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(K)ein Weihnachten ohne dich
Mit einem zufriedenen – und vor allem ziemlich befriedigten – Seufzen lässt Adam sich zurück auf die Matratze sinken. Er vergräbt das Gesicht im Kopfkissen und schlingt beide Arme um Leos erhitzen Körper, als dieser sich neben ihn fallen lässt.
Ein paar vorwitzige Strähnen von Leos Haaren kitzeln ihn in der Nase, als Adam einen Kuss auf Leos Scheitel haucht. Er liebt diese drei Zentimeter Größenunterschied zwischen ihnen, weil diese Stelle, an der Leos Stirn in den Scheitel übergeht, scheinbar ein wahrer Sweet Spot ist. Auch jetzt entkommt Leo ein zufriedenes Brummen, kaum, dass Adams Lippen die Haut dort berühren.
Er spürt die Feuchtigkeit vom Schweiß an den Lippen, schmeckt Salz auf der Zunge und kann nichts dagegen tun, dass seine Mundwinkel sich zu einem Grinsen verziehen, das vermutlich ziemlich dämlich aussieht.
Es ist Sonntag und Adam kann sich nichts Besseres vorstellen, als mit Sex in den Tag zu starten. Vor allem, wenn es Leo ist, mit dem er diesen Sex hat.
Denn und das gibt Adam unumwunden zu, noch nie war der Sex so gut, wie er das mit Leo ist – und er hat da schon die eine oder andere Vergleichsmöglichkeit.
Vielleicht, denkt er, während er seine Arme noch etwas fester um Leos Körper schließt, ist der Sex auch so gut, so besonders, eben weil es Leo ist und Leo ist nun mal auch etwas ganz besonderes für Adam.
"Ich glaub", sagt Leo und seine Stimme klingt herrlich rau dabei, "ich ruf Mama nachher an und sag ihr ab. Mir steht heute wirklich nicht der Sinn nach Jubel, Trubel, Familienzeit."
Er wackelt bei diesen Worten mit den Augenbrauen. Adam kann spüren, wie die feinen Härchen sein Kinn berühren.
"Wonach steht dir denn dann der Sinn?", will Adam wissen, während er seine Fingerspitzen über Leos Rücken gleiten lässt. Die Haut fühlt sich vom getrockneten Schweiß ein wenig klebrig an.
Leo gluckst und schiebt sich neben ihm so zurecht, dass sie sich in die Augen sehen können. "Sofa, Fast Food und irgendeine Serie laufen lassen, bei der es nicht so wichtig ist, wenn man mal 'ne Zeitlang nicht so viel von der Handlung mitbekommt."
"Wieso sollte denn das passieren?", fragt Adam bemüht ahnungslos.
Leo schnaubt und knufft ihn in die Seite. "Als ob du das nicht ganz genau weißt."
"Ich mag es aber, wenn ich es von dir höre", flüstert Adam und streicht mit der Nase hinter Leos Ohrläppchen entlang – noch so ein Sweet Spot, der Leo schaudern lässt.
Leo seufzt, schließt flatternd die Augen, blinzelt direkt darauf und sieht Adam dann aus glasigen Pupillen an. "Es könnte unter Umständen passieren, dass ich eher Lust auf 'ne wilde Knutscherei mit dir haben, als auf den Film. Also, vielleicht. Wenn du dir Mühe gibst."
Adam schnappt nach Luft und versucht einen empörten Gesichtsausdruck aufzusetzen. So belustigt, wie Leo ihn daraufhin allerdings ansieht, scheint ihm das mehr schlecht, als recht zu glücken.
Sie lassen den Part mit dem Film weg und machen auf dem Sofa ungefähr da weiter, wo sie im Bett aufgehört haben – knutschen und fummeln, so lange, bis sie beide um Atem ringen, die Haare zerzaust und die Wangen gerötet sind.
Es vergehen Stunden, in denen sie sich immer wieder berühren, den Körper des anderen mit Lippen, Zunge und Händen erkunden. Sie machen Pausen, in denen sie sich einfach halten und nur ein paar träge Küsse tauschen, erholen sich, um Kraft zu sammeln, für weitere Liebkosungen.
