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"Adam!" Vincent packt ihn am Oberarm, als würde er befürchten, Adam haut sofort wieder ab.
Würde er ja vielleicht auch. Er ist hier, weil er mit Wiktor reden will, es ihm erklären will, aber jetzt ist da in der Haustür Vincent, mit großen Augen und unglücklicher Miene.
Sind die beiden so vertraut, dass Vincent sich bei Wiktor ausheulen gegangen ist? Scheiße, damit hat Adam nicht gerechnet. In der Jackentasche krampfen seine Finger sich um die Motorradschlüssel. Er hat unter die Sache Vincent schon einen Schlussstrich gesetzt, einen guten. Er kann das jetzt nicht auch noch mit Wiktor kombinieren, das ist einfach zu viel, er will weg, nur weg-
"Ist das Adam?" Fragt Wiktor aus dem Flur heraus und taucht wenige Sekunden später an Vincents Schulter auf.
"Adaś!" Er spuckt einen kurzen Schwall wütendes Polnisch aus und wechselt dann mit einem Seitenblick auf Vincent wieder ins Deutsche. "Was sollte das? Was heißt das bitte?" In seiner Hand hält er Adams Dienstausweis und wedelt ihm damit vor der Nase herum.
"Ich mach das nicht mehr!" Sagt Adam, zerrt seinen Arm aus Vincents Griff. Vincent lässt ihn. "Ich kann einfach…," er schweift ab, schaut von den unterschiedlich überwältigenden Gesichtern vor ihm weg, zurück zu seinem Motorrad. Die Kante des Schlüssels schneidet ihm in den Daumen, er geht einen Schritt, dann packt Wiktor ihn beim Handgelenk und zieht ihn in das Haus.
"Wiktor," tadelt Vincent leise, verunsichert.
Wiktor ignoriert ihn und lässt die Haustür hinter Adam ins Schloss fallen. Für einen langen Moment funkelt er Adam nur wütend an. "Willst du was trinken?"
Adam starrt zurück. Vincent hat er nicht erwartet, aber Wiktor ist er es trotzdem schuldig. "Wasser. Bitte."
Wiktor nickt. "Kommt." Er lässt ihn mit Vincent im Flur stehen und geht in die Küche.
Adam mustert ihn von oben bis unten, schaut von Vincents Gesicht, über dass dieser sich gerade wischt, runter zu seinen bunt besockten Füßen. Wiktor bittet seine Gäste immer darum, die Schuhe auszuziehen. Adam behält sie an und stapft Vincent voran ins Wohnzimmer, in dem der Umschlag mit seiner Waffe drin auf dem Tisch liegt.
"Ich hatte ja gedacht, dass du mich zuerst bei Pawlak verpetzt," sagt er zu Vincent, setzt sich ein halbes Grinsen auf, damit der es nicht wieder so ernst nimmt.
Vincent zuckt mit einer Schulter. Er tritt aus dem Türrahmen heraus, um Wiktor Platz zu machen, der Adam ein Glas Wasser in die Hand drückt und sich dann mit verschränkten Armen und etwas Abstand vor ihn stellt. Zum Hinsetzen ist scheinbar keinem von ihnen zu Mute.
"Also?" Fragt Wiktor.
Adam trinkt einen Schluck, zupft an seinem lädierten Daumen. Er tut es Vincent gleich und hebt eine Schulter, ganz lässig. "Karol hats doch selbst gesagt. Ich brauch ne Pause."
"Das," sagt Wiktor und sticht einen Finger in Richtung von Adams alter Waffe, "sieht mir nicht nach Pause aus. Das sieht nach Verschwinden aus. Nach Vermisstenmeldung."
"Deshalb bin ich ja hier," beschwichtigt Adam, "um dir zu sagen, dass das nicht nötig ist."
"Und wenn du es mir sagen kannst, warum dann nicht Pawlak? Warum nicht Vincent?" Vincent meidet Adams Blick. "Warum kündigst du nicht ganz normal, wie jeder andere Mensch auch?"
Langsam fühlt es sich so an, wie eine Standpauke von seiner Mutter. Fehlt nur noch der katholische Anhauch. "Die Botschaft ist doch angekommen, oder?"
"Adam," meldet sich jetzt auch Vincent zu Wort, und er hat wieder diesen therapeutischen Tonfall drauf, der Adam in null Komma nichts zur Weißglut treibt. "So einen Burn-Out wie deinen kannst du nicht einfach wegkündigen. Ich glaube, professionelle Hilfe könnte dir wirklich gut tun, ich-"
"Kannst du nicht einmal mit deinem Psycho-Scheiß aufhören?"
