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Türchen #5: Leise rieselt der Schnee

Summary:

Leo und Adam verfolgen einen Verdächtigen im Wald und machen den Fehler, sich zu trennen. Als Leo stürzt und sich verletzt, ist er darauf angewiesen, dass Adam ihn in der heraufziehenden Dunkelheit findet. Am Besten, bevor Leo komplett eingeschneit wird oder ihn der Wolf erwischt.

Wenn da denn überhaupt ein Wolf ist.

Leo ist sich nicht so ganz sicher, aber er will es auch gar nicht herausfinden. Viel lieber will er gerettet werden, weil so langsam wird es schon kalt.

Notes:

Für den Prompt “Kälte/Frieren” von carmenta.

Das hier sollte eigentlich nur eine kurze Szene im Wald werden. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist.
Viel Spaß!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Leise rieselt der Schnee

Es war eine dumme Idee gewesen.

Dumm, dumm, einfach nur absolut dumm.

Sie hätten sich niemals trennen sollen. Das lernte man schließlich schon auf der Polizeischule.

Okay, tatsächlich lernte man da, dass man sich durchaus auch mal von seinem Partner trennen konnte, um einen Verdächtigen bei einer Verfolgung in die Zange zu nehmen. Allerdings hatte Leo das unbestimmte Gefühl, dass das Lehrwerk für angehende Polizeibeamte nicht vorsah, sich bei der Verfolgung eines Verdächtigen im Wald zu trennen.

In der Abenddämmerung.

Mitten im Winter.

Zu Leos Ehrenrettung wollte er doch anbringen, dass es keine geplante Aktion gewesen war, sondern eine instinktive Sache.

Als Adam und er dem Verdächtigen unauffällig zum Waldparkplatz gefolgt waren, war das noch alles nach Protokoll verlaufen. Sie hatten Abstand gehalten, brav Pia und Esther ihren Standort und ihren Plan mitgeteilt, und waren dann dem Mann immer noch unauffällig in den Wald gefolgt. Leo war sich sicher, absolut und zu 100% sicher, dass der Verdächtige ihr Täter war, und dass er die Tatwaffe nach dem Mord nur notdürftig versteckt hatte. Wenn er sie verschwinden lassen wollte, war jetzt der beste Zeitpunkt - die Spurensicherung war vom Tatort abgezogen, das Gebiet war aber noch nicht von den Kollegen von der Hundestaffel abgesucht worden.

Und sie hatten ja auch recht gehabt.

Keine zweihundert Meter vom Tatort entfernt hatte Julius Hilpert, erfolgloser Besitzer eines Fitnessstudios und Hauptverdächtiger im Mord an seinem Geschäftspartner, die Tatwaffe aus einem hohlen, toten Baumstamm herausgeholt.

Dummerweise handelte es sich bei der Tatwaffe um eine Pistole, und auf Leos Warnruf “Halt! Polizei!” hin hatte Hilpert direkt mal  blind einen Schuss in ihre Richtung abgegeben, bevor er losgesprintet war und die Flucht in den Wald ergriffen hatte.

Quer durch den Wald natürlich, nicht brav auf den Wegen entlang. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

Leo und Adam hatten natürlich sofort die Verfolgung ergriffen, und zu Beginn war Leo sich noch die ganze Zeit bewusst gewesen, dass Adam ein paar Meter zu seiner Rechten rannte. Er hatte nur nach vorne geschaut, um ihren Verdächtigen nciht aus den Augen zu verlieren, aber zu Beginn war Adam noch nah genug gewesen, dass Leo seinen Atem und die Geräusche von brechenden Zweigen unter seinen Füßen hatte hören können. Also musste Adam da noch ganz nah bei ihm gewesen sein.

Aber dann war Leo links an einem Tümpel und einem dichten Gebüsch dahinter vorbei gerannt und Adam rechts, und ab da hatte sich ihr Abstand vergrößert. Leo hatte sich nur noch anhand von Geräuschen orientieren können, wo sich die anderen befanden - Adam irgendwo rechts, und der flüchtige Verdächtige irgendwo weiter vorne, wo er durchs Unterholz preschte.

An jedem normalen Tag hätte das ausgereicht, aber gerade als Leo sich überlegte, ob sie nicht abbrechen sollten, um die Kollegen mit den Hunden anzufordern, weil es hier im Wald doch unglaublich schnell dunkel wurde, war es passiert. Ein großer Baum hatte sich in seinem Weg aufgetan, er war instinktiv nach links ausgewichen, wo aber ein umgestürzter Baum quer im Weg lag. Ein junger Baum, der kein großes Hindernis darstellte, wenn man im Vollsprint darauf zu lief. Leo hatte also sein Tempo nicht verlangsamt, sondern war einfach über den Baum hinweg gesprungen

Das Letzte, an das Leo sich erinnerte, war das furchtbare Gefühl, als seine Füße nicht wie erwartet wieder auf den Boden getroffen waren, und die bodenlose Erfahrung eines Falls. Die Erkenntnis, dass er fiel, war maximal eine Sekunde vor dem Schmerz gekommen, und dann…

…dann wusste Leo erst mal nichts mehr.

Er musste bewusstlos gewesen sein, die Augen länger als nur einen Moment geschlossen gehabt haben, weil als er sie langsam wieder aufblinzelte, war es auf einmal dunkel. Nur…irgendwie auch nicht richtig dunkel. Das letzte Tageslicht war langsam am Verschwinden, aber dennoch waren da leuchtende Flecke, die er erst mal nicht zuordnen konnte.

Nicht leuchtend, merkte er schnell. Weiß. Weiße Flecken, wo sich Schnee sammelte, der durch die zumeist kahlen Baumspitzen und Äste in der aufziehenden Dunkelheit nach unten segelte und sacht auf dem Boden schimmerte.

Es hatte nicht geschneit, als sie durch den Wald geprescht waren, zumindest nicht, dass es Leo aufgefallen war. Den ganzen Tag schon hatten graue, schwere Wolken sich am Himmel ausgebreitet, den angekündigten Schnee allerdings nicht preisgegeben. Jetzt aber rieselte der Schnee in dicken Flocken herab und sammelte sich auf dem Waldboden, wo er das Mondlicht gruselig-blau reflektierte.

