Work Text:
Jonas fühlt sich dreckig. So richtig. Irgendwie läuft schon wieder gar nichts. Es ist noch zu früh in der Saison um sie abzuschreiben, eigentlich hat sie noch gar nicht so Recht begonnen aber es läuft einfach nichts zusammen zwischen Rheinland-Pfalz und Hamburg hin und her, seine Eltern, die verstehen, dass er das tun muss für seinen Traum, aber ihn auch vermissen.
Und dann dieser ganze Deutsche Bahn scheiß im Regen. Er ist schon wieder in irgendnem kleine Scheißort in Niedersachsen, in dem noch nie jemand war. Niemand, außer er. Und der Straßenmusiker, der den runterprasselnden Regen als Metronom zu interpretieren schien.
Jonas fragt sich wage, ob sich das überhaupt lohnt, in dem Regen in irgendeinem Kaff mitten in der Nacht zu spielen, aber es schien nicht so, als würde sich der Musikant an irgendwas davon stören.
Er hatte ihm im vorbei gehen nicht so viel Beachtung geschenkt, seine Kopfhörer haben noch Akku und spielen seine Lieder. Außerdem wollte er auf Gleis. Falls doch ein Zug kommt, der nicht auf dem Plan steht. Man weiß ja nie mit der Deutschen Bahn.
Jonas setzt sich auf eine der Bänke und starrt aufs leere Gleis. Er hat plötzlich nichts anderes mehr über was er nachdenken kann. Was auch heißt, dass er den stumpfen Schmerz in seiner Schulter nicht weg ignorieren konnte. Das macht den Abend doch perfekt.
Er rollt seine Schulter, ein, zwei Mal, aber es war zwecklos. Genau wie die letzten paar Male, dass er das probiert hatte. Seine Physiotherapeutin hatte ihm eigentlich schon das Go gegeben, wäre dieses Scheiß Schmerzgedächtnis nicht.
Und jetzt pendelt er, weil sie nicht mehr wissen was es sein könnte, das ganze Gefasel davon, dass der Schmerz noch in seinem Kopf sitzt und das ihm ein bisschen Ruhe und Entspannung im gewohnten Umfeld bestimmt gut tut.
Alles was es ihm gebracht hat sich besorgte Blicke und den Luxus Anfang April mitten in der Nacht an einem seelenverlassenem, verregnetem Bahnhof irgendwo in Niedersachsen festzuhängen. Und dann gehen auch noch seine Kopfhörer aus. Akku leer. Jetzt ist der Abend perfekt.
Mit einem Seufzen, das Jonas selbst so Bemitleidenswert findet, dass er fasst erwartet, dass die Wettergötter mit ihm Mitleid haben sollten, damit wenigstens diese sinnflutartigen Wasserergüsse aufhören, nimmt er seine Kopfhörer raus und verstaut sie in ihrem Case.
Es ist das erste Mal, dass er hört, was der Straẞenmusiker überhaupt spielt. Und Jonas muss zugeben, ein bisschen irritiert ist er schon. Denn das Lied, das er spielt, ist genau das, was durch Jonas Kopfhörer dröhnte, bevor diese kläglich den Geist aufgaben.
Someday - One Republic. Jonas ist sich nicht Mal sicher, ob er den Song jemals irgendwo draußen gehört hat, geschweige denn bei einem Straßenmusiker. Er ist so daran gewöhnt die selben fünf Songs zu hören, es überrascht ihn. Genug, dass sein Kopf rum schnellt zu dem im Schneidersitz sitzendem Mann, der selbst aber wie gebannt auf seine Finger am Hals seiner Gitarre starrt.
Fast als... ja fast als wüsste er selbst nicht, was er eigentlich spielt. Als wäre er gespannt darauf, wie sich seine Finger als nächstes bewegen und welche Töne er spielt. Während er gleichzeitig singt, als wäre ihm der Song in Fleisch und Blut.
Er schenkt Jonas überhaupt keine Beachtung, was wahrscheinlich sogar besser ist, sonst hätte er mit bekommen, wie der Blonde ihn unverhohlen anstarrt. Irgendwann da so fällt Jonas auf, dass es furchtbar unhöflich ist jemanden einfach so lange anzustarren und richtet seinen Blick rasch auf den Boden. Auch wenn er nicht anders kann, als sanft mitzuwippen.
Der Song endet und Jonas stellt mit einer Mischung aus Freude und Entsetzen fest, dass auch der nächste Song aus seiner Playlist kommt. Wenn er sich recht erinnert, hatte er die beiden sogar hintereinander in die Warteschlange gepackt.
Jonas entsperrt sein Handy in Licht Geschwindigkeit um zu checken, ob er langsam wirklich verrückt wird, aber nein, da steht's. Und dann passiert es beim nächsten wieder. Und wieder. Und wieder, bis die ganze Warteschlange durch ist.
Jonas ist so geflasht, er hat gar nicht mitbekommen wie schnell die Zeit vergangen ist. Es sind nur noch 10 Minuten bis sein Zug kommt und die kriegt er jetzt auch noch rum. Die Musik hat leider aufgehört, aber irgendwo versteht er das auch, der Straßenmusiker will bestimmt auch langsam ins Bett und es ist ja nicht so, als hätte Jonas ihm irgendeinen monitären Anlass gegeben um zu bleiben.
Für einen Moment denkt er, dass er jetzt wirklich Mutterseelenallein in diesem Kaffebahnhof ist. Dann lässt sich der Musikant plötzlich neben ihn fallen.
