Work Text:
Der Winter war schon immer Leos unliebste Jahreszeit gewesen. Als Kind, weil sich an den dunklen Nachmittagen die Bürgersteige noch früher hochklappten als sonst schon und das Spielen auf der Straße nicht mehr so einfach war. Zu den anderen Kindern wurde er nicht oft nachhause eingeladen. Später, weil er sich dann nicht mehr so gut mit Adam nach der Schule im Wald rumtreiben konnte, er nicht mehr sehen konnte, was sein Arschlochvater ihm antat und das Baumhaus einfach zu kalt war, um es lange darin auszuhalten. Und dann, als Adam weg war, weil die düstere Wintertrostlosigkeit ihm die eh kaum noch vorhandene Lebensenergie restlos aus dem Körper zu saugen schien.
Jetzt war Adam zwar wieder da, aber das Vertrauen in ihn noch nicht, auch wenn er sich bemühte, sie sich beide bemühten. Der Winter war immer noch schrecklich finster und kalt. Als hätte sich die Einsamkeit tief in sein Körpergedächtnis eingebrannt, schleppte Leo sich an den langen dunklen Tagen und Nächten besonders schwerfällig durchs Leben, nicht empfänglich für weihnachtlichen Glanz und Lichter in den Häusern, die eh nicht für ihn gemeint waren.
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Pia ängstigte selbst, wie sehr sie sich mittlerweile auf die Tabletten verließ. Doch das Schlafen war schwierig und das Wachbleiben erst Recht und die Tabletten waren nicht gut für sie, aber sie waren eben da. Und ihre Oma war es nicht mehr. Nachdem Pia sie so lange betreut hatte, war sie einfach weg, hinterließ ein Loch, das sie mit intensiven Recherchen und Nachtschichten zu füllen versuchte, ohne jeden Erfolg.
Zu Weihnachten wurde es schlimmer, so wie jedes Jahr. Sie versuchte, sich trotzdem an den schönen Seiten der Weihnachtszeit zu freuen, auch wenn sie das früher immer mit ihr zusammen gemacht hatte. Wie sehr hatte ihre Oma sich gefreut, wenn die Lichterketten in den Straßen funkelten und die mit Kerzen bestückten Krippenbögen und Weihnachtspyramiden in den Fenstern strahlten. Übermüdet wie Pia war, traute sie sich mittlerweile kaum mehr, auch nur normale Kerzen bei sich anzuzünden, in der Sorge, bei sanft flackerndem Schein einzuschlafen und in einem brennenden Haus wieder aufzuwachen.
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Adam hatte mit Weihnachten nie viel anfangen können. Es hatte einfach keine große Rolle gespielt in seiner Kindheit; es hatte zwar irgendwie einen Baum und ein paar Geschenke gegeben, aber insgesamt war es doch mehr eine lästige Pflichtveranstaltung gewesen als liebevolle Gesten. Und am Weihnachtsfest selbst hatten Heides Nerven stets besonders blank und Rolands Hand immer besonders locker gelegen.
Dieses Jahr verbrachte er die Weihnachtszeit wieder mit seiner Mama in dem großen, grauen Haus. Wie schon als Kind fraß Adam die Sehnsucht nach einer besseren Beziehung zu ihr beinahe auf. Neu und gleichzeitig gar nicht so neu kam die Sehnsucht nach einer besseren Beziehung zu Leo dazu. Und während Adam untätig in seinen Wünschen feststeckte, dekorierte Heide das Haus mit blinkendem Weihnachtsschmuck. Als wenn es so einfach wäre, ein paar leuchtende Dekosterne aufzuhängen und Glitzer in der Wohnung zu verteilen und alles wäre leichter. Nichts in Adam fühlte sich nach Leichtigkeit an.
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Jeden Spieltag saß Esther nun statt in Stadium und Heimatschenke alleine in ihrer Wohnung und versuchte, so zu tun als ginge ihr Leben weiter. Sie versuchte, ihren Alltag mit anderen Hobbies zu füllen, hatte wieder angefangen zu lesen, hatte begonnen zu stricken, versuchte sich daran, ganz in der Weihnachtszeit aufzugehen, um besser ausblenden zu können, dass Winterzeit eben auch immer Fußball-Saison war. Für Esther war sie das nicht mehr, zumindest wusste sie nicht mehr so wirklich, wie sie das sein sollte.
Also mistete sie aus, weinte stille, bittere Tränen, als sie ihre Fanartikel-Sammlung auf den Dachboden verbannte und ihr Trikot ein vermutlich letztes Mal aus der Wäsche nahm. Sie wurde härter im Job und härter zu ihren Kolleg:innen und doch blieb sie kompetent in dem, was sie tat. Das Leben war nicht fair, zu niemandem, und alles, was Esther tun konnte, war, die Scherben aufzukehren und Platz zu schaffen für Neues, für Lametta und Plätzchen, ob sie ihr schmeckten oder nicht.
Leo, Pia, Adam, Esther. Sie alle bemühten sich, durch den Winter zu kommen, jeder für sich alleine. Durch diesen, durch die kommenden, durch alle, die schon waren und die sie weder vergessen noch abschütteln konnten. Aber die Dunkelheit war groß, die Nächte so lang und da waren Knoten in den Lichterketten, die sie aufzuhängen versuchten.
…bis:
Adam doch bei Leo einzog; der Wasserrohrbruch, die Mutter im Hotel, Leos Arbeitszimmer nur als Übergangslösung gedacht und dann blieb er doch ganz. Und es war gut, endlich war es gut, nachdem es erst schlimmer wurde, beide zunächst auf Zehenspitzen schleichend, den anderen nicht stören wollen und dadurch erst Recht stören. Bis Adam bemerkte, wie schlecht es Leo mit der dunklen Jahreszeit ging und Leo sah, wie sehr Adam sich nach einem Zuhause bei ihm sehnte und dann gingen sie es endlich, endlich gemeinsam an, verteilten Licht in ihrem Alltag zu zweit.
…bis:
Esther mit Pia Klartext redete, nachdem sie einmal zu oft die Pillenschluckerei gesehen hatte. Und sie einfach unter ihre Fittiche nam, sich kümmerte, Esther-Style und das hieß: nicht rumjammern, machen. Also entwickelten sie Pläne, für Pia eigentlich, aber sie füllten auch Esthers Zeit und das tat ihr gut. Sie schauten gemeinsam Weihnachtsfilme, liefen auf dem Christkindlmarkt Schlittschuh, liefen durch Winterwälder, egal ob in Schneegeglitzer oder matschbraunem Nass. Sie knusperten sich durch gebrannte Mandeln und als Pia mit einer weihnachtlichen Leuchtkugel in Form eines Fußballs ankam, musste Esther lachen, denn sie war albern und hässlich und kitschig und schön dabei, so schön.
Leo und Adam, Pia und Esther. Sie bemühten sich, durch den Winter zu kommen, und sie versuchten es nicht mehr alleine. Durch diesen, durch die kommenden, durch alle, die sie nicht vergessen und abschütteln konnten. Die Dunkelheit war groß, die Nächte so lang, doch da waren Zweisamkeit und Wärme und die Lichterketten zu entknoten war beinahe leicht, wenn man es gemeinsam anging. Und siehe da, es war Licht, auch mitten in der tiefsten Nacht.