"Hey!" Fährt Wiktor ihn an.
Adam verdreht die Augen und klammert sich an seinem Wasserglas fest. "Seit wann bist du denn eigentlich mit Vincent so dicke?"
"Spätestens seit ich ihn geheiratet habe."
Adam lacht und schüttelt den Kopf. Wiktor blickt mit unveränderter Miene auf ihn. Unsicher huschen Adams Augen zu Vincent herüber, der mit dem Ring, der um seinen Hals hängt, spielt und zwischen ihnen hin- und herblickt.
"Fuuuuck," fährt es ihm in einem langen Atemzug heraus. Er lässt sich auf die Couch fallen, beschlappt sich dabei den halben Schoß mit Wasser, bevor er das Glas zur Sicherheit doch mal abstellt. Völlig aus dem Konzept geworfen, sieht er zu den beiden, zu dem Ehepaar , hoch. "Hä?"
Vincent betätigte mit dem Ellenbogen den Seifenspender. Hinter dem uniformierten Kollegen fiel die Tür zu.
"Du hättest mir ruhig mehr über Adam erzählen können, als dass er gut aussieht."
Wiktor, am Waschbecken neben ihm, grinste ihn über sein Spiegelbild an. "Aber gelogen ist es nicht, oder?"
Vincent seufzte. Er trocknete sich die Hände ab und warf einen prüfenden Blick durch den Raum, aber außer Wiktor und ihm war niemand hier. Er hakte die Finger in Wiktors Gürtelschlaufen ein und zog ihn zu sich heran, bis sie fast Brust an Brust standen. Wiktor fügte sich ohne Widerstand und drückte Vincent einen sanften Kuss auf die Lippen, sobald er vor ihm angekommen war.
"Nein, recht hast du schon."
"Na also." Wiktor lehnte sich selbstzufrieden auf den Fersen zurück, sicher in dem Wissen, dass Vincent ihn festhalten würde. "Ach ja-" er kramte in seinen Taschen herum und zog ein kleines Rechteck aus Kartonpapier hervor. "Die Nummer mit der Visitenkarte war übrigens sehr süß."
"Süß?" Vincent lachte. "Wenn das süß war, was war denn dann bitte der polnische Kollege ."
"Ich war in der Mitte des Büros!" Protestierte Wiktor. "Was hätte ich denn sonst sagen sollen?"
"Ja ja," meinte Vincent und lauschte kurz, ob auf dem Flur etwas zu hören war, bevor er Wiktor einen Kuss auf die Wange drückte. "Mir musst du nichts vormachen, Witek. Ich merk doch, dass du auf die Geheimniskrämerei stehst."
Wiktor legte den Kopf schief. "Hmm, vielleicht ein bisschen."
Für einen Moment lächelten die beiden sich nur an, zufrieden in ihrer geborgenen Zweisamkeit.
"Das hier wiederum," meinte Wiktor und hob den Ring, der um Vincents Hals hing, hoch, "ist glaube ich das Gegenteil von Geheimhaltung."
"Pff," machte Vincent und verstaute den Ring wieder hinter der Hemdfalte. "Das beste Versteck ist eins, das eigentlich schon zu offensichtlich ist."
Wiktor lachte. "Woher hast du denn diese Weisheit?"
"Aus Detektivromanen!"
"Für…?"
"Für Jugendliche, ja, okay, aber es funktioniert doch trotzdem."
Mit einem letzten Kuss löste sich Wiktor von ihm und nahm einen halben Schritt zurück. "Seh ich dich denn heute Abend? Oder bist du wieder so lange bei Adam, dass du es danach nur noch bis zu deiner Alibiwohnung schaffst?"
"Aha?" Fragte Vincent übertrieben laut und nutzte Wiktors ausgedehntes Augenrollen, um sich gegen das Waschbecken zu drapieren. "Auf einmal hast du doch Angst, dass der hinreißende Mann mit den müden Augen mich von dir wegreißen kann?"
Wiktor musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. "Vielleicht denke ich ja auch nur, dass du dich, jetzt, wo du für mich an, ich zitiere, 'den Rand der Zivilisation', 'mitten ins Nichts', und 'den Arsch der Welt', gezogen bist, auch ab und zu mal bei mir blicken lassen könntest."