Leos Kopf tat weh, aber selbst mit brummendem Schädel war ihm klar, dass er ein paar Minuten lang bewusstlos gewesen sein musste. Zeit, in der es angefangen hatte, zu schneien. Es konnte nicht allzu lange gewesen sein, es war noch nicht vollständig dunkel, auf ihm selbst lag kein Schnee und seine Jacke fühlte sich nur ein bisschen feucht an, aber das würde nicht so bleiben. Es schneite mittlerweile sehr heftig, und das hieß, dass Leo sich mal ganz schnell wieder aufrappeln sollte. Er war irgendwo runter gekracht, hinter dem umgestürzten Baum musste ein Hang gewesen sein, den er runter gestürzt war. Der Verdächtige war vermutlich längst entwischt, und Adam war wahrscheinlich mittlerweile auch außer Hörweite. Also musste Leo sich aufrappeln und wieder auf den nächsten Weg zurückfinden. Von da aus konnte er dann Adam anrufen, oder Pia und Esther. Irgendwer würde ihn schon aufsammeln können, und dann wäre alles in Ordnung.

Er musste nur aufstehen.

Leo versuchte, sich auf den Rücken zu rollen, um aufzustehen, und sofort zuckten rote Lichtblitze vor seinen Augen, als ein furchtbarer Schmerz durch seine ganze linke Körperhälfte fuhr.

Fuck.

Für ein paar lange Momente lag Leo einfach da und atmete, während er verzweifelt darauf hoffte, dass der Schmerz irgendwann abebben würde. Lag da und atmete ein, atmete Schneeflocken und eisige Nachtluft, kämpfte gegen die Galle an, die in seiner Kehle nach oben stieg, während sich in seinem Kopf die Erkenntnis festsetzte, dass er hier ganz schön in der Scheiße steckte.

Irgendwann ging es dann ein wenig besser, auch wenn das Atmen weiterhin stechende Schmerzen durch seinen Brustkorb jagte.

Er musste sich bei dem Sturz den Hang hinunter doch einiges an Schaden zugefügt haben. Das war ein Problem, weil er hier irgendwo mitten im Wald war, und wenn er nicht darauf warten wollte, gefunden zu werden, dann musste er sich bewegen. Scheiße.

Scheiße, scheiße, scheiße.

Nachdem er sich diesen Moment verzweifelten Fluchens erlaubt hatte, begann Leo, langsam und vorsichtig, ein Körperteil nach dem anderen auf Schäden zu überprüfen.

Die rechte Hand konnte er problemlos bewegen, ebenso den rechten Arm, den Fuß und das Bein. Das war schon mal gut. Leider schien seine linke Körperhälfte die Hauptlast des Aufpralls getragen zu haben. Da waren leichte Schmerzen, als er den linken Fuß bewegte. Nicht so sehr im Fuß selbst, sondern im Bein, und als er versuchte, das Bein anzuheben, war da sofort ein scharfer Schmerz im Knie. Leo stöhnte auf und ließ den Kopf kraftlos ins Laub sinken.

Irgendwas war mit seinem Knie nicht in Ordnung. Ganz gewaltig nicht.

Und so, wie ihm weiterhin mit jedem Atemzug der Schmerz in die Seite fuhr, war das Knie vielleicht noch nicht mal das größte seiner Probleme.

Ganz vorsichtig bewegte Leo die linke Hand, was auch halbwegs funktionierte, aber sobald er versuchte, den Arm zu bewegen, schwoll der Schmerz an und fuhr wie ein Blitz durch seinen Brustkorb.

Leo war kein Arzt, aber er hatte die Vermutung, dass da was mit seinen Rippen so ganz und gar nicht in Ordnung war. Geprellt, oder vielleicht auch gebrochen. Keine Möglichkeit, das hier und jetzt rauszufinden, aber so konnte er sich nicht selbst Hilfe suchen. Er konnte sich ja noch nicht mal eigenständig aufsetzen, ohne dass er Gefahr lief, dass ihm erneut schwarz vor Augen wurde, oder er sich würde übergeben müssen.

Das war nicht gut.

Es war dunkel, es schneite, und Leo lag hier verletzt im Wald rum. So verletzt, dass er sich nicht richtig bewegen konnte. Er konnte ja noch nicht mal richtig tief ein- und ausatmen. So peinlich es war, er brauchte Hilfe, und um die zu bekommen, musste er irgendwie auf sich aufmerksam machen.

“Hilfe!”

Es war kaum mehr als ein Krächzen, das sofort zu einem Husten wurde. Sofort fuhren ihm wieder heiße Messer aus Schmerz in die Brust und Leo rollte sich so gut wie möglich auf der Seite zusammen und rang um Luft während er darauf hoffte, dass der Schmerz endlich abebbte

Es dauerte lange, endlose Minuten, bis sein Herz nicht mehr in seiner Brust hämmerte, und er wieder annähernd normal atmete.

Okay.

Er konnte nicht rufen, aber vielleicht konnte er sprechen. Oder flüstern. Das musste reichen.

Ganz langsam und vorsichtig fuhr Leo sich mit der rechten Hand über die Brust. Sein Telefon steckte in der linken Innentasche, er musste es also vorsichtig herausziehen, ohne dass er dabei nochmal seinen linken Arm bewegte und eine neue Welle aus Schmerz auslöste. Langsam tasteten seine Finger sich unter den mittlerweile klammen Stoff seiner Jacke, bis er die kühle, feste Form des Telefons ertastete. Er zog es aus der Innentasche, und sobald er es in der Hand hielt, erschlafften seine Muskeln und er sank erschöpft wieder in den Waldboden.

Dass so eine kleine Bewegung ihn dermaßen anstrengte, war definitiv kein gutes Zeichen.

Zitternd hielt Leo das Telefon in der Hand und drückte den Einschaltknopf.

Nichts.