Irgendwann, draußen ist es schon dämmrig geworden, kündigt Leos Smartphone mit einem leisen Brummen einen Anruf an.
"Das ist bestimmt Mama", meint Leo, während er sich unter Adam hervorschiebt und auf die Kante des Sofas setzt.
Zu Adams Enttäuschung rappelt er sich direkt danach hoch und lässt sich in den Sessel sinken, der dem Sofa gegenübersteht. Getrennt durch den Couchtisch und damit außerhalb von Adams Reichweite.
Dabei hätte er gerne getestet, wie es um Leos Beherrschung bestellt ist, wenn er versucht, ihn während des Telefonats abzulenken.
Zu Beginn des Telefonats hört Adam von Leo nicht mehr, als ein paar gebrummte Laute er Zustimmung. Vermutlich erzählt seine Mutter ihm, was er am heutigen Tag verpasst hat.
"Mama! Es sind noch über vier Wochen bis Weihnachten." Leo rappelt sich hoch, geht in die Küche und zieht die Tür hinter sich ins Schloss.
Weihnachten – nur mit Mühe kann Adam ein Seufzen unterdrücken.
Er kann dem Ganzen nicht viel abgewinnen – und das hat nicht einmal etwas damit zu tun, weil er mit dem Fest nur schlechte Erinnerungen verbindet. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall. An den Feiertagen hat die Drecksau sich immer einigermaßen beherrscht und alle Konzentration dafür verbraucht, Heides Vater zu beweisen, dass er nicht der Taugenichts ist, für den sein Schwiegervater ihn wohl immer gehalten hat.
Trotzdem ist ein Weihnachtsfest im Hause Schürk natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was der Hölzer'sche Familienclan an diesen Tagen veranstaltet.
Adam seufzt und angelt nach dem Schälchen mit den Gummibärchen.
Vermutlich kommt er dieses Jahr nicht daran herum, Weihnachten im großen Stil zu feiern. Dazu ist, das, was sich zwischen ihm und Leo seit dem Sommer entwickelt hat, zu groß.
Einen Namen haben sie der Sache noch nicht gegeben, aber Adam hat das Gefühl, dass das auch nicht nötig ist. Es fühlt sich gut an, was Leo und er haben – dafür braucht es keine richtige Bezeichnung.
"Uff!" Mit einem lauten Seufzen lässt Leo sich neben ihn auf das Sofa fallen und wirft das Handy auf den Couchtisch.
"So schlimm?", fragt Adam und tupft ihm einen Kuss auf den Mundwinkel.
"Hmm", murrt Leo und dreht sich zu ihm, damit sie sich richtig küssen können. "Sie ist schon voll im Weihnachtsfieber. Seit die Enkel da sind, wir es gefühlt von Jahr zu Jahr schlimmer."
"Armer Leo", summt Adam und schiebt eine Hand in Leos Nacken.
Leo gibt ein zufriedenes Brummen von sich. "Sie hat dich übrigens eingeladen."
Adam hält in der Bewegung inne. Natürlich hat er damit gerechnet, auch, wenn Leos Familie noch nichts von dem weiß, was zwischen Leo und ihm ist.
"Keine Sorge", sagt Leo, der sein Innehalten wohl bemerkt hat, "ich hab Mama gesagt, dass du dir nichts aus Weihnachten machst und vermutlich über die Feiertage wieder wegfährst."
Adam hat das Gefühl, dass über ihm Kübel mit Eiswasser ausgekippt worden ist. Ruckartig bringt er Abstand zwischen Leo und sich.
Der scheint zum Glück nichts von Adams Stimmungswechsel gemerkt zu haben.
"Weißt du schon wo du dieses Jahr hinwillst?", fragt Leo im Plauderton. "Wieder nach Bali oder lieber Thailand?"
Adam beißt sich von innen auf die Wange. Vermutlich sollte er dankbar sein, dass Leo ihm keine Szene macht, sondern sogar Interesse für seine Reisepläne zeigt. Wenn es denn Reisepläne gäbe.
