieses wackelige Terrain zu tasten. “Wie gesagt, wir sind noch nicht allzu weit gekommen. Bleib, wenn du möchtest. Im Team bekommen wir das sicherlich besser gelöst.”
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Esther sich bewegte. Und selbst als sie sich schließlich mit gebotenem Abstand zu ihnen allen auf dem Boden niederließ, schwang da noch einiges an Zögern mit. Aber sie blieb und zog ihre Beine auch nicht aus dem Weg, als Pia sie vorsichtig mit dem Fuß anschubste und ihr ein Lächeln zuwarf.
“Danke für die Plätzchen.”
Esther blinzelte auf die Schale in ihrer Hand, als hätte sie die ganz vergessen. Dann schob sie sie sorgsam näher in die Mitte, damit jeder rankam.
Mandelplätzchen. Viele davon. Leo hatte den Verdacht, dass er hier gerade die Übeltäterin hinter der Aufregung um verschwundene begehrte Plätzchensorten entdeckt hatte.
Neben ihm gab Adam ein zufriedenes Brummen von sich und streckte sich nach den Mandelplätzchen. Schnappte sich zwei. Hielt Leo eines fragend hin und aß dann beide, als der den Kopf schüttelte, weil da nichtmal ein Hauch Schokolade dran war.
Schön war das, dachte Leo, als er wieder vorzulesen begann und sie ins nächste Kapitel führte. So ließ sich eine Weihnachtsfeier aushalten.