Erneut drückte er auf den Knopf, und nochmal und nochmal, aber der Bildschirm in seiner Hand blieb dunkel. Leo ließ das Telefon sinken und fuhr mit dem Daumen über das Display. Es war absolut egal, dass es mittlerweile stockdunkel war, auch ohne Licht konnte Leo die Risse im Display fühlen.

Das Display war beim Sturz zerbrochen.

Das Telefon ging nicht mehr an, funktionierte nicht mehr, und Leo konnte damit keine Hilfe holen.

Verdammt.

Er steckte wirklich tief in der Scheiße. Er konnte sich nicht bewegen, hatte kein Telefon, mit dem er Hilfe rufen konnte, und konnte auch nicht rufen. Es musste schon jemand über ihn stolpern, dass er gefunden wurde.

Und es schneite immer noch.

Das war absolut nicht gut.

Seine Waffe war ihm auch irgendwie abhandengekommen, stellte er mit plötzlichem Entsetzen fest. Nachdem Hilpert auf sie geschossen hatte, war Leo natürlich mit gezogener Waffe auf Verfolgung gegangen. Aber jetzt hatte er keine Ahnung, wo die Waffe war. Wahrscheinlich war sie ihm während seines Sturzes aus der Hand geflogen, aber auch wenn sie hier irgendwo sein musste, in seinem momentanen Zustand konnte Leo sich schlecht auf die Suche machen. Zumal eine schwarze Waffe in der Dunkelheit auf dem Waldboden bestimmt unglaublich leicht zu finden war.

Verdammt.

Auch wenn Leo bestimmt nicht einfach so in der Gegend herum geballert hätte, wäre es irgendwie ein beruhigendes Gefühl gewesen, seine Waffe zu haben. Und im Notfall wäre es halt doch eine Möglichkeit gewesen, auf sich aufmerksam zu machen.

Aber Adam suchte bestimmt schon nach ihm. Adam musste so ungefähr wissen, wann sie einander aus den Augen verloren hatten. Adam würde ihn bestimmt finden, Leo musste nur geduldig sein.

Einfach hier liegen, atmen und so viel Kräfte wie möglich sammeln. Sobald er dann jemanden in seiner Umgebung hörte, konnte er dann sicher irgendwie auf sich aufmerksam machen.

Wenn es nur nicht so kalt wäre.

Jetzt, wo es wirklich dunkel war, war es bitterlich kalt. Da half es auch nicht, dass Leo nassgeschwitzt von der Verfolgung war und es beharrlich weiter schneite. Das wenige Mondlicht, dass durch die Wolken drang, gab der dunklen Welt um ihn herum einen schwachen, blauen Schein. Gerade genug, um die Schemen in seiner direkten Umgebung erkennen zu können, aber nicht genug, um irgendwelche Details auszumachen. Ein paar Bäume. Dunkelheit. Schnee.

Leo ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, seine kalten Finger dadurch zu wärmen. Vergebliche Liebesmüh. Seine Finger waren eisig, und auch auf seinem Gesicht konnte er die beißende Kälte spüren.

Und immer noch fiel der Schnee, fiel unaufhörlich auf ihn und wandelte sich auf seiner Haut in Wasser. Wie Tränen, nur eisig kalt.

Vielleicht war das ein gutes Zeichen. So lange der Schnee auf seiner Haut schmolz, war er ja noch irgendwie warm, auch wenn er sich so nicht fühlte.

Aber auf seiner Jacke und Hose schmolz der Schnee nicht, so viel konnte Leo erkennen, wenn er an seinem Körper hinunter schaute. Weiß und pulvrig kam er vom Himmel gesegelt, und genauso weiß und pulvrig blieb er auf Leos Kleidung liegen.

Das war nicht gut.

Es wäre wirklich schön, wenn Adam sich beeilte und so schnell wie möglich herkam.

Adam.

Adam, an den Leo sich heute früh nach dem Aufwachen noch müde und faul angekuschelt hatte. Unter der Bettdecke war es wunderbar warm gewesen, genauso warm wie Adams Haut unter Leos Fingern, als er seine Hand sanft Adams Rücken rauf und runter hatte gleiten lassen. Warm und gemütlich war es gewesen, und Leo hatte nirgends anders sein wollen. Nur bei Adam, warm und sicher und zufrieden…

Leo schreckte hoch, und ein neuerlicher Schmerz fuhr ihm durch die Seite.

Eingeschlafen. Er war kurz eingeschlafen, weggedöst, ohnmächtig geworden, was auch immer. Es war egal. Schlafen durfte er auf keinen Fall. Nicht hier, im Wald und im Schnee, nicht bevor  jemand ihn gefunden hatte und er in Sicherheit war.

Nicht, bevor Adam ihn gefunden hatte.

Egal, wie schön die Vorstellung davon war, mit Adam warm und gemütlich im Bett zu liegen.

Es schneite immer noch, und mittlerweile konnte Leo nicht länger verleugnen, dass der Schnee auch auf ihm liegen blieb. Er hatte keine Ahnung, ob das eine gute Sache war oder nicht. Irgendwo in seinem Hinterkopf meldete sich das lange verschüttete Wissen, dass Schnee auch isolieren konnte, aber Leo bezweifelte, dass ihm das in seiner momentanen Situation helfen konnte. Vielleicht, wenn er sich ein Iglu baute, und alleine bei dem Gedanken hätte Leo fast hysterisch aufgelacht.

Er konnte sich ja nicht mal alleine aufsetzen. Da würde er sicherlich nicht mit dem bisschen Schnee hier im Saarbrücker Wald ein Iglu bauen. Wenn er jetzt schon anfing, hier zu halluzinieren, hatte er ein noch viel größeres Problem als gedacht.

Leo hasste es, hilflos zu sein.

Er löste gerne Probleme, er saß - oder lag - nicht einfach irgendwo herum und wartete darauf, dass jemand anderes zu seiner Rettung kam. Nur jetzt hatte er leider keine andere Wahl. Das Einzige, was er tun konnte, war, wach zu bleiben. Und vielleicht nochmal die Grenzen dessen auszutesten, wozu sein Körper nach dem Sturz noch in der Lage war.

