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“Guten Morgen!” Hennys Gruß war viel zu munter für kurz nach Sonnenaufgang an einem dieser frostigen Tage zwischen den Weihnachtsfeiertagen und Neujahr, wo Wochentage irgendwie komplett optional wirkten.
Leo schaffte es, eine Hand zu heben und ihr zuzuwinken. An seiner Seite grummelte Adam nur etwas Unverständliches in den Schal, den er sich bis über die Nase hinauf ins Gesicht gezogen hatte, und aus dem sein Atem in weißen Wolken hochstieg. Leos Schal, weil Adam aus irgendeinem unerfindlichen Grund seine eigenen Schals immer vergaß, sich dann aber bereitwillig einen aus Leos Sammlung auslieh. Wieder eines dieser Dinge, die Leo mittlerweile nicht mehr hinterfragte; ein zweiter Schal hing meistens einfach griffbereit neben der Wohnungstür, womit sich die Diskussion erübrigte, die sie am Anfang des Winters mehrfach geführt hatten.
(Irgendein Muster gab es da, das Leo noch nicht ganz durchschaute. Adam nahm selten einen Schal mehr als zwei oder drei Mal hintereinander, und immer nur einen, der schon am Garderobenhaken hing. Beziehungsweise um den Kragen von Leos Jacke geschlungen am Kleiderbügel, weil Leo seine Winter-Outfits ordentlich verwahrte.)
“Morgen, Henny”, murmelte er schließlich, als er ein paar Schritte vor ihr auf dem schneebedeckten Rasen knirschend zum Stillstand kam. Wirklich nicht der Tag für einen Mord. Zu früh, zu bitterkalt, zu… alles.
Vor einer Stunde hatte Leo noch gemütlich an Adam gekuschelt unter seiner Decke gelegen, in diesem wundervollen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachsein, wo sich alles so leicht und unendlich bequem anfühlte. An Aufstehen hatte er da überhaupt nicht gedacht und auch die Tatsache komplett verdrängt, dass sie Bereitschaftsdienst hatten. Und sie waren gerade in ein etwas aktiveres Verdrängen aller Gedanken jenseits von ein wenig Geknutsche und Gefummel gewandert, als Leos Handy geklingelt hatte. Mit dem Büro-Klingelton, der bedeutete, dass er wirklich abheben sollte.
Und jetzt standen sie hier, halbwach und nicht annähernd koffeiniert genug für diesen Tag.
“Ich hoffe, Sie hatten schöne Feiertage”, versuchte er sich an ein wenig zivilisationsgerechtem Smalltalk, während die klirrend kalte Winterluft seine Haut prickeln ließ.
Henny strahlte ihn fröhlich an. Da waren eindeutig einige Kleidungsschichten unter ihrem weißen Overall, und die quietschgelbe Pudelmütze war eine, die Leo als neu identifizierte. Ein knallpinker Bommel hing dran.
“Ganz wunderbare Feiertage, danke.” Sie schob sich mit dem Handrücken ihre Brille etwas weiter die Nase hoch. “Dafür hat Ihnen das hier den Urlaub verhagelt, oder nicht?”
Leo zuckte mit den Schultern. Ließ dann die Schultern hochgezogen, weil sich das wärmer anfühlte. “Bereitschaft. Kann man nichts machen.”
An seiner Seite grummelte Adam wieder irgend etwas in den Schal hinein und seufzte so tief, dass Leo ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Frühe, kalte Wintermorgen waren nichts, das bei Adam auch nur einen Funken Begeisterung hervorrief, so viel wusste er schon längst.
“Was haben Sie denn für uns?”, fragte er in der Hoffnung, dass das alles möglichst rasch vorbeigehen würde. Tatortbegehung, dann im gut geheizten Büro die Anfangsarbeiten machen und darauf hoffen, dass die Ergebnisse von Spusi und KTU möglichst bald eintrudelten und so eindeutig waren, dass sie den Fall rasch abschließen konnten.