"Weiß ich noch nicht", murmelt Adam rappelt sich hoch.
Er muss hier raus – jetzt!
"Alles okay?", fragt Leo und sieht ihn sichtlich verwirrt an.
Adam nickt und stolpert in Richtung Flur. "Ich hab vergessen, dass…", er räuspert sich, "… ich muss noch…", ein Knoten im Hals macht ihm das Reden schwer, "wir sehen uns morgen früh."
Er gibt Leo keine Zeit zu reagieren. Scheißt auch darauf, dass seine Klamotten noch in Leos Schlafzimmer liegen und verlässt nur in Boxer Shorts und T-Shirt die Wohnung.
Schließlich muss er nur einmal den Flur runter und ist schon in seiner eigenen Wohnung.
Vor ein paar Wochen erst ist er in das kleine Zwei-Appartement gezogen. Damit er einen Rückzugsort hat, wenn ihm – oder auch Leo – die Zweisamkeit einmal zu viel wird. Schon bald haben sie beide gemerkt, dass sie das brauchen – Privatsphäre und Raum für sich. Trotzdem wollten sie nicht zu weit auseinander sein. Die Viertelstunde mit dem Auto vom Bunker hier her, ist ihnen schon zu lang erschienen.
Es riecht muffig, als Adam über die Türschwelle tritt. In letzter Zeit war er eigentlich nur hier, wenn er frische Klamotten gebraucht oder statt Leos gemüselastigem Abendessen Lust auf Instant-Nudeln gehabt hat.
Kühl ist es außerdem, weil die Heizung natürlich zurückgedreht ist.
Schwerfällig geht Adam ins Wohnzimmer, lässt sich auf abgewetzte Couch sinken und rollt sich unter der kratzigen Wolldecke zusammen, die er mit zitternden Fingern von der Rückenlehne zieht.
Vielleicht hat er sich ja geirrt und das mit Leo und ihm ist doch nur Sex.
***
Adam fühlt sich wie gerädert, als er am nächsten Morgen das Büro betritt. Er hat kaum geschlafen in der Nacht. Was weniger an dem ungemütlichen Polster der Couch gelegen hat, als an seinen unermüdlich kreisenden Gedanken.
Hat er sich wirklich eingebildet, dass da mehr ist zwischen Leo und ihm? Hat er all die kleinen Gesten und Blicke falsch gedeutet? Er will es nicht glauben, aber Leos Reaktion auf ein gemeinsames Weihnachtsfest, lässt Adam gerade auf keine andere Erklärung kommen.
Drei Augenpaare sehen ihn aufmerksam an, als er sich am Konferenztisch auf einen der Stühle fallen lässt.
Pia lächelt aufmunternd, während sie ihm eine dampfende Tasse Kaffee zuschiebt und die Tüte mit den Hörnchen folgen lässt.
Esther hebt vielsagend die Augenbraue und meint mit spitzem Unterton: "Lange Nacht gehabt?"
Adam beißt sich von innen auf die Wange, um der dumme Gans keine wüste Beleidigung an den Kopf zu werfen.
Eigentlich kommen sie mittlerweile recht gut klar, sowohl zu viert im Team, als auch Esther und er miteinander, aber hin und wieder gibt es eben doch noch eine unnötige Bemerkung, die vermutlich ehr neckend, als böse gemeint ist.
Bei Leos Gesichtsausdruck weiß Adam im ersten Moment nicht, ob er kotzen oder lachen soll. Besorgnis. Es ist eindeutig Besorgnis, die da in Leos grünblauen Augen schimmert.
"Können wir anfangen?", knurrt Adam und verschränkt die Arme vor der Brust.
Leos Blick wird für einen Sekundenbruchteil noch besorgter, dann räuspert er sich und setzt seine Teamleiter-Miene auf.
"Unser Antrag ist durch. Die Dreier haben über die Feiertage Bereitschaft und wir haben frei. Einem langen Weihnachtsurlaub steht also nichts im Weg. Es muss also keiner von uns vor dem neuen Jahr hier wieder aufschlagen!" Sein vielsagender Blick gilt vor allem Pia.