So komisch halb auf der Seite zu liegen war unbequem, außerdem beschränkte es sein Sichtfeld auf ein kleines Stück Hang und ein paar Äste. Und vielleicht würde es ja die Schmerzen besser machen, wenn er sich auf den Rücken schaffte und nicht mehr auf der verletzten linken Seite lag.

Langsam.

Es ging unglaublich langsam voran, vor allem, weil Leo nur ein unverletztes Bein und einen schmerzfrei bewegbaren Arm hatte, aber langsam und mit viel Mühe schaffte er es, sein Gewicht ganz vorsichtig zu verlagern. Das linke Knie machte das problemlos mit, solange er es nicht belastete. Aber die kurze Hoffnung, dass sich seine Rippen mittlerweile erholt hatten, wurde jäh vernichtet. Der Schmerz fuhr ihm wie eine heiße Klinge in die Seite, und er konnte ein gequältes Stöhnen nicht zurückhalten, aber dann war es geschafft. Grellrote Blitze flackerten vor seinen Augen, aber endlich lag Leo auf dem Rücken und hatte das Gefühl, dass er ein bisschen besser atmen konnte.

Immerhin.

Während er so da lag und einfach nur atmete, knackte irgendwo rechts in der Dunkelheit ein Zweig.

“Hallo?”

Rufen ging nicht, es war eher ein heiseres Flüstern, das da aus seinem Mund kam.

“Adam?”

Sein Herz schlug heftig in seiner Brust, weil wer oder was auch immer dieses Geräusch verursacht hatte, es war sicher nicht Adam gewesen. Den hätte er kommen hören, und wer auch immer nach ihm suchte, würde ja mit Sicherheit nach ihm rufen, und sich nicht leise anschleichen.

Was konnte das sonst gewesen sein? Ein Wildschwein? Waren die im Winter aktiv, oder hielten die irgendwo Winterruhe? Leo hoffte es schwer, weil einem Wildschwein wollte er nicht begegnen, und schon gar nicht, wo er hier verletzt und wehrlos auf dem Waldboden lag. Wildschweinen sollte man lieber aus dem Weg gehen.

Und wenn es kein Wildschwein gewesen war, was dann?

Gab es hier Wölfe?

Da war irgendwas gewesen, Leo erinnerte sich an irgendeine Schlagzeile, die was mit Wölfen zu tun gehabt hatte, aber er hatte dem Ganzen leider keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Das fiel ja in die Verantwortung der Forstbehörde, und privat war Leo eher selten im Wald. Seine Joggingrunden drehte er an der Saar, oder im Deutsch-Französischen Garten, aber nicht hier im Wald. Es hatte ihn einfach nicht betroffen, also hatte er nicht aufgepasst.

Jetzt gerade betraf es ihn allerdings persönlich und unmittelbar, und Leo wäre doch ganz schön froh, eine definitive Antwort auf die Frage zu haben, ob es hier in den Wäldern Wölfe gab. Bevorzugt, bevor ihn einer anfiel weil er hier auf dem Waldboden rumlag wie leichte Beute.

Er lauschte angestrengt, aber auf das einsame Knacken folgte kein anderes Geräusch. Er starrte in die Dunkelheit, konnte aber außer schwarzen Schemen und etwas weniger schwarzen Flecken kaum etwas erkennen. Immer dann, wenn er sich auf irgendeinen Schatten konzentrierte, schienen die anderen Schatten sich zu bewegen, als würde da jemand gerade außerhalb seines Sichtfelds herumlaufen.

Es war nur eine optische Täuschung, das wusste Leo.

Aber es war trotzdem unglaublich beklemmend.

“Hier ist nichts”, murmelte er vor sich hin, versuchte, seine Stimme auszuprobieren und zu testen, wie viel Kraft und Luft er ins Sprechen stecken konnte.

Nicht viel, wie sich herausstellte. Alles, was über normales Sprechen hinausging, ließ die Schmerzen in seinem Brustkorb wieder aufflammen, aber wenn er weiter vor sich hin murmelte, kam er sich nicht mehr ganz so alleine vor. Und wer weiß, vielleicht würde es ja mögliche Wölfe verjagen, wenn er hier nicht still und leise wie die ideale Beute herumlag.

“Jetzt wäre es ja mal ganz schön, wenn jemand käme. So langsam wird es kalt.”

So langsam war eine furchtbare Untertreibung. Leo war schrecklich kalt, und er zitterte jenseits jeglicher Kontrolle vor sich hin. Es schneite immer noch, und inzwischen kroch die Kälte durch seine Kleidung und erfasste ihn komplett. Besonders schlimm war es an den Händen und am Hinterkopf, der schutzlos auf der kalten Erde lag. Seine Ohren waren zwei Eisklötze, und mittlerweile klapperten seine Zähne ganz jämmerlich.

Hatte vielleicht auch seine Vorteile, dann würde er es nicht mehr hören können, wenn in seiner Nähe wieder ein Zweig unter irgendeinem Fuß knackte. Oder unter einer Pfote.

Adam würde wissen, ob es hier Wölfe gab. Adam wusste solche Dinge. Der war nicht nur einfach unglaublich wunderbar warm unter der Bettdecke, sondern er hatte auch gewaltig was im Köpfchen und wusste oft die erstaunlichsten Dinge. Nicht, weil er besonders aufmerksam die Zeitung las, sondern weil er es einfach mochte, solche vermeintlich wahllosen Fakten zu wissen. “Leo, Leo”, würde er mit einem Augenrollen und diesem frechen Grinsen im Gesicht sagen. “So was weiß man doch.”

Wölfe im Saarland.

Vielleicht wusste man das.

Leo wusste es nicht.

“Leo!”

Aber Adam wusste das.

Anders als Leo.

Konnte einem doch auch mal passieren, dass man etwas über die eigene Heimat nicht wusste.

“Leo!”