Henny zupfte an ihrem Latexhandschuh und ließ ihn mit einem hörbaren Schnalzen zurück in Position schnappen. Leo zuckte bei dem unerwartet scharfen Geräusch zusammen.
“Leiche. Männlich, nach erster Schätzung fünfzig oder älter. Zum Todeszeitpunkt kann ich noch nicht wirklich etwas sagen, außer dass es mehr als ein paar Stunden her ist.”
Leo zog die Augenbrauen fragend hoch. Für Henny war das erstaunlich ungenau.
“Mehr weiß ich erst, wenn wir ihn aus seiner misslichen Lage befreit haben. Die Leiche steckt im Kamin fest. Möglicherweise brauchen wir Bauarbeiter und schweres Gerät, und einen Statiker noch dazu, falls wir den Kamin abbauen müssen.”
Leo blinzelte. Neben ihm hob Adam ruckartig den Kopf.
“Sie verarschen uns doch”, waren die ersten verständlichen Worte aus seinem Mund, seit er heute Morgen lautstark protestiert hatte, als Leo die Bettdecke zurückgeschlagen hatte. “Leiche? Im Kamin? Direkt nach Weihnachten? Was ist passiert? Ist der Weihnachtsmann in einer scharfen Linkskurve vom Schlitten geflogen und in den Kamin gefallen? Wer hat die Leiche denn gefunden? Rudolf das Rentier?”
Leo hatte das Gefühl, dass er ihn ermahnen sollte, etwas mehr Ernsthaftigkeit zu zeigen. Andererseits sagte Adam nur das, was ihm selbst durch den Kopf ging.
“Wissen wir, wie er da reingekommen ist?” fragte er stattdessen und zog Notizbuch und Kugelschreiber aus der Jackentasche. Ein wenig zögerlich schlüpfte er aus dem rechten Handschuh, um schreiben zu können, und bereute es beinahe sofort.
Henny winkte in Richtung Dach. “Von oben vermutlich, so wie er da drinsteckt. Aber auf dem Dach sind keine Fußabdrücke im Schnee.”
“Also wirklich ein Schlitten-Crash.” Adam schob seine Hände tief in seine Jackentaschen und zog wieder die Schultern hoch. Leo neidete ihm die warmen Finger fast schon, während er selbst fröstelte, als er sich die fehlenden Fußabdrücke notierte. “Von unten kann er nicht reingekommen sein?”
“Schwierig. Er steckt mit dem Kopf nach unten fest und ich glaube nicht, dass man ihn so in den Kamin hineingezwängt bekommen würde. Das braucht schon einiges an Kraft.” Henny runzelte nachdenklich die Stirn. “Da müsste man vermutlich von oben mit einem Seil ziehen, damit das klappt. Noch war aber niemand auf dem Dach, um sich das anzugucken. Die Spusi sucht gerade eine Leiter, damit sie nicht über die Gartenmauer klettern müssen.”
Und wenn die Spusi noch nicht da oben war, dann gab es für Leo und Adam auch noch nicht viel zu tun. Die Kollegen waren immer so überempfindlich, wenn man ihnen nicht den Erstzutritt überließ, und Leo hatte gerade wenig Lust, sich von den Clowns in den Ganzkörperkondomen vom Dach scheuchen zu lassen.
“Sie können aber von unten schon mal reinschauen. Den Kopf sieht man ganz gut, ist nur ein wenig rußig. Der Kamin ist wohl eine Weile nicht gekehrt worden.” Henny seufzte missbilligend. “Das ist amtlich vorgeschrieben, wissen Sie? Jedes Jahr muss das überprüft werden, sonst ist das eine Brandgefahr, falls der Schornstein verstopft ist. Wobei hier vermutlich auch kein Schornsteinfeger mehr irgend etwas ausrichten könnte. Möchten Sie mal sehen, wie das Opfer da drin steckt?”