Diese hebt abwehrend die Hände. "Ich hab's verstanden, Chef!", sie grinst. "Meine Feiertage sind verplant, ebenso Silvester. Wir feiern mit der Hausgemeinschaft. Vermutlich brauch ich danach Urlaub vom Urlaub!"
Leo nickt. "Genug Resturlaub hättest du."
Pia macht eine Schnute. "Da reden wir noch mal drüber."
Sie wirft Esther einen fragenden Blick zu.
Diese hat ein für sie vollkommen untypisches Lächeln auf den Lippen. Adam möchte es eigentlich nicht zugeben, aber es steht ihr. Lässt ihre Züge weicher wirken.
"Ich feier mit ein paar Leuten vom Fußball und dann geht es mit der Mannschaft ins Trainingslager. Vor Mitte Januar seht ihr mich hier nicht wieder!"
Adam räuspert sich und augenblicklich funkelt Esther ihn an.
"Was, Schürk? Irgendwas dazu zu sagen, wie ich die Feiertage und meinen Urlaub verbringe?" Sie klingt angriffslustig. "Dann erzähl doch mal, wie du Weihnachten verbringst. Ich bin gespannt."
Eigentlich hat Adam nichts sagen wollen. Es juckt ihn herzlich wenig, was Esther in ihrer Freizeit macht. Tatsächlich freut er sich – nun, das ist vermutlich zu viel gesagt – sogar, dass sie in der Fangruppierung wieder Anschluss gefunden hat, nachdem die Bombe geplatzt ist, dass sie zur Polizei gehört.
Nun jedoch kann er sich nicht zurückhalten. Er ist zu dünnhäutig, weil ihm die schlaflose Nacht nachhängt und darum platzt es förmlich aus ihm heraus. "Das geht dich einen Scheiß an, Baumann. Dieser ganze Weihnachtskram ist doch eh für'n Arsch! Ich geh eine rauchen, vielleicht habt ihr euren Adventsplausch ja beendet, wenn ich wieder da bin!"
Ohne auf eine Reaktion der anderen zu warten, schiebt er schwungvoll seinen Stuhl nach hinten, reißt die Jacke von der Rückenlehne und verschwindet türenknallend aus dem Büro.
Der Wind schlägt ihm peitschend ins Gesicht, als Adam das Raucherdacht betritt. Der Himmel ist wolkenverhangen, vermutlich gibt es im Laufe des Tages noch Schnee, oder Regen – vielleicht auch eine eklige Mischung aus beidem.
Fröstelnd schlägt Adam den Kragen seiner Jacke nach oben und klemmt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Er schirmt die Flamme des silbernen Zippos mit der hohlen Hand ab, um die Kippe anzuzünden, während er unter dem schmalen Vordach Schutz vor dem Wind sucht.
Nachdem er einen ersten kräftigen Zug genommen, den bitteren Rauch tief in seine Lungen gezogen hat, merkt Adam, wie ein klein wenig der Wut von ihm abfällt. Es reicht noch immer, um der Baumann ein gediegenes 'Halt einfach mal die Fresse', entgegenzuwerfen, sollte die ihm in den nächsten zehn Minuten über den Weg laufen, aber davon geht er nicht aus. Bei Leo hofft er sogar, dass er ihm nicht nachkommt – in seiner Fürsorge und Verantwortung hat Leo oft gewisse pfadfinderische Anwandlungen.
Nicht, dass es Adam bis jetzt gestört hätte, wenn Leo zu ihm aufs Raucherdach gekommen ist, denn meist ist dabei der eine oder andere Kuss für ihn heraus gesprungen, heute jedoch ist Leo einer der letzten Menschen, die er länger als nötig um sich haben will.
Mit klammen Fingern nimmt er einen letzten Zug, ehe er den Glimmstängel zu Boden wirft und mit der Spitze seiner schweren Boots nahezu malträtiert – auch das hilft kaum, um die miese Laune zu vertreiben.
