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Türchen #6: Ein Nikolaus zum Knutschen

Summary:

Adam schaute an sich herunter und fragte sich zum wiederholten Male, warum er das hier eigentlich machte.

Wahrscheinlich aus Liebe.

Vielleicht aber auch aus Dummheit.

Gerade war er sich nicht sicher, ob es da einen Unterschied gab.

Anders ließ es sich nicht erklären, dass er hier in einem Nikolauskostüm in Caros Gästezimmer stand und auf seinen großen Auftritt wartete.

Notes:

Für den Prompt “Nikolauskostüm”

Viel Spaß!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Ein Nikolaus zum Knutschen

Adam schaute an sich herunter und fragte sich zum wiederholten Male, warum er das hier eigentlich machte.

Wahrscheinlich aus Liebe.

Vielleicht aber auch aus Dummheit.

Gerade war er sich nicht sicher, ob es da einen Unterschied gab.

Anders ließ es sich nicht erklären, dass er hier in einem Nikolauskostüm in Caros Gästezimmer stand und auf seinen großen Auftritt wartete. Das war schon einer der Momente im Leben, in denen man seine bisherigen Entscheidungen in Frage stellen konnte. Nur hatte es keine Alternative gegeben.

Caro und ihr Mann Markus hatten zu einer Nikolausfeier eingeladen. Neben ihren vierjährigen Zwillingen Nele und Lina waren noch Markus’ Schwester und ihr Mann mit ihren beiden Kindern da, einem sechsjährigen Sohn und einer zweijährigen Tochter. Natürlich war Onkel Leo auch eingeladen, und wo Onkel Leo auftauchte, war mittlerweile wohl offenbar auch Adam automatisch geladener Gast. In den acht Monaten, die sie jetzt zusammen waren, war Adam schon mehrfach zu solchen Familienzusammenkünften eingeladen worden, und obwohl diese meistens recht zwanglos abliefen, wusste er immer noch nicht so ganz, was er davon halten sollte. Er mochte Caro, und Markus auch. Die Zwillinge waren auch ganz prima soweit Adam das beurteilen konnte, aber er hatte einfach nicht sonderlich viel Erfahrung mit diesem ganzen Familiengedöns.

Deshalb hielt er sich wenn möglich gerne im Hintergrund und beobachtete, statt sich mitten ins Getümmel zu werfen.

Besonders heute, wo es nicht nur eine normale Familienzusammenkunft war, sondern eine Nikolausfeier. Komplett mit einem Kollegen von Markus, der den Nikolaus spielen sollte.

Zumindest war das der Plan gewesen, bis der Kollege vor einer halben Stunde kurzfristig wegen Krankheit abgesagt hatte.

Eine Nikolausfeier ohne Nikolaus war aber ein echter Reinfall, so viel wusste Adam dann auch. Ganz besonders, wenn da vier Kinder involviert waren, von denen mindestens drei alt genug waren, um zu merken, dass der ihnen versprochene Nikolaus nicht auftauchte.

Es brauchte also eine Lösung, und zwar möglichst, bevor die Kinder etwas von dem Problem mitbekamen.

Dann war Leo auf die selten dämliche Idee gekommen, den Part zu übernehmen.

Adam kannte die Kinder von Markus’ Schwester jetzt nicht wirklich, aber er kannte die Zwillinge mittlerweile ganz gut. Nele und Lina waren vielleicht erst vier, aber die waren nicht dumm. Die hätten ihren Onkel doch sofort erkannt, selbst wenn er sich in ein rotes Kostüm warf und sich einen falschen Bart umschnallte. Ganz zu schweigen davon, dass es schon sehr merkwürdig wäre, wenn Onkel Leo vor und nach dem Besuch des Nikolaus da wäre, währenddessen aber nicht.

Nein, die Kinder waren nicht dumm und hätten das sofort gemerkt, und es hätte Leo auch die Gelegenheit genommen, da mit stolzgeschwellter Brust seine Nichten beim Besuch des Nikolaus zu beobachten. Das ging doch nicht.

Da waren Adam irgendwie die Worte “Ich kann das doch machen” rausgerutscht, ganz, ohne dass er vorher drüber nachgedacht hätte.