"Oooh, Witek," meinte Vincent und hing noch ein paar frei erfundene Kosenamen an, die auf jeden Fall nichts mit ordentlicher polnischer Grammatik zu tun hatten. Er stieß sich vom Waschbecken ab und fasste Wiktors Gesicht in beide Hände, drückte ihm einen langen Kuss auf die Lippen. "Nichts lieber als das."
"Gut," meinte Wiktor und nickte zufrieden, sobald Vincent es schaffte, ihn loszulassen. "Geh du zuerst raus, ich folge nach einer halben Minute."
Vincent lachte. Wiktor verzog keine Miene.
"Oh, okay, das meinst du ernst? Na dann." Er drehte sich zum Ausgang und würdigte Wiktor beim Herausgehen keines Blickes mehr.
Im Vorbeigehen kniff er seinem Ehemann in den Hintern.
-
"Aww, Kochanie, war Adam wieder gemein zu dir?" Fragte Wiktor, als er nach Hause kam und Vincent mit bedröppelter Miene auf seinem Sofa vorfand.
Vincent lachte auf, aber es klang irgendwie falsch, und seine Augen glänzten verräterisch feucht. Wiktor stellte sich zu ihm und beobachtete Vincent genau. "Alles okay?"
"Ja, ja," winkte Vincent schnell ab. "Adam war wieder anstrengend." Er nippte an seiner Bierflasche, sah zögernd zu Wiktor hoch. "Ich weiß ja, dass er dein Freund ist, aber er macht es einem echt nicht leicht."
"Ich glaube, er ist einfach gerade in einer Findungsphase. Dass Olga so plötzlich abgehauen ist hat ihn irgendwie mitgenommen, das darfst du nicht persönlich nehmen. Der fängt sich schon wieder."
Vincent sah ihn mit großen Augen an. "Versprochen?" Fragte er mit krächziger Stimme.
Wiktor stieg an dem Couchtisch vorbei, schwang sich sanft auf Vincents Schoß und strich ihm eine eigenwillige Locke hinters Ohr. Vincent neigte das Gesicht zur Geste hin und lächelte unglücklich. Ein wenig zog es in Wiktors Magen, er hatte nicht gedacht, dass ihr neuer Anfang so holprig sein würde, dass es für Adam und Vincent so schwer sein würde, auf einen Nenner zu kommen.
Ja, Adam war gerade etwas neben der Spur, aber Vincent war Vincent . Wie konnte man ihn nicht mögen?
An Vincents Hals war ein kleiner blauer Fleck, ein Knutschfleck. Komisch eigentlich, Wiktor konnte sich nicht daran erinnern, ihn da hinterlassen zu haben. Aber die paar Male, die sein Libido sich doch zu Wort meldete, ging es schon mal abenteuerlicher zu.
Wiktor lächelte und legte eine Fingerspitze auf den Fleck. Vincent atmete zitternd ein. "Versprochen."
Er nahm das Gesicht seines Mannes in die Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
"Und wenn nicht?" Murmelte Vincent mit gedämpfter Stimme.
Wiktor lehnte sich zurück und musterte Vincent gründlich. Wieder war da dieses mulmige Gefühl in seinem Magen. "Ist auch wirklich alles okay?"
Vincent nahm Wiktors Hände in die eigenen. Er nickte stumm.
Langsam nickte Wiktor zurück, weiterhin nicht zu hundert Prozent überzeugt. Er ließ Vincent seine Geheimnisse und drückte ihm stattdessen die Hände. "Wenn nicht," fuhr er fort, "wenn es in ein paar Monaten oder einem halben Jahr wirklich nicht besser wird, dann überlegen wir uns eben was anderes. Irgendwie kommen wir schon unter."
Ein wackeliges Lächeln legte sich auf Vincents Lippen und er ließ von Wiktors Händen ab, um ihn zu umarmen. Wiktor nahm die Umarmung an und drückte ihm einen Kuss auf die Locken. "Danke," flüsterte Vincent und Wiktor hielt ihn noch ein wenig fester.
"Ich hab den Sprinter draußen gar nicht gesehen," wechselte Wiktor das Thema, während er seinen Mann ein bisschen hin- und herschaukelte. "Hast du ihn schon weggebracht?"
Vincent nickte gegen seine Schulter. "Sorry. Ich weiß, du wolltest eigentlich mit."