Er zieht das Handy aus der Tasche, will eigentlich nur beiläufig einen Blick aufs Display werfen, aber eine Notifikation zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Mit der Anzeige eines Bildes, erinnert sein Handy ihn daran, dass er heute vor einigen Jahren, mit einer roten Zipfelmütze inklusive wattigweißem Bommel bekleidet, alberne Fotos in der Fotobox auf der Weihnachtsfeier des Berliner Morddezernates gemacht hat. Neben ihm auf dem Foto – mit einem noch viel alberneren Rentier-Geweih auf dem Kopf – grinst Moritz in die Kamera.
"Moritz anrufen", nuschelt er in den noch immer hochgeklappten Kragen seiner Jacke.
Normalerweise reagiert die angeblich so ausgeklügelte Sprachesteuerung seines Smartphones nicht auf seine Stimme, selbst dann nicht, wenn er nahezu ins Mikrofon schreit, heute jedoch scheint sein Flüstern auszureichen, um einen Anruf zu starten.
Moritz ist so schnell am Apparat, dass Adam noch nicht mal die Chance hat, wieder aufzulegen.
"Hey Adam, was verschafft mir die Ehre?" Moritz klingt für Adams Ohren viel zu fröhlich.
Er räuspert sich. "Sorry, war keine Absicht, ich…"
"Du klingst beschissen", unterbricht Moritz ihn.
"Passt schon", murmelt er. "Ich leg wieder auf."
"Untersteh dich! Ich kenn ich lange genug, Schürk, um zu merken, dass es dir nicht gut geht."
Adam seufzt. Natürlich merkt der elendige Pisser sofort, dass da was nicht stimmt. Kein Wunder, schließlich ist Moritz – neben Leo natürlich – der einzige Mensch, den Adam je an sich herangelassen hat.
Moritz weiß so gut wie alles über ihn. In Berlin haben sie sich nicht nur eine Wohnung, sondern zeitweise auch ein Büro geteilt – für einen kurzen Zeitraum sogar das Bett.
Adam mag Moritz, aus tiefstem Herzen, vielleicht liebt er ihn sogar, wenn auch auf eine vollkommen andere Weise, als er das bei Leo tut.
"Leo will nicht, dass wir gemeinsam Weihnachten feiern", murmelt Adam, während er sich in die windgeschützte Ecke des Dachvorsprungs kauert.
"Oh", macht Moritz. "Hast du nicht gesagt, dass das für ihn ein ganz großes Ding ist? Mit Familie und allem Zipp und Zapp?"
"Hm", nuschelt Adam, "ist es auch. Aber er hat seiner Mutter gesagt, dass ich über die Feiertage immer wegfahre und darum nicht mit ihnen feiern werde."
Es dauert einen Augenblick, bis Moritz antwortet: "Aber war nicht das genau dein Plan? Im Sommer hast du noch erzählt, dass…"
Adam unterbricht ihn barsch: "Im Sommer waren wir ja auch noch nicht zusammen."
"Seid ihr das denn? Zusammen?", legt Moritz zielsicher den Finger in die Wunde.
Adam schluckt. "Ich dachte, wir sind es. Aber vielleicht ist es für ihn auch nur ficken…"
"Adam!" Moritz' Stimme hat diesen weichen Unterton angenommen.
"Was?", blafft er. Dass ihm gerade Tränen über die Wangen laufen, liegt definitiv am eisigen Wind und nicht an Moritz' Fürsorge.
"Hast du mal mit ihm gesprochen? Ihm gesagt, dass du gar nicht wegfährst und..."
Wieder fällt Adam Moritz ins Wort: "Ich lad mich ganz sicher nicht selbst bei ihm ein. So tief bin ich noch nicht gesunken."
Moritz seufzt. "Das hat doch nichts mit tief gesunken zu tun, Adam. Du liebst Leo. Da ist es doch normal, dass man solche Tage gemeinsam verbringen möchte."
"Anscheinend ja nicht", zischt Adam, während er sich das Handy zwischen Schulter und Ohr klemmt, um die Zigarettenschachtel aus der Jackentasche zu fummeln.