Bis heute hatte er es nicht für nötig gehalten, sich näher mit der Tierwelt in den heimischen Wäldern zu befassen. Konnte ja keiner wissen, dass er hier mit einem kaputten Knie und kaputten Rippen irgendwo mitten im Wald enden würde. Nächstes Mal wäre er besser vorbereitet.

“Leo!”

Adams freundlich meckernde Stimme in Leos Kopf wurde immer lauter, wurde immer weniger lustig-neckend und immer besorgter, und auf einmal machte es Klick in Leos Kopf und er verstand, dass das kein imaginärer Adam in seinem Kopf war. Das war Adam. Der echte Adam.

Der ihn hier im Wald suchte.

Endlich.

Irgendwas lief ungewohnt heiß seine Wange hinab und verlor sich in der Eiseskälte des geschmolzenen Schnees auf seiner Haut.

“Adam.”

Er konnte nicht rufen, konnte noch nicht mal so richtig laut sprechen. Leo hatte keine Ahnung, wie weit seine Stimme hier nachts im Wald und bei Schneefall trug. Aber er wusste, dass Adam ihn nur dann hören konnte, wenn er ziemlich nah an ihn herankam.

Aber er konnte nicht lauter schreien.

Mit seiner rechten Hand hielt Leo immer noch das kaputte Telefon umklammert. Das würde ihm nicht helfen, damit konnte er Adam nicht anrufen oder zu sich lotsen. Noch nicht mal die Taschenlampe konnte er einschalten. Aber vielleicht ein bisschen mehr Krach machen.

Blind tastete er sich auf dem Waldboden entlang, fuhr mit vor Kälte tauben Fingern durch Laub und Tannennadeln, bis seine Finger etwas Kaltes, Hartes erfühlten. Ein Stein. Vielleicht würde es helfen. Besser als nichts war es allemal.

“Adam”, sagte Leo in die Dunkelheit, und schlug dann mit der harten Hülle seines Handys auf den Stein. Einmal, zweimal, dreimal. “Adam!”

Es knallte dumpf, als er das Telefon auf den Stein schlug, aber Leo konnte überhaupt nicht einschätzen, wie weit das Geräusch zu hören war. Aber es war alles, was er tun konnte, und dann musste er darauf hoffen, dass das Geräusch doch zu unnatürlich im nachtstillen Wald war, dass es Adam auffallen würde.

“Leo!”

Adams Stimme klang näher, und Leo verstärkte sein Klopfen. “Adam!” Seine Stimme klang selbst für seine Ohren heiser und schwach, aber es fühlte sich auch falsch an, Adam nicht zu antworten, selbst wenn er davon überzeugt war, dass der ihn nicht hören konnte.

“Ich bin hier!”

Und immer wieder schlug er mit dem Telefon auf den Stein.

“Leo, wo bist du?”

Adam Stimme klang so nah, er musste doch fast schon oben an der Kante des Hangs stehen. Aber es war Nacht und im Wald hallten die Geräusche ganz trügerisch.

“Adam.”

“Leo!”

Leo drosch mittlerweile so gut es ging auf den Stein ein, auch wenn jede Bewegung scharfe Schmerzpfeile seine Seite entlang schickte, und murmelte die ganze Zeit “ich bin hier, ich bin genau hier” vor sich hin.

“Leo, bist du das? Ich kann dich hören, klopf weiter!”

Leo unterdrückte das Schluchzen, das sich aus seiner Kehle losreißen wollte, und hieb weiter mit dem Telefon auf den Stein ein. Für ihn klangen die dumpfen Schläge fast schon dröhnend, und dann endlich, endlich hörte er Schritte, die sich ihm näherten, und diesmal war er sich sicher, dass es Adam war und kein Wolf.

“Leo!”

“Ich bin hier unten. Hier bin ich.”

Schritte, ganz nah, und dann konnte Leo spüren, wie der Boden vibrierte, als jemand den Hang hinunter gesprungen kam. Er nahm eine Bewegung aus dem Augenwinkel war, und dann war da auf einmal Licht, und Adam fiel neben ihm auf die Knie.

Adam.

Blass, aber mit geröteten Wangen, als wäre er gerannt, und die Haare nass vom Schnee.

Das Schönste, was Leo je gesehen hatte.

“Adam.”

“Hey, Leo.”

Adam lehnte sich näher und legte ihm vorsichtig die Hand an die Wange. Leo hätte heulen können, als die Wärme von Adams Hand sich wie ein Brandmal auf seine Wange legte.

“Bist du gestürzt?”

“Über den Baum gesprungen und den Hang runter gefallen.”

Adam verzog das Gesicht und ließ seine Augen an Leos Köper rauf- und wieder runterwandern, als würde er ihn nach offensichtlichen Verletzungen absuchen.

“Was ist verletzt?”

“Das linke Knie ist nicht okay.”

Adam nickte, schaute ihn aber weiter sorgenvoll an. “Ein kaputtes Knie macht einen nicht so kurzatmig, wie du es bist.”

“Die Rippen, links. Da ist was geprellt. Oder angeknackst.”

“Sonst noch was?”

“Ich hab mir den Kopf angehauen. War wohl ein paar Minuten weg. Wie lange…?”

Er musste die Frage nicht fertig stellen. Adam verzog unglücklich das Gesicht. “Eine knappe Stunde. Du warst auf einmal aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich hab den Hilpert erwischt, und als du immer noch nicht aufgetaucht bist als Pia und Esther da waren und wir ihn an die Kollegen von der Streife übergeben haben, haben wir angefangen, zu suchen. Wobei mir einfällt.”

Er zog sein Telefon aus der Jackentasche und wählte eine Nummer aus dem Kurzwahlspeicher. Pia oder Esther, das konnte Leo nicht erkennen.

“Ich hab ihn gefunden”, war alles, was er zur Begrüßung sagte. “Vielleicht 50 Meter vom Weg entfernt, da wo der Wanderweg zum See abzweigt. Ich markiere gleich die Stelle, wo es in den Wald geht. Wir brauchen den Rettungsdienst. Leo ist einen Hang runtergefallen, das Knie ist kaputt und eventuell hat er sich ein paar Rippen angeknackst. Unterkühlt, aber immerhin ist er bei Bewusstsein. Kannst du denen sagen, dass wir die Hundestaffel nicht mehr brauchen? Ja, mach ich. Danke, Baumann.”