Mochte Leo nicht wirklich. Räucherleiche vor dem ersten Kaffee war wirklich nicht sein bevorzugter Start in den Tag.
“Ich guck mal”, rettete Adam ihn.
Leo stupste ihn dankbar mit der Schulter an und schaute hinterher, wie Adam hinter einer begeisterten Henny ins Haus verschwand.
Leiche im Schornstein. Mit einem Seufzen schüttelte er den Kopf, stopfte die Hände in die Taschen, stampfte ein paar Mal mit den Füßen im Versuch, sich etwas aufzuwärmen und hoffte einfach nur, dass das alles schnell vorübergehen würde.
*
Vier Stunden später standen Leo und Adam wieder - immer noch - auf der Wiese vor dem Haus, froren sich den Arsch ab und sahen zu, wie die Kollegen von der Spusi endlich aufs Dach kletterten.
So ganz hatte Leo sich am Ende doch nicht zurückhalten können. Machte doch wirklich keinen Unterschied, dass er kurzentschlossen auf die Gartenmauer geklettert und sich von dort aufs Dach geschwungen hatte, um sich selbst davon zu überzeugen, dass da oben keine Fußabdrücke waren.
(Da waren keine. Also war alles in Ordnung und niemand würde später mit ihm über Verwischung der Spurenlage reden wollen.)
Immerhin gab es mittlerweile heißen Kaffee von einer freundlichen Nachbarin, die damit die Hälfte des Tatort-Ermittlungsteams in ihr Wohnzimmer gelockt hatte, zum Neid der gesamten Nachbarschaft. Sogar ein paar Plätzchen hatten sich noch gefunden, und Leo knusperte gerade zufrieden an einem schokoladengetunkten Mandelhörnchen, das Adam ihm gnädigerweise überlassen hatte.
“Wieso klaust du eigentlich immer meine Schals?”, fragte er, während sie zuschauten, wie die weißen Schlümpfe anfingen, ihre Täfelchen auf dem Dach zu verteilen.
Adam legte den Kopf schief und zog die Schultern noch ein bisschen weiter hoch. Seine Nase verschwand wieder unter den dunkelblauen Stoffbahnen des Schals auf der verzweifelten Flucht vor der Kälte.
“Und wieso nie einen aus der Schublade, oder einen, den ich dir rauslege?”
Er musste Adams Nase nicht sehen, um zu wissen, dass die gerade kraus gezogen wurde.
“Du nimmst fast immer einen, der schon an den Garderobenhaken hängt.” Leo schluckte den letzten Bissen seines Plätzchens. “Das könnte Bequemlichkeit sein. Aber dann würdest du die Schals nehmen, die ich auf die Kommode lege, und nicht meinen Schal vom Vortag vom Bügel friemeln.”
Adam zuckte nur mit den Schultern und seufzte, sein Atem klar sichtbar in der Winterluft.
Der Schal heute war auch wieder einer, den Leo in den letzten Tagen ein paar Mal getragen hatte, und passte farblich überhaupt nicht zu Adams Jacke. Ästhetische Gründe konnten es also nicht sein, außer Adams ästhetisches Ziel war es, einen Affront gegen gängige Modekonstrukte zu präsentieren.
Konnte sein, aber Leo schloss das im aktuellen Fall dann doch eher aus.
“Stört es dich?”, fragte Adam schließlich.
Leo schüttelte den Kopf. “Alles gut. Ich bin nur neugierig.”
Sie sahen zu, wie die Spusi-Schlümpfe am Kamin ankamen und eine Seilwinde anbrachten. Das versprach dann doch einiges an Action in der näheren Zukunft, und Leo und Adam machten sicherheitshalber ein paar Schritte zurück, um aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu kommen, falls die Leiche da bald unerwartet aus dem Kamin ploppte wie ein Sektkorken. Der Rasen knirschte wieder unter ihren Schuhen und Leo fragte sich, ob das irgendwie schlecht für das Gras war, dass es hier gerade so niedergetrampelt wurde.