"Sag ihm, dass du gerne mit ihm feiern würdest und klär vor allem, was der Stand zwischen euch ist", sagt Moritz.
Adam ballt eine Hand zur Faust, die Zigarette zwischen seinen Fingern zerbricht und feiner Tabak rieselt zu Boden. "Ich dräng mich ganz sicher nicht auf. Ich brauch diesen ganze schwachsinnigen Blödsinn eh nicht."
"Adam", wieder klingt Moritz' Stimme viel zu sanft.
"Ich muss wieder. Ciao Brenner!" Er gibt Moritz keine Gelegenheit etwas zu erwidern, sondern legt einfach auf.
***
Als Adam am Abend den Skoda die Rampe zur Tiefgarage hinunterrollen lässt, wundert es ihn nicht wirklich, dass Leo auf ihn wartet.
Eigentlich fahren sie fast immer zusammen, seit da diese Sache zwischen ihnen ist. Heute Morgen hat er nicht reagiert, als Leo an seiner Tür geklingelt hat und auch vorhin im Büro, hat er sich mehr als Zeit gelassen, sogar behauptet, dass er noch mal zu den Kollegen aus der Cybercrime-Abteilung müsste, nur um einer gemeinsamen Heimfahrt mit Leo zu entgehen.
Aber nun steht er da. Im Türrahmen der schweren Metalltür, die die Tiefgarage von der Schleuse zum Treppenhaus trennt. Hat die Arme vor der Brust verschränkt und sieht müde und gleichzeitig ein wenig verfroren aus.
Normalerweise würde Adam diese Gelegenheit nutzen und schon im Fahrstuhl anfangen mit Leo zu knutschen und die Hände unter seine Jacke zu schieben. Jetzt überlegt er ernsthaft, ob er die Garage nicht einfach durch die Seitentür zu verlassen, unter dem Vorwand noch Zigaretten zu brauchen. Dabei raucht er eigentlich gar nicht mehr so viel – meist nur zwei oder drei Zigaretten am Tag. Heue waren es schon mehr als doppelt so viele und der starke Tabak macht sich bei ihm durch Übelkeit und Magenschmerzen bemerkbar.
"Hey, du bist du ja endlich", sagt Leo, und stößt sich vom Türrahmen ab.
Adam schnaubt und schiebt sich an ihm vorbei.
"Du hättest nicht warten müssen", sagt er, während er den Schlüssel aus der Jackentasche zieht.
Ohne auf Leo zu warten, steuert er zielstrebig die Fahrstühle an, hofft, dass der Lift kommt, solange Leo die kleine Treppe nach oben geht, um seine Post zu holen.
Aber das tut Leo heute nicht. Stattdessen stellt er sich genau neben Adam. So dicht, dass er mit seinem Handrücken, über Adams Handrücken streichen kann.
Unwirsch zieht Adam seine Hand zurück. Diese winzige Berührung hat jedoch genügt, um es in seinem ganzen Körper kribbeln zu lassen.
Mit einem leisen Rumpeln kommt der Fahrstuhl zum Stehen. Die altersschwachen Türen quietschen leise, als sie sich öffnen.
Adam kann Leos Präsenz spüren, als er in den Fahrstuhl tritt. Er meint, die Wärme, die von Leos Körper ausgeht, förmlich fühlen zu können. Leos Geruch – diese einmalige Mischung aus herbem Rasierwasser, holzigem Duschgel und fruchtigem Shampoo – steigt ihm in die Nase und sorgt abermals für ein Kribbeln in Adams Bauch.
"Wir haben uns heute echt zu wenig gesehen!" Leos Stimme an seinem Ohr klingt rau.
"War halt viel zu tun", murmelt Adam und drängt sich so gut es geht, in die Ecke der Fahrstuhlkabine. Natürlich reicht es nicht, um sich Leo zu entziehen und so kann dieser problemlos beide Hände an Adams Schultern legen und ihn gegen die Wand drücken.