Tja, und jetzt stand er hier in einem Nikolauskostüm, das ihm viel zu groß war, und dessen Hose nur von einer Kordel und viel guter Hoffnung oben gehalten wurde. Mit einem künstlichen Bauch, einer Nikolausmütze, unter der er jetzt schon schwitzte, und einem Rauschebart, der ganz furchtbar kratzte. Er wollte gar nicht drüber nachdenken, wie viele Menschen vor ihm dieses Kostüm schon in ähnlichen Umständen angehabt hatten, und ganz besonders nicht darüber, ob es zwischendrin denn mal gereinigt worden war.

Da musste er jetzt einfach durch.

Adam warf einen kurzen Blick in den Spiegel und kämpfte mit der Versuchung, schreiend davon zu laufen. Das würde ihm doch nie im Leben eins der Kinder abkaufen.

Aber noch bevor er sich einen Fluchtplan überlegen konnte, kam von draußen Caros Stimme.

“…Ich glaube, ich habe da draußen was gehört! Wer könnte das bloß sein?”

Das war sein Stichwort, ganz wie im Laientheater. Jetzt war es zu spät, noch wegzulaufen. Adam holte tief Luft und schulterte den erstaunlich schweren Sack, den Markus ihm vorhin klammheimlich überreicht hatte.

Ob aus Dummheit oder aus Liebe, Adam würde das jetzt durchziehen, und er würde der beste verdammte Nikolaus sein, den das ganze Saarland je gesehen hatte. Er öffnete die Tür, und sobald er im Flur war, stapfte er schwer mit den Stiefeln auf und ging in Richtung Wohnzimmer, wo er lautstark gegen die Tür klopfte.

“Ho, ho, ho!”

Die Tür ging auf, von drin quietschten begeisterte Kinderstimmen “Der Nikolaus! Der Nikolaus!”, und Adam hörte auf, sich Gedanken darüber zu machen, was er hier tat.

Er stapfte ins Wohnzimmer, ließ sich schwerfällig in den bereitstehenden Stuhl fallen, erspann eine Geschichte von lahmen Rentieren und einer beschwerlichen Anreise und fragte die Kinder, ob sie auch brav gewesen waren. Er ließ sich nicht dadurch entmutigen, dass die Zweijährige bei seinem Anblick erstmal lautstark in Tränen ausbrach, er schreckte nicht vor Neles klebrigen Händen zurück, mit denen sie nach seiner Jacke griff - es war ja nicht sein Kostüm, das er waschen musste - er ertrug stoisch das stockend runtergeleierte Gedicht, das Caros und Markus’ sechsjähriger Neffe Linus zum Besten gab, und er hörte sich geduldig alle Geschenkwünsche der versammelten Kinder an. Also, außer die der Zweijährigen Emma, weil auch wenn sie dann irgendwann aufhörte zu weinen, betrachtete sie ihn nur skeptisch vom Arm ihrer Mutter aus und verweigerte jegliche Annäherung.

Er nahm das nicht persönlich. Also, kaum. Und es sollte Adam auch recht sein, da war beim Weinen jede Menge Rotz aus dem Kind rausgelaufen, den er nicht unbedingt an den Klamotten haben wollte, ob nun geliehen oder nicht.

Stattdessen spielte er brav weiter mit, hörte sich an, was sich die Kinder zu Weihnachten wünschten - wer diese Peppa war, mussten Caro und Markus schon alleine rausfinden, und er war sich auch nicht sicher, ob Linus’ Eltern ihm wirklich ein Schlagzeug kaufen würden, aber auch darüber musste er sich auch keine Gedanken machen. Er musste hier nur zuhören, ab und zu verständig brummen und sagen, dass er sich das merken würde, die aufgesagten Gedichte und zögerlich gesungenen Lieder loben, dann verteilte er noch Mandarinen und Schoko-Nikoläuse aus seinem Sack, um sich dann mit der Begründung, dass er ja noch ganz viele Kinder auf der ganzen Welt besuchen musste, wieder auf den Weg zu machen.

Zum Abschied warf sich Lina auf ihn und umarmte ihn fest - oder besser gesagt, sie umarmte seinen künstlichen Bauch, weil weiter reichten ihre kurzen Arme gar nicht, und in Adams Hals setzte sich auf einmal ein ganz dicker Kloß fest. Selbst Linus, der eigentlich die ganze Zeit versucht hatte, möglichst cool und groß zu tun, winkte ihm zum Abschied begeistert zu, und mit einem erleichterten Seufzen ging Adam wieder in den Flur und zog die Tür hinter sich zu.