“Die riechen nach dir”, sagte Adam schlussendlich.
Überrascht sah Leo ihn an. “Nach mir?”
“Nach deinem Aftershave und deinem Bart-Pflegezeugs.” Adam ließ die Schultern wieder ein wenig nach unten sinken; Mund und Nase kamen wieder aus den Schal-Schichten heraus zum Vorschein.
Da war keine offensichtliche Antwort, die Leo darauf hatte, also blieb er einfach mal leise. Aber er machte einen kleinen Seitwärtsschritt hin zu Adam, bis ihre Schultern sich berührten und er ihn sachte anstupsen konnte.
Sie waren beide nicht die großen Romantiker. Adam sowieso nicht, und Leo fiel es oft schwer, die Grenze zwischen romantisch-schön und kitschig-übertrieben zu treffen. Abendessen bei Kerzenlicht oder Sex auf Rosenblättern? Sowas passierte einfach nicht bei ihnen zuhause. Da gäbe es von Adam nur spitze Bemerkungen über die schlechte Beleuchtung und dass Leo ihm so vermutlich im Schutz der Dunkelheit Gemüse unterjubeln wollte, während Leos Gedanken weg von möglichem Liebesspiel im Rosenduft schweifen würde und hin zur Frage, wie man das alles wieder aus der Bettwäsche bekommen sollte.
Nein, Romantik passierte nicht wirklich bei ihnen. Da brachte eben Adam mal ein erbeutetes Hörnchen für Leo mit oder teilte sein Knabberzeug, während Leo den Wäschekram zuhause erledigte, weil Adam eine langjährige Fehde mit der Waschmaschine ausfocht. Leo kümmerte sich drum, dass für Adam eine Tüte M&Ms im Handschuhfach lag, und Adam übernahm den morgendlichen Smalltalk mit den Nachbarn und Kollegen, wenn Leo gerade nicht die Nerven dafür hatte.
Normale Dinge eben. Keine romantischen geteilten Teller Spaghetti wie in Disney-Filmen, mit Musik und Kerzenschein, sondern maximal geteilte Pommes von der Imbissbude, wo sie sich noch über die angemessenen Saucen kabbelten.
Und anscheinend gehörten dazu auch Schals, die nach Leo rochen.
“Da bewegt sich was!”, kam es vom Dach, bevor Leo sich weiter den Kopf zerbrechen konnte. “Achtung!”
Sie schauten beide nach oben, wo die weißen Schlümpfe aufgeregt hin und her hampelten. Die Winde surrte, das Seil wurde straffgezogen, und Stück für Stück kam die Leiche aus dem Kamin hervor.
Schwarze Stiefel. Rote Hose, eingesäumt in etwas, das irgendwann vor dem Kaminsturz weiß gewesen war.
“Nicht euer Ernst”, murmelte Adam neben ihm und zog den Kopf wieder ein, bis er die Nase im Schal vergraben konnte. Mit dem Hintergrundwissen war das jetzt eine ganz neue Geste, und Leo erwischte sich dabei, wie er hinhörte, um rauszufinden, ob Adam da irgendwie bewusst schnupperte. Bemerken konnte er nichts, aber es war trotzdem ein schöner Gedanke, dass Adam den Geruch genug mochte, um gezielt seine kleinen Schal-Diebstahls-Maneuver zu veranstalten.
Mit einem Seufzen trank er den letzten Schluck mittlerweile nur noch lauwarmen Kaffee, sammelte dann auch Adams Tasse ein und stellte die beiden ordentlich auf das Fensterbrett der hilfsbereiten Nachbarin.
“Na komm”, sagte er und stupste Adam noch einmal an. “Auf ins Büro, da ist es warm. Finden wir raus, wer den Weihnachtsmann in den Kamin gestopft hat.”