Jonas schaut überrascht von seinem Handy hoch und wird von einem breiten lächeln begrüßt. So breit, das Jonas gar nicht anders kann als zurück zu lächeln. Erst jetzt fällt Jonas auf wie groß der andere eigentlich ist. Über die Gitarre gebückt auf dem Boden war es schwierig zu sehen, Jonas ist ja schon größer als der Durchschnitt, aber der andere Mann überragt ihn noch mal um mindestens fünf Zentimeter.
"Hey", grüßt er ihn freundlich. "Was treibt jemanden noch so spät hier rum? Normalerweise ist zu dieser Uhrzeit mein einziges Publikum die lokale Flora und Fauna."
"Die Deutsche Bahn", antwortet Jonas und gestikuliert Richtung Anzeige, die weiß auf blauem Grund in die Nacht projeziert, dass der RE nach Hamburg heute 45 Minuten Verspätung hat.
"Verstehe", lächelt der andere nur wissentlich und irgendwas an ihm weckt Jonas Neugierde. Er kann nicht wirklich sagen was es ist, aber irgendwas ist da.
"Spielst du oft zu solchen Uhrzeiten? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders ergiebig ist", führt Jonas die Konversation fort, ist ja nicht so als hätte er was besseres zu tun.
"Au contraire, es ist die beste Zeit. Wenn die ganzen Menschen mit ihren nervigen immer gleichen Liedern weg sind und der Regen und die Tiere mir endlich sagen was sie hören wollen."
Vielleicht ist es der Fakt, dass eine Aussage kryptischer ist als die nächste, die Jonas Interesse geweckt hat. Auf der anderen Seite, er hat auch noch nie einen Straßenmusiker seine Lieblingssongs spielen hören. Das wird's sein
"Ja, kann ich mir vorstellen. Du wirst wahrscheinlich zehn Mal am Tag gefragt ob du Wonderwall spielen kannst oder? Klang aber so, als mögen wir die selbe Musik, die Lieder die du da zum Ende gespielt hast sind alle in meinen Playlists."
Der andere Mann legt den Kopf schief, als würde er irgendwas abwägen, angestrengt nachdenken. "Es ist nicht ganz meins, ich mag mehr worum mich der Regen bittet."
Vielleicht sitzt Jonas auch einfach mit einem Irren mitten in der Nacht an einem Kaffbahnhof. Vielleicht ist er selbst auch einfach der Irre.
"Ich mag keinen Regen. Zu mindest nicht bei den Temperaturen."
"Warum nicht?", fragt der Fremde ihn, als wäre das nicht die eine Sache auf die sich wirklich alle Menschen einigen können.
"Es ist kalt und nass und ich friere selbst nachdem ich nach Hause gekommen bin."
"Frühlingsregen ist der beste Regen. Man sieht nach jedem Schauer wie alles wächst und gedeiht, das Gras ist grüner, eine neue Blüte beginnt sich zu öffnen, es ist der Anfang von etwas neuem. Er bringt die Gewissheit, Jahr um Jahr wieder. Oder wie auch immer ihr eure Zeit am liebsten messt."
Jonas fühlt sich nicht neu. Um ehrlich zu sein weiß er nicht mehr wann er sich zuletzt so verbraucht in der Vorbereitung gefühlt hat. Der Fremde legt ihm die Hand auf die Schulter, die Verletzte, die eigentlich nicht mehr verletzt ist und zum ersten Mal hat Jonas nicht den Impuls wegzuschrecken. Auch der erwartete Schmerz bleibt weg.
"Alles wie neu", wiederholt er nochmal und Jonas kann nicht anders als nicken. Sein Zug fährt ein, bevor er noch irgendwas sagen kann und der Fremde steht auf. Er lächelt ihn noch einmal warm an. "Komm gut nach Hause Jonas."
"Danke, du auch."
Erst im Zug fällt Jonas auf, dass er dem Fremden nie sein Namen genannt hat. Und im nächsten Training, dass die Schulter nicht mehr ziept. 'Alles wie neu' hallt durch seinen Kopf.
Jonas würde gerne sagen er ist überrascht, als er eines Morgens den selben Musiker auf seinem Weg zum Training sieht. Aber irgendwie ist das, das am wenigst-komischen, was aus ihrer ersten Begegnung passiert ist.
Ab dann sieht er ihn immer öfter, immer dann, wenn er gerade auf'm Sprung ist. Immer dann, wenn er nicht mit ihm reden kann. Jedesmal, spielt der Fremde, der mittlerweile fast zu seiner Routine gehört, was gerade durch Jonas Kopfhörer schallt.
Eines Tages, sagt Robin das Training kurz vor knapp an und Jonas geht trotzdem los. Erst mit dem Ziel zu mindest ein bisschen Cardio zu machen, doch dann sieht er ihn wieder da sitzen. Jonas kann nicht anders, er muss ihn ansprechen.
"Hey", sagt er, nachdem der Musikant sein Lied beendet hat. "Ich hab letztens Mal gar nicht nach deinem Namen gefragt."
Die Mundwinkel des Fremden zucken hoch. "Ich habe viele Namen. Aber du kannst mich Milan nennen."
"Nun Milan, hättest du Lust dich Mal zu treffen?", Jonas weiß gar nicht so genau, wo diese plötzliche Selbstsicherheit herkommt, aber Milan hat ihn absolut und vollkommen in seinen Bann gezogen.
"Gerne doch", lächelt er. "Wie stehst du zum Bogenschießen?"
Und Jonas weiß nicht ganz woran es liegt, vielleicht an den vielen Spaziergängen, die sie über die nächsten Tage und Wochen machen, aber irgendwie, ist das der schönste Frühling, den Jonas bisher gesehen hat. Selbst im verregneten Hamburg.