"Dafür gehört der Rest des Abends nun uns", raunt Leo und streicht mit seiner Nase über Adams Wange.
Die Berührung mit den kurzen Bartstoppeln verursacht ein leises Kratzgeräusch.
Adam schluckt und merkt, wie es ihm den Hals zuschnürt. In den letzten Wochen und Monaten ist kaum ein Abend vergangen, an dem sie die knappe Minute, die der Lift braucht, um auf ihr Stockwerk zu kommen, nicht genutzt haben, um zu knutschen. Nicht selten hat der erste Weg in Leos Wohnung sie direkt ins Schlafzimmer geführt – vor allem in den ersten Monaten.
Auch jetzt ist nur zu deutlich zu spüren, wie Leo sich den Verlauf des restlichen Abends vorstellt, so zielstrebig, wie seine Hände sich einen Weg unter Adams Hoodie bahnen.
Das leise Pling mit dem die Fahrstuhltür sich einige Sekunden später öffnet, ist für Adam fast schon eine Erlösung. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schiebt er sich an Leo vorbei, kramt in der Laufbewegung den Wohnungsschlüssel aus der Jackentasche und verschwindet, ohne sich auch noch ein einziges Mal nach Leo umzudrehen, in seiner Wohnung.
Es dauert eine halbe Stunde – in der Adam hauptsächlich unentschlossen im Flur zwischen Küche und Wohnzimmertür gestanden ist, als es zwei Mal an der Tür klingelt, bevor ein Schlüssel im Schloss knackt. Das ist die Vereinbarung, die Leo und er getroffen haben – Ankündigung mit einem Klingeln.
Adam schluckt und überlegt, ob die Zeit noch reicht, um im Schlafzimmer zu verschwinden und sich schlafend zu stellen.
Andererseits, er schluckt und ballt eine Hand zur Faust, vielleicht ist es auch besser, wenn sie es hinter sich bringen und das Ganze beenden – auch, wenn er gerade keine Ahnung hat, wie es funktionieren soll, wenn er und Leo ab sofort wieder nicht mehr als Kollegen sind.
"Adam?"
Die Wohnungstür öffnet sich einen Spalt und das Licht der Flurbeleuchtung fällt schummrig in die Diele.
Adam strafft die Schultern. "Komm rein", sagt er.
Im Gegensatz zu ihm, trägt Leo bereits eine flauschige Jogginghose und ein ausgeleiertes T-Shirt. Er wirkt unschlüssig, wie er da im Wohnungsflur steht und nun die Tür mit dem Rücken ins Schloss drückt.
"Hey", sagt er leise und lächelt zaghaft.
"Hey", gibt Adam zurück und kann nichts dagegen tun, dass sein Herz aus dem Takt gerät.
Leo wirkt zögernd, als er auf ihn zugeht.
"Haben wir Streit?", fragt er zaghaft. "Hab ich was falsch gemacht?"
Adam schüttelt den Kopf. "Nein, ich…", er räuspert sich. "Bin einfach nur platt."
Leo lächelt. Es ist dieses besondere Lächeln, das ihn fast ein wenig verwegen wirken lässt. "Dann lass mich dich verwöhnen!"
Er überbrückt die letzte Distanz zwischen ihnen. Schlingt beide Arme um Adams Hals, drängt sich ihm entgegen und beginnt anstandslos mit Zunge, Zähen und Lippen, die Haut an Adams Hals zu berühren. Sein Schritt reibt über Adams Oberschenkel, er kann spüren, dass Leo bereits mehr als halbhart ist und von einer Sekunde auf die nächste ist das warme Gefühl in seinem Bauch verschwunden.
Unwirsch macht er sich von Leo los stößt diesen mit aller Kraft, die er gerade aufbringen kann, von sich. "Tauge ich nur zum Ficken oder was soll das werden?"
Er ist fast ein wenig selbst erschrocken, wie hart seine Stimme ist und Leo sieht ihn erst recht wie vom Donner gerührt an.
"Was?", fragt er und klingt vollkommen perplex.