"Schon gut." Wiktor klaute sich Vincents Bier vom Tisch hinter ihm und trank einen Schluck, um Vincent zum gespielt empörten Lachen zu bringen. "Wir können ja immer mal nach Berlin."
Wiktor und Vincent lassen dem vom Auf und Ab des Tages völlig geplätteten Adam das Sofa und quetschen sich zu zweit auf den Sessel, bevor sie ihm von Berlin erzählen.
Er will der Geschichte folgen, wirklich - die von Auto- und Zugfahrten geprägte Wochenendbeziehung, die sie schildern, klingt ja schon putzig - aber er ist zu abgelenkt. Jetzt wo der Damm gebrochen ist präsentieren die beiden sich vor ihm völlig ungeniert als, ja, als Paar. Sie tauschen vertraute Blicke aus, fangen an zu lachen, bevor einer überhaupt einen Witz beginnt. Wiktor fängt eine nervös gestikulierende Hand aus der Luft, Vincent lässt zu, dass Wiktor seine Zehen zum Aufwärmen unter seinen Oberschenkel schiebt.
Verzweifelt versucht er sich zu erinnern, ob er es auf der Arbeit hätte bemerken können. Gab es da Zeichen? Blicke, Berührungen? Aber über seinen letzten Monaten liegt ein Schleier von Pillen und wachen Nächten. Nur zäh lassen sich ein, zwei Erinnerungen aus dem Nebel ziehen, bei denen er denkt, vielleicht. Vielleicht, wenn er aufgepasst hätte. Wenn er sich für sein Umfeld interessiert hätte.
"Hörst du uns eigentlich zu?" Fragt Wiktor plötzlich.
"Hm?" Macht Adam, ertappt. "Ich, ja, ich… bin ich der einzige? Der es nicht wusste?"
Dem ihr damit nicht vertraut habt?
Vincent lacht, ein bisschen zu hoch. "Adam, wir arbeiten mit Polizisten. Katholischen Polizisten, in vielen Fällen."
"Und Polizistinnen," murmelt Wiktor und lässt sich von Vincent einen Kuss an die Schläfe drücken.
Vincent zuckt mit den Schultern, als würde er sagen, ja, das reicht doch als Erklärung, oder? Und… ja, tut es auch.
"Marian weiß es," sagt Wiktor. "Und Edyta auch. Die beiden sind die einzigen, denen wir es erzählt haben." Er tauscht einen kurzen Blick mit Vincent aus. "Und Pawlak müsste es eigentlich wissen, wegen der Personalakten."
"Ich glaube ja," wirft Vincent ein, mit einem Tonfall, der suggeriert, dass es sich um ein oft wiederholtes Gespräch handelt, "er weiß es und ignoriert es, weil es für ihn einfacher ist."
"Weil er sich dann nicht um unsere Zusammenarbeit sorgen muss," ergänzt Wiktor und Vincent nickt mit.
Sie schauen sich wieder an, vertraut, warm, und Adam sieht es. Adam sieht, wie und wo sie zusammengehören, kann es an ihren Augen, an den Händen, die sie auf Wiktors Knie verschränkt haben, ablesen, und das Schluchzen platzt aus ihm raus, bevor er es herunterschlucken kann.
Alarmierte Geräusche kommen von dem Paar, als er in sich selbst zusammensinkt, halb schluchzend, halb nach Atem ringend.
"Adam, Adam!" Dringt es durch das Fiepen in seinen Ohren an ihn heran. Eine Hand umschließt seine, drückt sie so fest, dass es wehtut. "Hier bleiben. Atmen," befehlt Vincents Stimme in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zulässt.
Adam konzentriert sich auf seine schmerzenden Finger, zerrt Luft in seine Lungen und lässt die Panik mit jedem weiteren Atemzug abebben. Er merkt, wie krampfhaft seine Hand sich um Vincents geschlossen hat und lässt los, bevor er ihm wieder weh tut.
Als er die Augen wieder öffnen kann, ist direkt vor ihm Vincent, der sich zwischen Tisch und Sofakante gequetscht hat und besorgt zu ihm aufschaut. Warum, will er fragen. Unser Chef liebt den Fortschritt, den du in die Mannschaft bringst, und einer meiner besten Freunde ist dein Ehemann. Warum sitzt du dann immer noch hier, bei mir, will er fragen, öffnet den Mund und sagt: "Hast du es ihm eigentlich erzählt?"
Er schaut von Vincent auf Vincents Hals, dann hoch zu Wiktor, der am Rande des Sofas steht. "Dass ich dich gewürgt hab?"