Esther also. Das war gut. Esther kriegte Dinge organisiert. Pia natürlich auch, gar kein Ding. Aber Esther hatte wenig Hemmungen, Leute auch mal zur Sau zu machen, damit Dinge in Gang kamen. Und gerade würde Leo das unglaublich begrüßen, wenn die Dinge mal in Gang kämen.

Adam hatte die Hundestaffel angefordert, um nach ihm zu suchen. Das hieß, er hatte sich wirkliche Sorgen um Leo gemacht. Seltsam, wie groß so ein Wald auch auf einmal war, wenn man sich nur mal ein paar Momente aus den Augen verlor.

Einmal kurz nicht hingeschaut, einen Hang runtergefallen, und schwupps - als wäre man aus der Welt verschwunden. Die Erfahrung gefiel Leo so gar nicht.

Vor ihm begann Adam, sich aus seiner Jacke zu schälen. Einen Moment lang war Leo verwirrt. Er sah es gerne, wenn Adam sich auszog, absolut, aber es war doch viel zu kalt hier im Wald…

Einen Moment später legte sich die dicke Daunenjacke wie eine warme Decke über ihn, und Leo hätte weinen können. Ihm war immer noch eiskalt, aber die Jacke strahlte Adams Körperwärme ab, und sie roch nach ihm. Unter der Jacke zu liegen, fühlte sich warm und sicher an. Ein Hauch von dem Gefühl, sich unter der Bettdecke an Adam ran zu kuscheln, und Leo wollte sich in dem Gefühl einrollen. Trotzdem rang er sich einen Protest ab.

“Du brauchst doch deine Jacke.”

Adam lachte kurz auf, dann lehnte er sich wieder über Leo und hielt ihm erneut die wunderbar warme Hand an die Wange.

“Ich komme schon klar. Aber du frierst, und der Rettungswagen wird ein paar Minuten brauchen. Ich muss jetzt schnell mal wieder hoch und markieren, wo die vom Weg in den Wald müssen, damit sie uns finden. Ich lasse dir die Taschenlampe da, ist das okay?”

Es klang überhaupt nicht okay, weil Leo nicht wollte, dass Adam ihn hier jetzt alleine ließ. Mit seiner gesunden Hand griff er nach Adams Arm und krallte sich richtiggehend in seinem Pulli fest, und Adam zog die Hand ganz sacht weg und umfasste sie mit seinen warmen Händen.

“Es ist nur für ein paar Minuten, ich bin gleich wieder da. Versprochen. Aber so finden sie uns schneller.”

Leo nickte, auch wenn er nichts weniger wollte, und mit einem Lächeln beugte Adam sich vor und küsste Leos Stirn, seine Lippen warm auf Leos eiskalter Haut.

“Nur ein paar Minuten. Zähl einfach laut vor dich hin. Ich verspreche, ich bin wieder da, bevor du bei hundert angekommen bist. Aber bloß keine Schäfchen zählen, okay? Bleib bitte wach.”

Er drückte Leo die Taschenlampe in die Hand, fummelte kurz mit seinem Telefon herum, um dessen Taschenlampe einzuschalten, und mit einem weiteren kurzen Lächeln in Leos Richtung stand er auf und verschwand den Hang hinauf. Leo konnte noch seine Schritte hören, wie er sich über Zweige und Schnee den Weg den Hang hinauf bahnte, aber dann verlor sich das Geräusch auch schon ganz schnell wieder in der Nacht.

Leo war wieder allein.

Nicht mehr ganz so schlimm allein wie vorhin, weil das Allein diesmal von begrenzter Dauer sein und Adam wiederkommen würde, aber trotzdem erst mal allein.

Immerhin hatte er Licht. Auch wenn er im Kegel der Taschenlampe um ihn herum nicht viel erkennen konnte außer Waldboden und Schnee. Falls der Wolf noch da war, hielt er sich brav im Schatten, außerhalb des Lichts.

Und Adam erzählte ihm hier einen vom Schäfchen zählen, als müsste man das Leo erst noch aussreden. Ha! Er war doch nicht wahnsinnig. Nein, das würde er mal schön bleiben lassen, hier auch noch mit Schäfchen anzufangen. Er würde sich lieber so tief es ging in Adams Jacke kuscheln und die fliehende Wärme aufsaugen, die noch in den Daunen festhing. Und die Nase im Stoff vergraben und Adam riechen, dann konnte er sich auch viel besser vorstellen, dass Adam noch hier bei ihm war.

Wieder.

Wie auch immer.

So lange Adams Jacke noch hier war, Leo sie fühlen und riechen konnte, war es auch real gewesen, dass Adam ihn gefunden hatte. Daran musste Leo sich halten, an das, was real war.

Adam.

Der würde ihn immer finden, und das war ein schöner Gedanke.

Das nächste Mal würde Leo sich vielleicht eine wärmere Grundsituation zum Gefunden-Werden aussuchen, aber so grundsätzlich mochte er die Idee, dass mit Adam da jemand war, der immer nach ihm suchen würde. Das galt ja auch umgekehrt. Leo würde auch immer nach Adam suchen. Mittlerweile. Das war auch mal anders gewesen, aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Heute würde er Adam sofort suchen gehen. Oder ihn am Besten gar nicht erst wieder verschwinden lassen.

Aber das war eine andere Geschichte.

Jetzt lag er hier, unter Adams Jacke, mit schmerzenden Rippen und einem kaputten Knie, und vielleicht auch mit einem Wolf, der hier außerhalb des Lichtkegels um ihn herum schlich, aber Adam war da und dann würde schon alles irgendwie gut werden.

Erneut war da ein lautes Knacken, und Leo wäre erschrocken zusammengefahren, aber diesmal blieb es nicht bei einem einzelnen Knacken, sondern da waren Schritte auf dem Waldboden, ein leiser Fluch, als Adam fast auf dem Schnee ausgerutscht und den Hang runter gerutscht wäre, und dann kniete er wieder neben ihm. Sofort war da wieder die wunderbar warme Hand gegen seine Wange, und Leo lehnte sich mit einem Seufzen in den Kontakt.