Adam schluckt. Leckt sich über die Lippen und schließt die Augen. Er spürt, wie eine altbekannte Wut, nahezu ohnmachtsgleich in ihm aufsteigt.
"Besser du gehst jetzt!"
Es wundert Adam selbst, woher er in diesem Augenblick die Beherrschung aufbringen kann, Leo keine Vielzahl an Beleidigungen an den Kopf zu werfen.
"Auf keinen Fall!", sagt Leo fest. "Nicht bevor du mir gesagt hast, was los ist."
Adam merkt, wie seine Augen zu brennen beginnen und mit einer schnellen Bewegung wendet er sich ab. Das Letzte, das er jetzt gebrauchen kann, ist Leos Mitleid.
"Adam!"
Wieder nimmt er Leos Präsenz beinahe mit allen Sinnen wahr. Er kann ihn riechen, fühlt seine Wärme, hört seinen Atem.
"Sag mir bitte, was los ist. Seit gestern Abend bist du plötzlich so komisch."
Leos Hand legt sich warm und schwer auf seine Schulter und Adam hat das Gefühl, dass ihm die Knie weich werden.
Er schluckt, räuspert sich. Ihm ist klar, dass Leo ihm wird anhören können, dass er den Tränen nahe ist, aber eigentlich scheißt er drauf. Soll Leo doch denken was er will.
"Ich dachte", sagt er und hasst sich dafür, dass seine Stimme zittert, "dass das mit uns was zu bedeuten hat und es nicht nur ums ficken geht…"
Im nächsten Augenblickt hat Adam das Gefühl, förmlich dabei zusehen zu können, wie Leos Gesichtsausdruck sich von besorgt zu erschrocken wandelt.
"Aber", stottert Leo, "das tut es doch. Das mit uns ist was ganz Wunderbares."
"Und warum", spukt Adam aus, "willst du dann nicht, dass ich Weihnachten mit dir und deiner Familie verbringe? Warum erzählst du deiner Mutter, dass ich weg bin?"
"Darum geht es?", fragt Leo und wirkt ehrlich verwirrt.
Adam gibt nur ein Brummen von sich und kommt sich vor wie der letzte Vollidiot. Wenn Leo ihm jetzt eine Ansage macht, dass er sich da was eingebildet hat, dann hat er das vermutlich mehr als verdient.
Leo lächelt. Dieses weiche, liebevolle Lächeln, das Adam schon an ihm geliebt hat, als sie noch picklige Teenager gewesen sind.
"Adam", sagt Leo sanft und macht behutsam einen Schritt auf ihn zu. "Natürlich fände ich es schön, wenn du Weihnachten mit mir und meiner Familie verbringst. Aber ich weiß doch, wie sehr du das ganze Tamtam hasst und ich dachte halt, dass du wieder wegfährst."
Adam sieht Leo an, bemerkt den schimmrigen Glanz in seinen Augen – sind das etwa auch Tränen?
"Ich mein das Ernst, Leo. Das", er räuspert sich, "mit uns. Natürlich kann ich mir was Geileres vorstellen, als drei Tage lang mit der kompletten Hölzer-Truppe zu verbringen. Aber das gehört doch dazu und ich weiß, wie viel dir das bedeutet."
Adams Blick fällt auf Leos Hand, die dieser behutsam in seine Richtung ausgestreckt hat. Langsam schiebt er seine Finger zwischen Leos und zieht diesen schließlich ruckartig zu sich heran. Fast zeitgleich schlingen sie die Arme um den Körper des anderen. Leo vergräbt seine Nase in Adams Halsbeuge, während Adam sein Gesicht gegen Leos Haare presst.
"Ich erinnere dich an deine Worte", haucht Leo gegen seinen Hals und der warme Atem beschert Adam eine Gänsehaut, "wenn du am zweiten Weihnachtsfeiertag vollkommen entnervt die Flucht ergreifen willst."
Adam lacht schnaubend, umfasst mit beiden Händen Leos Gesicht und sorgt mit einem tiefen Kuss dafür, dass er für die nächsten Minuten – vielleicht auch Stunden – kein weiteres Wort von sich gibt.