Durchatmen.

Das war doch gar nicht so schlimm gewesen.

Vielleicht sogar ein kleines bisschen rührend.

Jetzt musste er sich nur wieder umziehen, und sich in ein paar Minuten heimlich ins Wohnzimmer schleichen als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen. Die Kinder hatten Schokolade, die waren eh abgelenkt. Das würden die nie merken.

Adam schreckte auf, als hinter ihm die Wohnzimmertür erneut aufging und Leo in den Flur kam.

Leo, den Adam in den letzten fünfzehn Minuten bewusst nicht angeschaut hatte, während er da drin den Nikolaus gespielt hatte, weil er gar nicht wissen wollte, wie der ihn dabei angesehen hatte. Jetzt grinste Leo nur und ging an Adam vorbei zur Haustür.

“Ich hab den Kindern gesagt, ich muss den Nikolaus noch rauslassen.”

Er öffnete die Haustür und ließ sie einen Moment später laut wieder ins Schloss fallen, dann griff er Adam bei den Schultern und lächelte ihn aus nächster Nähe an.

“Danke. Danke, dass du das gemacht hast. Die Kinder fanden es toll.”

“Ich hab doch gesagt, dich hätten sie sofort erkannt. Die Zwillinge…”

Weiter kam er nicht, weil auf einmal Leo seinen künstlichen Rauschebart ein Stück runtergezogen und seine Lippen auf Adams gepresst hatte.

Okay, damit konnte Adam sehr gut leben. Auch wenn der Bart immer noch kratzend zwischen seinem und Leos Kinn hing, und ihm in dem dicken Kostüm so langsam wirklich warm wurde. Aber Leo küsste ihn als hätte er da gerade etwas ganz Herausragendes geleistet, und Adam war auch nur ein Mensch. Wenn Leo ihn küsste, küsste er zurück, Nikolauskostüm oder nicht. Es gab hier Regeln.

Er hätte noch viel länger hier knutschend mit Leo im Flur gestanden, aber irgendwann hörte er ganz entfernt, wie erneut die Wohnzimmertür geöffnet wurde, gefolgt von einer erschrockenen, hohen Kinderstimme.

“Mama!”

Panisch riss Adam sich von Leo fort, der im gleichen Moment einen Schritt zurücksprang. Linus stand in der Wohnzimmertür, und ohne groß darüber nachzudenken, griff Adam schnell nach seinem Bart und zog ihn wieder nach oben. Der Sechsjährige starrte Leo und ihn noch ein, zwei Sekunden lang an, dann drehte er sich wieder in Richtung Wohnzimmer und stemmte die Arme in seine Hüften.

“Mama! Der Leo steht im Flur und küsst den Nikolaus!”

Entrüstet stapfte Linus zurück ins Wohnzimmer und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und Adam schaute Leo für eine Sekunde lang fragend an, bevor sie beide losprusteten. Das letzte bisschen Anspannung ob seines Auftritts als Nikolaus fielf von Adam ab, als Leo sich lachend an ihn lehnte und ihm dann noch einen kurzen, wesentlich keuscheren Kuss auf die Lippen drückte.

Danach legte Leo Adam die Hand an die Wange und strich ihm mit dem Daumen über den Wangenknochen.

“Siehst du? Du bist ein sehr glaubwürdiger Nikolaus. Ich muss gesehen, ich kann mich gegen die Anziehungskraft auch nicht wehren.”

“Was, die Anziehungskraft eines gepolsterten roten Samtmantels zweifelhafter Herkunft, den bestimmt schon Generationen von schwitzenden Leih-Nikoläusen getragen haben?”

Leo lachte, seine grünen Augen funkelten, und Adam beschloss, dass er sich ruhig noch einen Belohnungskuss abholen konnte. Den hatte er sich redlich verdient, das hier, Leo in seinen Armen und Leos Lippen auf seinen, stand schließlich ganz weit oben auf Adams eigenem Wunschzettel.



Notes:

Vielen Dank für's Lesen. Über Kudos und Kommentare freue ich mich immer, und auch auf tumblr (@rbchild) oder Discord (#rainbow_child) bin ich zu finden und immer für ein Gespräch zu haben.

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