“Ich hab die Stelle am Waldweg markiert, und Esther und Pia weisen den Rettungswagen ein. Fünf Minuten, meinte Esther, vielleicht ein bisschen länger. Hältst du das so lange aus?”

Er lag doch nur hier rum, das war ja an sich nicht anstrengend. Nur kalt. Leo nickte.

“Klar.”

Ein leichtes Lächeln zog sich über Adams Gesicht, und Leo traf erneut die Erkenntnis, wie viel Glück er doch hatte. Das war seiner, sein Adam, der ihn auch im Dunkeln und bei Schneefall im Wald suchen kam. So viel Glück hatte kaum einer.

“Ich hab meine Waffe verloren.”

Leo wusste nicht, wo der Gedanke gerade hergekommen war, aber er musste dem Teil seines Unterbewusstseins, der das gesagt hatte, danken. Das war ja keine gute Sache, die konnte hier ja nicht liegen blieben. Er hatte ja auch Verantwortung für die Waffe.

Adam nickte nur und rieb Leo mit dem Daumen sanft über den Wangenknochen.

“Als du den Hang runter gefallen bist? Kein Ding, die finden wir. Die kann ja nicht weit sein, da können sich ein paar Streifenhörnchen ihre Sporen dran verdienen.”

Das würden sie nicht mögen, wenn Adam sie so nannte. Aber ja, die Kollegen von der Streife würden die Waffe bestimmt finden. Sie mussten nur aufpassen mit dem Wolf.

“Adam?”

“Hmmm?” Adam hob die Augenbrauen, aber er streichelte immer noch so wunderbar warm und sacht über Leos Wange, und es wurde immer schwieriger, die Augen offen zu halten. Das sollte Adam vielleicht nicht machen, wenn er nicht wollte, dass Leo einschlief, aber Leo würde den Teufel tun und ihm das sagen. Am Ende hörte er noch damit auf.

“Gibt es hier Wölfe?”

Jetzt legte sich Adams Stirn in Sorgenfalten, und er betrachtete Leo als wolle er herausfinden, ob er sich irgendwo den Kopf angehauen hatte. Was nicht so war. Also, schon, aber nicht wirklich heftig.

“Im Saarland?”

Leo nickte vorsichtig und Adam zuckte mit den Schultern. “Hier gibts doch keine Wölfe, Leo. Vielleicht ab und zu mal ein Einzeltier, das hier durchzieht, aber das war’s auch schon. Warum fragst du?”

“Weiß nicht. Das hat vorhin so geknackst, als wäre was auf einen Ast getreten.”

Adam lächelte und beugte sich vor, um Leo ganz vorsichtig und sanft einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

“Ich glaube nicht, dass das ein Wolf war”, sagte er, und sein Atem war wunderbar warm auf Leos Gesicht. “Spätestens, als du hier lautstark den Hang runter gekracht bist, wäre jeder Wolf abgehauen. Das war vielleicht ein Dachs, oder ein Wildschwein. Aber ich glaube nicht, dass da ein Wolf war.”

Leo nickte. Gut. Hatte er doch gewusst, dass Adam das wissen würde. Und dann war es auch nicht so schlimm, wenn die Kollegen von der Streife hier nach seiner Waffe suchen mussten. Er wollte ja nicht, dass irgendwer noch in Gefahr kam, nur weil Leo nicht aufgepasst hatte.

Irgendwo ganz am Rande seines Bewusstseins war Leo klar, dass diese Gedankengänge nicht normal waren und er sich vielleicht doch ein wenig heftiger den Kopf angehauen hatte, als zunächst gedacht.

Aber solange Adam da war, war alles in Ordnung. Und Adam war da, Adam blieb, auch als wieder Schritte auf dem Waldboden knacksten und krachten, und dann auf einmal zwei fremde Männer da waren. Und Pia. Vielleicht auch Esther, aber auf einmal war echt viel um ihn herum los, und Adam musste aufstehen und Platz machen und dann nahm ihm jemand auch noch Adams Jacke weg.

Leos Gefühl für den Verlauf der Zeit war irgendwie schwammig. In einem Moment redete er noch mit einem der Männer - Sanitäter, das waren sie - und dann hatte er auf einmal eine Halskrause an und jemand versuchte, ihn zu bewegen, und das war überhaupt keine gute Idee, weil auf einmal waren alle Schmerzen wieder da.

Erst waren die Schmerzen da, ganz furchtbar heftig und wie glühende Klingen in seiner Seite, während im Hintergrund Adams Stimme ganz ärgerlich klang. Aber dann wurde es auf einmal warm, auf eine Art und Weise, die nichts mit Adams Jacke, oder mit Adams Händen auf seinem Gesicht zu tun hatte. Das war Wärme von innen heraus, die auch den Schmerz wegwischte und alles irgendwie leichter erscheinen ließ.

Leo versuchte es wirklich, aber es war so unglaublich anstrengend, die Augen noch offen zu halten, um mitzukriegen, was um ihn herum so passierte.

Adam war ja da.

Da konnte Leo auch mal für einen Moment die Augen zu machen.

~~*~~*~~*~~*~~*~~*~~

Ihm war warm.

Einen Moment lang war das alles, an das Leo denken konnte. Irgendwo war da der Gedanke, dass das wichtig war, aber Leo war sich nicht sicher, warum. Ihm war ja meistens warm, wenn er aufwachte.

Auch wenn das hier nicht sein Bett war, und das war merkwürdig genug, dass Leo dann doch die Augen müde aufblinzelte.

Definitiv nicht sein Schlafzimmer.

Ein Krankenhaus.