Wiktor zuckt zusammen und hackt ein Geräusch hervor, das Adams Frage auch so beantwortet.
Vincent atmet langsam aus, erhebt sich vom Boden und setzt sich mit gebührendem Abstand neben Adam. "Nein," sagt er leise. Er schaut zu Wiktor hoch. "Ich wollte ihn nicht für dich ruinieren."
Wiktor schweigt, sein Kiefer angespannt mit unterdrückter Wut. Auf Adam, hoffentlich, denn wenn Adam es jetzt irgendwie noch geschafft hat, die Beziehung der beiden kaputt zu kriegen, setzt er sich gleich aufs Motorrad und kommt wirklich niemals wieder.
"Wiktor?" Fragt Vincent nach einer Pause. "Sag was," fügt er in verhaltenem Polnisch hinzu und Wiktor seufzt, lässt die Anspannung sichtlich von sich abfallen und nimmt Vincent in seine Arme, drückt den lockigen Kopf fest, schützend, gegen seine Brust. Vincent entspannt sich ebenso, schlingt die Arme unten um Wiktors Rücken.
Etwas zerrt an Adam, Eifersucht, Erschöpfung, er ist sich nicht sicher. Er will weg, er will für immer auf diesem Sofa bleiben, er will auch von jemandem so umarmt werden. Als er den Anblick der beiden nicht mehr ertragen kann, fragt er, ob er bei ihnen übernachten darf.
Zwei ungläubige Blicke landen auf ihm.
"Wenn du nicht gefragt hättest," sagt Vincent, "hätten wir dich glaub ich einfach eingesperrt."
Er gähnt weit, steht auf und drückt Wiktor einen Kuss auf den Mund, einfach so. "Ich bin völlig fertig," gesteht er.
"Geh ruhig schon mal ins Bett," murmelt Wiktor. "Ich kümmere mich um Adam."
Vincent nickt und wirft Adam einen schwer zu deutenden Blick zu. "Gute Nacht."
Wiktor schaut ihm hinterher und wartet, bis seine Schritte im Flur verhallen. Mit verschränkten Armen starrt er Adam nieder und knurrt ihn in wütendem Polnisch an. "Ich könnte dir gerade sowas von eine runterhauen."
"Ich würde dich lassen."
"Ich weiß," seufzt Wiktor. "Deshalb mach ichs ja auch nicht."
Er sucht ihm Bettzeug aus einem Schrank im Flur heraus und sieht ihm tief in die Augen, als er es in Adams Arme drückt. "Wenn du morgen früh nicht mehr da bist," sagt er, "zeig ich dich an."
Adam nickt. Auch das hätte er verdient.
Nach langen Stunden, in denen Adams Kopf vor sich hin rödelt, während er an die Wohnzimmerdecke starrt, spürt er auf einmal einen Blick auf sich. Im Türrahmen steht Vincent und beobachtet ihn. Er muss nicht fragen. Nein, natürlich kann Adam nicht schlafen.
Ohne ein Wort wendet Vincent sich ab und verschwindet wieder im Flur.
Adam will sich gerade wieder seiner Decke widmen, als weitere Schritte im Flur auftauchen. Vincent hat Wiktor mitgebracht, der entschieden in den Raum tritt und Adam die Hand hinhält. "Komm. Unser Bett ist groß."
Ungläubig lässt Adam sich vom Sofa ziehen und folgt ihnen in Wiktors - vielmehr, Wiktor und Vincents - kleines Schlafzimmer, das von einem tatsächlich großen Bett dominiert wird. Die beiden verfrachten ihn in die Mitte und Adam ist schon jetzt zum Heulen zumute.
Hinter ihm dreht Wiktor sich, bis sein Rücken komplett an Adams Rücken entlang liegt - eine wohlige Wärme, der Adam entkommen könnte, wenn es ihm zu viel werden würde.
Vor ihm, was fast noch schlimmer ist, liegt Vincent und blickt ihn mit fest entschlossenen Augen an.
"Es tut mir Leid," flüstert Adam, als die ersten Tränen ihm aus den Augenwinkeln kullern. "Vincent, es tut mir so Leid."
"Ich weiß," flüstert Vincent zurück.
Vincent legt eine Hand auf das dünne T-Shirt über Adams Brust. Er streichelt seinen Daumen sanft hin und her, und Adam weint, bis er einschläft.