Und dann war auf einmal auch alles wieder da. Die Verfolgungsjagd im Wald, sein Sturz, der Schnee. Der Wolf, der keiner gewesen war. Vielleicht. Adam, der ihn gefunden hatte, gerade als die Kälte gedroht hatte, ihn zu verschlingen. Die Schmerzen, von denen er jetzt gerade nichts merkte. Da war so ein wattiges Gefühl am Rande seiner Wahrnehmung, und Leo vermutete, dass da gerade eine Menge Schmerzmittel durch seine Blutbahn strömten.

Aber ihm war warm, und gerade war das die Hauptsache.

Fast die Hauptsache.

Leo drehte den Kopf nach rechts, wo Adam auf einem Stuhl neben seinem Bett saß. In einer Hand hielt er sein Handy, auf dem er herum scrollte, und seine linke Hand verschwand unter Leos Bettdecke. Ein eindeutiges Zeichen, dass Leo hier nicht ganz auf dem Damm war, weil normalerweise merkte er es wesentlich schneller, wenn Adam seine Hand hielt. Er drückte Adams Finger, und sofort lag die volle Kraft dieses stahlblauen Blickes auf ihm. Adam lächelte, ließ das Telefon in seine Tasche gleiten und lehnte sich vor.

“Hey, Leo.” Er drückte Leos Hand zurück. “Wie geht es dir?”

“Ganz gut. Wattig.”

Adam lachte. “Ja, das sind die Schmerzmittel. Aber die gute Nachricht ist, dass du dir nichts gebrochen hast. Die Rippenprellung wird trotzdem noch eine ganze Weile weh tun. Dein Knie wollen sie sich morgen nochmal genauer anschauen, das hatte heute Nacht erstmal keine Priorität.”

Das fand Leo auch. Er hatte keine Schmerzen, und ihm war warm. Da konnte das Knie auch noch bis morgen warten.

“Das ist gut. Und mir ist warm.”

Adam lachte. “Ja. Wie sich rausstellt, muss man nur eine Stunde im Schnee rumliegen und sich eine leichte Unterkühlung holen, und schon kriegt man hier im Krankenhaus die ganz spezielle Wärmedecke.”

Das würde natürlich erklären, warum Leo sich so fühlte wie ein Teller im Warmhalteofen. So ein Teil sollten sie sich vielleicht auch für zuhause anschaffen, Leo hatte sich noch nie vorher so angenehm warm und weich gefühlt, als würden seine Muskeln in die Matratze schmelzen.

Er könnte gerade wieder einschlafen, jetzt, wo er hier so herrlich warm und entspannt war, und Adam seine Hand hielt. Er hatte ja alles, was er brauchte.

Wobei…

“Meine Waffe…”

“Haben die Kollegen von der Streife gefunden, keine zwei Meter von deinem unfreiwilligen Landeplatz entfernt. Und bevor du anfängst, dir Gedanken darüber zu machen, wie du dich bei ihnen dafür bedanken kannst, dass sie ihren Job gemacht haben, Pia hat schon angekündigt, dass sie den Kollegen morgen Hörnchen mitbringt. Du kannst die Schuldgefühle also gleich mal wieder einpacken. Die Suche hat keine Viertelstunde gedauert, und die Kollegen sind ja nicht aus Zucker.”

Leo wollte widersprechen, aber Adam kannte ihn dann halt doch zu gut. Der Gedanke, dass Kollegen nachts bei Schnee durch den Wald stöbern mussten, weil ihm seine Waffe abhanden gekommen war, gefiel ihm überhaupt nicht. Aber wenn Adam sagte, dass er sich darum gekümmert hatte, dann war das schon in Ordnung. Dann konnte Leo sich um andere Dinge kümmern.

Schlaf zum Beispiel.

Schlaf klang nach einer ganz wunderbaren Idee.

Adam zog seinen Stuhl näher an Leos Bett. Unter der Wärmedecke hielt er seine Hand mit Leos verschränkt, und seine zweite Hand legte er gegen Leos Wange. Es erinnerte Leo an die Momente im Wald, nur warm und sicher, und Leo lehnte seinen Kopf in die Berührung.

“Ich hatte echt Angst, Leo. Du warst einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt, dein Telefon war kaputt, ich hab gedacht, ich werde verrückt vor Angst.”

“Tut mir leid.”

Adam schüttelte den Kopf. “Es war nicht deine Schuld. Aber wenn du in Zukunft nicht mehr bei Schneetreiben im Wald verloren gehen könntest, wäre das echt großartig.”

Leo hielt nicht viel davon, Dinge zu versprechen, auf die er keinen Einfluss hatte, aber in dem Fall konnte er schon eine Ausnahme machen. Das war eine so spezifische Kombination von Umständen, die würde er in Zukunft selbst gerne vermeiden. Er würde mit Sicherheit nicht nochmal bei Schnee im Wald herumfallen.

“Versprochen.”

Adam lächelte, und zog eine Augenbraue nach oben. “Das war überraschend einfach. Ich werde dich nochmal dran erinnern, wenn du nicht mehr bis über beide Ohren zugedröhnt bist.”

“Okay.”

Zugedröhnt sein fand Leo gerade gar nicht so schlecht. Das würde er auskosten, solange es noch irgendwie möglich war.

Adam lachte nur und strich Leo noch einmal sanft über die Wange, bevor er die Hand wegzog und die Wärmedecke über ihm zurecht rückte. Mit seiner anderen Hand hielt er aber weiterhin Leos unter der Decke fest umklammert, und da wollte Leo auch gar nichts dran ändern. Es war gut, diese körperliche Bestätigung, dass Adam da war.

Dass er in Sicherheit war.

Und warm.

“Ich liebe dich.”

Ein paar Sekunden Stille folgten, aber es war keine angespannte Stille. Auch die Stille war warm, und nach ein paar weiteren Sekunden drückte Adam Leos Hand fest.

“Ich liebe dich auch. Und jetzt schlaf.”

Er war sicher, er war warm, und Adam war hier.

Leo schloss die Augen und schlief.



Notes:

Vielen Dank für's Lesen. Über Kudos und Kommentare freue ich mich immer, und auch auf tumblr (@rbchild) oder Discord (#rainbow_child) bin ich zu finden und immer für ein Gespräch zu haben.

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